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Varulv

„Die wievielte Höhle ist das?“ Filip, der schwedische Fremdenführer ihres Expeditionsteams, zündete sich gemächlich eine E-Zigarette an. „Die dreiundzwanzigste, fröken Schmidt.“ Nach jedem bedächtigen Wort stieg eine nach Ananas riechende Dampfwolke zwischen seinen makellos weißen Zähnen hervor. „Bitte nennen Sie mich einfach nur Saga. Wie die Asengöttin aus der nordischen Mythologie, welche mit Göttervater Odin aus goldenen Schalen alte Weisheit trank.“ Sie lächelte und Filip nickte höflich. An der Art, wie er seine Augen zusammenkniff, konnte sie ablesen dass er mit ihrer Antwort nicht einverstanden war. Ob es an dem außergewöhnlichen Namen lag oder der Tatsache, dass sie sich des Fräuleintitels erwehrt hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Aber solange er ihre Autorität nicht in Frage stellte, spielte es keine Rolle. Saga mochte schwedische Wurzeln haben, aber heute war nicht der Tag um neue Freunde zu finden. Filip wurde bezahlt um sie zum gewünschten Zielort zu bringen, nicht mehr und nicht weniger. „Dann los. Enissa, bring‘ die Ausrüstung nach drinnen. Gunther, Filip, ihr bereitet das Nachtlager vor. Es wird bald dunkel.“
„Süße, es sind noch fast zwei Stunden bis zum Einbruch der Nacht. Wozu die Beschäftigungstherapie?“ Enissa, die burschikose iranisch-stämmige Fotografin, sah von ihrem Kameragestell auf als Saga im Höhleneingang auftauchte. „Vielleicht hast du Recht und ich brauchte einen Vorwand um Filip aus dem Weg zu gehen. Ich fühle mich in seiner Gegenwart…“ – „Erregt?“ – „… unwohl, wollte ich sagen. Aber danke für das Vertrauen, Enissa.“ Ihre Freundin zuckte achtlos mit den Schultern. „Dass du auf diesen Ken-Ersatz stehst sieht jeder. Wo liegt das Problem? Ihr seid erwachsene Leute.“ Saga trat tiefer in die Höhle und positionierte sich an Enissas Seite, während sie nachdenklich auf die Tropfsteine an der Höhlendecke sah. „Ich… weiß es nicht.“, gestand sie endlich. „Es ist als würde mich etwas rufen. Etwas das viel größer ist als attraktive blonde Männer.“ Enissas Kamerablitz erhellte die Höhle und warf für den Bruchteil einer Sekunde bizarre Schatten an die Wand. Aus den Augenwinkeln schien Saga eine tierische Gestalt mit struppigem Fell als Schattenspiel wahrzunehmen, aber als sie genauer hinsah war das Etwas verschwunden. „Immer nur die Arbeit im Kopf. Was bringt es dir eine berühmte Ethnologin zu sein, wenn du dich dabei einsam fühlst?“ Saga blinzelte müde. „Man kann sich auch als Normalo einsam fühlen, oder nicht? Komm Enissa, wir haben was wir brauchen. Morgen geht die Suche weiter.“

An jenem Abend erzählte Saga den Anderen am knisternden Lagerfeuer Werwolfgeschichten, ihr Fachgebiet. Von Hirten die durch Götterhand in Wölfe verwandelt wurden. Wie Angst und Misstrauen in Gegenden, die unter einer Wolfsplage litten, im alten Europa zu inszenierten Hexen- und Werwolfprozessen führten. Gunther, ihr Eselwanderer, war von einem Aspekt der Folklore besonders fasziniert. „Wieso gibt es nur männliche Werwölfe? Kommt mir einseitig vor.“ Alle Augen richteten sich auf Saga, die ihre jetzt-passt-einmal-auf-Miene aufsetzte. „Es gibt viele Theorien. Schon der Begriff Wer in Werwolf leitet sich aus dem germanischen Wort für Mann ab. Sozusagen ein Mannwolf. Fast alle Sagen berichten von Männern die durch einen Pakt mit dem Teufel die Fähigkeit erhalten sich in einen Wolf zu verwandeln. Liegt es am historischen Sexismus? Der unbewussten Assoziation von Jagd, Instinkt und Stärke mit dem männlichen Geschlecht? Man weiß es nicht. Es gibt nur wenig belegbare Gegeninformationen, unter anderem aus einer slawischen Enklave, wo angeblich mehrere Frauen zu Werwölfen wurden. Auch hier in Schweden soll es einen weiblichen Geheimkult gegeben haben, der zu Ehren Fenrirs Blutopfer vornahm und von ihm mit der Fähigkeit belohnt wurde das Wolfsfell zu tragen. Meine Forschungen befassen sich mit eben diesem Kult. Ich hoffe, wenn wir seinen Ursprung finden, finden wir auch die Antwort auf die Frage ob es weibliche Werwölfe gegeben hat.“ Filip, dem klar wurde dass er engagiert wurde um Überbleibsel eines Werwolf-Horts zu finden, räusperte sich. „Hoffnung ist ein wertvolles Gut. Aber woran erkennen Sie diese mysteriöse grotta? Nach Ihren Kriterien gibt es dutzende, wenn nicht hunderte, davon in ganz Schweden.“ Das war ein gutes Argument und Saga hatte es mehr als einmal gehört. „Ich weiß es wenn ich es sehe.“

In jener Nacht träumte Saga von einem riesigen, gefesselten Wolf. Dem Fenriswolf. Er trank Wasser aus einem Wolfspfotenabdruck. Als Saga erwachte, hatte sich dieses Bild in ihren Kopf eingebrannt. Ein Omen? Das Expeditionsteam zog weiter. Sie waren jetzt in Kvikkjokk in der Nähe der alpinen Gebirgslandschaft des Nationalparks Sarek. Von den Einheimischen wurde der Sarek gern als letzte Wildnis Europas bezeichnet, teilte ihnen Filip mit. Saga fand dies überaus passend. Filip warnte sie vor, dass es ein beschwerlicher Aufstieg werden würde und damit behielt er Recht. Als das Quartett seinen Zielort erreichte, trieften sie vor Schweiß. Trotzdem überkam Saga eine Art Frösteln. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf. „Habt ihr das gehört?“ Der Esel tänzelte nervös auf und ab. „Werd‘ nicht paranoid, Saga. Das war nur der Wind.“ Enissa hatte die Kamera bereits geschultert und abschussfertig, wurde jedoch von ihrem Fremdenführer ausgebremst, der sie darauf hinwies dass sie die 42 Meter Schachttiefe nur mittels Einseiltechnik überwinden konnte. Dies war ihre bislang herausforderndste Klettereinlage. Es dauerte den halben Vormittag alle drei Leute sicher nach unten in die Höhle zu bringen, während Gunther oben blieb, den Esel beruhigte und das Equipment ablud.
Filip entzündete die Elektrolampe an seinem robusten Schalenhelm und leuchtete einen Pfad ins Halbdunkel, um sich zu orientieren. Saga und Enissa taten es ihm gleich. Die Höhle, die sich vor ihnen erstreckte, hatte sich förmlich in den Berg gefressen. Überall glänzten Silberadern wie Sterne in der Nacht. Dazwischen befand sich ein polygoner Raum, dumpf belichtet vom Riss über ihnen. Man konnte erahnen, dass in der Mitte des Raumes ein Objekt aus dem nackten Stein aufragte, wie eine Treppe. Neugierig trat Saga näher und als der Schein ihres Helmes das Objekt erfasste, sog sie scharf die Luft ein. Ein Altar, offenbar von Menschenhand in den Fels gehauen, mit einer massiven Steinplatte auf der eine Reihe von germanischen Runen prangte. „Heilige Scheiße. Kannst du das lesen, Saga?“ Enissa schraubte bereits das Objektiv auf ihre Spiegelreflexkamera, um den Fund zu dokumentieren. Saga schob sich an Filip vorbei, der ebenfalls näher gekommen war, und versuchte dabei nicht auf den Geruch seiner sonnengebräunten Haut zu achten der ihr in die Nase stieg weil sie so dicht beieinander standen. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Futhark, die älteste Runenreihe der germanischen Stämme. Ein Lautsystem aus 24 Zeichen, wobei jede Rune eine eigene Bedeutung besaß. Saga beugte sich über den Altar und legte ihren Finger auf das erste Zeichen. „Fehu.“ Das Vieh. „Ehwaz.“ Das Pferd. „Naudiz“. Die Not. „Raidho.“ Der Ritt. „Isa.“ Das Eis. „Sowilo.“ Die Sonne. „Uruz.“ Der Auerochse. „Laguz.“ Das Wasser. „Fehu.“ Und: „Raidho.“ Saga erstarrte. Fenrisulfr. Der altnordische Name des Fenriswolfs. „Das ist es.“, entfuhr es ihr leise. „Das ist die Stelle.“ Als die Erkenntnis ihrer Entdeckung vollends in ihr Bewusstsein gesickert war, entfuhr ihr ein Freudenschrei und sie fiel Enissa um den Hals, sodass diese vor Schreck fast die Kameraausrüstung fallen ließ. Übermütig hüpfte Saga gegen den Uhrzeigersinn um den Altar. „Ich wusste es, ich wusste es, ich wusste es!“ Als sie Filip erreichte, blieb sie stehen und grinste verlegen. „Sie glauben wirklich, dass dies die heilige Stätte der Werwolffrauen darstellt? Das sieht nach nichts aus für mich.“ Sagas Triumpfgefühl verflog. Am liebsten hätte sie dem Fremdenführer ein „weil sie nicht gucken können“ entgegen geschrien, aber sie bewahrte Haltung. Sie brauchten ihn um heil aus der Höhle hinaus zu kommen. Innerlich zählte Saga bis sieben. „Sehen Sie diese Inschrift, die spiralförmig um den Namen Fenrirs angeordnet ist?“, beantwortete sie seine Frage mit einer Gegenfrage. Im Hintergrund hörte man unaufhörlich das Klicken von Enissas Kamera. „In ihr wird das Ritual zur Anrufung des Sumpfwolfes beschrieben.“ Sie überflog die Runen und als sie die Szene mit dem Wasser gefüllten Abdruck einer Wolfspfote aus ihrem Traum darin wieder erkannte, wurde ihr klamm um’s Herz. Das alles war kein Zufall.
Während ihre Fotografin näher trat um die Symbole auf der oberen Gesteinsplatte aufzunehmen, untersuchte Saga die Seitenwände des Altars. Vieles war vom Staub der Jahrhunderte bedeckt. Erstaunlicher Weise, so stellte Saga fest, gab es keine Spinnweben. Der Stein sah verhältnismäßig frisch aus. Sie entdeckte eine Vertiefung im unteren Drittel des Altars und hielt inne, als ihre Finger eine wohl bekannte Form unter dem Schmutz ertasteten. Wolfspfotenabdruck. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. „Ich…“ Saga versuchte ihre Gedanken zu sortieren, während sie sich aufrichtete und die Lampe an ihrem Helm justierte. Deren Licht fiel nun auf Filip und Enissa. „… brauche einen Moment allein. Bitte holt die restliche Ausrüstung von oben, während ich mich weiter umsehe.“ Das Klicken der Kamera verstummte. „Saga, ich verstehe dass du den Erfolg für dich genießen willst. Heute ist ein großer Tag für die Geschichtsbücher. Aber zum Feiern bleibt später noch Zeit. Diese Gegend ist gefährlich. Zumindest unser Fremdenführer sollte hier bleiben um dir beim Aufstieg zu assistieren.“ Filip rieb sich die Nase, während er von der Expeditionsleiterin zu ihrer Freundin sah. „Die tillkännagivande vom Chef war klar. Packen Sie Ihre Kamera ein, ich bereite indessen die Steigklemmen vor.“ Enissa schob die Unterlippe vor, sagte jedoch nichts. Gemeinsam mit Filip trat sie hölzern den Rückweg nach oben an. Saga atmete hörbar aus als die beiden Kletterer außer Sicht waren und nur noch die Stille der Höhle sie umfing. „Danke, Filip.“
Sie kniete sich hin und legte ihre rechte Hand gedankenversunken auf den Abdruck einer Wolfspfote im Stein. Er saß ungefähr auf Höhe ihres Bauchnabels. Wenn er nur nicht senkrecht ausgerichtet wäre! Stopp. Das war verrückt. Sie konnte unmöglich… Sagas Blick heftete sich auf die Vertiefung. Wieder erschien das Bild aus ihrem Traum vor ihrem geistigen Auge. „Wer bist du?“ Verstohlen blickte sie sich in der Höhle um. Es war paradox, sie wusste selbst dass sie allein war. Wer sollte sie beobachten? Wer verurteilen? Es war nur ein Experiment. Ein Spaß. Was konnte schon schief gehen? Saga seufzte und griff nach der Wasserflasche an ihrem Sicherheitsgurt. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Richtig?“ Obwohl sie sich lächerlich dabei vorkam, träufelte sie etwas Flüssigkeit auf den Wolfspfotenabdruck. Dann geschah etwas Merkwürdiges: Kaum hatten die ersten Tropfen den nackten Fels berührt, gab die Vertiefung nach und ein versteckter Mechanismus ließ die ganze Pfote nach innen kippen. Am Ende lag die Schale fast waagerecht. Nun war sie im Sitzen gut zu erreichen. Ihr Herz machte einen Satz. Endlich schien die Lösung des Rätsels zum Greifen nahe. Und es gehörte ihr ganz allein. Saga vergegenwärtigte sich die Beschreibung des Rituals von der Altarplatte. Langsam, wie in Trance, beugte sie sich hinab und manövrierte das Wasser aus dem Pfotenabdruck mit der Zunge in den Mund. Es schmeckte brackig. Nach Eisen. Alt. „Ich rufe dich, Fenrir Hróðvitnir, Sohn von Loki und Angrboda. Komm zu mir nach Miðgarðr.“ Noch einmal schaufelte sie etwas Wasser zwischen die Lippen. „Ich stelle meinen Leib und meine Seele in deine Dienste. Lass mich groß und kräftig werden. Gewähre mir die Gunst des Raubtiers.“ Ein letzter Schluck. „Hilf mir meine Feinde zu verschlingen.“ Sie wartete, obwohl sie nicht wusste worauf. Sechs ereignislose Minuten später öffnete Saga die Augen. Was hatte sie erwartet? Mit ein paar archaischen Formeln den leibhaftigen Fenriswolfs herbei zu zaubern? Sie schüttelte den Kopf, belustigt über ihre eigene Naivität. Doch als sie aufstehen wollte um zur Gruppe zurück zu kehren, erfasste ein plötzlicher Schwindel sie. Die Höhle drehte sich wie ein Kreisel vor ihrem Auge. Das Blut rauschte laut in ihren Ohren. Bevor sie ohnmächtig wurde, überkam sie das Gefühl einer Präsenz im Raum. Ein animalisches Knurren hinter ihrem Rücken. Und das Gefühl angesprungen zu werden. Sie spürte wie ihre Beine wegknickten. Dann war nur noch Leere.
Wo war sie? Saga fühlte sich wie gerädert. Als hätte jemand die Schwerkraft hoch gesetzt und ihr Körper brauchte enorm viel Energie um sich in Bewegung zu setzen. Alles war zeitverzögert. Sie versuchte ihre Augen zu öffnen, um zu sehen was passiert war. Obwohl sie jetzt sehen konnte, verstand sie nicht was sie sah. Hatte sie einen Schlag auf’s Gesicht bekommen? Ihr Kopf pulsierte schmerzhaft. Saga versuchte sich zu fokussieren, eine Übung die sie aus dem Yoga-Unterricht kannte. Langsam nahm die Welt wieder Konturen an. Aber welche Welt war das? Äußerlich ähnelte die Landschaft der Höhle mit dem Altar, nur dass ihr die Farbe entzogen worden war. Alles war schwarz, weiß, grau. Vielleicht stimmte etwas mit ihren Augen nicht. Sie blinzelte, aber der komische Farbfilter blieb. Saga starrte verwirrt auf die Höhlenwand als sie merkte, dass auch der Altar nicht mehr da war. War es überhaupt dieselbe Höhle in der sie eben versucht hatte Kontakt mit einem mythologischen Wolf aufzunehmen? Sie wusste es nicht. Gedanken drangen nur stückweise in ihr Bewusstsein vor. Hatte sie jemand unter Drogen gesetzt? Sorge stieg in ihr auf, während sie sich einmal im Kreis drehte.
„DU HAST MICH GERUFEN.“ Jedes Wort klang wie ein Donnergroll. Saga zuckte zusammen. Sie war nicht allein. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich ihr Kopf in Richtung der Stimme gedreht hatte. Ein Schatten löste sich aus dem Zwielicht der Höhle, wurde größer und größer. Die Umrisse eines struppigen, schwarzen Wolfes. Immer wenn Saga versuchte die Kreatur genauer ins Auge zu fassen, flimmerte sie auf und wurde undeutlich. Nur aus den Augenwinkeln schien man den Wolf wahrnehmen zu können. Seine Augen glühten wie flüssiges Gold. Mit einem Schlag wusste Saga wem sie gegenüber stand, auch wenn diese Tatsache mehr Fragen aufwarf als sie beantwortete. „Fenrir.“ Hatte das Ritual tatsächlich funktioniert? Oder war dies ein weiterer Traum, den sie träumte während ihr Körper ohnmächtig im Nationalpark Sarek lag? Der Kopfschmerz nahm zu und Saga kniff die Augen zusammen, um nicht zu weinen. „Ist das echt?“ Fenrir umkreiste sie mit lautlosem Tritt. „DU BIST NICHT HIER UM ZU ZWEIFELN.“ Das ergab keinen Sinn, trotzdem verstand Saga was der Wolf ihr sagen wollte. Je länger sie ihm in die unwirklichen goldenen Augen sah, desto sicherer fühlte sie sich. Es war als bestünde zwischen ihr und dem Fenriswolf ein unsichtbares Band, eine Art Empathie. Sie wusste er würde seiner Dienerin kein Leid antun. Leid… Ihr Blick wanderte auf die Hinterbeine der struppigen Kreatur. Wie konnte er gehen wenn Fenrir in der nordischen Mythologie durch die magische Fessel Gleipnir gebunden war? „RAGNARÖK NAHT. ES IST ZEIT FÜR DIE WÖLFE IHRE FEINDE ZU VERSCHLINGEN.“ Saga erinnerte sich wieder an die letzten Worte der Beschwörungsformel. „Wirst du mir helfen meine Feinde zu verschlingen?“ Fenrir blieb stehen. „DAS HABE ICH BEREITS. DU BIST ZU EINEM MEDIUM DES WELTENBRANDS GEWORDEN. ICH HABE DICH ERWÄHLT UM DEN KRIEG IN MIDGARD ZU ENTFACHEN. SEI OHNE FURCHT, VARULV – DIE JÜNGER VON SKALLI UND HATI WERDEN DIR IM GEFECHT ZUR SEITE STEHEN.“ Skalli und Hati, die Zwillingssöhne des Fenriswolfs, welche Sonne und Mond über den Himmel jagen. Logisch. Das Wolfsrudel hatte Avatare auf der Erde. Frauen wie sie. Niemand kann in drei Welten zugleich kämpfen. Saga runzelte die Stirn. Ihr war als fehle da noch ein Puzzleteil. Da war etwas in dem was die Kreatur gesagt hatte, etwas Unheilvolles. Wirst du mir helfen meine Feinde zu verschlingen? – Das habe ich bereits. „Was ist passiert?“
Die Kulisse verschwamm vor ihren Augen; gab den Blick frei auf eine Gebirgslandschaft, eine felsige Anhöhe, ein Lager. Und… Saga schrie entsetzt auf, als sie die Überreste von drei Leichen auf dem blutgetränkten Boden verstreut sah. Vier, wenn man die Fellreste dessen mitrechnete, was einst ein Esel gewesen sein mochte. Schluchzend vergrub sie den Kopf in den Händen, aber der grauenhafte Anblick blitzte immer noch zwischen ihren Fingern hervor. Zerfetztes Fleisch. Trümmer einer Fotokamera. Blutige Pfotenabdrücke auf einer umgestoßenen Zeltplane. Moment. Alles in ihr sträubte sich, aber Saga zwang sich genauer hin zu sehen. Die Pfotenabdrücke. Wolfsspuren. „Ich war das?“ Ihre Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Heiser vor unterdrückten Tränen. Die struppige Kreatur trat zwischen sie und den Ausschnitt einer anderen Welt, sodass nur noch Augen wie flüssiges Gold ihr Gesichtsfeld einnahmen. „WIR WAREN ES. ZUSAMMEN. DER ANFANG VOM ENDE.“ Sagas Kopf schwirrte bei all den Dingen, die sie verarbeiten musste. Wenn stimmte was Fenrir sagte, wie war sie dann ohne Führer aus der Höhle gekommen? War sie wirklich zu einem Werwolf geworden? Wieso konnte sie sich an nichts davon erinnern? „DU MUSST AUFGEBEN WER DU BIST UM ZU WERDEN WER DU SEIN SOLLST.“ Der Riesenwolf leckte Saga über den Haaransatz. Es fühlte sich an als würde sie jemand mit einer Küchenreibe liebkosen. „SKALLI UND HATI WARTEN AUF DICH. ES IST ZEIT ZU ERWACHEN.“

Ein Stoß. Das Gefühl aus der Haut zu fahren und Ohnmacht umfing sie. Als Saga die Augen öffnete, brauchte sie einen Augenblick um zu sich zu verorten. Da war ein helles Licht. Sie sah nichts anderes als diesen allumfassenden Schimmer. Erst dachte sie es wäre die Sonne, aber es war der Mond. Vollmond, größer als sie ihn je gesehen hatte. Es war Nacht geworden im Sarek. Sie rappelte sich auf; kam mühsam auf die Beine. Ja… Da waren tatsächlich Menschenbeine. Kein Fell. Automatisch wanderte ihre linke Hand an ihren Kiefer. Kein Wolfsgebiss. Sie lachte schrill auf. Was war Wahrheit und was Fiktion? Allmählich verlor Saga den Verstand. Das Expeditionslager war verschwunden. Entweder das oder sie befand sich nicht in dessen Nähe. Wo war sie? Sie stand auf einer Lichtung, die ihr unbekannt vorkam. War sie noch in Schweden? Überhaupt in Midgard? Da erklang Wolfsgeheul in der Ferne. Merkwürdiger Weise hatte Saga das Gefühl die Tonart zu kennen. Als könnte sie hören was die Wölfe sangen. „Komm zu uns, Schwester. Ragnarök naht.“ Saga sah zum Mond und lächelte. Sie fühlte sich glücklich.