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Das Isis-Projekt

„Erwürdige Mutter, seid Ihr bereit?“ Pendra, die Leibdienerin der Herrin Nimue, verbeugte sich ehrfürchtig und schlug das Blitz-Zeichen, wobei sie ihren rechten Arm parallel vor der Brust anwinkelte und die Handfläche senkrecht hob, sodass der Eindruck eines Blitzes entstand. Blitz und Donner waren heilig und ihre Nachahmung führte zur Toleranz jedes Naturschauspiels vom Regenbogen bis zum Sonnenaufgang…

Sie befanden sich in der Steinhütte der Projektleiterin und Pendra kündigte soeben die Ankunft der neuen Amazonen an, welche sich dem „Isis-Projekt“ anschließen wollten. Das Isis-Projekt war die weiterführende Form des „Drachensee-Adventures“, des ersten aktiven Nature-Rollenspiels der Welt. Damals war das Projekt wegen mangelhafter Subventionen gestrichen worden und musste aufgelöst werden. Doch die damalige Mitspielerin Nimue hatte es erreicht einen Förderungszuschuss zu erhalten und ein neues, weiterführendes Rollenspiel gegründet: Das Isis-Projekt.
Hier, in einem errichteten Dorf mitten in den Wäldern Kanadas, lebten nun rund fünfzig Frauen matriarchalisch als „Amazonen des Lichts“ und vollführten ihre Pflichten im Einklang mit der Natur und -ganz wichtig- in völliger Abgeschiedenheit. Jede der Amazonen erledigte eine ihr erwählte Pflicht und lebte in einer ihrem Stand entsprechenden Steinhütte mit Dienerinnen. Die Art der Häuser war bei jeder Amazone uniform und unterschied sich jeglich in Kleinigkeiten wie Holzverkleidung oder einer kleinen Treppe. Das Dorf war umgrenzt von einem sechs Meter hohem Holzzaun, welcher durch zwei riesige Tore gegebenenfalls geöffnet werden konnte und dann direkt auf eine von Nadelbäumen umzäunte Lichtung führte. Da sich die Amazonen selbst mit Nahrung und Kleidung versorgten, gab es -außer einem monatlichen Informationsaustausch mit der Sponsorenleitung- keinen Kontakt zur Außenwelt. Die einzige Ausnahme bildete Big Daniel, der Inhaber einer kleinen Poststation in Yellowknife, einer Stadt am Großen Sklavensee, mit dem sich Spielleiterin Nimue einmal monatlich austauschte um nicht vollends den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren und gegebenenfalls durch Tauschhandel Lebensmittel und Stoffe zu erwerben, die aus Materialmangel nicht hergestellt werden konnten.

„Ja, ich komme gleich, Pendra.“ Nimue trat zu dem einfachen Eichentisch vor ihrem Fenster und legte den darauf befindlichen Schmuck an, der sie als Herrin auswies: Dreireihiger Torque, der Silberschlangenreif der Mysterien in Form der ägyptischen Uräusschlange und die silberne Kette mit dem unbehauenem Bergkristall.
Sie schnürte die Kordeln an ihrem dunkelbraunen Ledermieder fest, und zurrte die grasgrüne Bluse in Faltenform zurecht, welche ihre Schultern freiließ. Sie band sich ihren unterarmlangen Spitzdolch mit einem schwarzen Lederkordelband um die schmale Taille, und schnürte sich ihre kniehohen schwarzen Raulederstiefel zu, die beinahe die münzgroßen Löcher in ihrer braunen Lederhose verdeckten, die sich gerade bis zu ihrer Hüfte schlängelten und an den freien Stellen ihre nackten Beine durchblitzen ließen. Nachdem sie ihre goldenen, reich verzierten Gypsy-Ohrringe in lateinamerikanischer Form mit speziell angefertigten Bügeln um ihre Ohren befestigt, und ihre braunen Locken mit einem Stück goldener Baumwolle gebändigt hatte, zog sie ihre grünen Katzenaugen mit schwarzer Kohle nach, und befeuchtete die Lippen. Sie lächelte und wandte sich an ihre Dienerin, die links schräg hinter ihr stand: „Ich bin bereit, Pendra. Lass uns gehen.“

Vor der Tür, mit dem goldenem Drachenemblem, saß ein weißer struppiger Wildhund, um dessen Hals sich -wie bei seiner Herrin- eine Kette mit einem unbehauenem Bergkristall befand. Er fing an freudig zu jaulen, als Nimue die Hütte verließ und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Nimue lief strahlend auf ihn zu und kraulte ihn hinter den Ohren, was dem Tier einen wohligen Jauler entrang. „Siehst du Pendra, Laska spürt, dass heute ein besonderer Tag ist. Sie ist der klügste Wolf der Welt. Nicht wahr, meine Silberperle?“ Der Wolf knurrte und sprang Nimue mit einer Größe von 1,50 Meter an. Nimue geriet aus dem Gleichgewicht und fiel rücklings zu Boden wie ein Stein. Laska schleckte ihr freudig übers Gesicht und wedelte mit dem Schwanz.
„Hilfe!“, japste Nimue und lachte. „Ich werde von einem Wolf angefallen. So tu doch was, Pendra! Steh da nicht rum und amüsier dich – hilf mir lieber.“ Die angesprochene Dienerin hielt sich den Bauch vor Lachen, während sie das Treiben beobachtete. „Tut mir Leid, Nimue. Aber das wirst du wohl allein schaffen müssen.“, kicherte sie. „Denn erstens kann sich in dieser Situation wohl niemand deiner Silberperle nähern ohne verjagt zu werden… und zweitens sieht das ganze einfach zu komisch aus, tut mir leid.“ Sie lachte erneut und wischte sich eine Träne aus den Augen, während Nimue versuchte, sich aufzurappeln. „Und sowas schimpft sich Freundin.“, brummte sie, kam jedoch nicht umhin zu schmunzeln, als sie sich wieder auf die Füße hiefte.
„Sieh dir nur an, was du getan hast Laska! Du hast mein Kleid ruiniert.“, wandte sie sich nun an ihren gezähmten Wolf und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Das hat frau nun davon, stundenlang an ihrem Äußeren zu arbeiten, um einen guten Eindruck auf die Neuankömmlinge zu machen. Eine Begegnung mit Laska und alles ist umsonst.“ Sie seufzte und putzte sich den Staub der Straße von Hose und Oberteil. „Was soll’s. Lass es uns hinter uns bringen. Die Göttin gebe, dass es gut läuft.“

Kapitel 1 – Aller Anfang ist schwer
„Seid mir gegrüsst, anwärtende Amazonen und willkommen in Isis.“