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Hanni und Nanni nehmen Abschied von Lindenhof [4]

Die Sonne schien fröhlich in den Esssahl von Lindenhof hinein. Es war der 1. Tag eines neuen Schuljahres und die Hausmutter kontrollierte noch einmal -jetzt wohl schon zum 10. Mal- ob auch alle Fenster geschlossen waren. Denn obwohl die Sonne schien, war es ganz schön stürmisch draußen.
Da waren auch schon die ersten Schülerinnen. Eilig lief die Hausmutter hinaus, um zu beobachten, wer die ersten Gäste wohl waren. Natürlich, es waren die Mädchen der 6. Klasse, die sich nun, ihre Tasche schleppend, einen Weg in Richtung Eingang bahnten. Hier gab es ein freudiges Wiedersehen. „Hallo Carlotta! Mann, siehst du braungebrannt aus!“ Jenny betrachtete anerkennend und ein wenig neidisch Carlottas bräunliche Färbung. „Wo warst du in den Ferien?“ Carlotta grinste. „In Spanien. Ich habe Verwandte dort.“ Auch die anderen Mädchen hatten sich viel zu erzählen. „Mein Gott, Bobby!“, ließ sich jetzt Claudines Stimme vernehmen, während sie entsetzt auf Bobbys Nase starrte. „Du hast doch tatsächlich noch ein paar Sommersprossen mehr bekommen. Wenn das so weiter geht, siehst du noch aus wie ein Streuseltorte!“ Bobby lachte. „Du meinst wohl Streuselkuchen?“ Claudine verzog das Gesicht. Sie war -genau wie Mamsell, schließlich war sie ihre Nichte- aus Frankreich. Daher war sie es gewohnt, wegen ihrer französischen Aussprache gehänselt zu werden. Claudine schaute sich um und brach schließlich in schallendes Gelächter aus. Ihre Freundinnen lachten erleichtert mit, sie wollten nicht schon am ersten Tag miteinander streiten.

Nach ein paar Tagen herrschte wieder der Alltag in Lindenhof. Die Mädchen bewohnten ihre eigenen Arbeitsräume, die sie nach ihrem Geschmack einrichten durften. Bei vielen blieb die Aufteilung wie im Jahr davor, doch da einige Schülerinnen (wie Angela) gegangen waren, musste man manche Räume neu aufteilen. Hanni und Nanni blieben zusammen, ebenso Carla und Marianne und Bobby und Jenny. Elli und ihre neu gewonnene Freundin Andrea bewohnten ein Zimmer, Hilda wollte nicht auf Ann verzichten und Lilo versuchte es mit Erika.
Eines Tages kam es zum Streit zwischen Carlotta und Claudine. Es war ein neuer Zirkus in der Stadt und Carlotta hatte zwei Karten für sich und Claudine geholt. Allerdings hatte Claudine zwei Karten für einen französischen Naturfilm besorgt, der am gleichen Abend lief. Als Carlotta dann feierlich erzählte was für super Karten sie besorgt hatte, war Claudine begeistert. Doch dann wurde sie stutzig und fragte wann denn die Vorstellung sein würde. Carlotta sagte es und Claudine erklärte sauer, dass sie schon Kinoplätze am gleichen Tag reserviert hatte. Carlotta und Claudine blieben natürlich bei ihrer Meinung und weil beide eigensinnig waren, schmollten sie. Ihre Freundinnen litten sehr unter dem Streit. Man durfte nur zu zweit in die Stadt, da aber die Mädchen nicht mehr miteinander redeten, musste eine Freundin einspringen. Diese hatte es sehr schwer, denn man benutzte sie wie einen Preis den man weitergeben kann. Hatte Carlotta am Montag mit Lilo einen Spaziergang gemacht, ging Claudine am Dienstag mit ihr in die Stadt. Es war zum Verzweifeln!
Doch die Klasse machte da nicht mehr länger mit. Sie stellte die Mädchen zur Rede. „Ihr benehmt euch wie Kleinkinder!“, sagte Hilda. „Wegen eines kleinen Streites redet ihr nicht mehr miteinander. Meinetwegen tut das, aber lasst uns aus den Spiel. OK?“ Die Anderen nickten zustimmend. „Außerdem, habt ihr schon mal daran gedacht, eine Lösung zu finden die für euch beide gut ist?“, fragte Ann. „Ihr hättet doch einen Tag später ins Kino gehen können, oder ihr hättet eine frühere Vorstellung genommen, damit ihr danach ins Kino gehen könnt.“ Die beiden Freundinnen schauten sich verlegen an. „Es tut mir leid, Claudine.“, sagte Carlotta. „Ich war so eigensinnig. Verzeihst du mir?“ Claudine lächelte. „Natürlich, Carlotta.“ Und beide Mädchen umarmten sich. Die Klasse atmete auf. Hoffentlich war dieses Problem jetzt gelöst!

So vergingen die Wochen und die Zeit des Abschiednehmens kam immer näher. Schließlich war der letzte Tag gekommen und die Mädchen mussten sich voneinander verabschieden. Ann hatte einen Fotoapparat mitgebracht und schoss von allen noch ein paar Fotos als Andenken. Sie versprach jedem eine Kopie zu schicken.
Hilda hatte plötzlich die tolle Idee, ein Klassentreffen in einem Jahr zu veranstalten. Da fiel allen der Abschied etwas leichter. Frau Theobald hatte für alle Schülerinnen eine Fotomappe mit vielen Fotos von Lindenhof und den Lehrerinnen dabei. Die verschenkte sie und gratulierte allen. Die Freundinnen konnten nicht anders, sie rannten auf Frau Theobald zu und umarmten sie. Dann drückte jede von ihnen noch einmal ihre beste Freundin, wünschte viel Glück für die Zukunft und fuhr schließlich, heftig mit Taschentüchern winkend, davon.

Die Jahre vergingen und die Mädchen wurden zu schönen Frauen. Inzwischen hatte jede von ihnen einen guten Job und eine Familie. Alle freuten sich auf das Klassentreffen, das in dem Esssahl der Schule stattfinden sollte. Endlich war es soweit, der lang ersehnte Tag des Wiedersehens war da.
Mit klopfenden Herzen fuhren die Freundinnen nach Lindenhof. Vor dem Eingang warteten schon einige. Als schließlich alle da waren, erzählten sich die Frauen von ihrem Leben. „Mein größter Wunsch ist wahr geworden, denn ich bin Leiterin eines Schönheitssalons.“, erklärte Elli. „Mein Verlobter ist Model und meine kleine Tochter Nadja ist auf einer Kunstakademie.“ Während sie erzählte zeigte sie Fotos ihrer Familie. Alle bewunderten Elli und sie genoss es sichtlich im Mittelpunkt zu stehen. „Wir sind hier in Lindenhof Lehrerinnen geworden.“, meinten Hanni und Nanni lächelnd. „Unsere Männer wohnen zu Hause und kümmern sich um unsere Töchter.“ Und mit einem Seitenblick auf ihre Freundinnen fügten sie kichernd hinzu: „Sie sind Zwillinge genau wie wir.“ Bobby und Jenny besaßen einen kleinen Scherzartikelladen in der Stadt, Marianne und Carla waren berühmte Sporttrainerinnen geworden und Ann und Hilda leiteten sogar ein eigenes Unternehmen und in ihrer Freizeit setzten sie sich für Hungersnöte und Tierquälerei ein. Kurz um, die damaligen Mädchen hatten ihre Traumjobs erreicht und waren glücklich.

Am späten Abend war das Treffen vorbei und die Freundinnen fuhren nach Hause. Und eines war sicher: Jede einzelne von ihnen würde ihre Zeit in Lindenhof nie vergessen…