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Comics in deutschen Bibliotheken

Rahmenbedingungen, Erschließung, Beispielsammlung

Einleitung
Bis heute gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs Comic.
Die Bezeichnung Comic leitet sich vom englischen Begriff comic strip ab. Es bedeutet auf Deutsch übersetzt komischer Streifen. Der Schwerpunkt auf Komik trifft jedoch nicht auf alle Comics zu, weshalb seit einigen Jahren der Begriff sequenzielle Kunst benutzt wird, um eine Bildabfolge zu charakterisieren, in welcher ein Vorgang beschrieben oder eine Geschichte erzählt wird. Meist handelt es sich um gezeichnete Bilder in Kombination mit erzählendem Text oder wörtlicher Rede.

Comics gelten inzwischen als eigenständige Kunstform. Vor allem die in den United States of America (USA) verbreiteten Graphic Novels bieten eine Abgrenzung zu den üblichen, häufig von Kindern und Jugendlichen gelesenen Comics. Die grafischen Romane richten sich eher an erwachsene Leser und besitzen einen deutlich literarischen Schwerpunkt. Sie werden in Buchläden und nicht in Zeitungskiosken verkauft.
Es gibt Preise für die besten Zeichner von Graphic Novels. Einige Formate, wie die Sandman-Serie von Neil Gaiman, erreichen sogar Platz 1 auf der Bestsellerliste der New York Times [Vgl. New York Times Best Seller List (2005).] oder gewinnen Buchpreise wie den World Fantasy Award [Vgl. World Fantasy Awards Ballot (1991).].

Obwohl es in vielen Ländern eine eigene Comic-Kultur gibt, fristet die sequenzielle Kunst in Deutschland bislang ein Schattendasein. Nur wenige Institutionen außerhalb der öffentlichen Bibliotheken widmen sich der Sammlung oder Verzeichnung dieses Mediums, obwohl es „(a)ls Printmedium, normalerweise in einer Vielheit publiziert, … in den Verantwortungsbereich der Bibliotheken (fällt).“ [Harbeck (2009), S. 14.]

Der Comicforscher Eckart Sackmann kritisiert die „Nichtachtung der Medienform im wissenschaftlichen Sektor“ [Harbeck (2009), S. 17.]. Comics gewinnen in der interdisziplinären Forschung um Literaturwissenschaft, angewandte Linguistik, Kunstgeschichte, Volkskunde, Zeitungs- und Geschichtswissenschaft immer mehr an Bedeutung. Privatpersonen wie Wissenschaftler vermissen hier ein „übergreifendes Bewusstsein für die Bedeutung des Sammlungsgegenstandes Comic“ [Harbeck (2009), S. 18.].
Im Laufe dieser wissenschaftlichen Hausarbeit sollen spezielle Comic-Bibliotheken in Deutschland vorgestellt und die bibliothekarischen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Medium Comic hervorgehoben werden. Auch Fragen des Formats und der Gattungszugehörigkeit werden untersucht.

Die Quellenlage diesbezüglich ist nicht sehr ergiebig. Erst 2009 befasste sich der Bibliothekar Matthias Harbeck auf wissenschaftlicher Basis mit dieser Thematik.

Comics als Medien
Für den Begriff Medium gibt es eine Reihe von Definitionen. Oft wird er an einer Disziplin festgemacht, beispielsweise Naturwissenschaft oder Kommunikationswissenschaft. Medium im physikalischen Sinn ist ein stofflicher Vermittler, beispielsweise Wasser in einer Badewanne. In den Geisteswissenschaften, vor allem der Publizistik, wird das Wort Medium weiter gefasst. Hier geht es um die Übermittlung von Informationen zwischen einem Sender und einem Empfänger.

Die Breite an Möglichkeiten erschwert auch eine einheitliche Regelung für Bibliotheken und ihre Neuerwerbungen. Wenn es um die Beschreibung des Mediums in den Informationswissenschaften geht, wird oft auf Werner Faulstich, Lehrstuhlinhaber an der Universität Lüneburg und Experte auf dem Gebiet der Medienwissenschaft, verwiesen. Er definiert Comics, ohne weitere Ausführung, als Literaturart anstatt Medientyp [Vgl. Faulstich (2002), S. 77.].
Dagegen spricht der Ansatz von Thierry Groensteen, welcher sich klar für ein autonomes und ursprüngliches Medium Comic-Kunst ausspricht [Harbeck (2009) zitiert nach Thierry Groensteen (Hrsg.): Asterix, Barbarella & Co. Geschichte des Comic im französischen Sprachraum. Paris, 2000, S. 39.].

Sequenzielle Kunst unterliegt einer dynamischen Entwicklung. Comics reichen vom Zeitungsstrip bis hin zum Webcomic. Auch dadurch wird eine eindeutige Definition des Begriffs erschwert.
Dietrich Grünewald, Professor für Kunstdidaktik und Comicforscher, fasst die Problematik wie folgt zusammen: „Während die Kommunikationsforschung unter ‚Medium’ den medialen Träger einer Botschaft versteht, also z.B. Zeitung oder Heft […], umfasst der Begriff mit Bezug auf Comics deren spezifische Herstellungs-, Darstellungs- und Mitteilungsart. Einerseits betont der Begriff Medium Comic deren Eigenständigkeit, andererseits bindet er sie assoziativ an Massenmedien und trennt sie somit unterschwellig wertend von einer Klassifizierung als Kunstform.“ [Grünewald (2000), S. 69.]

Neben der oft gesellschaftlich bedingten Trivialisierung oder Zensur des Comics durch Einrichtungen wie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kommt also noch eine generelle Debatte des Medienbegriffs hinzu. Dies mag erklären, weshalb Comics lange Zeit im Sammelauftrag der Bibliotheken nicht fest verankert waren.

Auch die Geburtsstunde der Bildergeschichten ist umstritten. Einige Forscher datieren sie auf 1835, andere markieren „den Beginn des Comic-Zeitalters analog zur Entstehung des Mediums Film (auf das) Jahr 1896“. [Harbeck (2009), S. 21.] Um einen vollständigen Comic-Bestand zu ermöglichen, spielt also das Wissen um die Historie des Comics eine große Rolle. Allerdings scheint diese Frage neben generellen Problemen der Erschließung in der Fachwelt eher zweitrangig zu sein. [Vgl. Harbeck (2009), S. 21.]

Inhaltliche Erschließung von Comics
Es ist kompliziert ein Medium zu kategorisieren, welches sowohl künstlerische als auch literarische Aspekte umfasst. Zu prüfen ist, ob ein Werk formal unter dem Autor oder dem Zeichner angesetzt wird. [Vgl. Harbeck (2009), S. 23.]
In den Regeln für die alphabetische Katalogisierung in Wissenschaftlichen Bibliotheken (RAK-WB) kann man, analog zu den Regeln für Bilderbücher und Bildbände, sowohl Zeichner als auch Autor aufnehmen. Dies erleichtert später die Suchmöglichkeiten für Benutzer. Allerdings bleiben hierbei weitere Personen des Schaffungsprozesses, wie beispielsweise Texter, Bleistift- oder Tuschzeichner und andere, außen vor. [Vgl. Harbeck (2009), S. 23.] Gerade in der deutschen Manga-Szene stellt aber die Angabe dieser Mitwirkenden eine wichtige Informationsquelle dar.

Auch die spätere Aufstellung der Comics verursacht Schwierigkeiten. Für den Fall, dass in Freihandbibliotheken keine eigene Systemstelle für Comics in der Klassifikation zur Verfügung steht, ist es notwendig sich für eine oder mehrere andere Kategorien zu entscheiden. Dadurch entsteht eine ungewollte Zersplitterung der Bestände.
Ebenso verschärft die allgemeine Aufteilung in Bestände von Jugend- oder Erwachsenenbibliotheken, „welche zielgruppenorientiert sein soll und Minderjährige von bestimmten Inhalten fern halten will“, [Harbeck (2009), S. 24.] diese Problematik.

Hinzu kommt die Unterscheidung der verschiedenen Comic-Arten wie zum Beispiel Graphic Novels oder Mangas. Manga ist die japanische Bezeichnung für Comic und betitelt hierzulande eine Form sequenzieller Kunst, welche ausschließlich aus Japan stammt.
Sie werden in der Regel von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen. Außerdem erscheinen Mangas deutlich häufiger als beispielsweise Graphic Novels und sind populärer. Dies spricht für eine getrennte Aufstellung.

Ansonsten sorgt die Tatsache, dass Graphic Novels leichter zu katalogisieren sind, für eine Teilung der Comic-Bestände. „Es sind allenfalls Reihen aber keine Serien, sie haben Einzeltitel und sind meist einfacher nach RAK und RSWK formal und inhaltlich zu erschließen.“ [Harbeck (2009), S. 25.]

In wissenschaftlichen Bibliotheken, welche meistens Magazine zur Bestellung von Medien besitzen, besteht dasselbe Problem. Die häufigsten Klassifikationen sind hier Regensburger Verbundklassifikation (RVK) und Dewey Decimal Classification (DDC). Beide bieten nur unzureichende Aufstellungslösungen für Comics. Innerhalb der RVK sind vier Systemstellen möglich: DX 4090, EC 7120, LH 71410 und MS 7950. [Vgl. Harbeck (2009), S. 24.] Dies umfasst die Bereiche Pädagogik sowie allgemeine und vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, Indogermanistik, außereuropäische Sprachen und Literaturen, des Weiteren Kunstgeschichte und Soziologie.

Bei der DDC treten zwei Teilerschwernisse auf. Zum einen gibt es eine gesonderte Sachgruppe für Comics (741.5) nur in Verbindung mit Cartoons und Karikaturen, was wieder die Zuordnung des Mediums Comic erschwert. Zum anderen rät das Online Computer Library Center (OCLC) den teilnehmenden Bibliotheken Medien, welche in erster Linie der Information oder Aufklärung dienen, in die Systemstellen von 001 bis 999 einzuordnen. [Vgl. OLCL (o.J.), S. 7.]
Als Beispiel gilt Marjane Satrapis‘ französischer Comic Persepolis, welcher die autobiografischen Erlebnisse der iranischen Autorin beschreibt und Themen wie die Islamische Revolution, pro-islamische Indoktrination, Folterungen des Schah-Regimes oder die Schrecken des Irakisch-Iranischen Krieges behandelt.

Comics in der verbalen Sacherschließung
„Comics sind als Primärliteratur normalerweise kein Gegenstand der verbalen Sacherschließung.“ [Harbeck (2009), S. 25.] Die Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK) lassen nur in Ausnahmefällen für Einzeltitel ein Formschlagwort Comic zu.

Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB), welche durch das Pflichtexemplarrecht „alle deutschen und deutschsprachigen Publikationen ab 1913, im Ausland erscheinende Germanica und Übersetzungen deutschsprachiger Werke sowie die zwischen 1933 und 1945 erschienenen Werke deutschsprachiger Emigranten“ [Deutsche Nationalbibliothek (2011).] sammelt, ist ein gutes Beispiel für die inkonsequente Verzeichnung von Comics in Bibliothekskatalogen.

Matthias Schultheiss’ Comic-Werke besitzen eine durchweg uneinheitliche Katalogisierung. Sie stehen von 59 Belletristik, über 46 Bildende Kunst bis hin zu 08 Comics, Cartoons, Karikaturen. Judith Parks deutsche Mangas stehen dagegen bereits unter der DDC-Notation 741.5 Comics, Cartoons, Karikaturen und erhalten Kataloganreicherungen. [Vgl. Harbeck (2009), S. 25.]

Seit neuestem wird bei mehrteiligen Werken der Gesamttitel und nicht die Einzeltitel verschlagwortet. Doch solange diese positive Entwicklung nicht umfassend betrieben wird, sagt eine Recherche nach dem Schlagwort Comic in der Regel nichts über den tatsächlichen Comic-Bestand aus.

Neben der Problematik der Verschlagwortung kommt auch die in Kapitel 2.1 erwähnte Differenzierung zwischen Serien, Reihen und Einzeltiteln erschwerend hinzu. So findet man einige Comic-Serienaufnahmen in der Zeitschriftendatenbank (ZDB), während andere Teile als Monographie behandelt werden.

Aufbau und Pflege von Comic-Beständen
Dadurch dass es, mit Ausnahme der Pflichtexemplarregelung der DNB, bislang keine gesetzliche Vorschrift zur Ablieferung von Comics an deutsche Bibliotheken gibt, sind viele auf Spenden, Stiftungen von Professoren, Studierenden, Freunden der Bibliothek oder Schenkungen durch Sammler angewiesen.
Die Arbeitsstelle für Graphische Literatur in Hamburg hat eine umfangreiche Privatsammlung von dem Lektor eines bekannten Comic-Verlages erhalten. [Vgl. Harbeck (2009), S. 66.] Dieses Beispiel zeigt deutlich welchen Stellenwert Networking und gute Kontakte zur Verlagswelt für den konsequenten Bestandsaufbau von Comic-Sammlungen haben.

Auch die Personalfrage ist wichtig für den Prozess der Bestandspflege, zum Beispiel Retrokatalogisierung von Beständen oder die Konzeption von Ausstellungen. Die Mehrzahl der Comic-Bibliotheken beschäftigt nur ehrenamtliche Mitglieder mit reduzierter Stundenzahl oder befristeten Arbeitsverträgen. [Vgl. Harbeck (2009), S. 67.] Eine Kontinuität der Mitarbeiter hängt vom Etat der angegliederten Institution ab.

Comic-Expertise steht folglich in Relation zu dem Enthusiasmus des Einzelnen, eine fortlaufende Entwicklung der Einrichtung ist nur schrittweise denkbar. Oft werden Praktikanten der Bibliotheks- und Informationswissenschaften eingesetzt, um Projekte am Laufen zu erhalten.

Beispiele für Comic-Bibliotheken in Deutschland
Im Folgenden werden drei Beispiele für zentrale und zwei Beispiele privater Comic-Sammlungen im deutschen Bibliothekssystem vorgestellt.

Das Comic-Archiv in Frankfurt/Main
Das Comic-Archiv gehört dem Institut für Jugendbuchforschung der Frankfurter Goethe-Universität an. Es umfasst derzeit einen Bestand von rund 50 000 Medieneinheiten. [Vgl. Dolle-Weinkauff (2005), S. 209.]
Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf Publikationen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, genannt Deutschsprachiger Comic. Gespeist wird er durch Zusammenarbeit mit der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, welche „große Comic-Bestände des Carlsen Verlags besitzt“ [Harbeck (2009), S. 64.]. Frühere Comics werden im allgemeinen Bestand an Kinder- und Jugendliteratur geführt.

Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass in Deutschland mehr Übersetzungen als Eigenproduktionen entstehen, werden auch internationale Comics gesammelt, „(da)bei handelt es sich allerdings um weniger als 5 Prozent des katalogisierten Bestands“ [Dolle-Weinkauff (2005), S. 211.].

Das Comic-Archiv in Frankfurt ist auf die wissenschaftliche Nutzung von Comics ausgerichtet. Es hat den Anspruch, aktuelle Trends fachgerecht zu analysieren, zu diskutieren und die Interessen des Publikums zu bedienen. [Vgl. Dolle-Weinkauff (2005), S. 212.]
Subjektive Geschmäcker werden allerdings nicht berücksichtigt. „Wichtiger als besonders ausgefallene oder seltene Stücke sind … Werke, Autoren und Zeichner, die für die Geschichte der Gattung von besonderer Bedeutung sind, die bestimmte Strömungen anschaulich widerspiegeln oder repräsentativ für bestimmte Erzählformen, Gattungen und Perioden sein mögen.“ [Dolle-Weinkauff (2005), S. 212.]

Durch Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) konnte das interne Bibliothekssystem BISMAS eingerichtet werden. Darin sind die Bestände des Comic-Archivs im Freitext recherchierbar. Auch eine Suche in einzelnen Indices wie Autor, Verlag, Titel, Serie und Erscheinungsjahr wird angeboten.
Titelaufnahmen werden dagegen nicht inhaltlich erschlossen. Gründe hierfür liegen in personeller Knappheit und dem Wunsch, die Sammlung zeitnah auffindbar zu machen. [Vgl. Dolle-Weinkauff (2005), S. 223.]

Zu den Benutzungsmodalitäten sei gesagt, dass eine Nutzung der „wahrscheinlich größte(n) Auswahl an Fachliteratur zu Comic, Bildgeschichte und Bilderbuch und verwandten Gattungen, die eine Bibliothek im deutschen Sprachraum zu bieten hat“ [Dolle-Weinkauff (2005), S. 223.] nur vor Ort, in den Lesesälen des Instituts, möglich ist.

Die Arbeitsstelle für Graphische Literatur in Hamburg
Die Arbeitsstelle für Graphische Literatur ist ein Projekt der Universität Hamburg. Sie entstand Ende der achtziger Jahre aus einem autonomen Seminar und gilt heute als „einzige öffentlich zugängliche Sammlung von Primär- und Sekundärliteratur zum Thema Graphische Literatur“ [Universität Hamburg (2004).] im deutschsprachigen Raum.
Hier arbeiten Dozenten, Studenten, sonstige Mitarbeiter und Wissenschaftler Seite an Seite. Der Forschungsschwerpunkt liegt, wie der Name der Arbeitsstelle vermuten lässt, im Bereich der graphischen Literatur, vor allem in der Ästhetik des Comics. [Vgl. Universität Hamburg (2004).]

Die Bibliothek der Arbeitsstelle wird in Anlehnung an die franko-belgischen bandes dessinées (BDs) Bédéthek genannt. Inhaltlich sieht sie sich als eine Mischung aus Archivbibliothek und Forschungseinrichtung. [Vgl. Universität Hamburg (2004).] Sie beinhaltet circa „10 000 bibliothekarische Einheiten“ [Vgl. Universität Hamburg (1997).].
Im Gegensatz zum Comic-Archiv in Frankfurt ist nur der kleinere Teil des Bestands auch elektronisch in einem internen Katalog erfasst. Dafür besteht eine Recherche-Schnittstelle zur Staatsbibliothek.

Nachteilig auf die Nutzung wirken sich die Öffnungszeiten der Bibliothek aus. Die Bédéthek ist wöchentlich zwei Stunden zugänglich. Auch Einlass nach Absprache ist möglich. Voraussetzung ist, dass man den Standort findet. Die Bibliothek „liegt versteckt im obersten Winkel des Hamburger Philosophenturms, per Fahrstuhl ist sie nicht zu erreichen.“ [Harbeck (2009), S. 68.] Im Grunde wird die Bibliothek derzeit nur von Dozenten der Germanistik genutzt.

Die Deutsche Nationalbibliothek
Wie bereits in Kapitel 2.2 erwähnt, sammelt die DNB im Zuge ihres Pflichtexemplarrechts unter anderem auch deutsche Comics. Allerdings wurden jene Publikationen in der Vergangenheit nachrangig bearbeitet und „(besaßen) nicht die höchste Priorität“. [Harbeck (2009), S. 66.]

Der große Vorteil gegenüber anderen, vergleichbaren Institutionen auf dem Gebiet der Comic-Sammlung ist hier die offene Recherche im Online Public Access Catalogue (OPAC). Es gibt sogar eine separate Anleitung zur Comic-Suche in den Katalogen.
Problematisch bleibt die Zugänglichkeit für Benutzer. Die DNB ist eine Präsenzbibliothek und lagert ihre Bestände in Magazinen. Eine Ausleihe ist nur in Ausnahmefällen möglich.

Tatsächlich nimmt derzeit keine der Comic-Spezialbibliotheken in Deutschland am Fernleihsystem teil.

Weitere Einrichtungen
Die Stadtbibliothek Nürnberg
Das Comic-Archiv der Stadtbibliothek entstand als Ergänzung zum Bilderbucharchiv. Es besitzt rund 8 000 deutschsprachige Comic-Bände, inklusive Bildergeschichten, seit dem Jahr 1955.
Nach 1986 verschob sich der Schwerpunkt der Sammlung auf „inhaltlich und künstlerisch überdurchschnittliche Comics“ [Stadtbibliothek Nürnberg (o.J.).]. Es dient bis heute Forschung und Lehre.

Bestände des Archivs sind im Katalog der Stadtbibliothek unter der Signatur CB nachgewiesen. Eine Ausleihe für 14 bis 28 Tage ist ab dem Erscheinungsjahr 1987 möglich.

Die Comic-Bibliothek Renate
Die unter dem Namen Renate bekannt gewordene Comic-Bibliothek in Berlin „übt eine Zwitter-Funktion aus“ [Harbeck (2009), S. 65.].
Einerseits geht es hier um die Huldigung und Werbung des Mediums Comic, andererseits ist die Bibliothek fester Bestandteil der kulturellen Kiez-Szene und hilft Interessierten aller Gesellschaftsgruppen weiter, wenn es um das Thema Comic geht. [Vgl. Harbeck (2009), S. 65.]

Sammelschwerpunkte sind, laut eigenen Angaben auf der Webseite, Mangas, Fanzines, internationale Superheldencomics sowie Sekundärliteratur und Zeitschriftenaufsätze zum Thema. Der Bestand liegt bei circa 15 000 Comic-Bänden. [Vgl. Berliner Comic-Bibliothek Renate (2010).]
Daneben organisiert die Comic-Bibliothek eine Reihe von internen und externen Veranstaltungen, zum Beispiel Manga-Weiterbildungen an der Freien Universität Berlin oder Kooperationen zwischen Berliner Bibliotheken und den Comic-Shops Grober Unfug und Modern Graphics.

Ähnlich wie bei der Stadtbibliothek Nürnberg spricht für die Comic-Bibliothek vor allem ihre Freihandaufstellung und die Möglichkeit, Bestände für zwei Wochen zu entleihen. Im Vorfeld kann man sich über den OPAC informieren, ob und in welcher Ausgabe das gewünschte Medium vorhanden ist.

Beide öffentlichen Bibliotheken erheben Ausleihgebühren. Eine Benutzung der Bestände vor Ort bleibt kostenfrei.
Das Comic-Archiv in Nürnberg hat Jahres- oder Vierteljahresgebühren. Sie liegen für 12 Monate bei 12 Euro. Für drei Monate werden 4 Euro berechnet. [Vgl. Stadtbibliothek Nürnberg (2001).] Die Comic-Bibliothek Renate hat ähnliche Konditionen. Die Ausleihe kostet hier 12 Euro für Erwachsene und 5 Euro für Kinder. Außerdem wird eine einmalige Ausweisgebühr von 1,50 Euro erhoben. [Vgl. Berliner Comic-Bibliothek Renate (2010).]

Fazit
Bis heute gibt es in Deutschland keine umfassende, offen zugängliche oder kostenfreie Anlaufstelle zum Thema Comics mit gesetzlichem Lieferanspruch. Die großen Sammlungen sind auf verschiedene Institutionen mit eigenen Aufstellungsordnungen verteilt, deren Personal zum großen Teil aus Enthusiasten mit Spezialkenntnissen besteht.

Ein Problem ist weniger das Image des Mediums Comic, fragwürdig ist vielmehr die Zuständigkeit der Bibliotheken. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2009 schätzen 24% der befragten Bibliothekare Comics als „sehr groß(es)“ überlieferungswürdiges Kulturgut ein. 30% der Beteiligten sehen dagegen „eher nicht“ die Notwendigkeit einer deutschlandweiten Erwerbung, Erschließung und Archivierung von Comics. [Vgl. Harbeck (2009), S. 63.]

Ratsam erscheint eine Zentralisierung der bisherigen Comic-Bestände mit klar definiertem Sondersammelgebiet. Entsprechende Pläne wurden zuletzt auf dem 13. Internationalen Erlangener Comic-Salon unterbreitet. [Vgl. Bandel (2008), S. 39.]

Literaturverzeichnis

Bandel, Jan-Frederik: Comics muß man lesen, um sie zu begreifen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.5.2008, Feuilleton, S. 39.

Berliner Comic-Bibliothek Renate: Bibliothek. Stand: 2010 (http://www.renatecomics.de/sites/bibo.htm, letzter Zugriff: 27.01.2011).

Deutsche Nationalbibliothek: Wir über uns. Stand: 16.02.2011 (http://www.d-nb.de/wir/ueber_dnb/dnb_im_ueberblick.htm, letzter Zugriff: 21.02.2011).

Dolle-Weinkauff, Bernd: Vom Kuriositätenkabinett zur wissenschaftlichen Sammlung. Das Comic-Archiv des Instituts für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt /Main. In: Imprimatur. Jahrbuch für Bücherfreunde (2005), XIX, S. 209-224 (http://www.bibliophilie.de/dolle-weinkauff.pdf, letzter Zugriff: 23.01.2011).

Faulstich, Werner: Einführung in die Medienwissenschaft. Probleme – Methoden – Domänen. München : Fink, 2002 (UTB : Medien- und Kommunikationswissenschaft ; 2407).
Grünewald, Dietrich: Comics. Tübingen : Niemeyer, 2000 (Grundlagen der Medienkommunikation ; 8).

Harbeck, Matthias: Das Massenmedium Comic als Marginalbestand im deutschen Bibliothekssystem. Analyse der Sammlungsstrategien und -absprachen in wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken. Berlin : Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2009 (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 253).

New York Times Best Seller List, the: Fiction. Stand: 09.10.2005 (http://www.hawes.com/2005/2005-10-09.pdf, letzter Zugriff am 22.01.2011).

OCLC: 741.5 or graphic novels in the DDC. Stand: o.J. (http://www.oclc.org/dewey/news/conferences/BeallGraphicNovelsDDC.ppt, letzter Zugriff am 22.01.2011).

Stadtbibliothek Nürnberg: Sondersammlungen Comic-Archiv. Stand: o.J. (http://www.stadtbibliothek.nuernberg.de/spezialbibliothek/comic_archiv.html, letzter Zugriff: 23.01.2011).

Stadtbibliothek Nürnberg: Satzung über die Benutzung der Stadtbibliothek. Stand: 14.12.2006 (http://www.stadtbibliothek.nuernberg.de/downloads/satzung.pdf, letzter Zugriff: 21.02.2011).

Universität Hamburg: Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL). Arbeitsbericht 2000 bis 2003. Stand: 02.02.2004 (http://www.slm.uni-hamburg.de/berichte01_03/argl.html, letzter Zugriff: 23.01.2011).

Universität Hamburg: ZMMnewsONLINE. Stand: April 1997 (http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/medienzentrum/zmm-news/archiv/sommer97/graphlit.htm, letzter Zugriff: 23.01.2011).

World Fantasy Awards Ballot: 1991. Stand: o.J. (http://www.worldfantasy.org/awards/1991.html, letzter Zugriff am 22.01.2011).