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Durchgeknallt in Berlin

Fior war schon wach, ehe ihr Wecker klingelte. Durch das offene Fenster drang die Luft eines Montagmorgens ebenso wie das lautstarke Gurren einer Taube.
„Halt die Klappe, Teufelsfedervieh! Ich will schlafen.“, knurrte Fior in ihr Kopfkissen und zog sich die Decke über die Ohren. Aber die Taube machte keine Anstalten, mit ihrem Gurrkonzert aufzuhören. Nach zwei Minuten war ihre Geduld am Ende. Fior streckte vorsichtig eine große Zehe unter der Bettdecke hervor. Brr, kalt!
Widerwillig folgte sie der großen Zehe nach draußen und tappte barfuß zum Fenster, um es zu schließen. Sie warf einen undefinierbaren Blick auf die Taube, die direkt auf ihrer Fensterbank hockte, kniff die Augen zusammen und fasste das Tier in ihren durchdringenden Blick. Eine Weile musterten sie sich schweigend. Wie zwei Gladiatoren. So sehr ich dich achte, ich würde dich verfluchen, wenn das nicht gegen meine Prinzipien gehen würde, du gefedertes Biest.
Fior schlurfte missmutig zurück zu ihrem Bett und kuschelte sich unter ihre noch warme Decke. Und da, als hätte sie es nicht schon geahnt, klingelte ihr Wecker pünktlich um 6 Uhr 10 los. Na super. Das verleiht dem Tag noch eine extra Portion schlechte Laune., dachte Fior grummelnd und schaltete das piepende Etwas aus. Am Morgen waren ihre Ohren sehr schmerzempfindlich. Und ihre Laune auf dem emotionalen Barometer unterhalb der Nullgrenze. Auch bekannt als Morgenmuffeligkeit ersten Grades.

Als sie sich endlich aufgerafft hatte aufzustehen, machte sie den Fehler, in den Spiegel zu schauen: Gequollene Augen, die es mit denen einer Bulldogge zweifellos aufnehmen konnten, und Augenringe die denen eines Pandas der tagelang gezecht hatte glichen, krause, abstehende Haare (nun, dass war nicht weiter ungewöhnlich) und ein Gesichtsausdruck wie sieben Tage Regenwetter. Mit Blitz und Donner, Sturm und Wolkenbruch.
Fior lächelte schief, als ihr bewusst wird, wie schrecklich sie jeden Morgen aussah. Ein Umstand, der sie heiter stimmte. Ihr Humor war bekannt für seine pechschwärze Verfärbung.

Kopfschüttelnd fand sie ihren Weg fast blind ins Bad, dessen Licht für ihre Verhältnisse eindeutig zu hell leuchtete. Sie blinzelte und entschloß sich mutig, das eiskalte Wasser in ihr Gesicht zu träufeln. Es wirkte sofort. Fior fluchte unterdrückt. Doch sie war eindeutig wach.

In der Küche beschloß sie kurzerhand, das Frühstück auf einen starken Kaffee mit Zucker und Milch zu reduzieren. Und ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihre Meinung, dass es eine unmenschliche Uhrzeit zum Aufstehen war. Die Sterne blinken selbstzufrieden, während die schützende Nacht sie umgab. Frau könnte glatt meinen, es sei noch Mitternacht.
Fior seufzte und änderte ihre Meinung hinsichtlich der morgendlichen Nahrungsaufnahme in ein Müsli mit Milch. Sie hatte noch Zeit. Zuviel Zeit.

Am Wohnzimmertisch ließ sie sich auf einem knarrenden Holzstuhl nieder. Das Radio, welches von selbst angesprungen war, kaum dass sie den Raum betreten hatte, spielte 104.6 RTL „Bring me to life“ von Evanescene. Fior nahm es mit einer hochgezogenen Augenbraue zur Kenntnis. Sie mochte das Lied. Es besaß, hingegen vieler anderer Pop- oder Rockstücke, Inhalt. Doch eines wunderte sie. „Ich dachte immer DU hättest einen anderen Musikgeschmack“, meinte sie beiläufig in Richtung Couchtisch. Und in einem Tonfall, als sei es das Normalste auf der Welt mit der Luft, oder was-auch-immer zu reden. Sie nahm noch einen Löffel Müsli.
DAS Angesprochene schwieg. Und sagte Fior damit alles. „Ich verstehe.“ Fior klang ernst, doch der heitere Unterton verursachte eine Disharmonie in ihrer Stimme. „Du möchtest mehr am Leben der Menschen teilnehmen, indem du ihr Verhalten auf Musik studierst, hm?“ Wieder folgte Stille, die nur vom Spielen des Radios unterbrochen wurde.
„Eine gute Idee. Aber nimm dich in Acht vor Trommelfellattacken wie Daniel Küblböck.“

Es klingelte.
Fior sah auf. „Oh, das muss Falcon sein.“ Sie hüpfte zur Sprechanlage und rief ein „Ich komme“ hinunter. Wohlwissend, dass der Wartende sich über diese Zweideutigkeit amüsieren würde.
Dann wandte sie sich in Richtung Stereoanlage. „Ich muss gleich los. Aber ich bin gegen 15 Uhr wieder zurück, okay?“ Das Radio schaltete sich selbstständig aus. Und Fior befand sich in einer Stille, die mehr war als die Abwesenheit von Ton.
„Fein.“

„Ahoi.“ Der junge Mann, den Fior liebevoll als Falcon bezeichnete, begrüßte sie mit einem Kopfnicken. Ein Zeichen von Ebenbürtigkeit, wie zwei alte Wanderer die sich auf einer Reise wiedertreffen. „Morgen.“
Fior beäugte misstrauisch den noch dunklen Himmel. „Es wird noch regnen heute Nachmittag.“ Falcon sah sie grinsend von der Seite an. „Alles wird gut, Schwämmchen.“ Fior lächelte reizend. Wieder dieser Kosename. Schwämmchen. Klein und rot. Immer in dem Bestreben Wissen zu erlangen. Eben wie ein Schwamm. Sie seufzte innerlich. Das ändert leider nichts daran, dass er sich nicht eingestehen kann, dass ich Recht habe. Ein Zeichen seiner Unsicherheit. Er weiß, dass ich mit meinen Prognosen immer richtig lag. Vor allem was das Wetter angeht. So sehr er es leugnen mag, es ändert nichts an dem Fakt an sich. „Du glaubst mir nicht.“ Sie sagte, wie immer, genau das was sie dachte.
„Stimmt.“ Die Antwort war kurz. Und ehrlich.
„Warum nicht?“
„Warum sollte ich?“ Es klang genervt.
Fior knurrte. Sie mochte es ganz und gar nicht, wenn jemand nur Gegenfragen stellte, anstatt die gewünschte Antwort zu geben.
„Weil du mir vertrauen müsstest. Und meinem… “ Sechsten Sinn. „… Instinkt.“
„Du weißt, dass ich Atheist bin, Kleenchen.“
„Auch Atheisten glauben an etwas: Nämlich nichts.“
Falcon seufzte tief. „Warum musst du am Morgen schon so aktiv sein? Ich bekomme Migräne davon.“ Du hast immer Migräne, weil du soviel grübelst. Und wenn du nicht grübelst, dann bist du im Stress… Vielleicht solltest du mal zur Akupunktur. „Warum sollte ich nicht?“
Falcon grinste schief. „Du bist unverbesserlich, Fior.“
„Ich weiß.“, lächelte sie kess zurück. „Ich gebe mir auch alle Mühe. Danke.“

An der Raucherecke der 10 Minuten entfernten Jules-Verne-Oberschule trennten sich vorerst Falcons und Fiors Wege. Sie sah nicht ein, Geld für ein gesundheitsschädigendes nicht-schmeckendes Etwas zu verplempern, nur um eventuell cool zu wirken. Wirklich cool ist heute wer NICHT dem Verhalten der Masse folgt., dachte sie wieder einmal und schlenderte mit einem Grüßen an der Gruppe von 12-Klässlern vorbei zum Anbau der Schule.
Sie hatte gleich Deutsch. Leistungskurs.

Im Treppenhaus studierte sie den Plan. Hmm… sie hatte heute kein Kunst. Frau Jurik war krank. Na immerhin etwas. Dann hatte sie noch genug Zeit, ihren Bio-Vortrag auszuarbeiten. Er war morgen fällig. Scheiß faulenzerische Aufschieberei.
„Morgen meine süße Maus.“ Fior fand sich in einer stürmischen Umarmung wieder. Nach kurzer Erholung von der Überraschung, -sie war so schrecklich schreckhaft- lächelte sie ihr zerwuscheltes Gegenüber an. Eigentliches hat sie es schon erwartet. „Morgen Angel.“ Der blonde Schmetterling strahlte. „Ich muss unbedingt mit dir reden, Firi.“

Fior sah aus dem Fenster auf den Schulhof. Es waren die letzten Minuten vor Unterrichtsbeginn. Angel lehnte neben ihr am Fensterbrett. Sie sah mitgenommen aus wie immer. „Was ist los, Süße?“, fragte Fior mitfühlend. Es tat ihr jedesmal in der Seele weh, wenn Angel so traurig aussah. Sie hatte dann immer das Bedürfnis dem Verursacher dieses Umstandes gründlich die Visage zu polieren. Unwillkürlich ballte sie die Fäuste.
„Ich war gestern bei Horan.“ Fior wartete, doch Angel sprach nicht weiter. „Und?“ Fior schaffte es, in dieses einzige Wort die verschiedensten Emotionen zu mischen: Erwartung, dunkle Vorahnung, Trauer, Freude, Missfallen und natürlich Neugier.
Eine Träne bildete sich in Angels azurblauen Augen. Fiors Herz zog sich krampfhaft zusammen. „Er hat mit einer Anderen geschlafen.“
Es klingelte.
Fior nahm Angel in den Arm. „Ach meine Kleine… es tut mir leid.“ Sie verstand ihre beste Freundin. Trotz der Trennung von ihrem Freund bedeutete er ihr noch immer alles. Er war ihre erste große Liebe gewesen. Sowas prägt. Obwohl er nie ein Engel und die Beziehung eine Mischung aus Trotz, Verliebtheit, Unsicherheit und Eifersucht gewesen war. Dieser Tiefschlag musste sie mitnehmen.
„Wer ist es?“ „Ilse.“ Fior sog scharf die Luft ein. Peters Freundin! Am liebsten würde sie ihrer Überraschung Ausdruck verleihen, aber da gab es leider ein nicht unwesentliches Detail. „Wir müssen zum Unterricht. Aber vergiss nicht: Ich bin bei dir.“

„Ach haben die Damen doch beschlossen, uns heute Gesellschaft zu leisten?“ Der Sarkasmus von Frau Harth schlug ihnen entgegen, kaum dass sie die Höhle des Löwen, den Raum 14, betraten.
„Es tut mir leid. Aber wir mussten noch…“ Fior sah zu Angel und nahm ihre Hand. Sie standen das zusammen durch. „… einiges klären.“
Die Deutsch-Leistungslehrerin musterte sie eingehend, so als fragte sie sich, ob sie ihnen glauben solle oder nicht. Schließlich nickte sie. Sie schien wohl einen guten Tag zu haben.
„Na gut. Dann nehmt eure Unterlagen zu „Prometheus“. Wir beginnen mit der Arbeitshypothese. Dolphin?“ Wie vorhersehbar… Arme Dolphin. Immer musste sie ran, wenn Fr. Harth sich an jemandem vergreifen musste… Sie tat ihr Leid. Schließlich konnte die strebsame Dolphin nichts dafür, dass sie nicht zu Fr. Harth’s auserwählten Lieblingen gehörte. Nach welchen Maßstäben sie sie auch wählen mochte.

Fior atmete erleichtert aus, und merkte erst jetzt, dass sie die Luft angehalten hatte. Mit dem Zorn einer Harth war nicht zu spaßen. Er konnte einen bis aufs Blut verfolgen. Zumal sie immer am längeren Hebel saß. Und so sehr sie Dolphin mochte: Lieber sie musste dran glauben als Fior selbst.
Fior setzte sich und nahm still ihre Notizen, während sie sich einen Blick zum gegenüber liegenden Tisch leistete. Dort saß ihr Freund Elg und lächelte ihr auf seine spezielle Weise zu. Er legte den Kopf schief wie ein Hund und winkte. Fior unterdrückte ein Lachen.
Sie kannte wahrlich nur Durchgeknallte…

„Fior. Würdest du bitte deine Arbeitshypothese vorlesen?“
Die Angesprochene zuckte innerlich zurechtgewiesen zusammen. „Natürlich.“ Sie holte tief Luft und fuhr alle Verteidigungsschilde aus. „In der Hymne „Prometheus“ von Goethe geht es um…“

„… danke.“ Fior hatte noch nie erlebt, dass jemand in ein einziges Wort derartig gleichgültige Abscheu stecken konnte.
Frau Harth notierte sich erneut mystische Hinweise auf ihrem Heft. Das tat sie nach jedem Vortrag. Fior hatte die These aufgestellt, dass es die Schüler einschüchtern sollte. Nun, es klappte bestens.
Man hatte bei ihr immer das Gefühl wie ein kompletter Vollidiot dazustehen. Ob beabsichtigt oder nicht. Das Selbstwertgefühl nach jeder Deutschstunde lag irgendwo zwischen ich-will-nach-Hause und ich-bringe-diese-blöde-intolerante-Kuh-um.

Es klingelte. Endlich.
Fior seufzte. Ihr Blick wanderte zu Angel, die neben ihr saß und gerade dabei war, fluchtartig den Raum zu verlassen. Sie musste zum Lily-Braun-Straße-Gebäude wechseln. „Wir sehen uns nach Mathe!“, rief sie ihr fröhlich zu und verschwand. Frau könnte glatt meinen es ging ihr blendend. Blöde Maskerade.
Fior sammelte halbherzig ihre Siebensachen zusammen. Sie hatte es nicht eilig zu Mathe zu kommen. Ebenso gut hätte sie sich auf freiwilliges Skalpieren und Ausweiden freuen können. So lieb Herr Spargel sein konnte, er war in Fiors Augen ein Algebrabesessener, der alle Abtrünnigen und verlorenen Seelen drängte, sich ihm anzuschließen, um die Wunder der Umkehrfunktionen und Integralrechnung zu erleben.
Fior schauderte.

Sie schulterte ihren Rucksack und verließ mit einem Höflichkeits-Aufwiedersehen in Richtung Frau Harth den Raum. Wenn jemand nicht freundlich zu dir ist, heisst das ja noch lange nicht, dass man es ihm gleichtun und auch so handeln muss. Man sollte über den Dingen stehen. Einige Menschen waren lernfähig. Sogar Lehrer.
Und wie sie ehrlich zu sich selbst war, dann mochte Fior sie wirklich gern. Eigentlich komisch. Aber ihr Bestreben den Kurs zu einen war beeindruckend. Und eines musste man ihr lassen: Trotz ihrer nicht zu verachtenden Probleme, die sie allein dem Kurs offenbarte, war sie immer als Ansprechpartnerin erreichbar.
Natürlich hatte sie auch ihre schwarzen Seiten. Man denke da nur an ihre für Außenstehende nicht nachvollziehbare Schülerbevorzugung… – Aber wer hatte die nicht? Sie respektierte sie. Und ihr Lächeln, selbst wenn ihr zum Heulen zumute war. Da verzeiht man Fr. Harth sogar mal einen Tag schlechter Laune. Wohl oder übel. Schließlich ist sie letzten Endes auch nur ein Mensch.

Fior stampfte die Treppen zur nächsten Etage hinauf. Vor dem Raum traf sie auf Manina, ihr persöhnliches Massageopfer. „Morgen Manina.“
Die heitere, etwas korpulentere Dame grüßte vergnügt zurück. Solange Fior sie kannte, hatte sie sie nie nicht-lächelnd erlebt. „Morgen Fior. Na schön für den Test gelernt?“ Diese Frage war derart rhetorisch, dass Fior beschloß, darauf lieber nichts zu erwidern. Sie schenkte Manina nur einen allessagenden Blick und schob sich an ihr vorbei in den Raum. Und betete inständig, dass die Götter ihr gnädig gstimmt waren. Oder einfacher: Dass sie wenigstens mit 5 Notenpunkten: 4 bestand. Ob Engel wohl logarithmische Kurvendiskussionen lösen konnten?

Mit Hilfe ihrer Freundin Räbchen gelang es ihr dann doch, mit Ach und Krach durchzukommen. Zum Glück. Sie konnte sich nicht noch einen Ausfall leisten.

„Ich bin dir was schuldig.“, flüsterte Fior ihr beim Rausgehen zu. Räbchen winkte ab. „Lass mich einen Blick auf Bio werfen und wir sind quitt.“ Fior lächelte. „Einverstanden. Gehst du ins Computerkabinett?“ Diese Frage erübrigte sich eigentlich, aber sie war für die beiden so zum Ritual geworden, dass sie sie nicht loswurden.
„Haben wir noch ein anderes Zuhause?“ Der typische Zynismus schlug Fior entgegen.
„Nein.“ Es war die normalste Feststellung der Welt.
„Eben.“

Im Computerraum der Schule ließ sich Fior an ihrem Stammrechner, neben dem Lehrertisch, nieder. Er war nur den Aufsichtspersonen vorbehalten. Oder den Admins.
Nun, Fior war keines davon. Trotzdem besaß sie die Erlaubnis. Ein Privileg, dass sie sich in aufopferungsvoller und eigennütziger Arbeit verdient hatte. Belohnung muss sein.
Sie knackte das Passwort und stellte ihre Stammseiten ein: Uboot, mIRC, Darkover-RPG und Yahoo-Email. Dann bemerkte sie, dass der Praktikant gekommen war. Wie passend.

„Sebastian, schließt du mir bitte hinten auf?“ Er nickte selbstverständlich, ohne Fragen zu stellen. Fior fand das spießig und charmant zugleich. „Klar.“ Der Schlüssel fand seinen Weg ins Schloß des Serverraums. Auch ein Privileg, das Fior genoss. Auf diese Weise durfte sie sich heimlich an den Zuckervorräten vergreifen und Tiffi, die Teekanne, missbrauchen um Tee zu kochen. „Danke.“

Mit einer Tasse dampfenden Kelten-Tees in der Hand wandte Fior sich schließlich dem Bildschirm zu. So vieles zu tun und nur eine Freistunde Zeit… kann man das als Internetsucht bezeichnen? „JA.“, kam die prompte Antwort.
„Du warst nicht gefragt.“, bemerkte Fior trocken und verpasste ihrem Ego einen metaphorischen Arschtritt.

Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Jedenfalls in Sachen Schule.
Nur noch eine Stunde Englisch musste Fior über sich ergehen lassen. Sie schnappte sich ihre Sachen und schlenderte in Richtung Anbau. Babys, d.h. Schüler der Sekundarstufe I, die ihr dabei nicht aus dem Weg gingen, wurden hemmungslos über den Haufen gestemmt. Fior hatte nicht mehr die Lust, ständig auszuweichen. Und immerhin besaß jeder die Chance der Wellenbrechermaschine zu entkommen. Wenn das nicht fair war.

Wie zu erwarten, war Frau Witzsavan schon pünktlich um 13.00 Uhr im Raum. Die Tafel beschrieben und die Notizen quer auf dem Lehrertisch verteilt.
Fior rang sich ein gequältes Lächeln ab. „Tag, Frau Witzsavan.“ Um diese Uhrzeit war es wirklich schwierig, noch seine Konzentration zu fixieren. Wussten die Lehrer denn nicht, dass es allgemein bekannt war, dass sich das Gehirn nur 45 Minuten am Stück konzentrieren konnte?

Fior setzte sich. Beziehungsweise: Sie ließ sich niederplumsen in der Hoffnung, der Stuhl bliebe stehen. Warum nur fühlte man sich so ausgelaugt vom gar nichts tun?!

Sie packte geistesabwesend ihre Sachen aus und begnügte sich damit, ihren Bilck die restlichen 9 Minuten und 30 Sekunden ruhelos im Raum umherwandern zu lassen. Viel zu sehen gab es an sich nicht. Die meisten Schüler stolperten erst kurz nach Klingelzeichen in den Raum – sofern sie ihn rechtzeitig fanden.
Trotzdem.
Es gab fantasievolle Menschen, die fanden immer etwas Interessantes im noch so kleinsten Detail. So wie Fior. Und sei es nur aus purer Langeweile.
Sie betrachtete gerade einen Fleck an der gegenüberliegenden Wand. Für Fior sah er aus wie ein Kobold mit Hakennase und Spitzhut. Sie kicherte leise, als sie visualisierte wie der Kobold lebendig wurde und tollpatschig von der Wand sprang.
„Wo ist nur mein Gold geblieben?“ Der Kobold sah Fior mit zugekniffenen Augen an. „Hast DU etwa mein Gold gestohlen, du Warmblüter?“ Sein Gesicht war faltig, Fior fand es in ihrer Vorstellung dennoch sympathisch. „Nein, tut mir leid. Ich besitze kein Gold. Wenn dem so wäre, wäre ich wohl nicht hier.“ Diese Logik schien dem Kobold einzuleuchten. Er „hmmte“ und stiefelte dann entschlossen mit einem „Ich werde es schon finden… und wenn es das letzte ist was ich tue!“ davon.

„Was gibt’s denn so Komisches?“, rüttelte da jemand Fior aus ihren Tagträumen. Und das ziemlich unsanft, wie sie fand.
Sie blinzelte und wurde sich Schwänchen bewusst, die vor ihr stand – klein und schwarz. Ihre Gothic-Prinzessin. Eine Sonnenbrille in der Hand.
„Gar nichts.“, log Fior glatt und grinste. „Ich habe nur meinen Gedanken nachgehangen.“
Schwänchen musterte sie kritisch. „Müssen ja nette Gedanken gewesen sein. Ich hoffe doch sie waren jugendfrei.“
„Bist du etwas Anderes von mir gewohnt?“, belustigte sich Fior und verschränkte die Arme hinter ihrem Lockenkopf.
„Ja!“, kam die grinsende Antwort und Schwänchen brachte sich in Sicherheit, indem sie Fiors Knuffer umsichtig auswich. Sie streckte ihr scherzhaft die Zunge raus und schlurfte dann zu ihrem Platz am Ende des Raumes. Nicht ohne Fior noch einmal mit einem Augenrollen zu verstehen zu geben, wie interessiert sie an dieser bestimmt lehrreichen Unterrichtsstunde sein würde.

Fior lächelte vor sich hin. Noch einer der lieben Menschen, bei denen die Elfen ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern. Fior schüttelte den Kopf und wandte sich dann mit aufgesetzt elanvoller Miene ihrer Englischlehrerin zu, die eben in haperndem Denglisch erklärte, dass sie heute wieder einen „comparison between two different poems“ machen würden. Das Seufzen und Ächzen der Schüler ignorierte sie geschickt. Es war ja erst das fünfte Mal in zwei Wochen.
Sie teilte die vorbereiteten Arbeitsblätter aus und Fior nutzte die Chance, entspannt abzuschalten. Gedichtvergleiche lagen ihr. Es wurde ihr im Deutsch-Leistungskurs ja zur Genüge eingetrichtert. Also wo war ich vorhin stehen geblieben? Sie runzelte die Stirn.
„FEMINISMUS IM VATIKAN.“, antwortete ihr Gedächtnis entgegenkommend.
Ach ja… genau. Danke. Mir war wieder einmal die überwiegende Herrschaft der Männer in führenden, meist politischen, Positionen aufgefallen. Und ich habe mich gefragt, was wohl wäre, wenn es endlich einmal eine amerikanische Präsidentin, deutsche Kanzlerin oder Päpstin geben würde. Gerüchten zufolge, -erinnerte sich Fior an Donna W. Cross‘ „Die Päpstin“- gab es im neunten Jahrhundert -bis zu ihrem Tode 885- bereits eine Päpstin: Die als Mann verkleidete Johanna, die sich von der Klosterschule bis auf den Heiligen Stuhl des Petrus hinaufkämpfte. Doch diese Angaben werden von der christlichen Kirche geleugnet. Kein Wunder. Schließich haben sie -als ihnen die Verkörperung der absoluten Weiblichkeit, die Gleichberechtigungsforderin Lilith nicht reichte- Adams Frau Eva den Buhmann zugeschoben und sie beschuldigt, die Erbsünde in die Welt gebracht zu haben. Eine Institution wie die Kirche, die die Fruchtbarkeit, das Bluten der Frauen, Sexualität und Weiblichkeit im Allgemeinen strikt verabscheut und noch fast als ein Zeichen des Teufels ansieht – wie vor hundert Jahren… solch‘ eine Institution wird wahrscheinlich solange keine Frau in das heilige Amt des Papstes lassen, solange die patriarchalischen Glaubensvorstellungen herrschen und der tolerante Liberalismus fehlt.
Fior schnaufte. Jawohl. Trotz all der Versuche einflussreicher Frauen, das Ungleichgewicht, das die Kirche verursacht hatte, wieder umzukehren und in Einklang zu bringen… es gab noch immer nicht genügend Machtmöglichkeiten für das weibliche Prinzip in dieser Welt. Warum? Ist es nicht unfair von Gleichberechtigung zu sprechen obwohl es nur eine Pseudo-Fassade ist? Wo liegt denn immernoch die Macht? Bei den Männern! Und das nach all den Jahrhunderten der Unterdrückung.
Fior bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken an die Inquisition und ihre Folgen. Sie war zwar keine Hexe, in DEM Sinne wie sie damals verbrannt worden waren. Doch sie fühlte sich den zumeist weisen Kräuterfrauen, die unschuldig gestorben waren, dennoch nahe, da sie dieselbe „Religion“ ausführte: Wicca. Das Wissen um die geheimen Kräfte der Dinge, die Erdenergien und -natürlich- um die gemeinhin als übersinnlich betitelten Phänomene… den Wandel der Jahreszeiten und die Mondphasen, den Einklang mit sich und der Welt, den ewigen Kreislauf von Leben und Tod.
Fior war sensibel und offen genug, um sich dieser Kraft bewusst zu sein. Und da sie in ihrem tiefsten Wesen eine Heilerseele glaubte, die stets den Menschen helfen und sie von ihren Leiden heilen wollte, nutzte sie die ihr bekannten Kräfte um sich und den Anderen noch mehr Gutes tun zu können. Wie der Liebesengel Monica, mit dem sie oft verglichen wurde. Auch wenn der religiöse Hintergrund verschieden anmuten mochte (es ist noch zu beweisen ob dem so ist), so existierten zwischen „Flügelchen“ und Fior viele Gemeinsamkeiten: Vor allem ihre allumfassende Liebe, ihre Zärtlichkeit und Toleranz auch sogenannten Randgruppen gegenüber, ihr fast naives Unverständnis für das „Böse“ der Welt, ihre Aufopferung für das was ihr wichtig ist, ihre Hingabe zu heilen und ihr tiefer Glaube an das Schicksal oder >>Gott<<, auch wenn sie zuweilen menschlich handelte und an ihre Grenzen stieß. Doch sie gab -auch wenn es durch ihre Emotionalität so scheinen mag- nie auf.

Währenddessen saß Fior immernoch -sehr weltlich- auf ihrem Platz im Raum Nummer 203 und hing ihren philosophischen Gedanken nach: Was hat uns unsere moderne Zivilisation denn schon gebracht, wenn wir zwar zum Mond fliegen aber kein hohes politisches Amt ausführen können? Wo liegt da die oft zitierte Toleranz dieser Welt?
Fior knurrte und zerritzte bei dem Versuch eine Tabelle für den Gedichtvergleich zu ziehen das Blatt. Ich hatte Recht: Egoismus und Vernunft regieren die Welt. Jeder kümmert sich nur um sich selbst. Fragt sich nur WO genau das Problem hierfür liegt…. ich meine: Es ist ja schön und gut den Männern von Welt oder der Kirche die Schuld in die Schuhe zu schieben. Aber letzten Endes macht uns das nicht besser als sie. Sie „hmm-te“ tief. Vielleicht sollte es einfach mehr feministische Frauen geben, die der Geschichte einen Schubs verpassen? Personifizierte Nornen, gesandt, um die Position der Frau zu erhöhen…. Fior musste bei diesem Gedanken lachen, wurde jedoch sofort still, als sie der strenge Blick Frau Witzsavans traf. Nein, ich weiss selbst, dass das unmöglich ist. Zumal eine Form des Matriarchats ebenso schädlich wäre wie sein Gegenstück. Lustig -zugegeben- und fair. Aber auf Dauer nicht haltbar. Doch was dann? Fior verfiel in geistiges Schweigen. Nichtmal ihre innere Stimme meldete sich zu Wort. Tja… was dann?

„Fior.“ Die Stimme des Individuums klang unfreundlich und viel zu schrill. Und weit, weit entfernt. „Fior!“ Fior registrierte unterbewusst, dass sie den Namen der gerufenen Person kannte. Doch woher nur…?
„Fior! Aufwachen!“ Die Erkenntnis kam schnell. Viel zu schnell. Sie rollte über sie wie eine Lawine. SIE war Fior und die Lehrerin vor ihr war nicht nur real, sonder auch stinksauer, weil sie nicht zugehört hatte.
„Um… what?“ Sie blinzelte, fand sich mühsam wieder im Hier und Jetzt zurecht und klimperte entschuldigend mit den Wimpern. Ihr war sofort klar, dass ihr Nachdenken sie völlig isoliert hatte für das, was sie hätte hören sollen. Jedenfalls nach Frau Witzsavans Meinung. Sie lächelte schief. „I’m very sorry, Missis Witzsavan. But I was just…“ „Dreaming?“, warf die erzürnte Lehrerin scheinbar nachsichtig ein und verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein. „No… thinking about the differences between the two poems.“ Frau Witzsavan verzog die Lippen. Ein erheitertes Lächeln?
„It seems that you are a very dedicated girl, Fior. Nice. Would you be so kind and let us hear what you’ve exactly written down?“ Der Spott in ihrer Stimme war unüberhörbar. Doch Fior schaltete auf stur. Sie wusste, dass sie es sich anhand ihrer Mitarbeitsnoten leisten konnte, einmal abzuschalten. Und Frau Witzsavan wusste es auch.
„Well.“ Fior atmete tief durch. Sie war völlig ruhig. Man konnte nur untergehen solange man zu dumm war das Wasser zu schlucken.
Fior sah auf ihren Zettel hinab und blinzelte kurz. Standen dort wirklich Notizen?! Wann hatte sie denn…? Fior runzelte die Stirn. Seit wann funktioniert Automatisches Schreiben auch in der Schule? Sie fasste sich schnell und formulierte ihre Aussagen zu „similarities in form, choise of words and content“. Alle schwiegen. Betroffen, müde, bestürzt oder einfach desinteressiert sei dahingestellt.
Fior bekam nach einigen Minuten obligatorischen Abwägens eine Eins für ihre Leistung und das Klingelzeichen beendete die Stunde. Fior war zufrieden mit sich und der Welt, als sie ihre Sachen packte und mit Falcon das Zimmer verließ.

„Ich gebe zu, ich bin beeindruckt.“ Falcon lächelte und lief die Stufen vor Fior hinab. „Wie hast du das gemacht, Kleenchen?“
„Soll ich ehrlich sein?“
„Natürlich.“
Fior zuckte mit den Achseln. „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hatte ich ja meinen Schutzengel dabei.“ Was sehr wahrscheinlich wäre. Obwohl sie selten aktiv ins Leben eingreifen. „… oder meine Intuition ist ungeschlagen in englischen Gedichtvergleichen.“ Sie stupste Falcon lachend mit der Schulter an, welcher nur kopfschüttelnd meinte: „Solange du deine guten Noten bekommst, nenn‘ es wie du willst. Ich bräuchte es auf jeden Fall auch. Oder ich falle dieses Halbjahr durch.“ Er seufzte. Man könnte glatt meinen er wäre kein ignoranter Eisklotz.
Fior lächelte. „Nicht, wenn ich es verhindern kann.“

Sie schlugen wie selbstverständlich den Weg zur Raucherecke ein, wo Falcon seine lebensverkürzende letzte-Stunde-vorbei-Zigarette genoß. Es regnete in Strömen, wie Fior mit einem Grinsen zur Kenntnis nahm. Sie hatte wieder einmal Recht behalten.
„Übrigens… wie geht es Snail in letzter Zeit? Ich habe ihn seit Freitag nicht gesprochen.“ Die Neugier in Fiors Stimme mischte sich mit Besorgnis. Er war zerbrechlicher als den Anschein hatte und hinter seinem bärig starkem Körper verbarg sich -dem geschulten Auge sichtbar- ein verletzlicher Kern, welcher im Moment durch die Krallen der Verlustscherben blutete. Seine Mutter war gestorben. Letzte Woche. Und er anerkannte zwar den Fakt, ließ jedoch nicht die nötigen Trauergefühle zu. Er verschloß sich wie eine Auster und Falcon und Fior hatten alle Mühe, sie zu öffnen.
„Er war gestern bei mir. Zusammen mit Child und Carlif.“ Kurze Antwort – wenig Aussage. Fior hmpf-te, während Falcon gleichgültig seine Zigarette entäscherte. Wenigstens, wie Fior anerkennd feststellte, in der entgegengesetzten Richtung als sie stand. „Hat er geredet?“ Die Frage klang nach Hoffnung. Und mütterlicher Nachsicht.
„Nein.“

Fior nickte. „Ich verstehe.“ Verdammt. Falcon sah sie plötzlich durchdringend an. War das freundschaftliche Zuneigung in seinem Blick, Verständnis oder Verzweiflung? Fior vermochte es nicht zu definieren, aber es war… traurig.
„Ich bin nicht wie du. Vielleicht stimmt es ja, dass Frauen in der Hinsicht mehr Einfühlungsvermögen besitzen. Ich weiß es nicht. Er hat mit mir geredet. Aber er hat sich nicht geöffnet.“ Fior hörte auch das, was er nicht offen ergänzte: So wie bei dir.
Sie senkte den Blick und seufzte. „Das dachte ich mir.“ Sie sagte extra nicht: Ich wusste es. Denn dieser Satz klang im Moment zu deprimierend besserwisserisch. Und das wollte sie nicht. „Aber vielleicht liegt das daran, dass du… gewissen Menschen… keine Nähe geben kannst?“ Es war eine Frage, doch es klang nach einer Feststellung. Sie hatten dieses Thema schon einmal gehabt. Und Falcon wusste, dessen war sich Fior sicher, dass sie in dieser Hinsicht Recht hatte. Er war nicht der Mensch der großartig Geborgenheit schaffen konnte. Er war freundlich und sozial – aber es blieb immer ein Gefühl der Distanz. Fior hatte es aufgegeben darüber nachzudenken WESHALB es so war. Es war einfach so.
„Mag sein.“, erwiderte Falcon leise und warf die abgebrannte Zigarette in den Mülleimer. „Du solltest noch einmal mit ihm reden.“

„Hast du wieder Full House?“, fragte Fior beiläufig, als sie an der Weggabelung ankamen, an der sich ihre Wege trennten. „Dunno. Aber ich denke Carlif wird wieder da sein.“
Fior zog die Augenbrauen hoch. „Er gehört ja auch schon fast zum Inventar.“
„Stimmt: Genau wie du.“, zwinkerte Falcon ihr zu und verschwand dann -mit der Gewissheit wieder einmal das letzte Wort gehabt zu haben- in seiner Straße. Fior sah ihm kopfschüttelnd und kichernd nach. Un-ver-besser-lich. Aber genau deswegen hatte sie ihn so gern.
„Fighter“ von Christina Aguilera vor sich hin summend, drehte sie sich um und hopste in die Cecilienstraße.

Kaum hatte sie die Haustür aufgeschlossen und ein „Bin wieder da!“ ungerichtetet in die Wohnung gerufen -obwohl niemand zu sehen war, der darauf hätte antworten können-, hörte sie ihr mobiles Telefon klingeln. Fior fluchte und jumpte in ihr Zimmer zur Kommode. „Ja?“ Es klang geringfügig außer Atem.
„Ich bin’s, meine Maus.“ Ilse.
„Ich wollte nur mit dir reden, Fior.“
„Schön. Ich rede aber nicht mit dir.“ Und Fior legte auf.

Die Mikrowellenanzeige hüpfte mit einem „Ploing“ auf Null. Fior verzog ihre Mundwinkel und nahm die dampfenden Hot Dogs mit Röstzwiebeln heraus. Der Duft war einfach köstlich.
Ihr Magen knurrte.
Sie klaute noch schnell den Eistee und einen Sahne-Jogurt aus dem Kühlschrank, dann balancierte sie Essen und Trinken ins Wohnzimmer, vor den bereits auf PRO7 eingestellten Fernseher. Es war 15 Uhr: Die Jugendberaterin Margit Tetz.
Sie kannte niemanden der sich so etwas freiwillig antat, solange etwas Unterhaltsameres, wie die Golfmeisterschaft, im Fernsehen lief, aber Fior mochte die Sendung trotzdem. Das dramatisierte Show-Geschehen von samenspendenden Freunden die der Schwester das „weiße Gut“ zukommen lassen, misshandelten Ehefrauen, unentschiedenen Mädchen und Inzesten. Es war so herrlich übertrieben, dass es schon wieder lustig war. Wie „Die nackte Kanone“ oder „Hot Shots“, fand Fior. Einfach schön blöd. Kopf abschalten – berieseln lassen.
Das musste schließlich auch einmal sein.

Sie nahm Anteil an einem jungen Pärchen, welches Probleme beim Sex hatte. Sie wollte seit neun Monaten nicht – er schon. Doch sie konnte nunmal nicht, weil sie Komplexe hatte und sich vor ihm schämte. Er hatte kein Verständnis und das Ganze endete in einem schlecht imitierten Streit. Er verließ die Sendung. Sie blieb weinend zurück.
Fior biss in ihren Hot Dog.
Werbung.
Nun ein Ehepaar, dass den Kindern die Entscheidungen abnahm und sie in allen Dingen bemutterte. Die Eltern verstanden den ganzen Rummel nicht, schließlich waren ihre 15 und 18-jährigen Töchter doch „ihre Mädchen“.
Fior zog argwöhnisch eine Augenbraue hoch.
Die jüngere Tochter erboste sich gerade über die Intoleranz und „Uncoolness“ ihrer spießigen Eltern – die Jüngere brach verzweifelt in Tränen aus.
Fior beschloss umzuschalten, bevor sie noch Kopfschmerzen bekam. Die Hysterie in der Stimme der Mutter ging sogar ihr auf die Nerven.

Viva. Das Video zu „Libertine“ von Kate Ryan.
Fior lächelte und dankte laut der Herrin für ihr Geschenk. Sie mochte dieses Lied. Es war so gut zum mitwippen. Das Geräusch von Rollen, die über Parkett rieben, erfüllte den Flur. Die Bestätigung, dass es Axis -ihrem Hauskobold- auch gefiel. Er verschob gerne den Schreibtischstuhl von Fiors Vater wenn niemand außer ihr da war, um sich bemerkbar zu machen. Oder er schaltete das Radio an.
Da klingelte das Telefon.
„Geseligte Grüße.“
Ein Räuspern. „Fior?“
Wer sonst, bei den Göttern? „Ja.“ Sie wusste längst wer dran war. Nur einer von ihren Leuten besaß diese unsichere Einfältigkeit. Das graue Mäuschen.
Und sie hatte vor sie abzuwimmeln.
„Hi, ich bin’s… Gr…“
„Hör zu Grey, ich habe wirklich keine Zeit für Smalltalk. Was ist los?“
„Naja.“, lahmte Grey und bemerkte nicht einmal Fiors Unwirschheit. „Ich dachte wir könnten mal wieder ins Kino gehen. Weil du doch keine Klausuren mehr schreiben tust.“
„Du weisst doch, dass ich kein Geld habe. Teuro du weisst. Wenn du was anders vorschlagen würdest gern, aber so… tut mir leid. Nein.“
Grey schien für die Erkenntnis einer Absage Stunden zu brauchen.
Fior wechselte das Ohr für den Telefonhörer.
„Na gut… bis morgen. Tschüüüüß.“
„Tschaui.“ Fior legte auf.
Sie seufzte. Dass einige Schafe sich aber auch nie von der Herde zu lösen vermögen.

Kapitel II

Fiors Radiowecker mit der signalroten Leuchtanzeige sprang auf 21:15. Zeit für „Sex and the City“. Die Belohnung des Tages. Sie hatte den Dienstag relativ gut überstanden – außer einem Test in Chemie, den sie voll verhauen hatte (Naturwissenschaften lagen ihr ganz und gar nicht), und Judo in der 9. und 10. Schulstunde.
Fior lächelte glücklich und kontrollierte, ab auch ja ihre „After Eight“ bereit standen. Sie fühlte sich zwar noch etwas rampuniert von Judo, aber bei einer Verteidigungssportart erwartete sie nicht viel anderes. Sie kam selten ohne blaue Flecken, Hautabschürfungen, verkrampfte Muskeln oder Prellungen nach Hause. Doch sie nahm es gern in Kauf. Fior liebte Kampfsportarten und sie war stolz, in der Schule die Möglichkeit erhalten zu haben eine von ihnen zu praktizieren. Auch wenn es untypisch für eine Frau sein mochte. Fior stand auf Bruce Lee, Jackie Chan, „Tekken“ und derartiges für die Playstation und Wrestling. Es hob den Adrenalinschub so schön an.

Der Vorspann zu „Sex and the City“ begann. Fior lehnte sich gespannt auf die Kissen ihrer Bettcouch „Sofia“ zurück und als sie das Bild von Carrie sah, die in ihrem rosa Tutu vom Bus mit ihrer Reklame nass gespritzt wird, lachte sie. Sie liebte diese Serie!

Pünktlich zur Werbung klingelte ihr Telefon. Fior erhob sich gnädig und watschelte im Dunkeln zum Blinken ihres mobilen Displays.
„Abend Falcon.“
Stille.
„Woher wusstest du, dass ich es bin?“ Er schien tatsächlich überrascht.
„Gewohnheit?“ Und geschulte Intuition. Fior lächelte geheimnisvoll.
„Wie dem auch sei. Eine Frage: Hast du jetzt Zeit?“ Es klang dringend.
Fior seufzte innerlich. „JETZT?“ Ihr Blick wanderte zum Fernseher.
„Ja. Ich stelle drei Gefallen an dich.“ Root-Rechte. „Deinen Geschichtshefter, ein Aspirin und deine Massagekünste.“
Fior grinste.
„Ich mache mich auf den Weg.“ Die Serie konnte warten, solange sie einem Freund einen Gefallen tun konnte. Und sie mochte Falcon fiel zu sehr um ihn für eine an sich unnütze Fernsehsendung sitzenzulassen.
Trotz alledem reumütig auf den Bildschirm starrend, hauchte sie ein „Ich bin in 10 Minuten da. Bis dann.“ und legte auf.

Schnell zog Fior sich um. Immerhin war sie schon bettfertig gewesen.
Dann schlüpfe sie in ihre Jeans-Sandalen, schnappte sich Jacke, Hefter und Schlüssel, warf ihren Eltern eine kurze Erklärung ins Wohnzimmer und verschwand.

Nur um sieben Minuten später außer Atem, aber lächelnd, an Falcons Tür zu läuten.
Fior hörte das Surren der Sprechanlage noch ehe Falcons gereiztes „Ja?“ erklang. „Der rettende Engel mit den flinken Fingern ist da.“ Sie hörte Falcons Lachen, ehe er die Tür öffnete. Wohlwissend, dass er den Polydeutismus -ihr selbst geschaffenes Wort für mehrdeutig- verstanden hatte.
Sie öffnete die Eingangstür und flitzte die drei Stockwerke hinauf. Ich hoffe nur, dass nicht wieder halb Hellersdorf bei ihm sitzt. Vor allem diese Child., dachte sie bei sich und ihr Gesicht verfinsterte sich unwillkürlich. Doch sie ignorierte stur den Einwurf ihres Gewissens, dass sie eifersüchtig sei.
Er spielt jedesmal eine Rolle. Und man kann nicht richtig mit ihm reden, wenn Besuch da ist. Ich habe ja nichts gegen seine Leute. Nein. Carlif zum Beispiel ist einfach klasse. „Wuschelchen“, sagt er immer zu mir. Fior lächelte warmherzig. Und überhaupt… er ist immer guter Laune. Das ist irgendwie cool. Auch wenn er nach einer gewissen Zeit tierisch nervt. Als ob ich nur aus Brüsten bestehen würde… Sie schüttelte den Kopf und erklomm eine Stufe. Ich mag ihn trotzdem. Aber – sie schalte sich selbst dafür wie komisch dieser Widerspruch klang- ich mag Falcon nicht, wenn er den überheblichen Macker mimt. Das ist nicht er. Und ich fühle mich ihm in diesen Momenten nicht nahe, sondern eher wie eine Fremde. Vielleicht geht es Snail ja auch so. Deswegen kann er sich ihm nicht öffnen. Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass… Hmm. Sie zögerte. Was eigentlich? Dass ich Falcon trotz allem, und gerade deswegen, unheimlich lieb hab. Er ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben gerade weil er so arrogant und knallehrlich ist. Es tut weh, aber ich brauche es. Der Ausgleich zu mir. Das Gleichgewicht. Wer er mir doch nur das Gefühl geben könnte, etwas Besonderes zu sein! Ich meine… so gern ich ihm einen Gefallen tue. Langsam aber sicher fühle ich mich ausgenutzt. Plötzlich stahl sich ein Grinsen auf ihr Gesicht. Ich gebe und gebe – und was bekomme ich? … Oh Mann, ich klinge schon wie diese jammernden Gören aus den Daily-Soaps. Warum kann ich ihn nicht einfach so akzeptieren wie er ist?

Falcon grinste sie an, als sie seine Haustür erreichte.
„Warum führst du Selbstgespräche?“
Fior lächelte und verbannte alle Gedanken in ihre Gedächtnis-Kartei. „Weil ich auf diese Weise einen intelligenten Gesprächspartner habe, der immer Recht hat, zuhört und mich nicht unterbricht.“
Falcon schüttelte grinsend den Kopf. „Komm rein.“

„Warum brauchst du eigentlich meinen Geschichtshefter?“, fragte Fior, während sie sich aus ihrer Jacke pellte. Sie warf der Hauskatze ein übliches „Hi Zara“ zu und folgte Falcon in die Küche, wo ein frisches Glas Cola auf sie wartete.
„Weil ich die Hausaufgabe zum Thema „Islamische Medizin“ noch machen muss.“
Fior legte tadelnd den Kopf schief. „Aber MICH beschuldigen, immer alles aufzuschieben hm?“
Falcon trank einen tiefen Schluck. „Klar. Du brauchst das doch.“

Der Bass, der Fior entgegenschlug, kaum dass sie Falcons Zimmer betreten hatte, war gewaltig. Obwohl die Musik an sich leise lief, ging der Bass des Trance-Songs durch die Knochen. Fior spürte eine Beben in ihrer Magengegend.
Sie legte instinktiv die rechte Hand schützend darüber. „Ich mag ja DJ Tomcraft wirklich. Aber könntest du die Musik etwas leiser stellen, bitte?“
„Was?“, brüllte Falcon scherzhaft und kam ihrem Wunsch nach.
Sie setzten sich vor den Schreibtisch am Fenster. „Du hast die Quelle schon analysiert?“
Fior nickte. „Yupp. Seit Freitag.“
„Hmm. Und worum geht’s?“ Fior bedachte Falcon mit einem missbilligendem Blick.
„Was?“ Fior nahm wortlos das Arbeitsblatt und hielt es ihm unter die Nase. „Lies – und finde es heraus.“

„Nun…“ Falcon sah sich suchend auf dem Chaos seines Computertisches um. Fior lächelte wissend und reichte ihm Notizblätter und einen Kuli. „Danke, Schatz.“ Er kritzelte seine Stichpunkte zu Papier.
„Alles Aufgabe einer Sekretärin.“, grinste Fior zurück und holte noch etwas Kaffee. Das Aspirin legte sie daneben.

23:55. Fior gähnte.
Sie war müde. Sehr müde. Und selbst der dumpfe Techno-Beat konnte das nicht ändern. Im Gegenteil. Sein monotoner Rhythmus verstärkte das Einschlafbedürfnis noch.
Fior lag bereits auf Falcons Bett – die Augen geschlossen. Und döste vor sich hin.
„Hey, nicht einschlafen!“ Falcons setzte sich vor sie. Fior öffnete halb ein Auge. „Keine Sorge. Ich schlafe schon nicht. Und wenn kannst du mich ja wachküssen.“
Falcon lachte leise. „Na klar. Das hättest du wohl gern.“
„Ja.“, seufzte Fior und schloss wieder ihr Auge, während sich Falcon auf die Matraze vor dem Bett fallen ließ. „Weisst du was?“
Er hmmte fragend.
„Würde es altmodisch klingen, wenn ich sage, dass ich es wunderschön finde einfach nur neben dir zu liegen und mit dir Musik zu hören?“
Er lächelte warm. „Ja. Aber ich weiß was du meinst.“
„Gut.“, hauchte Fior und lächelte glücklich. Sie fühlte sich wohl. Warm und geborgen.
Und das in einer chaotischen Wohnung, in der Techno auf Dauerschleife gespielt wurde.

„Pass auf,“ meinte Falcon nach einer Weile bestimmt. „Du gibst mir noch eine Massage und dann bringe ich dich Hause.“
Fior gähnte. „Okay.“ Sie erhob sich bedauernd, indem sie sich hochstemmte. Wie Liegestütze. Und das am Abend. Hmpf. Aber Versprechen sollen eingelöst werden.
„Leg dich hin. Ich hole die Bodylotion.“
Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen. „Ich könnte dir ja sagen, dass du dich gerne ausziehen kannst, aber das würde so zweideutig klingen.“ Sie feixte und wich gerade noch rechtzeitig dem Kissen aus, dass sich mit rasender Geschwindigkeit der Tür näherte.

In sanften, kreisenden Bewegungen fuhr Fior über Falcons muskulösen Rücken. Er hatte wirklich einen heissen Rücken, fand Fior. Ihr fiel dabei immer das Sprichwort „Ein schöner Rücken kann auch entzücken“ ein. Falcon war der lebende Beweis.
Sie spürte keine Verspannungen. Aber bei jemandem wie Falcon tat man das nie. Sie wurden so sehr Bestandteil der Muskeln, dass man lediglich die Knorpel wahrnahm.
Fior verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein, denn sie wollte Falcons Wirbelsäule nicht zu sehr mit ihrem Gewicht belasten. Auch wenn sie -im Vergleich zu ihrer Größe von ein Meter achtzig- ein Fliegengewicht war.
„Sag mal Falcon: Glaubst du, dass man zu Menschen zu denen man einmal eine Verbindung hatte, die man dann aber aus den Augen verloren hat… dass man zu diesem Menschen wieder, aufgrund ihrer Vergangenheit, eine Beziehung aufbauen könnte?“ Sie verrieb noch etwas Bodylotion auf seinem Rücken. Falcon verkrampfte sich, was Fior mit einem unterdrücktem Lächeln zur Kenntnis nahm. Er drehte halb den Kopf zu ihr. „Warum fragst du das?“
„Nur so. Darf ich etwa nicht?“
„Doch… schon.“ Mir gefallen ihre Anspielungen nicht. Worauf will sie hinaus?
„Child ist doch in letzter Zeit ziemlich oft hier, nicht?“ Sie spielte ihm mit Absicht nur Stückchen für Stückchen zu.
„Ja.“ Sein Ton sagte mit jeder Note, die Finger von Spekulationen dieser Art zu lassen.
Fior ignorierte es.
„Könntest du dir mit ihr noch einmal eine gemeinsame Zukunft vorstellen? Nur als Beispiel.“
Falcons Seufzer war tief. Und sagte alles. „Fior, was ist los? Warum fragst du mich das?“
Déjà-Vu.
Das Gefühl war so stark, dass Fior innehielt. Diese Situation… die Massage, das dunkle Zimmer -weil Falcon die Mücken draußen lassen wollte wenn er lüftete-, das Bett, diese Frage… Sie kannte es. Irgendwoher. Irgendwie.
Dunkel erinnerte sie sich an die Erkenntnis der Wissenschaft Déjà-Vu’s seien nur fehlgeleitete Informationen an’s Gehirn. Man nimmt mit der falschen Gehirnhälfte Informationen auf und wenn sie an die andere Gehirnhälfte weitergeleitet werden, kommt es einem vor, als kenne man es schon. Schließlich wurden die Reize ja schon verarbeitet.
Trotzdem.
Fior glaubte nicht an diese Möchtegern-Erklärungen. Sie war strikte Mystikerin. Und sie hielt nichts von dem Wahn, alles biologisch oder chemikalisch erklären zu müssen. Seien es Gefühle, Gedanken… oder Déjà-Vu’s. So verloren Dinge ihre >>Magie<<. Außerdem blieben es ebensolche Thesen, wie die Annahme derartiges sei übersinnlich.
Aber warum kam ihr diese Situation dann so bekannt vor?

Fior atmete tief aus. Sie beschloss, mit offenen Karten zu spielen. Schließlich war Ehrlichkeit für sie eine Tugend. Und auch wenn es zuweilen schwer war… JEDER hatte die Wahrheit verdient. Gewissheit ist ein Segen.
„Falcon… ich…“ Sie seufzte. „Ich glaube, dass du noch alte Gefühle für Child hegst. Und dass du dich von ihnen etwas zu sehr vereinnahmen lässt. Du bist aufopferungsvoll und tust alles für sie. Das ist ja auch fantastisch,“ lenkte Fior stolz ein. „Aber ich habe das Gefühl, dass du es übertreibst. Sie ist im Moment der Mittelpunkt deines Lebens. Und das nicht nur, weil du ihr beim Lernen für die IHK-Prüfung hilfst. Da ist mehr.“ Sie seufzte erneut. „Ich verstehe das… wirklich. Aber du sonderst dich im Moment von den Menschen ab, die dich auch brauchen. Snail zum Beispiel. Du weisst, dass er sich DIR öffnen möchte. Aber das geht nicht, wenn du nie Zeit hast. Oder ich…. ich möchte dir -weiß die Göttin- nicht in dein Leben reinreden. Aber ich mache mir Sorgen. Du kannst dich ja gerne für Child entscheiden. Aber das heisst nicht, dass du dich gegen alle anderen entscheiden musst.“
Stille.

„Denkst du das wirklich?“ Falcons Stimme war ausdrucklos. Es schmerzte Fior in der Seele.
„Ja, ich denke schon.“
„Hmm.“
Fior biss sich auf die Lippen. Nun hatte sie es geschafft: Er war verärgert. Mal wieder. Wie konnte frau es nur schaffen in dieselben Fettnäpfchen zu treten? Sie gab ihrem Taktgefühl eine metaphorische Ohrfeige, woraufhin es sich wimmernd wie ein Hund zurückzog.
„Vielleicht hast du Recht, dass ich seltener Zeit habe. Die Wohnungssuche und so weiter. Aber Child ist nur eine Freundin, da kann ich dich beruhigen. Eine sehr gute Freundin zwar. Aber eine Freundin. Bei ihr… kann ich mich fallen lassen. Was dachtest du denn?“ Fior schwieg. Doch sie errötete bis unter die Haarwurzel. Zum Glück konnte man es im dunklen Zimmer nicht sehen. Er hat Recht. Was habe ich mir nur gedacht? Schließlich ist sie verheiratet! Er ist doch kein lebensmüdes Arschloch. Fior schüttelte sich.
„Du kannst beruhigt sein.“, lenkte Falcon sanft ein. „Zwischen uns läuft nichts. Deine Eifersucht -so süß sie sein mag- ist unangebracht.“ Fior murrte wie ein zurechtgewiesenes Kind.
„Ja, Papi. Es tut mir leid.“ Auch wenn ich dir die Nummer immer noch nicht abnehme. Mein Gefühl sagt mir, dass dort noch Zukünftiges auf uns wartet.
„Schon gut. Im Grunde hast du ja Recht. Ich bin etwas nachlässig in letzter Zeit. Mal sehen was sich da machen lässt. Hast du am Wochenende Zeit?“ Fior hob überrascht eine Augenbraue. Er hatte sie noch nie gefragt, ob sie etwas in ihrer Freizeit unternahmen. Nie. Zweckmäßige Schultreffen in der Woche: Ja. Aber so. Es geschehen noch Wunder.
„Ja, habe ich.“ Natürlich.
„Gut. Dann schnappen wir uns Snail und unternehmen was zusammen.“
„Okay.“ Fior bekam sich nicht mehr ein. Wer hätte gedacht, dass das Gespräch so seinen Lauf nahm?! Ehrlichkeit zahlte sich eben doch aus. Früher oder später.

Kapitel III

Am nächsten Morgen erwachte Fior… gar nicht.
Falcon hatte sie ganz gentlemen-like noch gegen 2 Uhr morgens nach Hause gebracht. Fior war sofort eingeschlafen, kaum dass sie ihr Kopfkissen berührt hatte.
Dann träumte sie. Wirre Sachen, ohne Sinn. Aber sie hörte Musik. „Right now“ von Jeanette. Moment mal… Jeanette?!
Fior setzte sich so ruckartig auf, dass ihre Halswirbel mit einem Knacken an ihren Platz rutschten. Was zum…? Sie sah sich um. Es war hell. Zu hell. Musste es nicht dunkel sein, wenn sie zur nullten Stunde aufstand?
Eine böse Ahnung regte sich in ihr. Sie drehte sich um und starrte auf das Analogblatt ihres Radioweckers, der „Right now“ dudelte: 8:30. „Nein!“ Sie hatte verschlafen. „Fuck!“

Sie sprang hastig aus dem Bett und torkelte ins Bad, um sich fertig zu machen. Wie konnte das nur passieren? Sie hatte noch nie verschlafen. Nie.
Wie sah denn das aus?
Was würden die Lehrer sagen?
Und noch viel schlimmer: Was würden ihre Eltern sagen?
Sie musste sich beeilen, oder sie war tot!

Mit einem ständigen Fluchen, die der Mutter Gottes die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, flitzte Fior durch die Wohnung, zog sich an, stopfte sich schnell etwas Müsli in den Rachen und düste aus der Wohnung. Viel zu spät erkannte sie, dass sie ihren Wohnungsschlüssel liegengelassen hatte. „Verdammt!“ Doch die Tür war bereits ins Schloss gefallen.
Der Fahrstuhl war zu allem Überfluss auch noch kaputt. Und Fior durfte die zehn Stockwerke hinunterstolpern. Wäre sie Pessimistin, hätte sie wahrscheinlich Fortuna verflucht. Aber eine Optimistin wie sie verfluchte einfach den Tag an sich. Immerhin -lächelte sie säuerlich- habe ich jetzt wo ich Chemie verpasst habe VIER Freistunden.

Dann konnte sie sich auch gleich Zeit lassen.
Und objektiv betrachtet war die Sache eigentlich nicht schlecht. Sie war 18, also volljährig, und konnte sich ihre Entschuldigungen allein schreiben. Zum Glück arbeitete ihre Mom nur drei Minuten entfernt. So hatte sie noch genug Gelegenheit, sich den Schlüsel ihrer Mom nach der Schule auszuborgen, wo sie ihren eigenen nun schon liegengelassen hatte.
Außerdem hatte Frau Lamyl eine Andeutung gemacht mit den Schülern einen Test zu schreiben, damit sie etwas zum Kontrollieren, beziehungsweise die Schüler etwas zu tun, hatten. Diese chaotische Frau wusste nie etwas mit sich und ihren Klassen anzufangen. Oftmals taten sie auch wirklich nichts. Oder wurden nach Hause geschickt, weil Frau Lamyl sich „nicht fühlte“. Fior schüttelte verständnislos den Kopf, überquerte die Straße, wurde von einem Audifahrer beinahe über den Haufen gefahren und brüllte ihm ein „Armleuchter!“ hinterher, während sie -sich cholerisch aufregend- herumgestikulierte. Natürlich in eindeutiger Sprache.
Was trieben die ganzen Sonntagsfahrer am Mittwochmorgen auf den Straßen?
Sie knurrte und zählte innerlich bis Zehn, bis sie ihren Weg fortsetzte. In dieser Verfassung sollte man ihr lieber nicht zu nahe kommen. Es sei denn man mochte eines qualvollen Todes sterben. Oder hieß Angel.

Fior erreichte ihre Schule in neuer Rekordzeit: 6 Minuten 45. Sie war nicht im geringsten überrascht, Räbchen an der Raucherecke zu finden. Sie hatte jetzt PW. Beziehungsweise -Fior sah auf die Uhr- PW-Pause.
„Morgen.“ Räbchen gab ihr einen Wangenkuss. „Chemie verschlafen, hm?“ Sie grinste breit. Anscheindend führte der Umstand, dass Fior nie zu spät kam dazu, dass Räbchens Zynismus noch gegossen wurde. Symbolisch gesehen, versteht sich.
„Sieht wohl so aus. Ich habe ein Lied geträumt, was im Radio lief.“
Räbchen lächelte und entäscherte ihre Zigarette.
„Tja. Kann jedem mal passieren. War’s wenigstens gut?“
„Ja, schon.“
„Na dann ist doch alles okay. Du musst dir keine Gedanken machen.“, fiel Räbchen Fior ins Wort, noch ehe sie fragen konnte. Sie schloss wieder den Mund. Kann die Frau Gedanken lesen oder was?
„Du hast nichts in Chemie verpasst. Wie immer.“
Fiors Stein, der ihr vom Herzen plumste, musste bis Russland zu hören gewesen sein. Göttin sei Dank.
„Was habt ihr denn gemacht?“
Kali zuckte leichtfertig mit den Schultern. „Kristalle gezüchtet. Mit Magnesiumsulfat.“
„Moment mal…“ Fior stutzte. Sie hatte von Naturwissenschaften wirklich wenig Ahnung, aber eines wusste sie doch. „… dauert die Kristallzüchtung nicht wenigstens einige Tage?“
„Ja. Aus diesem Grund hatten wir schon nach 40 Minuten Schluss.“

Wären sie in einem Manga, dann hätte Fior nun einen faustgroßen Tropfen neben der Stirn bekommen – oder sie wäre, im wahrsten Sinne des Wortes, aus den Latschen gekippt.
Fior verfluchte ihr Comic-abstraktes Denken. Es drängte sich ihr mittlerweile immer dann auf, wenn eine derartige Situation stattfand. Das machte ihr Angst. Irgendwann mutierte sie noch einmal zur Manga-Figur.
Fior kicherte. Und schüttelte den Kopf, um die absurden Vorstellungen zu vertreiben.
„Musst du nicht zu PW, Süße?“, erkundigte sie sich bei Räbchen, als ihr auffiel, dass diese nach dem Klingeln noch immer neben ihr stand.
„Wieso? Hat es schon geklingelt?!“
Fior zog die linke Augenbraue hoch. Ist denn irgendjemand an dieser Schule NICHT vollkommen verpeilt?
„Räbchen, es hat bereits vor fünf Minuten geklingelt.“
„Oh.“
Räbchen drückte in Seelenruhe ihre Zigarette aus. „Dann sollte ich mich mal zu Herr Lothak begeben. Isländische Außenpolitik ist doch ungemein spannend, findest du nicht auch?“
Fior schlug sich demonstrativ gegen die Stirn.
„Klar, Räbchen. Genauso spannend wie das Paarungsverhalten von Bergziegen.“
„Bergziegen?“ Räbchen schaute sie mit einer Mischung aus Entgeisterung und Belustigung an. „Du hast nen totalen Knall, Fior. Das mag ich.“
Die Angesprochene zeigte Räbchen den ausgestreckten Daumen. „Ich weiß. Kann mir gar nicht erklären wieso.“ Sie lachte und schubste die widerwillige Räbchen bestimmend in Richtung Anbau.
„Und nun: Auf auf zu neuen Taten.“

Das Computerkabinett war totenstill. Und leer.
Fior seufzte.
Es fehlte nur noch der symbolische Heuballen, der über den Boden wehte…
Sie schnupperte und entschloss sich weise dazu, einmal gründlich durchzulüften. Und das lag nicht nur am Staubgeruch der Computertechnik.
Dann warf sie ihren Rucksack gekonnt auf den Stuhl vor der Tafel und schaltete den Lehrerrechner an. Während der Computer hochfuhr, lehnte sich Fior entspannt im Drehstuhl zurück.
Eigentlich war diese Ruhe doch recht angenehm. So meditativ. Irgendwie.

Es klopfte an der Tür. Soviel zum Thema Entspannung.
Sie erhob sich widerstrebend und ging in Gedanken die Personen durch, die a) das ausgemachte Insider-Klopfzeichen der Admins kannten und b) jetzt keinen Unterricht hatten.
Sie öffnete die Holztür, der sie in Wutausbrüchen so oft einen Tritt verpasst hatte. „Hi Elg.“
Ihr Freund, mit den zerrissenen Jeans und dem Sado-Maso-Teddy-Pullover, lächelte, um ihr zu bedeuten, dass er sie zur Kenntis genommen hatte. Und trat grußlos ein, während Fior zur Seite trat.
Sie schüttelte über diese Unhöflichkeit innerlich den Kopf. Doch sie verwarf ihre Mordpläne. Elg gestand sie die Erlaubnis dafür zu.
Er befand sich gerade in einer durchaus komplizierten Selbstfindungsphase, in der er keinen Menschen länger als nötig sehen mochte. Und möglichst noch weniger mit ihm reden. Alles was er wollte war Ruhe und Entspannung. Allein.
Fior fragte sich nur zweifelnd, wie lange dieser Zustand andauern würde. Sie hatte eigentlich nicht vor drei Jahre zu warten, bis Elg mal wieder in einer guten Stimmung zum Reden war.
Doch er war einer ihrer besten Freunde. Und sie akzeptierte -wohl oder übel- seine Entscheidung. Immerhin war er fair genug gewesen, sie davon zu unterrichten. Und zu inhaltslosen Smalltalk-Gesprächen war er schließlich noch bereit. Notgedrungen.
Damit musste sie sich begnügen. Wie sagte Snail immer so schön? Genügsamkeit in Materie und Gefühl ist eine Tugend. Er hatte Recht.

„Hast du jetzt kein PW?“
„Nnnein.“
Hmm. Heute mal wieder ne harte Nuss.
„Frau Amsel krank, hm?“
„Yupp.“
Na immerhin, eine Auskunft. Mehr oder minder.

Elg legte seine mitgenommen aussehende Umhängetasche auf den Tisch neben den Lehrercomputer. „Kann ich an den Rechner? Ich müsste noch etwas MySQL für Info programmieren.“
„Bitte.“, meinte Fior leichthin.
Sie hatte eh nicht gewusst, was sie hätte tun können.
„Danke.“ Er ließ sich vor der Tastatur nieder. Nur, um wenig später wie eine Salve an Schüssen darauf herum zu trommeln. Fior spähte über Elgs Schulter. Doch die kryptischen Symbole und Zeichen der Konsole blieben ihr verschlossen.
Sie runzelte die Stirn. Computerfreaks. Sie stöhnte innerlich.
Auch wenn Fior seit einem Jahr Informatik hatte… oftmals besaß sie nicht den blassesten Schimmer was sie da eigentlich tippten.

Fior schauderte und verpasste sich innerlich selbst eine Ohrfeige. Sie beschloss, etwas Nützliches zu tun: Sie ging auf die Toilette.

Als sie das Computerkabinett -mein Gott konnte sich denn niemand einen einfacheren Namen für das Ding ausdenken?- wieder betrat, befanden sich noch drei weitere Personen im Raum: Räbchen, Falcon – und Pfau, eines ihrer vier Nestlinge aus der Unterstufe. Ein vielversprechender, engagierter Computerfan, mit Hang zu fantastischen Piraten-RPG’s. Leider hatte er keine Ahnung von zwischenmenschlichen Kontakten.
„Moin allerseits.“, grüßte Fior in die Runde und ließ sich dann, nach kurzer Überlegung, neben Räbchen plumpsen. „Lass mich raten: Auch kein PW?“
Räbchen nickte knapp. „Herr Lothak hat freie Arbeit angeordnet.“
Fior sah sich um. „Und dann ist das was du hier machst… freie Informationsbeschaffung?“
„Du hast es erfasst.“

13:10. Basiskurs Biologie.
Fiors letzte Schulstunde. Aber die hatte es in sich. Und wie.
Frau Geier war nicht zu unterschätzen. Ihr Leistungskurs-Niveau machte allen Schülern zu schaffen. Schließlich befanden sie sich doch in einem BASIS-Kurs oder nicht? Und die Schule war -weiß die Göttin- so schon schwer genug…. Lehrerinnen wie die Geier machten es einem da nicht einfacher.
Kaum hatte Fior den Raum betreten und sich an der mittig stehenden Tisch gesetzt, registrierte sie, wie die Geier ihr Zuspätkommen auf dem Notizzettel durchstrich. Eine Marotte, die niemand sonst besaß: Die Schüler aufzuschreiben ehe es zum Unterricht klingelte. Unverständlich und mitunter mehr als nervig. Aber jeder braucht ja ein Hobby…

Pünktlich mit dem Klingelzeichen begann Frau Geier mit einer erneuten Ausführung der synthetischen Evolutionstheorie. Sie nahm sich dabei nichts mit einer strengen, konservativen, dennoch liebenswerten Klosterschulen-Nonne.
Fior versuchte die zwei Stunden über Wasser zu bleiben. Das war nicht einfach, aber wenn man wusste wie, entkam man den Anforderungen der Geier wie eine Fliege der Fliegenklatsche.

Das Klingelzeichen hatte sie noch nie als so selig empfunden wie dieses Mal. Fior hauchte ein „Halleluja“, verabschiedete sich respektvoll und war eine der Ersten die aus dem Raum flüchteten als sei der Leibhaftige höchstpersöhnlich hinter ihr her.