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Auf der Suche nach dem Sternenkind

Der Ort in der Natur ist ein kleiner Trampelpfad aus brauner Erde inmitten einer grünen, üppigen Wiese, auf der sich Schmetterlinge tummeln. Die Sonne steht hoch und blendet mich, aber auf eine angenehme Art und Weise – es ist, als ob ich völlig von Licht und Wärme erfüllt wäre. Ich gehe weiter auf einen Nadelwald zu, auf dem Boden sehe ich hier und da abgefallene Zapfen oder Nadeln. Hier sehe ich das Tier zum ersten Mal aufblitzen: Es ist ein Eichhörnchen, aber eine ungewöhnliche Mischung aus einheimischem Eurasischen Eichhörnchen (ich erkenne die buschigen Ohrspitzen) und Grauhörnchen (eher grau-blaue Färbung). Es ist wieder im Gestrüpp verschwunden.
Dann kommt die Blutspur und ich erkenne, dass es das verletzte Eichhörnchen ist. Ich kann sehen, dass es aus zwei Wunden blutet. Die erste, imposantere, ist eine Schnittwunde am rechten „Zeigefinger“. Es hält sogar seine Pfote so, als ob sie ihm wehtäte. Die zweite, unauffälligere Wunde ist ein Loch oberhalb des rechten Schulterblatts. Auch hier ist es nach einem Wimpernschlag verschwunden. Ich folge der Blutspur durch den Wald auf der Suche nach dem Eichhörnchen. Der Wald lichtet sich, bis er vor einem Berg endet. Die Sonne ist inzwischen verschwunden und Nebel zieht auf. Ich spüre ein Frösteln.

Ich erkenne einen steinigen Pfad nach oben, als würde ein unsichtbarer Wind ihn mir vor die Füße wehen. Alles, was weiter als eine Armlänge entfernt ist, ist im dichten Nebel verschwunden. Ich steige den Pfad hinauf. Alles ist grau. Ich weiß nicht, wie lange ich so gehe. Zeit hat hier keine Bedeutung. Aber ich spüre eine Steigung und meine Füße werden schwer.

Irgendwann durchbreche ich die Nebelwand und sehe den See vor mir. Er ist türkisblau, wie an einem exotischen Strand. Das Licht und die Wärme vom Anfang kehren zurück. Kaum haben sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt, sehe ich das Eichhörnchen, das mir vom Rand des Sees zuwinkt. Dann taucht es mit einem Kopfsprung ins Wasser. Ich wundere mich noch über diese menschlichen Gesten, bis mir dämmert, dass Eichhörnchen nicht schwimmen können. Ist es tot? Ich sprinte zum See und gerate außer Atem. Kaum habe ich den See erreicht, taucht das Eichhörnchen auf der anderen Seite des Sees wieder auf, lebendig und gesund. Es schüttelt sich wie ein nasser Hund, dreht sich noch einmal um, scheint zu grinsen und hüpft dann fröhlich in den Wald davon.

Voller Ehrfurcht und Hoffnung blicke ich auf den See. Soll ich es auch versuchen? Ich folge dem Beispiel des Eichhörnchens und springe kopfüber in den See, drehe mich dann auf den Rücken und plansche ein wenig herum. Wassertropfen verdampfen um mich herum wie Diamanten oder Kristalle. Es scheint noch heller zu werden. Ich will tauchen.
Plötzlich verwandle ich mich – ich trage jetzt eine leuchtend gelbe historische Taucherrüstung, mit Helm und allem Drum und Dran. Wie ein Stein sinke ich in dem Anzug nach unten, als würde ich mit einem Aufzug fahren. Auf dem Seegrund, der jetzt wie ein Meer aussieht, mit Korallen und einigen Fischen in leuchtenden Farben, gehe ich in meinen dicken Taucherstiefeln vorwärts. Ganz langsam. Ich habe eine Lampe an meinem Anzug und leuchte in die Dunkelheit des Sees. Eine Weile passiert nichts, aber ich habe das Gefühl, dass ich warten muss.

Dann tauchen die Umrisse eines Wesens aus der Dunkelheit auf. Es ist krakenartig mit vielen Tentakeln, die im Wasser schwimmen, und ich WEISS, dass es Leviathan ist. Er ist so gigantisch, dass ich kaum die Größe seiner Pupille habe. Seine Augen sind auf mich gerichtet, aber ich spüre keine Angst. Ich spüre nur sein Alter. Ich weiß, dass er das Unbewusste ist, das Kollektive, aber auch das magische Wissen. Ich frage: „Was kann ich tun?“ Und damit meine ich: Um mich wieder mit dir zu verbinden. Dann blinzelt Leviathan langsam und ich spüre, wie sich meine Hand durch seinen Willen auf sein großes Auge legt. Ich sehe mich von außen und aus meinem Kronenchakra wachsen Lichtpilze wie Antennen oder Geweihe. Durch die Berührung wird mein Bewusstsein nach oben in den Kosmos katapultiert und ich erkenne, dass Leviathan ein Wächter ist, der für solche Reisen zu den Sternen zur Verfügung steht. Er koppelt mich wieder mit dem Oben an.

Ich spüre eine Bewegung an meinem linken Handgelenk und sehe, wie sich einer seiner Tentakel wie ein „Händedruck“ liebevoll um meinen Arm wickelt. Es fühlt sich nicht schleimig oder kalt an, sondern hell wie Sternenlicht. Plötzlich verschiebt sich meine Wahrnehmung und der Tentakel gehört nicht mehr zu Leviathan, sondern zu meinem eigenen nicht-humanoiden inneren Kind, das mich verständnisvoll und glücklich zugleich anlächelt. Dann öffnet sich meine Haut am rechten Schulterblatt (dieselbe Stelle, an der das Eichhörnchen verletzt wurde) und Tentakel wachsen aus meinem Rücken, die wie Unterwasserflügel um mich herum schweben. Ich begreife…

Ich danke dem Wächter, drücke die Hand/Tentakel meines Sternenkindes und werde zurück in den Neoprenanzug gezogen, während sich der Krake in die Dunkelheit des Sees zurückzieht. Langsam fliege ich zurück an die Wasseroberfläche, wo ich das Eichhörnchen imitiere, mich wie ein nasser Hund schüttle und dann lachend den Weg zurücklaufe, den ich gekommen bin.