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Hanni und Nanni mitten im Chaos [3]

„Ob wir wohl viele Neue bekommen?“ Nanni sah ihre Zwillingsschwester Hanni fragend an. Sie saßen im Zug, es war der 1. Schultag und sie fuhren gemeinsam nach Lindenhof. „Ja eine.“, beantwortete Carlotta Nannis Frage anstelle von Hanni. „Aber sie kommt erst eine Woche später, da sie Grippe hat.“ , klärte Ann sie auf. „Sie soll merkwürdig sein, so …“ Bobby suchte nach den Worten. „Streberhaft?“, fragte Jenny. „Ja genau, das meinte ich.“ „Das musst du gerade sagen.“, lachte Marianne. „Sie wird schon nicht beißen.“, sagte Hilda um sich und den anderen Mut zu machen. „Nein, nur kratzen!“, meinte Lilo lachend. Und ihre Freundinnen stimmten ein.
In Lindenhof angekommen, packten sie laut schwatzend aus. Es war herrlich wieder beisammen zu sein!

Schon nach zwei Tagen herrschte wieder der Alltag in Lindenhof. Jeder wusste was wo zu tun war.
Nach einer Woche kam auch die Neue – Erika. Sie war wirklich eine schreckliche Streberin. „Und dann habe ich den Junioren-Nobelpreis für Physik bekommen.“, ließ sich auch jetzt Erikas Stimme vernehmen. „Bessser es wäre der Preis für Angeberei gewesen, darin bist du nämlich super.“ Carla drehte genervt mit den Augen. „Nicht nur einfach ein Preis.“, sagte Erika kurz angebunden. „Es war der Junioren-Nobelpreis!“ „Hoffnungslos.“ Bobby stöhnte heftig. Dann stand sie auf und stellte das Radio lauter, damit es Erikas Gesülze übertönt.

Eines Tages versammelte sich die Klasse im Gemeinschaftsraum. Erika war nicht anwesend. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder in ihr Zimmer verkrochen und las eines dieser langweiligen Bücher. Alle waren sich einig, Erikas Eitelkeit musste bestraft werden! Da hatte Bobby eine Idee: „Ich habe gestern einen lebensechten Tintenfleck bekommen. Wie wär’s? Wollen wir ihn auf einen von Erikas Aufsätzen legen?“ Ann und Hida wechselten einen Blick miteinander. Als Bobby es sah, fügte sie hinzu: „Es ist doch nur ein Scherz, damit sie lernt, dass sie uns nervt. OK?“ Schließlich waren alle einverstanden. „Bravo“ und „Ja, so machen wir’s“-Rufe waren zu hören.

Schon am nächsten Tag, legte Bobby den Tintenfleck auf Erikas Biologieaufsatz. Sie war sicher, dass Erika es locker hinnehmen würde – aber sie sollte sich täuschen. Als Erika den Klassenraum betrat, bemerkte sie den Fleck noch nicht. Erst als sie nach vorne musste, um den Aufsatz vorzulesen, sah sie ihn. Entsetzt schrie Erika auf: „Mein schöner Aufsatz! Ich habe doch so lange daran gearbeitet. Wie konnte das nur passieren?“ Dann lief sie weinend davon. Die Klasse sah sich entsetzt an – was sollten sie nun tun? Niemand hatte erwartet das Erika so reagieren würde. Schließlich stand Ann auf: „Ich werde gehen. Wartet hier, bis ich zurück komme.“ Zum Schluss wandte sie sich noch kurz der Klasse zu und sagte ziemlich beherrscht: „Ich habe euch ja gesagt, dass das keine gute Idee ist. Aber ihr wolltet nicht auf mich hören. Das habt ihr nun davon!“ Mit diesen Worten verließ sie hoheitsvoll den Raum und knallte hinter sich die Tür zu. Die Anderen zuckten zusammen. So sauer hatten sie Ann noch nie erlebt.
Ann fand Erika schließlich im Gemeinschaftsraum. Sie lag zusammengerollt auf einem der Stühle. Vorsichtig ging Ann auf sie zu: „Hey Erika, was ist denn los?“ Erika sah sie wütend an: „Du hast ja keine Ahnung, wie es ist jeden Tag doppelt soviel arbeiten zu müssen wie die Anderen. Es ist schrecklich! Du kannst nie etwas unternehmen, nein, du musst immer nur oben sitzen und lernen.“ Nun brach Erika in Tränen aus und sagte mit schwacher Stimme: „Es tut mir leid, Ann, ich habe es nicht so gemeint. Verzeih mir bitte!“ Ann legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter: „Schon okay, Erika. Aber warum musst du denn immer lernen? Niemand zwingt dich dazu.“ Erika putzte sich noch einmal gründlich die Nase, bevor sie weitersprach: „Weisst du, ich habe ein Stipendium für dieses Internat gewonnen. Dadurch muss ich auch so viel lernen. Ich beneide dich, Ann! Du hast die Zeit, um das zu tun was du willst.“ Sie machte einen kleine Pause bevor sie ernst weitersprach: „Ich bin wohl ziemlich unbeliebt, oder?“ Erika zwang sich zu einen Lächeln. „Das kann ich verstehen. Schließlich habe ich mich ziemlich komisch verhalten.“ Erika sah Ann forschend an: „Bobby hat mir den Tintenfleck auf’s Heft gelegt. Stimmt’s?“ Ann überlegte lange, ehe sie ehrlich zugab: „Ja. Aber ich bin sicher, sie hat es nicht so gemeint.“ Erika nickte. Sie hatte verstanden. „Ich will mich ändern, Ann, wirklich. Ich war ja so dumm! Ich habe doch im Ernst geglaubt, ihr würdet mich nur mögen, wenn ich klug bin. Aber ich habe meine Lektion gelernt.“ Erika musste lächeln und Ann zwinkerte ihr aufmunternd zu.

Als sie den Klassenraum betraten, wurden sie stürmich begrüßt. Alle wollten sich bei Ann und Erika entschuldigen. Schließlich waren alle Probleme gelöst und es wurde doch noch ein schöner Tag.
Langsam fanden sich die Mädchen zu Freundinnen zusammen. Das mussten sie auch, denn ab der 5. Klasse teilten sich je zwei Mädchen ein eigenes Arbeitszimmer. Bei manchen ‚Paaren‘ war die Aufteilung schon klar, wie zum Beispiel bei Bobby und Jenny, oder Marianne und Carla. Aber nicht alle waren sich so einig. Es blieben noch Claudine, Elli, Angela, Carlotta, Bettina, Lilo, Erika, Ann und Hilda übrig. Aber auch dieses Problem wurde leicht gelöst. Carlotta wollte sich ein Zimmer mit Claudine teilen und Elli wollte nicht auf Angela verzichten. Schließlich wollte Bettina es noch mit Erika versuchen. Blieb nur noch die Frage: Was wird mit den drei letzten Mädchen? Diese Frage war ein wirklich großes Problem, so gingen Ann und Hilda damit zu Frau Theobald. Diese wusste zuerst auch keinen Ausweg, bis ihr eine Idee kam.

Am nächsten Tag wurde die Klassensprecherin gewählt. Bis jetzt war es immer Hilda gewesen, aber sie wollte gern mit Ann in ein Zimmer. Das ist eigentlich kein Problem, wenn man nur bedenkt, dass die Klassensprecherin ein eigenes Zimmer hat. Also blieb noch Lilo übrig. Sie war eigentlich ganz beliebt. Also musste abgestimmt werden. „Ich bin dafür, dass Lilo Klassensprecherin wird!“, sagte Ann. Sie war für das Thema verantwortlich und sollte später der Direktorin mitteilen, ob Lilo nun Klassensprecherin ist, oder nicht. „Warum auch nicht?“, meldete sich Hilda zu Wort. „Wer dafür ist, hebe die Hand!“ Allmählich erhoben sich alle Hände. Also war es beschlossen, Lilo war Vertrauensschülerin geworden.
Es wurde heftig an die Tür von Frau Theobald geklopft. Eine tiefe Stimme rief „Herein“ und die Tür öffnete sich. Als die erstaunte Direktorin aufblickte, sah sie Ann, die mit rotem Kopf ins Zimmer gestürmt kam. „Stellen Sie sich vor, Ihre Idee hat geklappt!“, rief sie ganz aufgeregt. „Ist das ein Grund mir die halbe Tür einzuschlagen und hier so rumzubrüllen?“, erkundigte sich die Direktorin ernst. „Es tut mir Leid, Frau Theobald. Aber ich bin so aufgeregt.“, erwiderte das Mädchen mit strahlenden Augen. Frau Theobald schenkte ihr ihr seltendes Lächeln und Ann wusste, dass die Direktorin genauso glücklich war, wie sie selbst. Ann unterhielt sich noch eine Weile mit ihr, ehe sie vollkommen zufrieden das Zimmer verließ.

Die Tage verflogen nur so und nichts Aufregendes passierte. Bis Lilo eines Tages eine Versammlung einberief, die für großen Wirbel sorgte. Lilo wollte nämlich einen Klub gründen, in den nur kluge und schöne Mädchen dürfen. Das regte die Mädchen natürlich auf! Vor allem den Schülerinnen der 5.Klasse gefiel das überhaupt nicht. Nicht weil sie häßlich und dumm waren, nein, sie fanden es ungerecht gegenüber Mädchen die dies waren. Noch am gleichen Tag stellte die Klasse Lilo zur Rede.
„Es tut mir leid, wenn ich euch verärgert habe.“, sagte Lilo, nachdem sie sich die Anschuldigungen angehört hatte. „Aber Tina sagte mir, dass diese Schule so einen Klub brauchen würde. Ich dachte sie habe Recht.“ „Tina? Ist das nicht diese Eisprinzessin aus der 6.Klasse?“ Bobby versuchte sich an die kurze Begegnung, die sie und Tina hatten, zu erinnern. „Dann ist mir jetzt einiges klar.“ Sie wandte sich der verwunderten Klasse zu. „Als ich einmal von einem Besuch in der Stadt zurückkam, bin ich mit ihr zusammengestoßen. Sie schien ziemlich eingebildet zu sein, soweit ich mich erinnern kann!“ „Aber Lilo, warum hörst du denn auf eine wie Tina?“ Carlotta schaute sie fragend an. „Nun, alles fing so an…“ Die Klasse hörte gespannt zu, wie Lilo die ungewöhnliche Geschichte erzählte. „Also ist doch eigentlich nur Tina Schuld.“, meinte Claudine, als Lilo zu Ende erzählt hatte. „Nein, nicht ganz.“ Hilda überlegte. „Wenn Lilo nicht gehört hätte, wie Tina und Lilly sich unterhalten, wäre es vielleicht ganz anders gekommen. Überlegt doch mal, vielleicht hat Tina mit reiner Absicht so laut geredet, damit Lilo es hört.“ „Ja, warscheinlich hast du Recht, Hilda.“, sagte Lilo nachdenklich. „Ich hätte nicht auf sie hören sollen. Wollen wir nun einen Klub gründen? Aber was für einen?“ Das war eine schwierige Frage und es wurde noch viel darüber nachgedacht. Schließlich hatte gerade die schüchterne Carla die Idee. „Wie wäre es, wenn wir eine eigene Schulzeitung eröffnen?“ Die Klasse war sofort begeistert.

Am nächsten Tag wurde alles noch einmal genau besprochen. „Wir könnten es so machen: Erika, du kannst die Gedichte und Geschichten schreiben. Marianne und Carla, ihr seid für die Sportseite zuständig und Jenny, Bobby, Carlotta, Claudine und die Zwillinge, ihr seid die rasenden Reporter. Der Rest kann für die Vermischtenseite Artikel schreiben. Habe ich noch etwas vergessen?“ Ann dachte noch einmal nach. Nein, sie hatte an alles gedacht. „Und wer wird die Leiterin, die sich um alles kümmert?“ Schweigen. Kein Mädchen wollte reden. Sie hatten Angst, das betreffende Mädchen könnte sich bevorteilt fühlen. Also sagte niemand auch nur ein Wort. Schließlich meldete sich Ann. „Da keine von uns reden will, schlage ich vor wir stimmen schriftlich ab. Jede von uns schreibt ihren Vorschlag auf einen Zettel und dann wird ausgezählt. OK?“ Das klang schon besser. Die Klasse war einverstanden. Schließlich war klar: Ann und Hilda waren die Leiterinnen. So, nun war alles geklärt!
Die Schulzeitung sorgte noch für großen Wirbel. Vor allem die rasenden Reporter wurden den übrigen Schülerinnen lästig. Sie fanden alle Geheimnisse heraus und bedrängten die Befragten so sehr, dass sie schließlich immer alles zugaben. Hilda und Ann mussten sehr darunter leiden. Da sie die Leiterinnen waren, bekamen sie die Wut ab. Bis sie eines Tages zu ‚ihren‘ rasenden Reportern gingen und sich beschwerten. Diese stritten alles ab, doch mit Hildas Geduld und Anns Ruhe schafften sie es schließlich doch noch, die Reporter zur Vernunft zu bringen. Und von da an war die Schülerzeitung sehr beliebt.

„Kaum zu glauben, dass heute schon Ferien sind.“ sagte Bettina eines Tages zu Erika. „Ja, das Schuljahr ist schnell vergangen.“, meinte auch Ann. „Haben wir nicht ein tolles Schuljahr gehabt? Wie viele Streiche wir hatten. Und wisst ihr noch,  was mit der Schülerzeitung zum Anfang war?“ Bobby konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die ganze Klasse erinnerte sich an die guten, aber auch schlechten Zeiten in Lindenhof. Ach, wie gern sie Lindenhof hatten! Und alle freuten sich schon auf das nächste Schuljahr. Was es ihnen wohl bringen mag?