Seite wählen

Hanni und Nanni bekommen neue Freunde [1]

Die letzte Ferienwoche verging wie im Flug, und Hanni und Nanni kehrten bald in ihr geliebtes Internat Lindenhof zurück. „Wo ist nur mein Französischbuch?“ Hanni durchwühlte alle Schubladen. Am letzten Tag ging es immer drunter und drüber bei Sullivans zu Hause. „Und ich suche schon den ganzen Tag meine Turnsachen!“ Nanni schien verzweifelt. „Mutti, hast du nicht mein Turnzeug gesehen?“ Ellen Sullivan lächelte über den Eifer ihrer Töchter. Sie wusste, wie sehr sie sich auf Lindenhof freuten.
„Man könnte ja fast denken, ihr wollt hier unbedingt weg.“, sagte Herr Sullivan über den Rand seiner Zeitung. „Nein Papa“, sagten die Zwillinge wie aus einem Munde. „Nur, wir vermissen unsere Freunde und Mamsell sehr.“ Sie lächelten wenn sie daran dachten. Mamsell, die Französischlehrerin, war bei allen beliebt. Sie war zwar etwas mürrisch, aber sie hatte Sinn für Humor. „Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass es Mademoiselle und nicht Mamsell heißt?“ „Aber Mama, versteh‘ doch“, mischte sich Nanni ein, „niemand in Lindenhof nennt sie so. Sie ist und bleibt nun mal unsere Mamsell.“ „Ich geb’s auf! Aber beeilt euch jetzt, sonst kommt ihr noch zu spät.“ Hanni und Nanni holten sofort ihre Sachen. Sie wollten auf keinen Fall den Zug verpassen.

Am Bahnhof ging das Gerede dann weiter. Es war furchtbar laut. Eltern verabschiedeten sich, Freunde wurden begrüßt und Lehrerinnen hakten Namen ab. Da kam auch schon Frau Jenks, die zukünftige Lehrerin der Zwillinge. Sie begrüßte sie herzlich. „Hallo Hanni, hallo Nanni, hattet ihr schöne Ferien?“ Die Mädchen nickten fröhlich. Sie verehrten die sportliche Lehrerin. Aber sie wurden abgelenkt, ihre Freunde trafen ein.
Nun gab es ein freudiges Wiedersehen. „Hallo Jenny, haben dir deine Brüder wieder ein paar Scherzartikel geschickt?“ „Abwarten“, sagte Jenny geheimnisvoll. Und ihre Augen blitzten. Auch Carlotta und Bobby waren bereits gekommen. Sie hakten sich bei den Zwillingen unter. „Wo sind denn Hilda, Carla, Marianne und Elli?“ Fragte Bobby. Bobby, die eigentlich Roberta hieß, schaute sich neugierig um. „Sie sind schon im Zug“, sagte Carlotta und zeigte auf ein Abteil. Frau Jenks unterbrach sie. „Beeilt euch. Der Zug fährt gleich ab.“ Ein letztes Mal wurde mit Taschentüchern gewunken. Dann fuhr der Zug in Richtung Lindenhof.

Während der Fahrt wurde weiter geredet. „Sind denn ein paar Neue angekommen?“, fragte Nanni. „Ja, eine. Sie sitzt da drüben. Sie heißt Lilo Hamann und schaut immer mürrisch drein.“ Hilda deutete auf ein großes, dünnes Mädchen mit kurzen, dunkelblonden Haaren. Wie Hilda gesagt hatte, sah das Mädchen wirklich ziemlich mürrisch aus. Wenn man sie sah glaubte man kaum, dass sie nur in die 3. Klasse ging. Sie sah wie 14 oder 15 aus. „Wieso müssen wir diesmal dieses Unglücksmädchen in unserer Klasse haben?“ Bobby sagte, wie immer, genau das was sie dachte. „Vielleicht hat sie Heimweh“, sagte Hilda, die dafür bekannt war, dass sie immer einen Ausweg suchte. Damit war das Gespräch zu Ende. Es waren nur noch einige Minuten Fahrt und jedes Mädchen ging seinen Gedanken nach.
Endlich war es soweit, vor ihnen lag Lindenhof. Nachdem alle Sachen ausgepackt waren, gingen die Zwillinge und ihre Freunde müde zu Bett. Es war ein aufregender Tag gewesen!

Nach zwei Wochen hatten sich alle Schülerinnen eingelebt. Bis auf das Unglücksmädchen. Nanni hatte versucht mit ihr ins Gespräch zu kommen, Bobby hatte ihr besten getan um sie zum Lachen zu bringen und Carlotta wollte sogar mit ihr in die Stadt gehen. Aber Lilo sonderte sich ab und niemand beachtete sie mehr.

Doch nach drei Wochen passierte etwas Erstaunliches: Noch eine Neue kam. Ihr Name war Ann Fabian, und sie ging auch in die 3. Klasse. Ann wurde sehr beliebt. Sie hatte viele Freunde, aber am liebsten waren ihr Hanni und Nanni, Carlotta, Hilda, Bobby und Jenny.
Eines Tages traf sich Ann mit ihren Freunden im Gemeinschaftsraum, sie hatte etwas Wichtiges zu sagen. „Hört mal“, begann sie das Gespräch. „Ich muss euch einiges von mir erzählen.“ Alle lauschten, als Ann unbeirrt fortfuhr. „Mein Vater ist ein berühmter Maler. Er ist fast täglich unterwegs, um Geld für uns zu beschaffen. Nachdem meine Mutter gestorben ist, stand mein Vater allein mit mir da. Aber da er häufig unterwegs ist, schickte er mich in dieses Internat.“ Ihre Freunde waren sprachlos. Das waren ja Neuigkeiten! Da brach Jenny das Schweigen: „Aber Ann, warum hast du uns das nicht schon früher gesagt? Wir hatten ja keine Ahnung, dass du so berühmt bist.“ Die Anderen nickten zustimmend. „Ich konnte nicht. Ich habe der Direktorin versprochen, es geheim zu halten. Sonst hättet ihr mich doch nur bewundert und sie will nicht, dass ihr dann eifersüchtig seid.“ Hilda verstand es zuerst. „Du hast Recht, stell dir nur mal Elli vor, wenn sie erfährt dass dein Vater berühmt ist. Sie würde dich verehren.“ Alle lachten. Elli fand immer eine Person, die sie nachahmen konnte. „Aber im Ernst‚ du sagtest doch, du wolltest uns etwas Wichtiges sagen.“ Carlotta schaute Ann fragend an. Die haute sich an die Stirn. „Das hätte ich ja fast vergessen. Vielleicht wisst ihr es schon, aber ich bin nur noch dieses Schuljahr hier. Mein Vater hat sich die rechte Hand verstaucht, deshalb muss ich mich um ihn kümmern. Aber wenn ich schon gehen muss, dann richtig. Ich werde eine Abschiedsparty machen!“ Ann lächelte traurig. Die Anderen bestürmten sie. Sie freuten sich auf die Party, andererseits wollten sie nicht dass Ann geht. Hanni dachte nach. Es musste doch einen Weg geben, Ann hier zu behalten!

Anns Abschied verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Lindenhof. Alle hofften, dass Ann doch bleiben konnte.
Eines Tages klopfte es an der Tür der Direktorin. Eine tiefe Stimme rief „Herein“. Als sich die Tür öffnete, sah die erstaunte Direktorin – Hanna Sullivan. Sie schloss die Tür und begann die Rede zu halten, die sie sich zurechtgelegt hatte. „Frau Theobald, ich wollte sie bitten Ann Fabian hier zu behalten. Sie ist eine meiner besten Freundinnen und ich kann nicht zulassen, dass sie geht!“ Hanni hatte bei dem letzten Satz Tränen in den Augen. Die Gefühle, die sie bis jetzt verdrängt hatte, kamen auf einmal hoch. Frau Theobald beobachtete das trotzige Mädchen innig, dann begann sie zu lächeln. Sie hatte geahnt, dass das passieren würde. Und eigentlich dachte sie genauso. „Hanni“, wandte sie sich nun an das weinende Mädchen, „ich bin sehr stolz auf dich. Du hast den Mut gehabt, genau das zu sagen was viele hier dachten. Und du hast Recht, ich werde heute noch mit ihrem Vater reden. Wenn er einverstanden ist, kann Ann bleiben.“ Hanni war überglücklich. „Oh, ich danke ihnen Frau Theobald.“, stammelte sie noch ganz beklommen, dann verließ Hanni das Zimmer.

Ich muss es sofort Ann sagen, dachte sie, während sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter rannte. Dort angekommen, düste sie zu Nanni und zerrte sie mit zu Ann. Noch ganz außer Atem begann sie: „Ann, stell dir vor, du darfst bleiben!“ Die Übrigen im Raum verstummten. Sie starrten Ann an. Ann hatte immer noch ganz glänzende Augen. Überglücklich umarmte sie zuerst Hanni und dann die Übrigen im Raum. Sogar Lilo. „Aber du feierst doch trotzdem ein Fest, oder?“ Nanni liebte Mitternachtsfeste. Die anderen waren sofort Feuer und Flamme. Nur blieben die Fragen offen: Wo sollte es sein? Wann? Und vor allem mit wem? Aber, wie so oft im Leben, kam alles anders.

Der Musikraum musste geschlossen werden, da der Boden dort an einigen Stellen aufgerissen war. Als die Schülerinnen davon erfuhren, jubelten sie auf. Da war doch der Platz zum Feierm! In der Pause versammelte sich Ann mit der Klasse. Es wurde viel geredet, doch zum Schluss stand fest: Das Mitternachtsfest würde um 23 Uhr im Musikzimmer stattfinden. Blieb nur noch die Frage, wer eingeladen wird. „Auf jeden Fall unsere Schülerinnen – außer Lilo.“, antwortete Carla. „Aber das wäre doch ungerecht!“, rief Ann. Sie hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Also wurde auch Lilo eingeladen.
Am Abend stellte Ann ihren Wecker auf Punkt 23 Uhr. Am Tag zuvor hatte sie Getränke und Essen bestellt. Als der Wecker piepte, zog Ann ihren Mantel und Hausschuhe an, und
weckte dann alle. Laut schwatzend gingen die Mädchen zum Musikzimmer. Nachdem Ann eine kleine Dankesrede gehalten hatte, ging es endlich ans Essen. Was für Leckerbissen da zu Tage gebracht wurden! Es war ein reiner Augenschmaus. Da gab es: Ölsardinen, Ananasscheiben, belegte Brote und als krönender Abschluss eine riesige Torte mit Kerzen. Allen schien es zu schmecken. Es wurde gelacht und geschwatzt. Als dann auch der letzte Tropfen Limo ausgetrunken war, war klar: Das Fest war zu Ende! Glücklich, dass alles so gut gelaufen, war räumten sie die Essensreste weg. Und im Schlafsaal träumten sie dann vom morgigen Tag. Was er ihnen wohl bringen wird?

Am nächsten Morgen erwachten alle sehr spät. Ein Mädchen hatte sich nur Gutes vorgenommen – es war Lilo. Sie war voll guter Vorsätze, als sie zum Klassenzimmer ging.

Die Ferien rückten immer näher. Es wurden nur noch wenige Klassenarbeiten geschrieben. Da passierte etwas: Lilo bekam schreckliche Bauchschmerzen und klagte auch über Kopfschmerzen. Sie wurde sofort zur Hausmutter geschickt. Die erkannte sofort: Lilo hatte hohes Fieber und eine Blinddarmentzündung. Keine durfte zu ihr.
Eines Tages wurde Ann aus dem Unterricht gerufen. Sie sollte zu Lilo gehen. Die Hausmutter hatte es verlangt, da Lilo Kummer hatte. Und die Hausmutter dachte, dass Lilo sich Ann anvertrauen wollte. So ging Ann zur Krankenstation und klopfte an die Tür. Die Hausmutter öffnete. „Aber sei vorsichtig! Lilo darf sich nicht überanstrengen.“, sagte sie zum Abschluss, dann ging sie. Lilo lag in einem der drei Betten im Raum. Ann setzte sich auf ihre Bettdecke und schaute sie aus ihren offenen Augen an. Als Lilo sie sah, wurde ihr warm ums Herz. Was für ein nettes und offenes Mädchen Ann doch ist! Lilo nahm all ihren Mut zusammen und erzählte. „Du bist wirklich nett zu mir, Ann. Du hast mir immer geholfen, wo die anderen mich nicht haben wollten. Dafür bin ich dir sehr dankbar. Aber wenn die anderen wüssten, wieso ich immer so traurig bin, würden sie mich in Ruhe lassen.“ Lilo konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ann sah sie mitfühlend an. „Willst du mir nicht erzählen, was dir auf dem Herzen liegt?“, fragte sie, und strich ihr über das blasse Gesicht. Lilo nahm ein Taschentuch und schnaubte, dann erzählte sie weiter. „Ich weiß, sie nennen mich das ‚Unglücksmädchen‘, aber ich bin zu Grund so traurig. Ich habe es noch nie jemandem erzählt, aber meine Eltern sind schon seit zwei Jahren geschieden. Und nun ist meine Mutter furchtbar krank geworden. Vielleicht stirbt sie sogar, denn meine Mutter brauch einen Nierenspender. Der einzige der helfen könnte, ist mein Vater, aber der hat schon wieder eine Neue und will nicht helfen. Hoffentlich stirbt sie jetzt nicht!“ Lilo weinte nun bitterlich. Es war eine sehr lange Rede für Lilo gewesen, aber sie hatte mit so viel Gefühl gesprochen, dass Ann gerührt war. Sie nahm Lilos heiße Hand in ihre. „Ich bin sehr stolz auf dich“, sagte sie und schaute Lilo tief in die Augen. „Und ich glaube fest daran, dass deine Mutter einen Spender findet.“ Lilo schaute Ann dankbar an. Da steckte die Hausmutter den Kopf zur Tür herein. „Ann, du musst jetzt gehen. Die zehn Minuten sind um und Lilo braucht noch etwas Ruhe.“ Als Ann aufstand, erhob Lilo Einspruch. „Darf sie nicht noch ein wenig bleiben? Es ist sehr wichtig für mich.“ Die Hausmutter sah Lilo durchdringend an. Wie verändert sie aussieht. So fröhlich! „Na gut. Aber beeile dich ein wenig, Ann.“ Und weg war sie.
Nun wandte Lilo sich wieder Ann zu. „Ich wollte dich noch etwas sehr Wichtiges fragen. Willst du meine Freundin sein? Ich würde mich sehr freuen, denn ich brauche eine so gute Freundin wie dich, um mich zu bessern.“ Ann schaute Lilo überrascht an. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie überlegte eine Minute, dann sagte sie zu Lilo: „Gern. Aber du musst mir etwas versprechen!“ Als Lilo sie erschrocken ansah, fuhr sie fort: „Du musst mir sofort berichten, wenn es deiner Mutter besser geht. Ja?“ Als Lilo das hörte, fing sie an zu lachen. Das erste Mal in diesem Internat. Ach, wie schön war es doch, eine so gute Freundin zu haben!

Ann schloss leise die Tür von Lilos Zimmer. Sie war schon längst eingeschlafen.
Als Ann zum Abendbrot kam, bestürmten sie ihre Klassenkameradinnen und Freunde. Sie wollten wissen, was Lilo gesagt hatte. Ann antwortete: „Ist doch egal. Aber nun habt ihr noch eine Freundin mehr!“ Das verstanden ihre Freunde nun überhaupt nicht. Meinte Ann etwa Lilo? Viele grübelten noch, nur Carlotta kicherte. Sie ahnte, was Ann meinte.

Nach einer Woche war Lilo auch wieder gesund und konnte zur Schule gehen. Dort wurde sie herzlich begrüßt. Lilo hatte sich wirklich geändert. Nun war sie freundlich, tolerant und für jeden Spaß zu haben. Aber was alle erstaunte, war: Ann und Lilo waren nun dauernd zusammen. „Na, da haben sich ja zwei gesucht und gefunden“, lachte Bobby. Und die anderen der Klasse gaben ihr Recht.

„Heute ist schon der letzte Schultag“, seufzte Hanni eines Tages. „Ja“, bestätigte Nanni. „Morgen sind schon Ferien. Wie schnell die Zeit vergangen ist!“ Die Anderen nickten zustimmend.
Der letzte Tag war immer ziemlich hektisch. Die Mädchen rannten durch die Schule, holten ihre Koffer und verabschiedeten sich von ihren Freunden. Bald war die Schule leer. Die Schülerinnen von Lindenhof fuhren nach Hause. Manche mit dem Auto, manche mit der Bahn.

Lilo war glücklich. Sie durfte die Ferien bei Ann verbringen und ihre Mutter besuchen. Ann war auch in Gedanken. Auf einmal drehte sie sich zur Schule um und rief: „Leb wohl, Lindenhof! Ich freue mich wieder hier zu sein!“ Und nicht nur sie dachte so, alle Schülerinnen der Schule dachten das Gleiche.