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Das elementare Zerwürfnis des Seins

Thula sah ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe vor sich.
Es war Freitag. Nachmittag. Bewölkt. Und voll. Zu voll, für Thulas Geschmack.
Es schien, als habe sich die halbe Menschheit verschworen, um sich gerade JETZT gemeinsam in „Helle Mitte“, Berlin Hellersdorf, zu versammeln und sich in der Großstadt-typischen Hast durch die Einkaufspassagen zu schieben.

Jemand rempelte Thula vor dem Geschäft an der Schulter an, nur um mit einem gemurmelten „‚Tschuldigung“ seinen Weg fortzusetzten – oder fortzueilen, wie Thula fand.
Sie seufzte tief.
Warum haben es die Menschen heutzutage nur so unglaublich eilig? Es schien, als müsse alles was sie tun SOFORT getan werden, sonst würden sie auf der Stelle tot umfallen.
Ihr fiel wieder das Sprichwort ihres Vaters ein, dass sie so oft gehört hatte: Weisen ist die Ruhe heilig. Nur die Dummen haben’s eilig. Und ohnehin gab es, laut Thula, wenig, was sich nicht auch 5 Minuten später lösen ließ.

Nicht zum ersten Mal war ihr, als würde die Zeit stehen bleiben. Nur für sie. Und der Rest flitzte im 200%igen Zeitraffer an ihr vorbei.
Wie ein Ameisenhaufen. Nur größer, fand Thula.

Obwohl sie ganz still stand, und das Treiben um sich beobachtete, rempelte sie schon wieder jemand an. Diesmal ein Gothic, der sie ankeifte, warum sie denn so blöd in der Gegend rumstehe. Sie solle sich verpissen.
Dann verschwand er wieder in der Menge.

Thula schluckte das „Arschloch“, was ihr auf der Zunge lag, hinunter. Ruhig Blut… Er kann nichts dafür. Bestimmt schlechte Erziehung mit Schlägen und Misshandlung. Außenseiter auf der krampfhaften Suche nach jemanden der ihn so akzeptiert, wie er ist. Kein Schulabschluß und arbeitslos. Und allein.
Könnte jedenfalls sein, so unfreundlich wie der gewesen war, dachte Thula.
Sie wandte sich wieder den Sonderangeboten der Buchhandlung zu.

Der Mann neben ihr -solariumgebräunt und mit Goldkettchen behangener als ein Christbaum- saugte gerade mit wässrigen Augen einen Porno aus. Wie war der denn hierher zu den historischen Romanen gekommen?
Der Mittfünfziger neben ihr leckte sich über die Herpes-überzogenen Lippen und grunzte leise, während er das Nacktfoto einer gebleichten 90-60-90 Dame anglotzte.

Bestimmt ein notgeiler Pädophile. Verheiratet. Zwei Kinder. Und zweimal die Woche ein Bordellbesuch bei Herrin Xena, der Sadomasochistin. Was seine Frau nicht einmal ahnen konnte. So wie DER aussah.
Thula verzog angewidert das Gesicht, schüttelte sich innerlich und entschloss sich spontan, zu den Thrillern zu wechseln.

Sie hatte nichts gegen Perverse. Ehrlich.
Sie wusste, dass jeder seine Art und Weise hatte erregt zu werden. Und Sex war etwas völlig normales. Mitunter hatte auch Thula so ihre kleinen „Macken“. Das war ja völlig in Ordnung. Solange es sich in Grenzen hielt, die human waren.
Doch: Sie mochte keine klischéebehafteten … naja, ihr wisst schon. Halt diese Kerle, die jedem Rock auflauern und dafür sorgen, dass Mutti ihre Tochter nur noch mit Pfefferspray nach draußen schickt.

Thula fröstelte.
In der Krimi-Abteilung fiel ihr ein, dass sie noch ein Geschenk für ihre Mom brauchte. Nächsten Mittwoch wurde sie 42.
Was schenkt man nur einer Frau, der man nichts schenken kann, weil man nichts weiß was man ihr schenken kann, denn wenn man es wüsste, könnte man ihr schenken was sie haben will?

Sie entschied sich intuitiv für den neuen Hennig Mankell-Roman. Sie hatte diesen Namen ständig auf den Bücherrücken der Romane gelesen, die auf Moms Nachttisch lagen.
Irgendetwas musste ja dran sein, oder? Na also.

Weiter ging’s zur Esoterikabteilung, der eigentliche Grund warum sie sich Shoppingteilnehmer am Freitagnachmittag antat.
Sie suchte schon seit Ewigkeiten dieses EINE Buch. Und ständig war es entweder nicht (vor)bestellt oder ausverkauft. Kurz: Nicht da.

Ihr Herz machte einen Freudensprung als sie es diesmal im Regal stehen sah.
Also gab es doch noch Menschen, die klug genug waren, um objektive Okkultismusliteratur auszustellen. Göttin sei Dank.
Es war leider häufig die Ausnahme. Was zu der Massenlüge führte, dass kaum esoterische Bücher heutzutage wirklich inhaltsreich seien. Und der Großteil nur Hokuspokus, kommerzieller Schabernack, war.

Thula fand das schade. Und es machte sie betroffen und traurig.
Kein Wunder, dass jeder sie als „verrückt“ abtat, nur weil sie sich als Hexe fühlte, Menschen mit Reiki heilte, Elfen sah und an die Reinkarnation glaubte.
Obwohl das wahrscheinlich auch der Christianisierung lag, dachte Thula. Deren Vorherrschaft und die damit verbundene Dämonisierung alles Mystischen: Frauen und ihre Menstruation, die Kräfte der Natur, das Geheimnis um Leben und Tod … kurz: Des Unerklärlichen. All das gepaart mit Angst vor dem Unbekannten und Machtgier hatte zur Inquisition geführt und zur Vertuschung des alten Wissens.
Und zu den noch heute vorherrschenden Ammenmärchen von fliegenden, hakennasigen alten Weibern, die mit einer schwarzen Katze auf der Schulter auf ihrem Besen zum Brocken fliegen. Oder noch schlimmer: Zu der Annahme Hexerei sei Teufelswerk -man denke nur an die Verunstaltung des alten Symboles vom umgedrehten Pentagramm-, Götzenanbetung und schwarze Magie, mit der Hexen die Menschen verzaubern würden – indem sie Nadeln in Puppen bohrten und Gifte im Hexenkessel anrührten.

Thula schüttelte verständnislos den Kopf. Zuviel zum Thema, der Aberglaube sei ausgestorben. Pfff. Er ist präsenter denn je. Nur versteckt in Vorurteilen und Intoleranz.

Sie nahm das Buch aus dem Regal und spürte das Kribbeln, das dabei über ihre Hand und durch ihren Körper lief. Ja, dieses Buch war alt. Und weise.
Thula lächelte.

Einen Moment lang fühlte sie sich gefangen in der meditativen Stille der Tibeter. Friedlich und frei.

Dann brüllte ein Kind am Eingang.

Die Stille zerbrach wie Glas. Und Thula wurde sich bedauernd wieder der Gegenwart bewusst.
Sie seufzte und öffnete die Augen, die sie geschlossen hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Ihr Blick richtete sich auf den etwa 3-jährigen Jungen am Eingang, dem Thula das Geschrei zuschrieb.
Seine Mutter versuchte verzweifelt, ihn zum Schweigen zu bringen. Sie war offensichtlich mit der Situation überfordert. Und ihr schien die ganze Sache ziemlich peinlich zu sein.
Thula schätzte sie auf Mitte Zwanzig.

Niemand nahm die beiden zur Kenntnis im anonymen Dschungel der Großstadt. Nur einige Besucher bedachten die junge Frau mit missbilligenden Blicken, ehe sie sich wieder ihren eigenen Sachen zuwandten.
Thula tat sie leid.
Verdammt, wie sie diese Ignoranz der Menschen verabscheute! Wie konnten alle nur so tun, als sei diese Frau unsichtbar?
Sie beschloß ihr zu helfen, auch wenn sie nicht wusste wie.

Ruhig schlenderte sie, das Buch fest in der Hand, zum Eingang, wo der Junge noch immer wie am Spieß schrie.
Thula glaubte etwas wie „Eis“ zu hören.

„Entschuldigung. Ich kam nicht umhin ihr „Problem“ mitanzuhören. Kann ich ihnen vielleicht helfen?“

Die Frau hob überrascht -und ein wenig müde, wie Thula fand- den Blick.
Thula war froh, darin Dankbarkeit zu lesen und nicht Trotz oder Agression. Schließlich lag der Egoismus im 21. Jahrhundert ganz weit vorn.

„Oh, ja das wäre wahnsinnig toll. Ich weiß auch nicht was er hat. Seit einer Woche ist er so rotzfrech und gemein. Vorher war er ein ganz Lieber. Ich kann es mir nicht erklären…“
Die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme berührte Thula.

„Hmm… ist er denn immer beim Einkauf so? Oder auch zu Hause?“

Die Frau lächelte schief.
„In letzter Zeit überall und jederzeit. Leider. Sogar unsere Nachbaren haben sich schon beschwert. Aber was soll ich denn tun?“

Thula musterte den Kleinen eingehend.
Er streckte ihr trotzig die Zunge raus.
Seine Mutter tadelte ihn entsetzt.
Und Thula meinte nachdenklich: „Dies ist ihr erstes Kind nicht wahr?“

„Ja, woher…?“
Thula lächelte nachsichtig.
„Das hat man einfach gemerkt, belassen wir es dabei. Wenn das so ist, dann weiß ich warum ihr Junge so aufmüpfig geworden ist.“ Mom hat mir das oft erzählt. „Es ist ein normaler Entwicklungsprozess. Da er ihr erstes Kind ist, verwöhnen sie ihn. Auch wenn er es nicht immer verdient. Und ab einem bestimmten Alter nutzt er ihre Gutmütigkeit dann gnadenlos aus. Wie die Pubertät in jungen Jahren. Er testet sie, um zu sehen wie weit er gehen kann. Das ist ganz normal. In diesen Situationen müssen sie dann nur streng bleiben. Geben sie nicht nach. Die beste Methode ist immernoch Ignorieren. Schlagen sie ihn nie.“

„Aber ich kann mein Kind doch nicht einfach links liegen lassen…“ Die junge Frau schien beleidigt.

Thula legte den Kopf schief wie ein Hund.
„Doch. Sie müssen sogar. Wenn sie ihm einmal nachgeben wird er sie nicht mehr ernst nehmen. Zeigen sie ihm WER die Zügel in der Hand hat. Verweigern sie ihm seinen Wunsch. Sie werden sehen, dass ich Recht behalte.“

Sie nickte ihr aufmunternd zu.
Die junge Frau schien verunsichert, doch Thulas ermutigendes Zwinkern ließ sie schließlich lächeln.

„Na gut.“ Schlimmer konnte es eh kaum werden.
Sie sah ihren Sohn, der nun merklich leiser brüllte, da seine Mutter sich der Fremden zugewandt hatte, an.
„Ich habe es dir oft genug gesagt. Du kannst schreien wie du willst, aber du wirst dein Eis NICHT bekommen. Punkt. Aus. Basta.“

Den Blick den sie dann aufsetzte, hätte eine Hollywoodschauspielerin nicht besser machen können. Er erinnerte Thula an das Schmollgesicht von Bunnie in „Sailor Moon“.
Sie musste sich angesichts dieser plötzlichen Autorität ein Grinsen verkneifen.

Doch es wirkte. Einige Sekunden brüllte der Kleine noch aus Leibeskräften. Dann senkte sich seine Stimme, bis er schließlich ganz abbrach und erwartungsvoll verstummte.

Seine Mutter, die ihn nun wieder eines zufriedenen Blickes würdigte, strahlte über das ganze Gesicht, als sie sich an Thula wandte.
„Es hat geklappt! Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass eine derart leiche Methode Wirkung zeigen würde. Ich… ich danke ihnen vielmals für ihre Hilfe. Vielen Dank.“

Der Stolz in ihrer Stimme erwärmte Thulas Herz.
„Gern geschehen. Solange es auch weiterhin wirkt, bin ich zufrieden.“

Die junge Mutter kramte in ihrer Tasche, doch Thula -ahnend was nun folgen würde- hielt sie davon ab: „Ich bin gerührt über ihre Großzügigkeit, aber ich nehme kein Geld an. Ich habe ihn gern geholfen. Ihr Glück ist Belohnung genug für mich. Ehrlich. Investieren sie das Geld lieber in ein Eis für ihren Kleinen.“ Sie zwinkerte, wünschte der Frau noch einen schönen Tag und verschwand lächelnd wieder im Buchladen.

Doch die verblüfften Blicke der Dame folgten ihr. Sie spürte sie wie Nadeln in ihrem Rücken.
Dass es sowas heutzutage noch gibt… Verblüffend. Wirklich verblüffend diese Sozialität. Und das in dem Alter.
Anerkennend entfernte sich die Dame mit ihrem Jungen in Richtung Kaufhaus.

Thula fühlte sich frei. Gut. Zufrieden. Kurzum: So, wie man sich öfter fühlen sollte um Optimist zu bleiben. Sie musste an das Buch denken, dass zu Hause auf ihrem Schreibtisch lag. Diana Marcellas. Mutter Ozean, Tochter See. „Ich helfe und heile“, hatte die Protagonistin dort gesagt, „die Beständigen und Bedürftigen dieser Welt.“
Thula lächelte. Das Leben konnte doch so schön sein, dachte sie. Wenn man es sich dazu machte.