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Die Auserwählte der Insel

Der alte Fischer betrat seine Holzhütte am Strand. Die Sonne schien hell und er war gerade von einer seiner Angeltouren auf der See zurückgekehrt. Ein kleines Mädchen rannte auf ihn zu, kaum dass er durch den verwitterten Holztorbogen getreten war. „Großvater, erzählst du mir eine Geschichte?“ Der alte Mann lächelte, stellte den Korb mit Fischen ab und hob das Kind hoch. „Was für eine Geschichte willst du denn hören, meine Kleine?“ Das Mädchen lächelte. „Eine Abenteuer- und eine Liebesgeschichte.“ Der Fischer lachte. Es war ein richtiges Männerlachen, eines das tief aus dem Bauch kam. „Das sind aber viele Wünsche.“ sagte er. „Och bitte Großvater. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.“ flehte das Kind. „Also gut.“, gab sich der Fischer schließlich lächelnd geschlagen und setzte das Kind ab. Er ging zu dem altem Buchregal an der Nordseite des Holzhauses und holte ein dunkelblaues Buch hervor. Auf dem Einband befand sich ein reich verziertes, mystisches Symbol in Gold. Der alte Mann schlurfte zum Sessel am Kamin; das Mädchen folgte ihm dichtauf. In ihm lag ein kleines zotteliges Tier mit einem gewundenen Horn auf der Stirn. „Das ist mein Sessel, Lucky.“ sagte er zu ihm und das schlafende Tier blinzelte ihn mit seinen blauen Augen an. „Das ist nicht seine Schuld.“ sagte da das Kind entschuldigend. „Ich hab‘ es ihm erlaubt.“ Der alte Fischer lächelte warmherzig, nahm das Tier auf den Schoß und setzte sich. Das Mädchen setzte sich auf den Boden zu seinen Füßen. Der Fischer öffnete den Einband des Buches, er war schon sehr alt und halb zerfallen, und begann mit kräftiger Stimme zu lesen:

I KIANA
Kiana packte ihre Sachen. Es war ein sonniger Julitag und Kiana schloss vorsorglich die Vorhänge in ihrem Zimmer um Schutz vor der brennenden Sonne zu schaffen. Dann wandte sie sich wieder ihrem Reisekoffer zu, der offen auf dem Bett lag. Sie durfte für ein halbes Jahr zu ihrer Tante Lauryn nach Guama, einer tropischen Südseeinsel, reisen. Kiana freute sich schon unheimlich darauf und musste unwillkürlich lächeln, wenn sie daran dachte bald am weißen Strand zu sitzen. Auch logisch., dachte sie mit leichter Selbstironie. Da bringt die Sonne die Temperaturen hier auf Höchsttouren und ich fahre in den Pazifik. Kiana schüttelte innerlich den Kopf und öffnete die zweite Hälfte ihres Kleiderschrankes. Hmm. Was nehme ich denn mit? Langsam durchstöberte sie Schublade für Schublade des Buchenschrankes. Da hat man tausend Sachen und nichts Gescheites anzuziehen! Moment mal. Ja. Das ist gut. Hab ich das nicht noch in Gelb? Hmm. Während Kiana so ihren Gedanken nachhing, fasste sie zusammen was sie schon von ihrem Zielort wusste. Eigentlich war das nicht gerade viel: Ihre Tante Lauryn, das schwarze Schaf in der Familie ihres Vaters, war vor genau zehn Jahren mit ihrem Mann Harry auf den abseits liegenden Atoll geflüchtet und hatte dort eine Pferdefarm gegründet, die sehr gefragt war. Seitdem lebte sie glücklich und zurückgezogen auf Guama und lud ihre über alles geliebte Nichte in monatlichen Abständen zu sich ein. Allerdings erlaubte das Kianas Vater nicht häufig, da er seiner Schwester nie verziehen hat, dass sie einfach Hals über Kopf geflohen war und ihn mit der Familie alleine ließ. Leider. Denn auch wenn Kiana nicht so häufig nach Guama reisen durfte wie sie es gern würde, liebte sie die Insel abgöttisch. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber irgendwie schien die Insel nach ihr zu rufen. Sie zog Kiana magisch an. Und die Zeit die sie jedesmal dort verbrachte machte sie wieder lebensfroh für den Alltag in ihrer Heimatstadt Belland, einem Vorort von Weimar. Schon allein bei dem Gedanken bald wieder dort zu sein, kribbelten tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch.
Kiana war gerade dabei ihre Shorts zur Seite zu legen als ein Schwindelanfall sie gegen den Schrank lehnen ließ. Ihr Inneres rebellierte und Kianas Kopf pulsierte schmerzhaft. „Was zum Teufel….?“ Kiana schwankte und nur ihr Reaktionsvermögen bewahrte sie davor zu stürzen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer und schwarze Pünktchen tanzten vor ihren Augen. Kiana musste krampfhaft dagegen ankämpfen nicht das Bewusstsein zu verlieren. Kiana… Kiana., flüsterten da hunderte von geisterhaften Stimmen die in ihrem Kopf zu entstehen schienen. Zu uns… kommen… komm, Kiana. Guama… dich brauchen… Guama braucht. Helfen uns… uns hilf. Der droht… Schwarze… droht droht. Macht böse… böse sein… Macht Macht. Gleichgewicht… sein in in Gefahr… Gefahr. Sein letzte Hoffnung… Hoffnung… du sein sein. Helfen uns… uns hilf. „Was passiert hier? Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?“ Kiana hielt sich verzweifelt den Kopf, da sie glaubte er würde sonst zerspringen. „Warum tut ihr mir das an? Verschwindet! Haut ab! Lasst mich in Ruhe.“ Und plötzlich war Stille. Kiana war so überrumpelt, dass die Schmerzen und die furchterregenden Geisterstimmen verschwunden waren, dass sie beinahe vornüber gefallen wäre. „Was zum Teufel….?“ entfuhr es ihr. Sie schüttelte den Kopf. Doch die flüsternden Stimmen kehrten nicht wieder. „Was war das? Was hatte das zu bedeuten?“ Kiana blickte sich suchend im Zimmer um. Auch wenn es ihr lächerlich vorkam, aber sie sah sich um, um eventuell Spuren zu finden. Für-was-auch-immer.
Nichts. Natürlich nicht. Wie auch? Oder hinterlassen Geistwesen jetzt Fußabdrücke? „Hab ich mir das nur eingebildet?“ Sie lief zum Spiegel und beugte sich so nah an die Oberfläche, dass die Scheibe von ihrem Atem beschlug. Hm. Sah ganz normal aus. Sie beugte sich noch mehr vor und konnte nun die Punkte in ihrer Iris sehen. Eine Weile starrte Kiana ihr Spiegelbild wortlos an. Dann lachte sie laut los und wich zurück. Nun mal im Ernst, was hatte sie erwartet? Dass sie rotglühende Augen hätte oder ihr ein Dämon aus dem Spiegel entgegenschaute? Sie schüttelte den Kopf über ihr lächerliches Verhalten. Also wirklich. Sie war wirklich überspannt. Jetzt bildete sie sich schon ein Geisterstimmen zu hören. Es wurde höchste Zeit, dass sie mal relaxte. Mit einem Seufzer drehte sie sich um und kehrte wieder zum Schrank zurück. Sie hob die Shorts auf, die bei dem merkwürdigen Zwischenfall heruntergefallen waren, und dachte nicht weiter über das Wunder nach das ihr widerfahren war.
Gerade packte sie ihr ärmelloses Top mit den lila Orchideen ein, als an die Tür geklopft wurde und ihr Vater hereinkam. „Na, wie ich sehe bist du bald fertig.“ meinte er mit einem abschätzenden Blick auf ihren Koffer. „Ja, ich brauche nur noch meine Tasche zu packen, dann können wir los!“ Siegfried Heliopolis schüttelte den Kopf über den Eifer seiner Tochter. „Man könnte ja meinen du willst hier unbedingt weg.“, lachte er. „Aber nein.“, widersprach Kiana energisch. „Ich freu‘ mich nur auf Tante Lauryn. Weißt du, dass ich sie das letzte Mal vor circa fünf Jahren gesehen habe? Das ist viel zu lange her…“ Kiana sprang mit einem elegantem Satz auf’s Bett, während Herr Heliopolis sich zur Tür wandte. „Das ist wahr, Sonnenschein.“, murmelte ihr Vater mit merkwürdiger Stimme und ging gedankenverloren aus dem Zimmer. Kiana sah ihm nachdenklich hinterher. Sie wusste, dass sie mit ihrer Aussage seine wunde Stelle getroffen hatte. Er war noch immer nicht gut auf seine Schwester Lauryn zu sprechen. Und Kiana war sich sicher, dass er sie auch nur fahren ließ weil es ihr ausdrücklicher Wunsch war. Ach., dachte sie. Väter! Wer versteht sie schon?

[…]

Am nächsten Morgen nahm Kiana sich Zeit um sich fertig zu machen. Sie stand auf und ging ins Bad, duschte dort in Ruhe und cremte sich ein, denn die Sonne trocknete ihre Haut aus. Dann schlenderte sie in ihr Zimmer um sich umzuziehen. Kiana holte ihre Jeans und ihr Shirt hervor. Als sie schon fertig angezogen war, machte sie noch ein paar Kraftübungen um ganz wach zu werden. Sie nahm ihre zwei Kilo Hanteln und trainierte drei Minuten pro Hand. Dann machte sie ein paar Liegestütze auf einem Arm. Kiana bemerkte nicht, daß Jimmy vor der Tür stand und sie beobachtete. Sie ist wirklich sehr stark für ihr Alter!, dachte er bei sich. Kiana wechselte gerade den Arm als er leise eintrat. Etwas, was subtiler war als Gehör, ließ sie herumfahren. Sie ergriff blitzschnell ihr Messer, das an ihrem Gürtel hing, und hielt es ihm vor die Brust. „Keine Bewegung!“ Er erstarrte. Kiana erkannte ihn und nahm ihr Messer von seiner Brust weg. „Ach, du bist es. Jimmy, du kannst dich nicht einfach hier reinschleichen, ich bin fast zu Tode erschrocken.“ Er rührte sich immer noch nicht und meinte, die Hände immernoch in die Luft haltend. „Das habe ich bemerkt. Begrüßt du alle Gäste so?“ Sie steckte ihr Messer wieder weg. „Nein, nur die die sich hier heimlich reinschleichen!“ Er nahm die Hände runter. „Sehr witzig. Bist du fertig?“ Sie stieg in ihre braunen Cowboystiefel. „Ja, jetzt schon.“ Im Flur blieb Jimmy abrupt stehen. „Sag mal ,wie hast du eigentlich gemerkt, daß ich im Zimmer war? Ich habe keinen Ton von mir gegeben!“ Sie blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu ihm um. „Ach das. Nun…“ Sie zögerte. „…das erkläre ich dir lieber draußen. Okay?“ Er nickte ergeben. „Einverstanden.“ „Gut.“ Sie ging weiter in Richtung Küche. In der Sitzecke saßen Harry, Lauryn und der Pfarrer. „Guten Morgen!“ grüßte Kiana in die Runde. „Morgen.“, erwiderte Lauryn fröhlich. Kiana und Jimmy setzten sich auf die zwei freien Stühle am Fenster. Seit einiger Zeit nahm Jimmy das Essen gemeinsam mit Kiana ein, da sie sowieso immer beisammen waren. „Was gibt’s heute Lauryn?“ Jimmy hatte auf den gedeckten Tisch gesehen und nun bekam er Hunger. Sie lachte. „Frischen Obstsalat und Papayascheiben, du Nimmersatt!“ Jimmy leckte sich die Lippen. „Mmmh lecker.“ Kiana rollte mit den Augen. „Du hast aber auch immer Hunger.“ Da meldete sich Jimmys Magen zu Wort. Alle lachten. „Schnell Lauryn, sonst verhungert der Junge noch!“ Harry half beim Tragen der Teller. Bald aßen alle mit großem Appetit und unterhielten sich über die Vorhaben des heutigen Tages. Als schließlich auch der letzte Teller aufgegessen war trennten sich die Freunde, und jeder ging seiner Tätigkeit nach.

An der Koppel angekommen öffnete Jimmy das Gatter und Kiana trug die Sättel hinein. Dann gingen sie zu Butterblume, der ausgewählten weißen Stute. Kiana gab Jimmy den Sattel. „So, du sattelst Butterblume und ich mache Shadow fertig, einverstanden?“ „Klar.“ Kiana nickte und wandte sich ihrem Pferd zu. Währen sie Shadow den Sattel auflegte, beobachtete Jimmy sie. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der Tiere vor allem Pferde so sehr liebte. Aber er hatte auch noch nie einen Menschen wie sie getroffen. Jimmy schüttelte den Kopf. Aber was dachte er denn? Jimmy drehte sich um und band die Enden des Sattels unter dem Bauch der Stute zusammen. „Fertig?“ Kiana kam auf Shadow angetrabt. Jimmy überprüfte nochmal alles – eine Angewohnheit die er von Kiana hatte. „Ja, alles bereit.“, sagte er, nachdem er sicher war das Sattel und Zügel fest waren, aber nicht drückten. „Gut. Dann können wir ja die Reitstunde starten. Sitz erstmal auf!“ Jimmy stand etwas unbeholfen da. „Und wie?“ Kiana rutschte von Shadows Rücken und half Jimmy in den Steigbügel zu steigen. Als Jimmy saß, stieg auch Kiana wieder auf. „Wir fangen mit Traben an. Also, sieh zu wie ich es mache.“ Kiana hielt den Rücken gerade, schnalzte mit der Zunge und Shadow trabte los. „Du mußt dich den Bewegungen des Pferdes anpassen, das ist ganz wichtig.“ Sie rief leise „Brr“ und das Pferd blieb stehen. „So jetzt probiere es einmal.“ Jimmy tat es und Butterblume trabte tatsächlich los. Aber seine Haltung war ganz falsch und so blieb sie bald mit einem lauten Wiehern stehen. Kiana schüttelte den Kopf. „Deine Haltung war ja schlimm! Das müssen wir nochmal üben.“
„Stimmt, hübsche Lady!“ Kiana fuhr herum. Hinter ihr saß ein Junge auf einem braunem Pferd. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Ken Oscar Ferus der Zweite.“, flötete er und betonte dabei jede Silbe seines Namens. Er lächelte breit. Anscheinend hielt sich dieser blonde Schönling für Mister Macho. Kiana zog die Augenbrauen hoch. „Ich weiß zwar nicht wie du hierher kommst, aber ich bin Kiana und das ist mein Freund Jimmy.“ Kens Lächeln wurde hart. „Schön.“ sagte er, aber sein Ton verriet deutlich, dass er es nicht schön fand. „Ich bin gerade aus Berlin angekommen und dachte ich stelle mich mal vor. Ich werde einige Tage hier bei meiner Cousine verbringen und habe erfahren, dass du eine sehr begabte Reiterin sein sollst. Wie wäre es? Wollen wir mal zusammen ausreiten?“ Mein Gott, was ist denn in letzter Zeit los? Denken alle Bewohner der Insel, dass ich als Begleiterin zum Verkauf stehe? Das wird ja langsam nervig… Wie bekommen diese eingebildeten Querdenker nur immer mit solcher Treffsicherheit heraus, wo ich zu finden bin? Er hatte eigentlich nur Kiana angesprochen, doch Jimmy antwortete: „Klar.“ Kiana beendete abrupt ihren Gedankengang und sah ihn besorgt an. „Aber du bist doch noch gar nicht ausgebildet.“ „Das schaffe ich schon!“ „Also dann treffen wir uns bei Sonnenaufgang hier.“, mischte Ken sich da ein. „Seid pünktlich.“, rief er und ritt davon. Nachdem er außer Sichtweite war fuhr Kiana Jimmy an: „Sag mal, tickst du noch richtig? Du weißt doch gar nicht wie man reitet.“ Er sah sie an. „Das kleine bißchen Traben werde ich schon hinkriegen.“ Jimmy wollte nicht zugeben, dass er es -auf eine Art und Weise die er nicht wahrhaben wollte- einfach nicht gut fand wenn sie mit einem Anderen zusammen war. „Du machst dir das viel zu einfach. Reiten lernt man nun mal nicht von heute auf morgen. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich es konnte! Und dabei war ich noch die beste Schülerin!“ Jimmy wurde weiß. „Echt?“ „Ja sicher.“ Kiana stieg von Shadow. „Aber du hast dir die Suppe selbst eingebrockt, also mußt du sie auch selbst auslöffeln. Die Stunde ist beendet!“ Mit diesen Worten ließ sie ihn einfach stehen und verließ die Koppel. Jimmy blieb ängstlich zurück. Wie würde er sich wohl morgen anstellen?

Es war halb elf als sich Jimmy anzog und leise aus dem Haus seiner Eltern stahl. Er überquerte die Straße und kam bald an das Haus der Tureus. Jimmy griff unter den Abtreter auf der Terrasse und zog zielsicher den Hausschlüssel hervor. Als er sich im Wohnzimmer befand, fragte er sich wie Lauryn wohl reagieren würde wenn sie ihn sah. Wie auch immer. Es ist zu spät um es rückgängig zu machen.
Er schlich durch den Flur und blieb vor dem Schlafzimmer stehen. Das Bett knarrte, anscheinend waren Lauryn und Harry noch wach. Jimmy nahm seinen Mut zusammen und klopfte leise. „Ja?“ Lauryn war sichtlich überrascht. Jimmy trat vorsichtig ein. „Jimmy, du?“ Er nickte nervös. „Wer? Der Pfarrer?“ Harry säuselte. Er war wohl im Begriff einzuschlafen. „Es ist niemand, Liebling.“, flüsterte sie und Harry drehte sich mit einem Grunzen auf die andere Seite. Lauryn stand auf und zog sich ihren Bademantel über. „Was ist denn? Ist was mit deinen Eltern passiert?“ Jimmy schüttelte heftig den Kopf, sodass seine kurzen braune Haare nur so flogen. „Aber was ist denn dann, um Himmels Willen?“ Jimmy zeigte hinaus ins Wohnzimmer. „Ich muß mit dir reden.“ „Jetzt?“ Lauryn schien immer verblüffter. „Ja, es ist echt wichtig für mich.“ Sie knurrte. „Okay, aber mach es kurz.“ Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. „Nun?“ Jimmy spielte aufgeregt mit seinen Fingern. „Ich wollte dich fragen, ob du mir heute noch reiten lernen kannst.“ „Macht das Kiana nicht mehr? Ich dachte sie wollte es dir beibringen.“ Er nahm den Zeigefinger und hielt ihn vor den Mund. „Psst! Nicht so laut! Ja natürlich tut sie es noch, aber…“ „Was aber?“ „Sie will morgen ausreiten.“ Lauryn sah ihn verdutzt an. „Ach was! Und was ist daran so ungewöhnlich?“ Jimmy wandte ihr den Rücken zu. „Sie will es mit Ken tun.“, meinte er leise. „Aha. Und du willst natürlich mit!“ Lauryn schien belustigt. „Ja.“, gab Jimmy kleinlaut zu und drehte sich wieder zu ihr. „Warum lachst du? Ist das so lustig?“ Er war leicht verärgert. Lauryn legte ihm ihre Hand auf die Schulter. „Jetzt hör mir mal zu. Kiana mag dich wirklich sehr. Und du gehst Unrecht in der Annahme sie würde sich auf einen Jungen wie diesen Ken einlassen. Da kannst du sicher sein. Ich kenne sie. Und sowas zu denken ist reiner Unsinn. Ich hätte echt mehr von dir erwartet.“ Er schwieg. „So und jetzt komm, wir haben noch viel vor.“ Danach gingen sie auf die Koppel um zu üben.

Kiana wachte auf ohne sofort zu wissen warum. Sie blinzelte in die Dunkelheit und lauschte einige Augenblicke angestrengt. Da hörte sie einen Peitschenschlag und wusste plötzlich, dass sie davon aufgewacht war. Sie setzte sich im Bett auf. Das Geräusch kam von draußen, da war sie sich sicher. Vorsichtig schlüpfte sie in ihre Sachen und blinzelte durch einen Spalt aus dem Fenster. Das Bild was sich ihr bot, ließ sie amüsiert lächeln. Es sah aber auch zu komisch aus, wie Lauryn im Bademantel mit der Peitsche in der Hand vor Jimmy und Butterblume stand! Kiana beschloß Jimmy zu helfen, obwohl er es eigentlich nicht verdient hatte. Aber sie fand es süß von ihm, daß er sich nicht vor ihr blamieren wollte. Also schlich sie aus dem Haus und trat auf die Veranda. Dort nahm sie ihren Kettenanhänger und blies hinein. Es dauerte nicht lange und Shadow stand vor ihr. Sie saß auf, auch wenn er keinen Sattel trug, und ritt auf die Koppel.
Jimmy war gerade dabei auf Butterblume zu traben, als er Lauryns erstaunten Ruf hörte. „Kiana!“ Er fuhr erschrocken herum. Für eine Zehntelsekunde glaubte er auf Kianas Gesicht eine Spur von Zuneigung zu erkennen – doch als er erneut hinschaute war es verschwunden und Jimmy wusste nicht, ob er sich das Ganze nur eingebildet hatte oder nicht. Lauryn sah Kiana ernst an. „Du solltest doch schlafen!“ Kiana hielt ihrem Blick ohne eine Spur von Angst stand. In diesem Moment sah sie aus wie eine wunderschöne Amazone. „Ich glaube das sollte Jimmy auch.“, sagte sie streng und Jimmy schaute beschämt zu Boden. Ihm war die ganze Sache peinlich. Warum musste Kiana ihn auch gerade jetzt erwischen? „Und jetzt geh ins Bett, Tante Lauryn. Ich werde mich um ihn kümmern.“ „Ja aber…“ „Nichts aber.“, entgegnete sie scharf. „Schließlich hast du morgen viel vor, da mußt du ausgeschlafen sein.“ Lauryn wollte etwas entgegenen, doch sie überlegte es sich anders. Sie nickte wissend, gab Kiana noch einen Kuss und ging dann ins Haus, um ihren Rat zu befolgen.
Als Lauryn außerhalb der Koppel war, wandte Kiana sich Jimmy zu. „Also Jimmy, warum bist du wirklich hier?“ Er sah ihr in die Augen. „Ich… ich wollte morgen dabei sein.“, gab er kleinlaut zu. Kiana stieg von Shadow und ging zu ihm. „Und warum?“ Jimmy blieben die Worte im Halse stecken. „Ich verstehe. Du willst es mir nicht sagen.“ Ihre Stimme klang enttäuscht. „Nein! Ich wollte dich nicht mit ihm allein lassen.“ „Was?“ „Es ist wahr. Ich mag dich wirklich sehr, aber ich könnte es nicht ertragen dich an so einen Typen zu verlieren.“ „Ach Jimmy!“ Kiana umarmte ihn. „Ich würde doch nie so etwas tun.“ „Ich weiß… aber es sah so aus.“ Kiana lächelte und ergriff freundschaftlich seine Hand. Jimmy hatte das Gefühl das es ihm während dieser kurzen Berührung heiß und kalt den Rücken runterlief. „Du bist echt ein Dummkopf.“, neckte sie ihn gerührt. „Und jetzt laß uns wenigstens das Gröbste üben, damit du morgen mitreiten kannst, ja?“ Jimmy stimmte erleichtert zu. Kiana nahm die liegengelassene Peitsche. „So jetzt den Rücken gerade halten und…“

Als die beiden endlich fertig mit Üben waren, ging schon die Sonne auf. Sie saßen auf der weichen Koppelwiese und lehnten sich mit dem Rücken an Shadows warmen Bauch. Jimmy war eingefallen, daß Kiana ihn noch nicht über die Sache in ihrem Zimmer aufgeklärt hatte. Deshalb hatten sie es sich bequem gemacht. Kiana sah ihn ernst an. „Jimmy…“ Sie machte eine demonstrative Pause in der sie bedächtig ihre Worte wählte. „Ich bin kein normales Mädchen.“ „Das weiß ich.“ „Nein!“, unterbrach Kiana ihn da. „Lass mich bitte ausreden. Das Ganze ist schon schwierig genug für mich.“ Jimmy nickte kleinlaut. „Natürlich. Tut mir Leid.“ „Also gut… Ich bin ein besonderes Kind. Meine Familie konnte es bislang geheim halten, aber irgendwann wird die Wahrheit ans Licht kommen. Deshalb will ich es dir lieber vorher erzählen: Seit meiner Geburt habe ich gewisse … Fähigkeiten. Ich… ich kann die Tiere und Pflanzen verstehen und mit ihnen komunizieren. Ich kann spüren was andere Menschen denken oder fühlen. Und…“ „Und was?“ „Und ich glaube, dass es meine Bestimmung ist diese Insel zu beschützen. Auch wenn ich nicht weiß wovor.“ Als Jimmy nicht antwortete, fuhr sie fort: „Ich weiß, dass klingt wie ein modernes Fantasy-Märchen. Es ist an sich verrückt. Aber glaube mir, es ist wahr. Auch wenn es schwer zu verstehen ist. Ich selbst konnte es anfangs ja kaum glauben.“
Jimmy schwieg. „Wie kommst du darauf, dass es deine Pflicht ist Guama zu schützen?“, fragte er plötzlich und seine Stimme klang teilnahmslos. Er starrte auf einen imaginären Fleck der Wiese und wirkte weit entfernt. Als sei er nur körperlich anwesend. Anscheinend setzte ihm ihre Offenbarung mehr zu als sie angenommen hatte. Wer konnte es ihm verübeln? Wer weiß wie sie reagiert hätte, wenn sie erfahren hätte, dass Magie heute noch existiert und ihre Freundin… ja, was eigentlich?… übersinnliche Kräfte hatte. Oh Mann. Sie hoffte inständig, dass er darüber hinwegkam. „Nun,“ sagte sie und sah Jimmy an, der noch immer vor sich hin träumte, „mir ist vor meiner Abfahrt hierher etwas Merkwürdiges passiert.“ Kiana erzählte ihm vom ihrem unheimlichen Erlebnis mit den Geisterstimmen in ihrem Zimmer in Belland. Dabei erwähnte sie auch wie sie sich dabei gefühlt hatte und wie sie die Sache als Tagträumerei abgetan und so vergessen hatte. „Dann… dann bist du so eine Art Mrs. Doolittle und… und Telepathin, eine Gedankenleserin? Ist das richtig? Kannst du… ich meine… kannst du auch lesen was ich gerade denke?“ Jimmys Stimme klang gleichgültig, wenn auch etwas näher an der Wirklichkeit als zuvor. Kiana lächelte, doch es wirkte nicht fröhlich. „Nein. Ich habe diese Fähigkeit erst seit kurzem. Und… wie soll ich sagen… sie kommt unregelmäßig. Sie setzt plötzlich ein und dann ist sie wieder weg. Ich muss noch lernen mit dieser neuen Gabe umzugehen. Aber die Flora und Fauna kann ich immer verstehen, falls du das wissen wolltest. Das ist Fakt. Diese Gabe habe ich seit meiner Geburt. Sie ist mit das Einzige, was mit von meiner Mutter geblieben ist. Am Anfang war es komisch, da ich dachte alle könnten das. Doch wenn ich dann meinen Freunden sagte „Hey, der Baum sagt er hat Durst. Wollen wir ihn gießen?“ dann schauten sie mich doof an und lachten. „Du bist verrückt. Der Baum kann doch gar nicht sprechen.“ sagten sie und seitdem habe ich erstmal erkannt, dass nicht alle hören konnten was sie sagen und habe mich zurückgenommen. Wie hätte ich den Leuten auch erklären sollen, dass ich die Äpfel pflücke weil sie dem Baum zu schwer sind oder dass ich die Maus nur kaufe, weil sie Bauchschmerzen hat und niemand ihr hilft? Es ist manchmal schon schwer. Doch ich habe gelernt damit umzugehen. Es ist ja auch eine Frage der Körpersprache der Tiere. Wenn ein Pferd z.B. auf der Weide die Ohren anlegt und den Kopf senkt dann muss ich es nicht hören um dir zu sagen, dass es dich beißen wird wenn du ihm zu nahe kommst. Verstehst du mich? Doch am meisten beängstigt mich dieser Vorfall vor meiner Abreise aus Belland. Ich meine… was meinten diese Stimmen? Und wer ist dieser „Schwarze“ von dem sie sprachen? Ich weiß einfach nicht weiter. Und dabei wollte ich nur ruhige Ferien verbringen… oh Mann, womit habe ich das verdient? Ich wollte nur meine Ruhe haben.“ Als sie geendet hatte, sah er sie an und lächelte. Und diesmal war er wieder er selbst. „Ich habe vom ersten Augenblick an gemerkt, dass du etwas Besonderes bist. Aber das übersteigt alles.“ Dann herrschte wieder Schweigen. „Aber… aber wieso gerade du?“ Kiana schüttelte den Kopf. Wenn sie das wüsste. „Ich weiß es nicht Jimmy.“, gab sie ehrlich zu. „Aber es hat alles seine Gründe. Das musst du einsehen.“ Er ergriff ihre Hand. „Das tue ich.“, sagte er fest. „Es wäre nur schöner wenn die Gründe bei jemand anderem wären, und nicht bei dir.“ Kiana lächelte warm und war plötzlich unheimlich dankbar dafür nicht allein mit ihren Problemen zu sein. „Ich weiß Jimmy. Ich weiß.“

Auf dem Nachhauseweg dachte Jimmy noch einmal über Kiana nach. Warum konnte ich es ihr nicht sagen?, fragte er sich. Warum kann ich ihr nicht sagen, dass ich sie liebe? Er dachte nicht daran, dass sie theoretisch schon aufgrund ihrer Eigenschaften davon wissen könnte. Als er vor seiner Tür stand, schloß er auf und ging in sein Zimmer. Er machte sich nicht einmal die Mühe seine Sachen auszuziehen. Jimmy warf sich aufs Bett und war schon eingeschlafen, ehe er sein Kopfkissen berührte.
Er erwachte erst als er ein leises Klopfen hörte. „Ja?“ Es klang verschlafen. „Ich bin’s Kiana. Es ist schon halb elf und ich wollte fragen wann du kommst.“ Jimmy war mit einem Schlag hellwach. Der Ausritt! Den hatte er ja völlig vergessen. Kiana trat unaufgefordert ein. Jimmy versuchte unnütz sich unter der Bettdecke zu verstecken. „Ich glaube es war zuviel für dich.“, stellte sie mit einem Blick auf Jimmys Augenränder fest. „Du siehst schlimm aus!“ Er gähnte herzhaft. Was ein weiterer Beweis war, dass er sich übernommen hatte. Kiana zog ihm die Bettdecke weg und ging zum Kleiderschrank. Im Gegensatz zu ihm schien sie hellwach zu sein. Sie öffnete ihn und sah sich suchend um. Jimmy lief rot an. Es herrschte eine ziemliche Unordnung in seinem Schrank und es war ihm peinlich, dass sie sie sah. Kiana durchwühlte einige Schubladen, sodass die Sachen nur so flogen. „Ah, das hab ich gesucht.“ Kiana hielt eine knallrote Boxershortsunterhose hoch. Jimmys Kopf nahm nun die Farbe der Hose an. Gott, ist das peinlich! Doch Kiana ging damit um, alsob es täglich passierte das sie ihm die Unterwäsche raussuchte. „Die ist perfekt. Genau das richtige zum Ausreiten.“ sagte sie und nahm auch noch Hose, T-Shirt und Strümpfe aus dem Schrank. Während sie noch die passenden Schuhe suchte, verschwand Jimmy hinter seiner spanischen Wand um sich umzuziehen. „Wo ist eigentlich dieser Ken?“, fragte er hinter dem Paravent, in der Hoffnung das dieser nicht mitkommen würde. Kiana sah vom Schuhschrank auf. „Er wartet vor eurem Haus. Es war ihm zu unangenehm mit reinzukommen.“, war ihre Antwort, doch ihr Tonfall ließ ihn deutlich spüren, wie unsinnig sie Kens Verhalten fand. Jimmy trat hervor und Kiana strahlte ihn an. „Schön, dass du mitkommst.“, sagte sie. Dann nahm sie ihm an die Hand und gemeinsam gingen sie hinaus.
Vor dem Haus wartete schon Ken. „Da seid ihr ja endlich!“, rief er schon von weitem. Kiana ließ Jimmy los, zwinkerte ihm noch einmal aufmunternd zu und saß dann auf Shadow auf. Während Jimmy auf Butterblume zuging, beobachtete Ken ihn. Das wäre doch gelacht, wenn dieser Jimmy mir die Tour bei Kiana vermiesen würde! Jimmy saß auf und sie trabten los.
Nach einiger Zeit blieb Ken plötzlich stehen. „Jetzt reichts aber!“, schrie er. „Ich mache mir die Mühe mit Kiana allein zu sein und du redest mit ihr als ob ihr verlobt wärt.“ „Wie bitte?“ Kiana sah ihn verärgert an. „Du glaubst doch nicht das ich je etwas von dir wollte! Ich wollte doch nur mit dir ausreiten! Wenn du mich fragst, bist du doch nichts weiter als ein kleiner Macho.“ „Oh!“ Ken stieg ab und ging zu ihr. „Komm runter, wir regeln das wie echte Typen! Dieser Jimmy taugt ja nicht.“ Kiana sah Ken so zornig an, als habe er den Verstand verloren. „Sag mal spinnst du jetzt total? Ich werde doch nicht gegen dich kämpfen!“ Ken tat als sei er beleidigt. „Ich wußte ja gleich daß du zu feige bist!“, bemerkte er bissig. Kianas Augen schienen nun Blitze zu schleudern, so wütend war sie. „Was? Erst beleidigst du uns und dann nennst du uns auch noch feige? Du bist doch das Letzte!“ Mit diesen Worten stieg sie ab und ging mit energischen Schritten auf Ken zu. „Ich sag dir mal was. Wir werden uns nicht auf deine Babyspielchen einlassen! Ist das klar?“ „Na, das wollen wir doch mal sehen.“, rief er und holte aus, um Kiana zu schlagen. Aber Kiana duckte sich rechtzeitig. Sie hatte nun einmal die besseren Reflexe. Kiana stand dicht vor ihm und trat ihn mit ihrem Knie mitten in seine empfindlichste Stelle. Ken sackte in sich zusammen. „Du… du fiese Kuh.“, rief er. Kiana konnte nicht glauben, dass ein Mensch so gemein sein konnte. Sie lief zu Shadow, schaute sich aber vorher nochmal zu dem zusammengekümmten Ken um, der fluchend am Boden lag. „Weißt du…“, sagte sie. „Eben hast du mir fast leid getan. Doch das war Gefühlverschwendung. Leute wie du verdienen nicht mal Mitleid. Ihr seid doch krank im Hirn.“ Sie saß auf und ritt mit Jimmy davon. „Ich werde mich rächen!“, schrie Ken ihnen hinterher. „Ich werde mich rächen.“ Doch die beiden hörten es nicht mehr.

Bei Kiana zu Hause gingen sie in ihr Zimmer und hörten Radio, so als sei nichts passiert. Kiana hatte ein Bild hervorgeholt und gab es an Jimmy weiter. Er betrachtete es. Es war eine Bleistiftskizze von einem Ort, aber er wußte nicht welcher Ort es war. „Das ist der „Place de Guama“ von dem ich dir erzählt habe. Ich hatte mir damals aufgemalt wo er ist.“, sagte Kiana, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Vielleicht hat sie das auch. „Wenn du willst können wir heute noch hinreiten.“ Aber warum zeigst du mir die Skizze wenn wir sowieso hinreiten?“ Jimmy verstand nicht ganz. „Weil du allein hinreitest.“, meinte sie ruhig. „Was? Aber warum denn das?“ „Ich werde dich nur den ersten Teil begleiten. Dann gehe ich zu meiner Freundin Clio. Ich habe sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Außerdem ist der Place Guama ein Gedenkplatz. Wenn wir zu zweit gehen zerstören wir seine Ruhe.“ Jimmy sah sie entgeistert an. „Das ist nicht dein Ernst?“ Doch als er in ihre entschlossenen Augen sah meinte er. „Es ist dein Ernst.“ Sie nickte. „Wenn es dir was ausmacht, kannst du auch hier bleiben.“ „Nein, nein! Es ist schon okay, ehrlich.“ Damit war für sie das Gespräch zu Ende und sie machten sich entschlossen auf den Weg.
Als Kiana das Gatter öffnete und Jimmy die Sättel hineintrug, betrachtete er sie unauffällig. Natürlich bemerkte sie es, aber sie tat als hätte sie nichts gesehen. „Was hast du eigentlich immer in der Tasche die du mit dir rumträgst?“, fragte er wie nebenbei. Kiana sah ihn geheimnisvoll an. „Tja, rate doch mal!“ Er setzte die Stirn in Falten, so als ob er angestrengt nachdachte. „Vielleicht eine tolle Überraschung für mich?“ Sie schüttelte den Lockenkopf. „Leider nein.“ „Dann vielleicht ein Songbuch, mit bekannten Texten zum Mitsingen?“ „Wieder nein.“ „Dann ist es bestimmt ein knallroter Lippenstift mit Alfaufdruck.“ „Tut mir Leid, deine Antworten sind falsch! Aber weil du’s bist, zeig ich’s dir.“ Sie öffnete den Metallverschluß und ließ Jimmy einen Blick hineinwerfen. In der Tasche befanden sich nicht -wie angenommen- Schminksachen, sondern ein Dolch und ähnliche naturverbundene Sachen. Naja, das hätte er sich ja denken können! Aber was war das? Jimmy sah auf einen weißen Briefumschlag. „Sag mal was ist das denn?“, fragte er und zeigte auf den Briefumschlag. Kiana folgte seinem Blick. „Ach das! Das ist ein Brief für dich, falls mir mal was passiert.“ Er sah sie ungläubisch an. „Wie bitte?“ Sie wurde plötzlich ernst. „Ich meine es so. Wenn mir mal etwas passiert, bekommst du den Brief. Aber wirklich nur dann.“ Das war das erste Mal das Jimmy das Gefühl hatte, Kiana sei etwas peinlich. „Und was steht da drin?“ Sie sah ihn voller Wärme an. Jimmy hatte das Gefühl er würde jeden Moment anfangen durchzudrehen. Dieser Blick machte ihn noch verrückt! Am liebsten würde er sie jetzt in den Arm nehmen und küssen, aber er beherrschte sich und ließ es. „Das ist geheim.“, meinte sie. „Aha.“ murmelte Jimmy. Er war noch ganz benommen. Kiana schloß ihre Tasche wieder und sie setzten ihren Weg fort.
Bei den Pferden angekommen, stellte Kiana sich plötzlich vor ihn und sah ihn streng an. „Sag mal, was ist mit dir los? Du bist so schweigsam! Liegt es vielleicht an mir?“ Er kehrte ruckartig in die Gegenwart zurück und sah sie verwirrt an. „Was? Nein nein. Es ist nur… ich überlege was in dem Brief steht.“, erklärte er ehrlich. Sie sah ihn verständnisvoll an. „Achso. Aber warum hast du es mir nicht gesagt? Ich dachte du bist sauer auf mich.“ Jimmy verneinte. „Ich fühle mich in letzter Zeit immer so… komisch… deshalb.“ Kiana schloß die Augen und legte ihre Hand auf sein Herz, es schlug schnell. Schlug für sie. Doch diesmal merkte sie es nicht. „Ich spüre, das dich etwas bedrückt, womit du nicht fertig wirst. Es ist wichtig für dich, aber du weißt nicht wie du dich verhalten sollst. Stimmt’s?“ Er nickte erschrocken. Woher wußte sie das denn? Da fiel es ihm gleich wieder ein. Natürlich. Kiana nahm ihre Hand weg. „Es ist dir zu persöhnlich nicht wahr?“, sagte sie und öffnete die Augen. Es schien, als ob sie die Worte davor nur durch eine höhere Macht gesagt hätte. Er drehte sich weg. Jetzt, dachte er. Jetzt könnte er ihr alles gestehen! Aber er tat es nicht. Stattdessen meinte er nur: „Ja, aber irgendwann werde ich es dir sagen. Versprochen.“ Sie nickte wissend. „Ich verstehe.“ In dieser Hinsicht war sie echt ein Schatz. Jimmy kam sich richtig mies vor und nahm sich vor, es Kiana so bald wie möglich zu sagen.

An der ersten Wegbiegung angekommen, hielten sie an. Kiana wandte sich Butterblume zu. „Du passt schön auf ihn auf, ja?“ Sie wieherte leise. „Danke.“, sagte Kiana und sah Jimmy an. Er wirkte überrascht. „Denkst du ich kann nicht auf mich aufpassen?“, fragte er. Sie hielt seinem Blick stand. In diesem Moment fiel ihm auf, dass sie in gewissser Weise respektlos war. Was nicht negativ war. Im Gegenteil, es war bestimmt sinnvoll manchmal die Herrschaft zu übernehmen. Aber er hätte nie so sein können. Sie hatte Ken einfach so eingeschüchtert, und auch ihre Tante hatte ihr ohne zu zögern -ja- gehorcht. Aber anscheinend war es für alle selbstverständlich! „Doch das denke ich. Aber man weiß nie, was passieren könnte.“ Das war auch so eine Sache mit ihr, dachte er. Sie schien immer auf alles vorbereitet zu sein. Er fand das zwar merkwürdig, aber irgendwie auch vorrausschauend. Aber warum dachte er eigentlich darüber nach? Sie war seine Freundin, und er mochte so wie sie war. „Also wir treffen uns genau hier um neun Uhr. Das müsste reichen.“, ergriff Kiana gerade das Wort. „Also viel Spaß!“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und ritt in den Feldweg. Erst jetzt fiel Jimmy auf, daß sie ihn das erste Mal geküsst hatte. Ob das wohl was zu bedeuten hatte?

Am Strand sah Kiana auf ihre blaue Sportuhr. Es war halb sieben. Sie klopfte Shadow den Hals, dann stieg sie ab. Kiana nahm seine Zügel in die Hand und führte ihn an eine Stelle am Strand, wo ein riesiger Stein im Sand lag. Dort band sie ihn an einen kleinen Baum und zog sich aus. Sie schlüpfte aus ihrer Jeans und ihrem Shirt. Es kam ihr Bikini zum Vorschein. Er war hellblau mit zwei dünnen dunkelblauen Trägern. Außerdem war unter ihrer Brust das Zeichen „H2O“ zu sehen. Es bedeutete in der Sprache Guamas, dass sie ein wasserverbundener Mensch war. Es war fast eine Art Auszeichnung, es tragen zu dürfen. Und Kiana war sehr stolz darüber.
Kiana legte ihre Sachen ordentlich auf den Stein und griff in ihre Tasche. Sie holte ihren Dolch hervor. Diesen befestigte sie an einem braunem Band und band ihn sich um das Fußgelenk. Er war ihre Verteigung falls doch mal ein Hai kommen könnte. Als sie fertig war, verabschiedete sie sich mit einem Kuss von ihren Pferd und ging schließlich gut gelaunt in Richtung Ozean.

Währenddessen kam Jimmy beim Place de Guama an. Er schaute auf die Skizze, die er mitgenommen hatte. Ja, da vorne musste es sein! Er sagte leise „Brr“ und Butterblume blieb stehen. Er stieg ab und ging in den Waldweg. Nach genau fünfzehn Schritten blieb er stehen, drehte sich zur Seite und blickte misstrauisch auf die Bäume. Wo war nur dieser Eingang? Nachdem er einige Zeit angestrengt in die Richtung geguckt hatte, sah er auch den schmalen Weg. Vorsichtig ging Jimmy hinein. Da sah er auch schon die Lichtung mit dem typischen versunkenden Wal. Jimmy blieb einige Meter vor der Statue stehen. Sie war wirklich bezaubernd. Behutsam setzte er sich vor sie. Erst jetzt fiel im auf, dass sie so zerfallen war. Jimmy strich vorsichtig über den Körper Guamas. Da kam ihm blitzartig eine Vision in den Sinn… Kiana und er tauchen zum Place de Atlantis. Sie spielen und tollen umher. Da kommt ein riesiger schwarzer Hai angeschwommen und will sie angreifen. Doch Kiana verwandelt sich in eine Meerjungfrau und stellt sich ihm in den Weg. Sie kämpfen eine Weile, es gibt ein Handgemenge und der Hai beisst plötzlich zu. Er trifft sie ungünstig an der Schulter. Und das Wasser ist nur noch voller Blut… „Nein!“ schrie Jimmy entsetzt auf. Er sah sich um. Er war immernoch auf der Lichtung, nicht an der scheußlichen Kulisse des Place de Atlantis. Jimmy strich sich über die Stirn, sie war schweißgebadet. Was war das gewesen? Und warum hatte er diese Vision gehabt? War sie Wirklichkeit? Und wenn ja, wann würde sie sich bewahrheiten? Lauter Fragen schossen ihm durch den Kopf. Jimmy lehnte sich weiß vor Schreck an die Statue. Er mußte sich beruhigen um darüber nachdenken zu können. Aber es misslang ihm. Warum nur?, fragte er sich immer wieder. Warum?

Kiana ging langsam zum weißen Steg. Er führte weit in den Ozean hinein. Sie betrat vorsichtig die erste Stufe der kleinen Holztreppe. Es fühlte sich alles fast schon unheimlich vertraut an. Kiana atmete tief ein und ging dann mit energischen Schritten über den Steg zur Überdachung. Sie war über einer Wassertiefe, wo man ohne Bedenken ins Wasser springen konnte. Deshalb war am wasserzugewandten Ende eine Öffnung, so eine Art Sprungbrett. Kiana schaute sich in dem kleinen Häuschen um. Unter der Holzbrüstung standen einige Bänke. Ansonsten war sie ziemlich karg eingerichtet. Kiana sah ins wellige Wasser. Es sah so einladend blau aus! Sie nahm ihren Muschelanhänger, mit dem sie auch immer Shadow rief, und blies hinein. Nichts passierte. Sie blies nochmal, diesmal lauter. Da ertönte ein heller Pfeifton und ein Delfin schaute aus dem Wasser. Kiana lächelte. „Hallo Clio.“ Der Delfin machte ein Geräusch, das wie das Lachen einer Hyäne klang. Es schien, als sei er ziemlich aufgeregt. „Ja, ich hab dich auch vermisst.“, sagte Kiana und streichelte die Schnauze des Delfins. Dann erhob sie sich wieder aus der Hocke und ging einige Schritte zurück. Clio tauchte unter und Kiana sprang mit einem gekonnten Kopfsprung ins Wasser. Sie tauchte auf und neben ihr erschien Clio. Kiana sagte etwas und Clio schwamm schnell wie der Blitz los. Kiana lachte und schwamm mit großen Zügen hinter ihr her.
Zur gleichen Zeit saß Jimmy vor der Statue Guamas und dachte über sich und Kiana nach. Er wirkte wie ein gescheuchtes Reh, so erschöpft und bleich sah er aus. Jimmy nahm einen herumliegenden Ast und schlug damit ins Gras. Was sollte er bloß tun? Sollte er Kiana von seiner Vision erzählen? Aber was, wenn es nur eine harmlose Halluzination war? Schließlich spielte einem die Fantasie oft Streiche. Aber es wirkte alles so echt! Er wusste weder ein noch aus. Nach endlosen dreizig Minuten beschloß Jimmy seine Vision für sich zu behalten. Es war ihm bestimmt nur nur so in den Sinn gekommen. Auch wenn er nicht 100% ig daran glaubte, blieb er dabei. Jimmy wollte Kiana nicht unnötig belasten, schließlich hatte sie so schon genug Probleme. Er stand auf und ging ohne sich nocheinmal umzudrehen davon. Er wollte nur noch weg von hier…

Kiana war gerade dabei, sich mit Clio einen Schwimmwettkampf zu leisten. Es war das reinste Vergnügen für sie. Mal schwamm sie über, mal tauchte sie unter Wasser. Und ihre Delfinfreundin war immer dabei. Kiana hatte gar nicht gewusst, wie sehr ihr das gefehlt hatte. Sie durfte sich an Clios Flosse festhalten und Clio zog sie. Das war Kianas liebste Beschäftigung im Wasser. Sie hatten einfach nur Spaß daran im glasklaren Wasser herumzutoben. Sie spielten Fange, machten Wettschwimmen und tauchten gemeinsam zum Meeresboden. Die Stunden vergingen und Kiana hatte plötzlich den starken Drang zum Place de Atlantis zu schwimmen. Clio war gerade dabei einen Salto rückwärts zu springen als sie spürte, daß Kiana steif wurde. Sie hielt inne und fragte telepathisch.“Was ist mit dich? Du traurig sein?“ Kiana sah Clio freundlich an. „Nein. Ich würde nur gerne zum Place de Atlantis. Das ist alles.“ Clio stupste sie mit ihrer Schnauze an. „Und warum nicht schwimmen?“ Kiana sah ihre Freundin erstaunt an. „Du wärst einverstanden?“ Clio gab ein schnatterndes Geräusch von sich, was soviel wie „ja“ heißen sollte. Kiana lächelte. „Na dann wollen mir mal!“, rief sie und sie schwammen los.
Nach einigen Minuten erreichten sie auch schon die Stelle unter der sich Kianas liebster Wassergedenkplatz befand. Clio war die erste, die hinuntertauchte. Kiana hatte inne gehalten. Konnte sie denn einfach so hinuntertauchen? Schließlich war sie schon seit Jahren nicht mehr da gewesen und es könnte sein, daß sie inzwischen unerwünscht war. Denn auch der Ozean hatte eine Seele, das wußte sie. In dem Moment tauchte Clio vor ihr auf. „Warum du nicht kommen?“, fragte sie. Kiana schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht!“ „Klar du können.“, meinte Clio und zog sie am Fuß mit hinunter. Kiana blieb gerade noch Zeit genug, um kräftig Luft zu holen. Eigentlich hätte es auch gereicht, wenn sie nur kurz eingeatmet hätte. Denn ihr Lungensystem war so ausgeprägt, daß sie wie ein Wal bis zu einer Stunde unter Wasser bleiben konnte. Das war auch eine ihrer Fähigkeiten. Clio ließ sie nun los und gemeinsam tauchten sie hinunter. Der Place de Atlantis war eine alte, im Meer versunkene Ruine. Er bestand aus zwei stehenden und einer umgekippten Säule. Die Säulen waren noch fast so weiß wie früher, stellte Kiana fest. Sie setzte sich auf die umgekippte Säule. Sie spürte die Verzierungen, die deutlich hervorschauten. Ja, hier fühlte sie sich wohl! Clio ließ sich neben Kiana treiben. Nun, war es an der Zeit sich zu entspannen. Aber das tat Kiana sowieso, weil die Ruine so etwas Mystisches ausstrahlte, dass sie gar nicht anders konnte. Während sie nachdachte, streichelte sie mit einer Hand Clios Rücken und mit der anderen strich sie über die Säule. So saß sie fünfundvierzig Minuten da. Hätte sich Clio nicht bemerkbar gemacht, wäre Kiana bestimmt eingeschlafen. Kiana erwachte ruckartig aus ihrem Trance ähnlichen Zustand. Stimmt, sie musste Luft holen! Sie hielt sich an Clios Flosse fest, dann schwammen sie zusammen nach oben.
Über Wasser atmete sie erstmal tief ein. Dann wandte sie sich Clio zu. „Danke. Ich hatte die Zeit total vergessen. Willst du noch spielen?“ Der Delphin gab ein undeutliches Zeichen von sich, was Kiana als „nein“ deutete. „Gut. Ich komme dann morgen wieder und stelle dir Jimmy vor. Okay?“ Clio gab ihr einen Delfinkuß, was bedeutet das sie Kiana mit der Schnauze an die Wange stupste und sprang mit einem großen Satz ins Tiefe. Danach war sie nicht mehr zu sehen. Kiana drehte sich um und schwamm zurück an Land.
Als sie nur noch ungefähr dreizig Meter vom Ufer entfernt war, entdeckte sie Jimmy. Er stand im Überdachungshäuschen. Kiana erreichte es in wenigen Minuten. „Was machst du denn hier, Jimmy? Ich dachte du bist bei Guama.“, fragte sie, während er ihr aus dem Wasser half. „Ich war schon früher fertig. Da dachte ich mir, ich könnte mal vorbeischauen.“ „Achso.“ „Ja.“ „Aha.“ Kiana nahm das hingehaltene Handtuch und trocknete sich ab. Jimmy sah ihr dabei zu. „Du hast ja Gänsehaut!“, bemerkte er. Sie sah an sich herunter. „Ja, du hast Recht. Kommt wohl von der Strömung.“ Er zog ohne zu zögern sein Shirt aus und gab es ihr. Sie zog es über. Es war zwar einige Nummern zu groß, aber das war egal. „Und, wie war’s mit Clio?“, fragte er neugierig und während sie erzählte, gingen sie den Steg in Richtung Strand entlang.

Am Strand angekommen steuerten sie auf Shadow zu. Er graste gerade friedlich neben dem riesigen Stein. Als er Kianas Stimme vernahm schaute er auf. Kiana lief zu ihm und umarmte ihn erstmal herzlich, so als habe ihn ihn jahrelang nicht gesehen. Und tatsächlich kam es ihr so vor, als entspräche dies der Wahrheit. Dabei beobachtete sie mit den Augen Jimmy, der ziemlich verstört wirkte. Er setzte sich auf den Stein und fuhr mit den Händen durch sein kurzes braunes Haar. Kiana lächelte unsicher. Was hatte Jimmy bloß? Sie band Shadow los und zog sich wieder an. Als sie fertig war, nahm sie ihre Tasche und holte ihr Mittagessen heraus. Es bestand aus den übrigen Papajas und einer Ananas. „Willst du was?“ fragte sie. Jimmy sah sie verwirrt an. „Was? Äh ja, bitte. Ich habe Hunger bekommen.“ Kiana holte ihren Dolch aus der Tasche und zerteilte das Obst in zwei gleichgroße Teile. Dann reichte sie ihm. Er biß in sie so kräftig hinein, als ob es ein Gegenstand wäre, dem der Kopf abgerissen werden müsste. Kiana beobachtete ihn eine Weile. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. „Sag mal, hat die Frucht dir vielleicht was getan?“, fuhr sie ihn an. Er blickte sie so böse an, dass selbst Kiana eine Gänsehaut bekam. „Misch dich gefälligst in deine Angelegenheiten!“, schrie er zurück. Kiana blieb der Mund offenstehen. Was fiel ihm ein! Wie konnte er es wagen sie so zu behandeln? Jimmy warf die Papaja in den Sand, schwang sich auf Butterblume und ritt davon. Kiana blieb verwundert und zornig zurück. Was ist passiert das Jimmy sich so verhält?, fragte sie sich. Sie kuschelte sich an Shadow. Und plötzlich, still und heimlich, kullerte ihr eine Träne über die Wange. Aus einer wurden mehr und bald weinte sie bittere Tränen. Kiana fühlte sich elend. Was soll ich nur tun?, fragte sie immer wieder. Was soll ich tun? Doch selbst ihr Freund Shadow wusste keinen Rat darauf.

Kiana betrat die Veranda ihrer Tante. Vor der Tür wischte sie sich noch einmal die Tränen ab und versuchte zu lächeln. Als sie sicher war relativ normal auszusehen, betrat sie das Haus. Ihre Tante Lauryn befand sich im Wohnzimmer und strickte. Als sie Kiana erblickte, stürmte sie auf sie zu und sah sie ernst an. „Was habt ihr mit Ken gemacht? Seine Eltern waren hier und haben gesagt er war geradezu hysterisch. Und ich habe das ungute Gefühl, dass du das warst.“ Erst jetzt fielen Lauryn Kianas verwirrtes Gesicht und ihre geröteten Augen auf. „Hör mal, ich hab’s nicht so gemeint. Ich wollte dich nicht verdächtigen. Ist was passiert?“ Kiana nickte stumm und schon kamen wieder diese fiesen Tränen gekullert. „Oh Kiana!“ Lauryn schloß sie in die Arme und aus Kiana sprudelte es nur so heraus. Über Ken, ihren heutigen Ausflug mit Jimmy und sein trauriges Ende. Lauryn hatte sie ins Wohnzimmer geführt und gemeinsam saßen sie nun auf der Couch und weinten miteinander über die Gemeinheit der Welt. Lauryn erzählte Kiana das Jimmy hier gewesen, und nach ihr gefragt habe. „Ich will ihn nicht sehen!“, rief sie. Lauryn strich ihr übers Haar. „Meine Kleine. Ich weiß, dass dich Jimmy sehr mag. Er hat es auch bestimmt nicht so gemeint. Vielleicht ist ihm nur was Komisches bei Guama passiert!“ Kiana löste sich aus Lauryns Griff und setzte sich aufrecht hin. „Vielleicht hast du Recht.“, meinte sie und es klang schon nicht mehr so traurig. „Mir ist es einmal passiert, daß ich eine Vision hatte als ich ihn berührt habe. Ob ihm das auch passiert sein könnte? Immerhin spüren es nur die sehr naturverbundenen oder übernatürlichen Menschen der Blutlinie.“ Sie sah ihre Tante fragend an. „Naja, es könnte schon möglich sein. Schließlich hat er in den letzten Tagen sehr viel über die Natur gelernt. Oder?“ Kiana nickte nachdenklich und ging in ihr Zimmer. Sie hatte den großen Wunsch sich alles von der Seele zu schreiben. Und das tat sie.
Kiana war gerade dabei die dritte Seite zu beschriften, als jemand an ihre Tür klopfte. „Ja bitte?“ Sie schaute erstaunt auf, mit Besuch hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Jimmy steckte seinen Kopf ins Zimmer. „Hi, ich bin’s. Es tut mir leid, daß ich so gemein war, aber ich war so komisch drauf.“ Kiana packte ihr Buch zur Seite. „Das verstehe ich ja. Aber warum hast du es mir nicht gesagt? Zu zweit kommen wir da schon raus.“ Jimmy nickte schuldig. „Stimmt schon. Ich hab nur nicht daran gedacht, das ist alles.“ „Wirklich?“ Kiana sah ihn nocheinmal durchdringend an. „Ja. Was soll sein?“ Sie stand auf und ging ein paar Schritte im Zimmer. „Naja, erst dachte ich ja dir wäre was Merkwürdiges bei Guama passiert.“ Kiana merkte, wie Jimmy bei diesen Worten zusammenzuckte. „Ach ja?“ Sie ging auf ihn zu. „Ja. Aber das kann ja nicht sein, sonst hättest du es mir doch bestimmt erzählt. Oder etwa nicht?“ Jimmy spürte wie er immer mehr in die Enge getrieben wurde. Kiana hatte das eben so wissend gesagt, als ob sie Bescheid wüßte. Aber woher sollte sie denn das wissen? Oder wirkte ihre Empfindsamkeit gegenüber den Gefühlen anderer auch auf Entfernung? Auch egal. Vielleicht sollte er es ihr doch sagen? Schließlich war sie schon auf der richtigen Fährte und es würde nicht lange dauern bis sie es endlich herausfinden würde. Aber er schwieg. „Nun? Was ist?“ Jimmy schüttelte den Kopf. „Nein, es ist natürlich nichts passiert!“ Kiana wandte sich ab. Wenn er nicht reden wollte, dann nicht. „Na dann ist es ja gut.“, meinte sie und nahm wieder ihr Buch zur Hand.

Am nächsten Morgen, als Kiana die Augen öffnete, schrie sie entsetzt auf. Denn was sich ihr bot, war wirklich seltsam anzusehen. Auf dem Teppichboden vor ihrem Bett, lag in einen Schlafsack gehüllt… Jimmy! „Was tust du denn hier?“, fragte sie entgeistert. Er rieb sich die Augen und sagte seelenruhig: „Ich durfte heute hier übernachten. Aber warum schreist du deshalb denn so?“ Kiana war ein Mensch, der keine Scheu vor anderen hatte und außerdem souverän über den Dingen stand. Deshalb war sie auch nicht überrascht, sondern nur ein wenig, naja, eben ein bißchen erschrocken Jimmy zu sehen.
„Schläfst du denn schon seit gestern Abend da?“ Kiana setzte sich im Bett auf. Jimmy drehte sich zu ihr. „Ja. Deine Tante hat mir ein Notlager aufgebaut.“ „Ist ja klasse!“, meinte Kiana und zog die Vorhänge zurück, sodass das Licht den Raum erfüllte. „Ey! Wenn du wach bist ist das ja schön, aber ich würde gerne noch ein bißchen schlafen.“ Jimmy drehte sich mit einem Ruck auf die andere Seite, um den Sonnenstrahlen zu entkommen und kuschelte sich noch enger in seinen Schlafsack. Kiana sprang mit einem Satz aus dem Bett und stieg über Jimmy. „Schlafmütze.“, murmelte sie. Dann verließ sie das Zimmer um sich fertig zu machen.
Kaum war Kiana aus dem Zimmer, setzte sich auch Jimmy auf. Jetzt wo er schon wach war konnte er ruhig auch ins Bad gehen. Aber war das denn richtig? Konnte er denn einfach so ins Bad? Was war, wenn Kiana sich gerade umziehen wollte? Oder noch schlimmer, wenn sie aus der Dusche kommen würde? Nein, das wäre zu intim! Andererseits, sie kannten sich nun schon lange genug um sich auch leicht bekleidet zu sehen. Kiana hatte ihn ja auch nur in Unterhose gesehen! Also warum konnte er es nicht auch versuchen? Doch er hatte keine Zeit mehr sich Gedanken zu machen, denn in diesem Moment kam Kiana herein. Ihre Haare waren nass und sie trug nur ein zu großes Männerhemd, sodass man ihre langen Beine sah. Jimmy schluckte schwer. Kiana lächelte ihn an. „Du bist ja doch aufgestanden. Machst du dich fertig? Aber beeil dich, wir haben viel vor.“ Jimmy erhob sich gnädig. Dabei konnte er den Blick nicht von Kianas wunderschönen Beinen nehmen. Kiana bemerkte es und lachte fröhlich. „Aber nun hopp hopp! Wir sind ohnehin schon spät dran.“ Jimmy riss sich zusammen und ging dann ins Bad, um zu duschen.

Als Jimmy wieder das Zimmer von Kiana betrat, hatte sie schon ihre normalen Sachen an. Kiana war gerade dabei sich an Jimmys Schlafsack zu schaffen zu machen. Er beobachtete sie noch eine Weile dabei. „Sag mal, was tust du eigentlich da?“, fragte er verblüfft. Sie blickte über ihre Schulter zu ihm. „Ich packe unsere Sachen zusammen, das siehst du doch.“ Jimmy wurde immer verwirrter. „Aber was hast du denn mit unseren Sachen vor?“ Kiana legte den Schlafsack zur Seite und sah Jimmy ungeduldig an. „Sag mal, stelltst du dich so dumm oder bist du es? Wir werden zwei Tage campen ans Meer fahren. Und dazu brauchen wir unsere Sachen.“ „Wir campen?“ „Ja, warum nicht? Du wolltest doch Clio kennenlernen. Oder etwa nicht? Also können wir doch auch ein paar Tage da bleiben.“ Jimmy war immernoch überrascht. „Ok. Aber wissen denn schon meine Eltern Bescheid?“ Kiana nickte zustimmend. „Ja, Tante Lauryn hat sie schon benachrichtigt.“ Und mit einem Blick auf ihre blaue Uhr fügte Kiana noch hinzu: „So, jetzt müssen wir aber los. Clio wartet schon.“ Jimmy nahm den Schlafsack und gemeinsam mit Kiana verließ er das Haus.

„Ah, da vorne ist es!“ Kiana zog sanft an Shadows Zügeln und er blieb ruhig stehen. Sie waren am Strand angekommen und suchten nun nach einer geeigneten Stelle zum Übernachten. Dann stieg Kiana ab und nahm die Campingsachen. Jimmy blieb nichts anderes übrig als ihr zu folgen, wenn er den Anschluss nicht verpassen wollte.
An einer besonders schönene Stelle des Strandes legte Kiana ihre Sachen nieder und streckte sich herzlich. Die Reise hatte sie müde gemacht. „Also, wollen wir zuerst ins Wasser oder willst du zuerst die Zelte aufbauen?“ Jimmy überlegte nicht lange. „Ins Wasser!“ meinte er mit einem Blick auf den azurblauen Ozean. Kiana lächelte. „Einverstanden. Du bindest Butterblume und Shadow an und ich hole unsere Badesachen.“
Nachdem sich beide umgezogen hatten gingen sie in Richtung Steg. Am Holzhäuschen angekommen schaute Kiana sich suchend um. „Was suchst du?“, fragte Jimmy sie. „Ich halte Ausschau nach Clio. Eigentlich hätte sie schon lange da sein müssen.“ „Du denkst doch nicht, dass ihr etwas passiert ist? Oder, Kiana?“ Sie warf ihm einen besorgten Blick zu. „Ich hoffe nicht. Aber trotzdem, ich werde sie suchen gehen.“ Mit diesen Worten ging Kiana ein paar Schritte zurück und sprang mit einem Kopfsprung ins Wasser. Jimmy hockte sich verwirrt zu ihr hinunter. „Und was soll ich nun tun?“, fragte er. Kiana sah ihn streng an. „Du wartest hier, bis ich zurückkomme. Einverstanden?“ Doch in diesem Augenblick hörten die beiden einen hellen Pfiff und neben ihnen tauchte ein Delfin auf. Kiana sah ihn vorwurfsvoll an. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht!“, sagte sie. Und der Delfin schien sich zu schämen, so ruhig war er. Kiana lächelte. „Ich kann dir einfach nicht böse sein.“, meinte sie und wandte sich Jimmy zu. „Das ist Clio. Meine Delfinfreundin.“ Jimmy sah sich den Delfin genau an. Sie sah sehr schön aus. Ihre schwarzen Augen schauten abenteuerlustig in die Welt. Er streckte vorsichtig seine Hand aus und berührte den Delfin an der Schnauze. Sie lag ganz ruhig da und genoss die Streicheleinheiten. Kiana beobachtete die Szene eine Weile. „So, jetzt wo ihr euch kennt, können wir ja weiter machen.“, sagte sie. Jimmy stand auf und kletterte die weißen Stufen an der Seite hinunter, bis er im kristallblauen Wasser stand. Kiana pfiff mit ihrer Kette und ein zweiter Delfin tauchte auf. Er war größer und schien schon viel erlebt zu haben, wenn man seine schon leicht zerkratzte Haut betrachtete. Kiana stellte auch diesen Delfin vor. „Das ist Schizuka, das Leittier der Herde. Du wirst zusammen mit ihr zum Platz schwimmen.“ Jimmy betrachtete das Delfinweibchen und wurde von Stolz erfasst. „Ich habe meinen eigenen Delfin?“, fragte er gerührt. Kiana nickte. „Ja, ab heute wird sie dein spezieller Tauchpartner sein. Aber jetzt lass uns mit dem Üben anfangen, damit wir noch heute los kommen.“
Jimmy nahm Aufstellung neben Schizuka und hörte zu was ihm Kiana erzählte. „Delfine sind sehr menschenfreundliche Tiere. Es dürfte dir nicht schwer fallen, diese Eigenschaft für die Telepatie zu nutzen. Also, jetzt konzentriere dich auf den Delfin und berühre dabei vorsichtig Schizuka.“ Jimmy atmete tief ein. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich voll und ganz auf Schizuka, wobei er sie leicht berührte. Eine Weile passierte gar nichts und Jimmy dachte schon er hätte was falsch gemacht, als er plötzlich in seinem Innerem eine leise Stimme hörte. Sie murmelte etwas, aber er verstand nicht genau was. Jimmy konzentrierte sich noch mehr und die Stimme wurde lauter. „Schizuka spielen.“, rief die Stimme. „Schizuka spielen wollen!“ Jimmy öffnete die Augen. „Ich habe sie gehört!“, schrie er entzückt auf. „Ich habe sie wirklich gehört, Kiana!“ Kiana schaute überrascht von Clio auf. Sie hatte ihre Freundin gestreichelt und nicht damit gerechnet, dass Jimmy plötzlich wieder zu sich kommen würde. „Wirklich? Das ist ja super.“ Sie lief auf Jimmy zu und umarmte ihn glücklich. „Und, was hat sie nun gesagt?“ Jimmy lachte. „Nun ja, sie sagte, sie will spielen.“ Kiana sah Schizuka belustigt an. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Schizuka ist nämlich der verspielteste Delfin den ich kenne.“ Jimmy streichelte den Delfin und es war ihm anzusehen, dass er sehr stolz auf seine Leistung war. „Ich bin echt froh, dass ich sie gehört habe.“, meinte er ehrlichen Herzens. „Ja, du kannst stolz auf dich sein.“, fand Kiana. Jimmy strahlte. „Danke. Aber wie mache ich es nun, dass sie mich auch hört?“ Kiana deutete auf Schizuka. „Nimm wieder die gleiche Haltung ein wie vorhin. So, und jetzt konzentrierst du dich wieder, aber diesmal denke an einen ganz bestimmten Satz.“ Jimmy nickte. „Okay.“ Und er schloß wieder die Augen und konzentrierte sich, aber er dachte an einen bestimmten Satz wie Kiana ihm gesagt hatte. Auch diesmal dauerte es eine Weile bis etwas passierte. Aber plötzlich hörte er leise die Stimme von Schizuka: „Ozean sein blau.“ Jimmy öffnete wieder die Augen. „Sie hat mich tatsächlich verstanden!“, rief er. Kiana lächelte. „Das ist ja super. Dann können wir ja endlich zum Place de Atlantis.“ Darauf hielten sich beide an ihren Delfinfreunden fest und ließen sich von ihnen zu ihrem Ausflugsziel ziehen.

Nach ungefähr dreißig Minuten erreichten sie den unterirdischen Ruheplatz. Kiana ließ Clios Rückenflosse los und gab Jimmy das Zeichen zum Untertauchen. Er nickte und gemeinsam schwammen sie hinunter zum Place de Atlantis.
Jimmy sah die Säulen schon von weitem. Sie standen majestätisch auf dem Meeresboden. Wie er erwartet hatte, waren nicht alle umgekippt. Es standen noch zwei Säulen schützend vor der anderen. Sie strahlten noch richtig weiß, im Gegensatz zu der einen, die durch den Sand schon etwas dunkler und zerbröckelt war. Langsam näherten sie sich der einen ausgesuchten Säule, die etwas abseits von den anderen lag. Kiana setzte sich, doch Jimmy der noch etwas Probleme damit hatte, musste sich an der Säule festhalten und herunterziehen. Nun hatte er endlich Gelegenheit sich in Ruhe umzusehen. Es war ein fantastisches Bild: Die Säulen strahlten leuchtend weiß, in der sich im Wasser spiegelnden Sonne. Das Wasser war von dem Sonnenlicht hellblau erleuchtet und ein paar herumschwimmende Fische gaben dem Ganzen etwas Farbe und Leben.
Es war einfach atemberaubend -was unter Wasser ja sowieso galt-. Aber soetwas wunderschönes und mystisches hatte Jimmy noch nie gesehen. Dieser Ort strahlte eine dermaßen innere Ruhe und Zufriedenheit aus, dass es ihm eiskalt den Rücken runter lief. Selbst Kiana die diesen Ort bereits kannte, war hingerissen von der Schönheit die sich ihr bot. Jimmy und Kiana sahen sich erfürchtig an und bemerkten erst jetzt, daß ihre „Freunde“ sie begleitet hatten und nun neben ihnen ruhten, um ihnen Gesellschaft zu leisten.
Clio stupste Kiana mit der Schnauze an, um ihr zu zeigen, dass Jimmy nicht mehr lange die Luft anhalten konnte. Kiana nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte und berührte Jimmy leicht am Arm. Er sah sie verwundert an, aber als sie mit der Hand nach oben zeigte, verstand auch er. Also stieß er sich von der Säule ab und tauchte nach oben. Kiana folgte ihm.
Als sie oben ankamen, waren sie immer noch sprachlos. Was bei Kiana wirklich sonderbar war, da sie sonst, wie Mädchen halt so sind, redete und redete. Jimmy fand als erster die Sprache wieder. Er sah Kiana fasziniert an: „Das war das schönste was ich seit langem gesehen hab.“ „Ja, du hast Recht. Heute sah der Place de Atlantis besonders schön aus.“, bekräftigte auch Kiana und schaute auf die Uhr. „Es ist schon halb fünf. Beeilen wir uns lieber bevor es dunkel wird.“ Jimmy kraulte zärtlich Shizuka. „Glaubst du wirklich wir schaffen es noch rechtzeitig?“ Kiana verdrehte die Augen. „Wenn wir uns beeilen, ja.“, drängte sie. Jimmy gab nach. „Ist ja gut, wir kommen ja schon.“ Und gemeinsam schwammen sie los.
Genau um fünf Uhr kamen sie am Holzhäuschen an. Jimmy und Kiana verabschiedeten sich von ihren Delfinfreundinnen und stiegen dann aus dem Wasser. Auf dem Weg zu ihren Zelten waren die beiden eher schweigsam. Sie waren seit sechs Uhr morgens auf den Beinen und nun wurden sie müde. An der Stelle angekommen, bauten sie ihre Zelte auf und krochen schnell hinein. Sie wünchten sich noch gegenseitig eine gute Nacht und bald schliefen beide tief und fest.

Kiana schrak hoch. Was für ein komischer Traum!, dachte sie und sah sich um. Sie war wieder in der Wirklichkeit, wie sie zufrieden feststellte. Kiana kroch aus ihrem Schlafsack und öffnete leise das Zelt. Die Sonne war schon aufgegangen und blendete sie in den Augen. Kiana schirmte sie mit der Hand ab und blickte sich um. Anscheinend war Jimmy noch nicht wach. Sie streckte sich und kroch wieder ins Zelt. Dabei ging ihr der mysteriöse Traum nicht aus dem Kopf. Nicht, dass sie noch nie einen merkwürdigen Traum gehabt hätte! Es war nur seltsam, dass gerade dieser Traum sie so irritierte: Überall Wirbelstürme und schwarze Leere. Kiana schüttelte den Kopf. Wirklich seltsam! Aber da sie nun schon mal wach war, beschloss sie das Frühstück zu besorgen. Sie zog sich vorsichtig an und verließ leise das Zelt. Dann machte sie sich auf den Weg zu dem angrenzenden Wald Lazidis, indem es viele leckere und vor allem essbare Sachen gab.
Dort angekommen, lief sie zu einer kleinen Lichtung, auf der es besonders viele Pilze und Beeren gab. Doch zu Kianas Überraschung war nichts Essbares zu finden, nicht mal eine lausige Beere. Das ist ja merkwürdig!, dachte sie bei sich. Sonst gibt es zu dieser Jahreszeit doch massenhaft Früchte hier. Sie suchte noch einmal, doch sie fand nichts. Da ertönte eine tiefe Stimme hinter ihr. „Du kannst doch nicht nach etwas suchen, was es nicht gibt!“ Kiana fuhr herum und erblickte ihren Lieblingsbaum Treebuda. „Was meinst du damit? Seit wann gibt es hier denn keine Früchte mehr?“ Die alte Palme schüttelte die Blätter. „Wusstest du das nicht? Die Beeren und Pilze die es hier mal gab sind verdorren als die Wildgänse kamen.“ Kiana ging auf Treebuda zu. „Was? Seit wann gibt es hier denn Wildgänse? Ich dachte immer die gibt es nur im Norden.“ Treebuda seufztze tief. „Ja, zuerst waren sie da ja auch. Aber irgendwann kamen sie auch zu uns.“ Kiana setzte sich vor Treebuda auf den Boden. „Dann ist es also soweit.“, sagte sie leise. „Und ihr wisst nicht warum sie gekommen sind?“ “ Leider nein, das ist ja das Problem.“ Kiana nickte. „Ich verstehe.“ Und nach einer kleinen Pause fügte sie überzeugt hinzu: „Dann werde ich es eben herausfinden müssen.“ „Nein, das darfst du nicht. Es wäre viel zu gefährlich!“, warnte Treebuda sie. Dann schüttelte er seine Blätter und zwei Kokosnüsse fielen hinunter. „Hier, nimm diese Früchte. Und jetzt stärke dich erst einmal.“ Kiana erhob sich. „Na gut.“, gab sie sich geschlagen. „Aber ich werde es herausfinden, ob du willst oder nicht.“ Und einer plötzlichen Eingebung folgend ergänzte sie: „Es ist meine Bestimmung.“ Mit diesen Worten nahm sie die Kokosnüsse und verließ die Lichtung.
Währenddessen war auch Jimmy aufgewacht. Er war hinausgeklettert und wollte Kiana wecken, doch sie war nicht in ihrem Zelt. Jimmy war zu müde, um die Nachricht, die sie mit ihrer zarten Handschrift in den Sand geschrieben hatte, zu bemerken. Erst als er sich umdrehte, um am Strand zu suchen entdeckte er sie. „Guten Morgen Jimmy.“, stand da. „Ich war schon früher wach und bin im Wald Lazidis, um das Frühstück zu besorgen. Wenn ich bis Acht nicht wieder da bin, kannst du mich suchen kommen. Bis dann, deine Kiana.“ Jimmy wusste nicht so ganz, was er von der Nachricht halten sollte. Aber er entschloß sich schließlich auf Kiana zu warten, denn es war erst Zehn vor Sieben.
Er hatte es sich gerade auf dem Baumstamm vor ihren Zelten bequem gemacht, als er Schritte hörte. Jimmy drehte sich um und erkannte Kiana. „Morgen Jimmy!“, rief sie schon von weitem und verschnellerte ihr Tempo. Bei Jimmy angekommen, lächelte sie erleichtert. „Du glaubst ja gar nicht, wie froh ich bin dich zu sehen.“ „Ach ja?“ „Ja. Denn jetzt muss ich dich nicht erst wecken und wir können gleich weiter machen.“ „Und womit?“, fragte Jimmy. „Na, mit dem Frühstück!“, entgegnete Kiana lachend. „Hier. Du öffnest schon mal die Kokosnüsse und ich gehe was zu essen besorgen. Ok?“ Kiana drückte Jimmy die Früchte in die Hand und drehte sich um. „Und wie öffnet man diese Dinger?“, fragte Jimmy verzweifelt. Kiana ging auf ihn zu und rollte gespielt mit den Augen. „Weisst du das nicht?“ „Nein.“ Kiana schien belustigt. „Ich bin sicher du findest es heraus. Ich muss los.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ Jimmy völlig verdutzt zurück. „Aber…“, setzte Jimmy nochmal an, doch Kiana war schon verschwunden.
Kiana hatte sich aufgemacht, um unter Wasser nach Essen zu suchen. Sie ging zum Strandhäuschen und zog sich um. Dann sprang sie mit einem gekonnten Sprung ins Wasser. Als sie wieder aufgetaucht war, dachte sie darüber nach, wo sie suchen konnte. „Vielleicht frage ich den weisen Guama um Rat.“, überlegte sie. „Er ist der weiseste unter den Sternen. Sicher weiß er genau, wo ich etwas Essbares finde. Und vielleicht hat er ja auch eine Ahnung, woher die Wildgänse kommen. Ja, so mach ich es.“, dachte sie und schwamm schnell los.
Zur gleichen Zeit saß Jimmy vor den Kokosnüssen und grübelte, wie er sie aufmachen konnte. Wie wäre es, wenn er sie aufbrechen würde? Jimmy nahm eine Kokosnuss und schlug sie auf den Baumstamm, doch nichts geschah. Er stand auf und ging im Kreis herum. Es musste doch irgendeine Möglichkeit geben sie zu öffnen. Aber welche? Jimmy überlegte und überlegte, doch er kam zu keinem Ergebnis. „Ach, ich schaffe es ja doch nicht.“, sah er ein und wartete auf Kiana. Sie musste ja wissen wie es ging! Oder sollte er es doch noch einmal versuchen? Was sollte Kiana denn von ihm denken, wenn er einfach so kampflos aufgab? Also nahm Jimmy wieder die Kokosnuss zur Hand und grübelte weiter.

Kiana war inzwischen unterwegs zum heiligen Place de Corallonia, an dem sich der legendäre Wal Guama, der Schutzpatron Guamas, häufig aufhielt. Sie tauchte hinab zu dem wunderschönen Korallenriff, wonach der heilige Ort auch benannt wurde. Es bestand aus den verschiedensten Farben und Formen.
Das Riff war über den ganzen Meeresboden verbreitet und die vielen kleinen Fische leuchteten in den vielfältigsten Farben. Kiana war wie verzaubert von der Schönheit dieses Riffes. Erst jetzt viel ihr wieder die Wichtigkeit ihrer Reise ein. Aber wie oft sie sich auch umsah, sie konnte Guama nicht finden. „Vielleicht ist er doch woanders.“, dachte sie traurig und wollte wieder auftauchen, als sie plötzlich gegen etwas Hartes schwamm. Kiana rieb sich den Kopf. „Aua! Das hat weh getan!“, rief sie dem Unachtsamen zu. Doch vor ihr war nichts. Sie sah genau hin, aber sie konnte nichts entdecken. Kiana wurde es mulmig. „Aber das ist doch nicht möglich!“, schoss es ihr durch den Kopf. „Hier muss doch etwas sein.“ Sie nahm ihren Mut zusammen und strich vorsichtig mit ihrer linken Hand über das unsichtbare Etwas. Es fühlte sich hart aber auch irgentwie weich an.
Kiana tastete das „Ding“ vorsichtig ab. „Was ist das nur?“, fragte sie sich, als sie auf einmal spürte wie sich der Gegenstand bewegte. Kiana ließ erschrocken los und vor ihr erschien aus dem Nichts Guama. Kiana konnte nicht glauben, was sie sah. „Aber… aber das ist unmöglich.“, stammelte sie leise. „Ich konnte nicht anders. Du hast mich gekitzelt.“, erwiderte Guama mit ruhiger Stimme. „Aber du warst doch eben unsichtbar!“, wiederholte sie fassungslos. Guama sah Kiana voll Wärme an und sie spürte, daß sie keine Angst vor ihm haben musste. Also schwamm sie etwas näher an Guama heran. „Warst du schon die ganze Zeit da?“, fragte Kiana mutig. Guama nickte langsam. „Ja, ich habe dich beobachtet. Was willst du hier? Ich bekomme nicht sehr oft Besuch von Menschen.“ Kiana kam gleich zum Punkt. „Ich wollte heute morgen im Wald Lazidis nach Beeren und Pilzen suchen, aber alles war verdorrt. Treebuda sagte es wären die Wildgänse gewesen. Stimmt das?“ „Ich spüre wie wichtig dir das Ganze ist.“, meinte er und fuhr fort. „Es ist die wahr. Vor ein paar Jahren wüteten hier die Wildgänse und ließen das gesamte Pflanzenreich eingehen. Komm her, ich zeige es dir.“ Kiana schwamm zu ihm und sah ihm in die Augen. Sie wurden zu einer Art Vergangenheitsmaschine. Man sah genau, was damals passiert war, wie in einem alten Film.
Kiana sah die Insel wie sie blüte und grünte, es sah herrlich aus. Doch dann sah sie eine andere Insel. Auf dieser Insel herrschten Schmutz und Ruß von verbrannten Wäldern. Es war ein scheußliches Bild. Kiana wurde von Trauer erfasst. „Und das waren die Wildgänse?“, fragte sie entsetzt. Da sah sie es auch schon: Wildgänse, also Passatwinde, wirbelten über den Ozean und verwüsteten die schöne Insel ganz und gar.

„Das ist ja wie in meinem Traum gewesen.“, sagte Kiana. Es war mehr ein ausgesprochener Gedanke, als ein an Guama gerichteter Satz. Guamas Augen wurden wieder normal und er sah Kiana ernst an. „Du hast es geträumt? Geträumt? Dann bist du also die Sunera, die uns befreien soll.“ „Moment mal. Warum nennst du mich eine Sunera? Ich bin zwar die Auserwählte -und das ist schon schräg genug-, aber keine Halbgöttin.“ Guama lächelte. „Ach nein? Dann frage ich dich, warum denkst du hast du dann die Fähigkeit mit den Tieren und Pflanzen sprechen zu können? Und warum hast du das Gespür eines Sentinels? Warum Kiana, umgibt dich eine Wärme, die nur eine Sunera umgibt?“ Kiana wurde still. „Aber das ist nicht möglich. Ich kann keine Sunera sein.“ „Schau.“ Guama deutete mit dem Kopf hinter Kiana. Sie drehte sich langsam um und vor ihr stand ihre Mutter. „Mum?“ Kianas Mutter lächelte. „Meine kleine Kiana. Ich hab dich so vermisst.“ „Mum!“ Kiana rannte auf ihre Mutter zu und warf sich ihr in die Arme. „Aber wie ist das möglich? Ich dachte du seist…“ „Ich habe es dir zu verdanken, dass ich jetzt hier bin.“ „Was?“ Kianas Mutter nickte. „Ja. Dank dir bin ich jetzt hier, meine kleine Kianasunera.“ „Aber… ich bin wirklich eine Sunera?“ „Du warst damals noch zu klein, um es zu verstehen. Weißt du, dein richtiger Vater ist nicht Siegfried Heliopolis sondern Theos. Er ist der guamaische Gott der Natur und der Totenführung in die Unterwelt. Dadurch bist du eine Sunera.“ Kiana war sprachlos. „Ich… ich verstehe.“, stotterte sie. Doch wenn sie ehrlich war, verstand sie gar nichts. Ihr schossen tausend Gedanken durch den Kopf. „Und ich kann tote Menschen auferstehen lassen?“ „Ja.“ „Oh mein Gott.“ Kiana sah ihre Mutter fragend an. „Aber warum?“ Kathrin legte ihrer Tochter tröstend die Hand auf die Schulter. „Frag das lieber Guama. Ich muss gehen.“ „Was denn? Jetzt schon?“ Kathrin lächelte warmherzig. „Ja, leider. Die Zeit eines Geistes auf Erden ist begrenzt. Aber vergiss nie: Ich werde immer bei dir sein.“ Mit diesen Worten verschwand sie. Kiana ballte die Fäuste und langsam kullerte ihr eine Träne über die Wange. Die Sache hatte sie sehr mitgenommen. „Warum ich?“ fragte sie kaum hörbar. Guama schwamm zu ihr. „Du bist die Auserwählte. Nur du kannst es schaffen, die Wildgänse zu vertreiben.“ Kiana sah ihn mit leeren Augen an. „Wie soll ich denn etwas schaffen, was nicht mal du schaffst?“ fragte sie. „Danke für deine Mühe, aber ich will jetzt lieber allein sein. Leb wohl.“ Sie drehte sich um und tauchte nach oben.
Als sie am Strand ankam, ging sie wortlos an Jimmy vorbei ins Zelt, nahm ihre Sachen und schnallte sie auf Shadow fest. „Du gehst?“ fragte Jimmy überrascht. „Was dagegen?“, fuhr ihn Kiana an. „Nein.“ „Na dann ist ja gut.“ Kiana drehte sich um und wollte gehen, als ihr einfiel das Jimmy noch immer nicht wusste wie man eine Kokosnuss öffnet. „Ach ja. Die Kokosnuss öffnest du, indem du mit einem Stock oder etwas ähnlichem in die Löcher stichst.“, meinte sie mit tonloser Stimme. „Ich bin bis Sonnenuntergang zurück.“ Dann stieg sie auf Shadow und ritt davon. Jimmy blieb irritiert zurück. Was hatte Kiana denn auf einmal?

Kiana war zum Place de Guama geritten – sie mußte in Ruhe nachdenken. Vor dem Eingang blieb sie stehen und stieg ab. Sie führte Shadow ausnahmsweise mit auf die Lichtung, obwohl das ja eigentlich die Ruhe des Ortes zerstören könnte. Aber seid sie wusste das sie eine Sunera war, war ihr das so ziemlich egal. Dort angekommen kniete sie sich vor die Statue und faltete die Hände, während sich Shadow neben Kiana legte. Er spürte wohl, daß sie verwirrt war und wollte ihr Beistand leisten. Kiana betete zu Amidale, ihrer Schutzgöttin. „Was soll ich nur tun?“, fragte sie um Rat bittend. „Ich weiß doch gar nicht wie sich eine Halbgöttin benimmt.“ Da erschien ein grelles, weißes Licht und erleuchtete die ganze Lichtung. Kiana spürte die Wärme und öffnete die Augen, doch sie musste sie mit der linken Hand abschirmen, so blendend war das Licht. Langsam wurde das Licht schwächer, bis es schließlich ganz verschwand. Kiana nahm die Hand von den Augen und sah ein Medaillon auf dem Boden liegen. Sie stand auf und ging zu der Stelle an der das Medaillon lag. „Was ist das?“, fragte sie leise und hob die Kette auf. Sie ging zu Shadow zurück und sah ihn fragend an. „Weißt du was das ist?“ Er schüttelte den Kopf, womit er ihr sagen wollte das er es nicht wusste. „Merkwürdig.“, meinte Kiana und kniete sich wieder hin. „Woher kommt das wohl?“ Da fiel ihr ein, daß sie Amidale ja um Hilfe gebeten hatte. „Das… das ist doch nicht etwa von Amidale?“ Genau in diesem Augenblick wurde das Medaillon brennend heiß und fing an zu wackeln. Kiana ließ es erschrocken los. Das Medaillon fiel auf den Boden und aus dem Anhänger wurde eine Person an einen Baum projektiert – es war Amidale.
„Ich grüße dich Kiana.“, sagte sie mit freundlicher Stimme. „Du hast mich um Hilfe gebeten?“ „Äh, ja… ja, das habe ich. Heute habe ich erfahren, daß ich eine Sunera bin. Aber ich habe keine Ahnung wie sich eine verhält. Kannst du mir nicht irgendwie helfen?“ Amidale lächelte. „Warum denkst du, habe ich dir dieses Medaillon geschickt?“ „Ich weiß nicht. Wozu ist es gut?“ Amidale deutete auf das Medaillon. „Siehst du das Einhorn in der Mitte? Es ist ein Hinweis wo du lernst, dich wie eine Sunera zu benehmen.“ Kiana hob den Anhänger wieder auf. „Also ist das ganze so eine Art Rätsel.“ Amidale nickte. „Ja. Die umliegenden Steine und ihre Farben geben dir an, wann deine Ausbildung beginnt und das Gold und Silber sagt dir, wer dein Benehmen trainiert. Außerdem dient dir das Medaillon als Schlüssel.“ Kiana betrachtete die Kette nachdenklich. „Und wofür?“ „Das musst du schon selbst heraus finden. Schließlich kann ich dir nicht immer helfen.“ Und mit einem Lächeln fügte sie noch hinzu. „Aber ich gebe dir einen Tip: Die Sonne ist rötlich, das Wasser ist blau, verbindest du beide dann weißt du’s genau. Viel Glück meine kleine Sunera.“ Amidale ging ein paar Schritte zurück und verschwand schließlich im Wald. Kiana schaute sich das Medaillon noch einmal genau an und erst jetzt merkte sie, dass die Kette noch einmal aus einer Kette bestand. Sie legte das Medaillon auf ihr linkes Handgelenk und es schloß sich selbstständig. Kiana betrachtete es nachdenklich und lächelte. Jetzt mußte sie nur noch die Rätsel lösen und ihre Ausbildung konnte beginnen…
Da fiel ihr ein, daß sie ja noch etwas klären wollte. Kiana stand auf. Sie spürte eine neue Kraft, Stärke, in sich. Sie ging zu der Statue von Guama und kniete noch einmal nieder. Nachdem sie die Hände gefaltet hatte, sprach sie leise aber bestimmt: „Guama, du Erschaffer des Lebens, ich weiß einfach nicht weiter. Der Neuankömmling Ken beleidigte Jimmy und mich. Er verachtet die Natur und ihre heiligen Gesetze. Außerdem versuchte er uns zu schlagen. Ich habe mich nicht darauf eingelassen, aber ich fürchte er wird es nochmal probieren. Kannst du ihn nicht zur Vernunft bringen? Verbanne ihn von dieser Insel des Glücks. Er stört ihren Frieden.“ Kiana machte eine Pause ehe sie weitersprach. „Natürlich weiß ich, daß du nicht einfach so Wünsche erfüllst, vor allem nicht nach meinem schlechtem Benehmen. Deshalb möchte ich mich bei dir entschuldigen. Vergib mir Guama. Vergib mir.“ Kiana stand auf und dachte an Guama. Dann lächelte sie traurig. Ja, sie wünschte es hätte eine andere Möglichkeit gegeben diese Sache aus der Welt zu schaffen. Doch es blieb ihr nur dieser Weg übrig. Sie hatte keine Wahl. Wenn die Menschen versagen, können nur noch die Götter helfen. Kiana schloss die Augen und schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel. Hoffentlich war dieses Problem jetzt gelöst…

Jimmy war gerade dabei seine Angel auszuwerfen um sich ein leckeres Fischfrühstück zu besorgen, als er Pferdehufen hörte. Er drehte sich um und sah… Kiana. Sie blieb vor ihn stehen und obwohl sie nicht verändert aussah, spürte Jimmy das sie irgendwie anders war als früher. Sie hatte sich verändert. Sie schien reifer und vor allem erfahrener im Umgang mit sich und der Welt, sie besaß Eigenschaften die er noch nie vorher an ihr bemerkt hatte. Sie wirkte überirdisch wie eine Göttin, aber genau das machte sie noch unwiderstehlicher.
Kiana stieg ab und kam auf ihn zu. „Ich muss mit dir sprechen.“, meinte sie ruhig und setzte sich neben ihn. „Ja?“ Jimmy packte seine selbstgebastelte Angel weg und sah sie an. „Ich habe mich vorhin echt idiotisch benommen.“, sagte Kiana mit leiser Stimme. „Aber ich…“ „Nicht so schlimm. Ich wusste, dass irgendwas passiert sein musste.“, fiel ihr Jimmy ins Wort. „Nein, lass mich ausreden. Es ist etwas bei Guama passiert. Ich… ich habe erfahren, was ich schon lange geahnt hatte. Jimmy, ich bin eine Sunera.“ So, jetzt war es raus. Einen Moment herrschte Stille zwischen den Beiden. „Du bist also eine Halbgöttin.“, wiederholte Jimmy leise und nahm entschlossen ihre Hand. „Kiana, mir ist egal wer oder was du bist. Ich werde immer zu dir halten – egal was passiert.“ Kiana sah ihn an und lächelte. „Oh, danke Jimmy das ist echt süß von dir.“ Sie umarmte ihn kurz. „Weißt du, ich wusste einfach nicht wie ich reagieren soll. Das Ganze kam so überraschend.“ Jimmy nickte. „Ja, ich kann mir vorstellen wie du dich jetzt fühlst. Hast du schon eine Idee was du jetzt tun willst?“ Kiana schaute aufs Meer. „Nun ja, so in etwa. Heute als ich beim Place de Guama war, gab mir meine Schutzgöttin Amidale dieses Medaillon.“ Sie streckte ihr linkes Handgelenk aus und zeigte es Jimmy. „Sie sagte es würde mir alles darüber sagen wann, wo und bei wem ich eine Art Suneraausbildung machen könnte. Und es diene mir als Schlüssel für irgendwas.“ Jimmy nahm ihr Handgelenk und betrachtete das Medaillon. „Also ist es ein Rätselschlüssel.“, schlussfolgerte er. „Ja, das Problem ist nur, dass die Rätsel so schwer sind.“, seufzte Kiana. Jimmy sah sie aufmunternd an. „Ich sagte doch, dass ich dir helfe oder?“ „Ja.“ „Na also. Und jetzt überlegen wir mal, wie man die Rätsel lösen könnte – gemeinsam schaffen wir das schon.“ „Okay Jimmy.“, meinte Kiana lächelnd und sprang auf. „Dann machen wir uns mal an die Arbeit.“, sagte sie leidenschaftlich. Jimmy erhob sich ebenfalls. „Ach, und Jimmy?“ Er sah sie fragend an. „Ja?“ „Danke.“ Er lächelte. „Tu ich doch gern Kiana.“

„Was könnten denn diese Steine bedeuten?“ Jimmy saß mit Kiana am Strand und analysierte gerade ihr Medaillon. „Ich weiß es echt nicht.“ Er sah sich die farbigen Steine genau an, doch er kam zu keinem Ergebnis. „So kommen wir nicht weiter. Wir müssen anders denken.“ Kiana nahm ihm das Medaillon aus der Hand. „Vielleicht stellen sie ja so eine Art Uhr dar. Schau doch mal, die farbigen Steine haben die gleiche Anordnung wie auf einer Uhr – sie sind in einer Kreisform um das Mittelbild. Oder?“ Jimmy betrachtete den Anhänger. „Ja du hast Recht! Es sieht aus wie eine Uhr. Aber welche Uhrzeit ist es denn dann? Es gibt nichts das wie ein Zeiger funktioniert.“ „Stimmt.“ Kiana ließ traurig das Medaillon sinken und stand auf. „Vielleicht muss man das Datum ja errechnen und es gibt einfach keinen Zeiger.“ „Doch es gibt einen!“, rief Jimmy eben laut aus. „Was?“ Kiana drehte sich zu ihm um und rannte zu ihm. „Hier schau mal, das Einhorn in der Mitte zeigt mit dem Horn auf die elf – das ist die Zeit.“ „Jimmy du bist brillant.“, rief Kiana und kniete sich wieder neben ihn. „Wie bist du darauf gekommen?“ Er grinste. „Durch dich!“ „Durch mich?“ „Ja, du meintest doch vorhin, daß auf einer Uhr die Zahlen kreisförmig um das Mittelbild sind. Und da das Mittelbild ja das Einhorn ist, musste es der Zeiger sein.“ Kiana schwieg beeindruckt. Nie hätte sie gedacht, dass Jimmy so eine Genialität an den Tag legen könnte. „Jimmy, wenn ich dich nicht hätte…“, sagte sie lächelnd. Er grinste. „Dann wärst du aufgeschmissen.“ „Hey!“ Sie gab ihm einen freundschaftlichen Stoß in die Rippen. „Wir wollen mal nicht übertreiben.“

Kiana warf ein Stück Holz ins Feuer – es knisterte ein wenig. Es war inzwischen Abend geworden und Kiana und Jimmy hatten es sich um das Lagerfeuer bequem gemacht. Während Kiana einen Stapel Holz holte, beschäftigte sich Jimmy immer noch mit dem Medaillon. Sie wussten zwar inzwischen was die Steine und das Einhorn bedeuteten, aber sie mussten noch die zwei anderen Rätsel lösen.
„Welche Person stellt Silber und Gold dar?“ Jimmy grübelte und grübelte. „Vielleicht jemand der mit Metallen zu tun hat – jemand wie Schmied Tom.“, meinte Kiana und legte noch ein paar Holzstücke ins Feuer. „Nein, das glaube ich nicht. Das wäre viel zu einfach. Außerdem, woher sollte er wissen wie man eine Sunera ausbildet?“ Kiana zuckte mit den Schultern. „Dann vielleicht jemand der indirekt damit zu tun hat.“ Jimmy sah von dem Medaillon auf. „Wie meinst du das?“ „Naja, es kann doch jemand sein der sie z.B. sammelt.“ „Vielleicht hast du Recht Kiana, aber wer sammelt denn Silber und Gold? Die Leute hier sind nicht so reich um sich so etwas leisten zu können. Oder kennst du jemanden?“ Kiana schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich kenne jemanden der reich wurde.“ Jimmy sah sie fragend an. „Und wen?“ „Erinnerst du dich an die Witwe Bubo? Ihr Mann starb vor zwei Monaten.“ „Ja, ich erinnere mich. Wir hörten von der Beerdigung. Aber ich verstehe nicht warum sie reich wurde. Ihr Mann war doch nur Bauer. Oder?“ Das Feuer flackerte nur noch ein bißchen und Kiana warf ein Stück Holz hinein. „Es mag sein, dass er Bauer war, aber er besaß ein paar Immobilien im Ausland. Wenn sich auf einem der Grundstücke Gold oder Silber befindet gehört es rechtmäßig Frau Bubo.“ Jimmys Gesicht erhellte sich. „Ja, so muss es sein.“ Er erhob sich und sah auf Kiana herab. „Na, worauf warten wir dann noch?“

Frau Bubo wurde unsanft aus ihrem Traum gerissen. Jemand klopfte stürmig an die Tür. Wütend stampfte sie in Hausschuhen zur Haustür und öffnete sie einen Spalt breit. „Ja bitte?“ Kiana lächelte freundlich. „Guten Tag, Frau Bubo. Es tut uns leid sie zu dieser Uhrzeit zu stören, aber wir müssen dringend mit ihnen reden.“ Die Witwe schaute von Kiana zu Jimmy und wieder zu Kiana. „Na gut, kommt rein.“
„So, wie kann ich euch helfen?“ Frau Bubo saß mit Kiana und Jimmy gemütlich in der Sitzecke des großen Wohnzimmers und betrachtete sie aufmerksam. Sie hatte keine Ahnung was diese zwei Jugendlichen um neun Uhr abends von ihr wollten. „Stimmt es, dass ihr Mann Immobilien im Ausland besaß?“, fragte Kiana ohne Umschweife. Frau Bubo gähnte herzlich. „Seid ihr etwa den ganzen Weg hierher gekommen um mich das zu fragen?“ Jimmy nickte schüchtern. Es war ihm peinlich hier um diese Uhrzeit zu sitzen und die Witwe mit ihren Fragen zu belästigen. Aber Kiana schien das alles nichts auszumachen. „Ja. Es ist wirklich wichtig.“ Frau Bubo nickte – mehr zu sich selbst als zu Kiana. „Wartet einen Moment, ich hole die Papiere.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und ließ die beiden allein.
Es dauerte einige Minuten ehe sie wieder kam. „Mein Mann war immer sehr ordentlich.“, meinte sie. „Er hat sich alles aus dem Grundbuch kopieren lassen, damit er es nachprüfen konnte.“ Frau Bubo legte den Stapel Papiere vor den beiden ab und setzte sich wieder. „Nach was sucht ihr denn nun eigentlich?“ Kiana zuckte mit den Schultern. „Das wissen wir noch nicht genau, wir werden es erst wissen wenn wir es gefunden haben.“ „Oh, ich verstehe. Kann ich euch vielleicht etwas zu Trinken anbieten? Es könnte lange dauern – und ihr müsst euch doch stärken.“ „Ja das wäre sehr nett. Haben sie Guavensaft?“ „Ich schau mal nach.“, meinte Witwe Bubo. „Warten Sie, ich helfe ihnen.“ Jimmy war aufgesprungen und folgte ihr in die Küche. Kiana blieb allein vor dem Riesenstapel Papieren sitzen. „Na dann wollen wir mal!“, murmelte sie und nahm das erste Blatt.
Nach ungefähr sieben Minuten erschienen Frau Bubo und Jimmy wieder. Jimmy balancierte ein Tablett auf dem drei Gläser und eine Schale mit Keksen stand, Frau Bubo folgte ihm mit ihrer Lesebrille in der einen und einem weiteren Stapel Papieren in der anderen Hand. „Hier, die habe ich noch gefunden.“, sagte Witwe Bubo und hielt Kiana den zweiten Stapel Immobilien hin. „Was für ein Glück, noch mehr Arbeit.“, erwiderte Kiana ironisch und legte die Blätter auf die anderen. Jimmy hatte inzwischen das Tablett sicher auf dem Tisch plaziert und setzte sich nun auf das Sofa neben Kiana. Frau Bubo machte es sich auf dem freien Sessel neben dem Sofa bequem und setzte ihre Lesebrille auf. „Also wer macht was?“, fragte sie. Kiana teilte den Stapel in drei gleich große Stücke und übergab sie an die Beiden. „Am besten wir suchen nach großflächigen Geländen vielleicht in den Bergen oder so – hauptsache dort könnte sich Gold oder Silber befinden.“ Jimmy und Frau Bubo nickten und alle machten sich an die Arbeit.
„Hier, ich hab was!“ Jimmy hielt siegessicher ein bläuliches Stück Papier in die Höhe. Alle Augen richteten sich auf ihn. „Ehrlich? Das ist ja klasse. Zeig mal her, Jimmy!“ Er überreichte ihr das Blatt und Kiana las den von Jimmy markierten Absatz vor. Er stand ganz klein unter dem Text:

„In circa 250 Metern Tiefe befand sich vor ungefähr 70 Jahren -im Jahre 1856- einmal ein sehr reiches Goldvorkommen. Leider wurde es im Laufe der Zeit durch Erdrutsche abgetragen. Nun existiert nur noch ein kleines Vorkommen welches demjenigen zusteht, dem dieses Grundstück gehört. Um an das Gold zu kommen, können jederzeit Ausgrabungen beginnen, welche vom ehemaligen Eigentümer bezahlt werden, aber durch Erdbeben, Erdrutsche oder sonstige Gefahren sofort abgebrochen werden können.
Ihr sehr ergebener Julios van Grubat.“

Nachdem Kiana geendet hatte, breitete sich Schweigen aus. Ausgerechnet Frau Bubo fand als erste die Sprache wieder. „Ich hatte ja keine Ahnung…“ Sie verstummte wieder. Kiana legte ihre Hand tröstend auf die Schulter der Witwe. Ihr waren plötzlich Zweifel gekommen. Waren sie wirklich auf der richtigen Fährte? Doch sie schüttelte diesen Gedanken schnell wieder ab. Sicher taten sie das Richtige. Frau Bubo lächelte Kiana kurz dankbar an, dann stand sie auf und ging entschlossen zum Telefon. Frau Bubo war sehr stolz auf ihr eigenes Telefon, denn nur wenige auf der Insel konnten sich so etwas leisten. „Was wollen sie jetzt tun?“, fragte Jimmy, obwohl er die Antwort schon wusste. „Ich rufe diesen Herrn Grubat an. Er kann uns sicher mehr darüber sagen.“ Mit diesen Worten wählte sie die Nummer der Auskunft von Suva. Denn Suva war die Hauptstadt Viti Levus, die eine der beiden größten Inseln war und daher eine eigene Telefonzentrale mit weit reichendem Netz besaß.
„Ich hätte gern die Telefonnummer von der Auskunft in Thailand.“, sagte Frau Bubo auf Englisch. „Natürlich, einen Moment bitte.“ Es dauerte eine Weile bis sich jemand meldete. „Guten Tag. Hier ist die Auskunft von Thailand. Wie kann ich ihnen helfen?“, fragte eine Frau auf Thai. Frau Bubo unterhielt sich mit ihr noch ein paar Minuten. Es klang exotisch und fremd und Kiana lauschte Frau Bubo mit einer Mischung aus Interesse und Faszination. Während die Witwe sprach war ihr Gesicht ausdruckslos. Endlich legte sie auf. „Und?“, fragten Kiana und Jimmy im Chor. Sie drehte sich um und ihr Gesicht nahm einen etwas traurigen Ausdruck an. „Es tut mir Leid Kinder, aber Herr Grubat ist seit zwei Jahren tot.“ Kiana und Jimmy schwiegen betroffen. „Und was machen wir jetzt?“ „Keine Ahnung.“ meinte Kiana, da leuchteten ihre Augen plötzlich auf. „Moment, ich habe da so eine Idee…“

Es war vier Uhr morgens als Kiana leise das Haus verließ. Frau Bubo und Jimmy waren inzwischen eingeschlafen. Aber das war auch gut so, denn bei ihrem Vorhaben störten sie Kiana nur. Sie blies vorsichtig in ihren Muschelanhänger und kurz darauf erschien Shadow. Kiana stieg auf und ritt entschlossen in Richtung Place de Guama davon. Nach wenigen Minuten erschienen die Kirche und Kens Haus, wo Kiana normalerweise links ritt. Doch Moment, was war das? Kiana rief „Brr“ und Shadow blieb stehen. An der Stelle, wo sonst das Haus der Vorbidaras stand, war heute nur ein Graben. Ja richtig, das Haus war verschwunden! Kiana stieg ab, nahm ihr Pferd am Halfter und lenkte es in Richtung Kirche. Zumindest diese war noch vorhanden… Sie band Shadow an den kleinen Holzzaun vor der Kirche und ging entschlossen hinein. Sofort stieg ihr der würzige Duft von Weihrauch in die Nase. Der Pfarrer befand sich bei dem Jesuskreuz vor dem Taufbecken und betete. Kiana blieb ein paar Meter vor ihm stehen und wartete höflich, bis er sein Gebet beendet hatte. Nachdem er fertig war, entdeckte er sie. „Kiana.“, rief er erfreut. „Welch‘ Überraschung! Wie kann ich dir helfen?“ Sie trat auf ihn zu und verbeugte sich leicht, wie es bei einem Geistlichen der Insel üblich war. „Ich habe nur eine Frage, Pfarrer Cornelius.“, antwortete sie ehrlich. „Nun, so sprich nur mein Kind.“ „Der Graben neben dieser Kirche, ist der schon lange?“ Das Gesicht des Geistlichen verdunkelte sich leicht. „Ja, Kiana. Er ist noch ein Denkmal der Wildgänse.“ Kiana schluckte. „Noch eine letzte Frage: Das mag nun verrückt klingen, aber… könnte man dort ein Haus bauen?“ Pfarrer Cornelius legte die Stirn in Falten. Er dachte angestrengt nach. „Ich würde sagen Nein.“, antwortete er nach einiger Zeit. „Es ist Naturschutzgebiet und außerdem ist es ein Denkmal. Man müsste schon sehr reich sein, um dort ein Haus bauen zu können.“ „Danke, Pater. Das wäre dann alles.“ Sie verbeugte sich wieder leicht und verließ die Kirche. Draußen ordnete sie erstmal ihre Gedanken. Ken. Guama. Das Gebet. Das verschwundene Haus. Ob das alles einen Zusammenhang hatte? War ihr Gebet erhört und Ken von der Insel verbannt worden? Was auch immer es war, Kiana war dankbar, dass es passiert war. Sie löste Shadows Zügel und saß auf. Wunder gibt es immer wieder., dachte sie, ohne sich auch nur annähernd zu wundern, und ritt los.

Sie erreichte die Lichtung in gut zwanzig Minuten. Sie befestigte Shadows Zügel an einem Baum und ging dann den kleinen Pfad auf die Statue Guamas zu. Kiana faltete die Hände und betete zu Amidale. „Amidale -Schutzgöttin und Göttin des Meeres- ich rufe dich. Erleuchte diese Lichtung und führe mich. Ich bitte dich nochmals um Hilfe. Mögest du dir die Zeit nehmen und mich erhören. Amidale -du Göttin des Meeres- die Zeit zieht ihre Fäden. Erleuchte die Lichtung und führe mich. Hier und jetzt ich bitte dich.“ Plötzlich erschien ein grelles Licht und verwandelte die ganze Lichtung in einen taghellen Ort. Kiana öffnete langsam die Augen und drehte sich um. „Hier bin ich, Kiana. Wie kann ich dir helfen?“ Kiana verbeugte sich tief. „Es tut mir leid dich zu stören, Amidale, aber ich brauche deine Hilfe.“ Sie schaute auf. „Um die Rätsel zu lösen muss ich jemanden zum Leben erwecken. Ich weiß nur nicht wie.“ Amidale nickte. „Steh auf kleine Kianasunera. Und erzähle mir genau warum du darauf kommst.“ Kiana erhob sich. „Also gut, alles fing so an…“
„Die Rätsel sind schwerer als ich dachte.“, erwiderte Amidale nachdem Kiana ihr die ganze Geschichte erzählt hatte. „Aber trotzdem kann ich dir nicht helfen.“ „Was? Aber warum nicht?“ „Nun ganz einfach. Ich habe geschworen dich nicht bei deiner Suche zu dir selbst zu unterstützen.“ „Das verstehe ich ja, aber kannst du diesen Schwur nicht einfach rückgängig machen?“ Amidale lächelte warmherzig über Kianas Eifer. „Wenn das so einfach wäre. Ich wünschte ich könnte es. Aber das geht nicht. Dieser Schwur wurde von einer Fassutnie ausgesprochen und wie du vielleicht weißt sind wir Götter gegen sie machtlos. Wir müssen uns ihnen beugen – auch wenn wir das nicht wollen.“ „Ich verstehe.“ Kiana stand auf. Da kam ihr auf einmal ein Geistesblitz. „Weißt du zufällig wo ich diese Fassutnies finden kann?“ „Schlag dir das gleich wieder aus dem Kopf, Kiana, es wäre viel zu gefährlich. Selbst wir Götter können nicht ohne weiteres zu ihnen. Sie sind zu mächtig für dich.“ Kiana dachte eine Weile über die Fassutnies nach. Ja, sie waren zu mächtig für sie. Die Fassutnies bestanden aus der Fassutnie Feuer, Wasser, Luft, Erde, Leben und Tod. Man erzählte sich das sie das ganze Universum erschaffen hatten: Zuerst das Weltall, dann die Planeten, das Wasser, die Erde, das Feuer, die Luft. Danach die Götter, die Menschen, die Tiere und zum Schluss die Pflanzen und Steine. Die Fassutnies waren leicht reizbar und jede von ihnen besaß viel Macht über ihr Gebiet. Am mächtigsten waren die Fassutnie Leben und Tod; sie konnten Leben erschaffen und es auch wieder töten. Man erzählte sich auch, dass die Fassutnies Beschützer für jeden Teil der Erde erschaffen hatten. Auf Guama war es z.B. Guama der weiße Wal der die Insel beschützte. Die Beschützer der Erdteile -die sogenannten Topá- besaßen auch mehr Macht als die Götter. Aber sie waren noch lange nicht so mächtig wie eben die sechs Fassutnies. „Tja, mir bleibt wohl nichts anderes übrig als die Fassutnies aufzusuchen. Denn wenn du mir nicht helfen kannst, dann muss ich mir halt selbst helfen.“, meinte Kiana nach langem überlegen. „Kleiner Dickkopf. Aber na gut, hier nimm diese Opfergabe -ohne die kannst du da erst recht nicht aufkreuzen- und schwimme damit zum Place de Corallonia und dort tauchst hinunter bis zum Anfang des Vulkans, dort leben sie. Aber sei vorsichtig.“ Kiana lächelte und wendete sich zum Gehen. „Das bin ich doch immer, Amidale. Keine Sorge.“

Ein wenig mulmig war Kiana schon, als sie zum Anfang des Vulkans hinuntertauchte. Denn auch wenn Kiana eine Sunera war, sie war schließlich immernoch ein normales Mädchen und für ihr Alter bauten sich viele Probleme vor ihr auf – sie musste die Wildgänse bekämpfen, die Rätsel ihres Medaillons lösen um die Suneraausbildung zu beginnen und außerdem sollte sie sich jetzt auch noch mit den mächtigsten Wesen der Universums anlegen, weil ihre Schutzgöttin ihr nicht helfen konnte. Ja, sie steckte bis zum Hals in Problemen. Warum war auch ausgerechnet sie auserwählt worden? Kiana schüttelte den Kopf so als wollte sie dabei ihre Gedanken abschütteln und tauchte dann mutig weiter nach unten.
Endlich erreichte sie den Gipfel des Vulkans. Er lag in einer Tiefe von ungefähr zweiundzwanzig Metern und daher war das ehemals kristallblaue Wasser fast schwarz. Kiana hatte zwar ein ungutes Gefühl, aber sie hielt trotzdem angestrengt nach einer der Fassutnies Ausschau; aber weit und breit war nichts zu sehen. Plötzlich hörte Kiana hinter sich ein Kichern. Sie drehte sich um, konnte aber nichts erkennen. „Wer ist da?“ Wieder ertönte Gekicher. Diesmal etwas lauter. Kiana wurde es unheimlich. „Fassutnies?“ fragte sie in die Dunkelheit. „Seid ihr das?“ Eine Weile passierte gar nichts. Die Stille war beunruhigend. „Wer will das wissen?“, ertönte da auf einmal eine Stimme. Sie klang fremd – wie nicht von dieser Welt. „Ich. Mein Name ist Kiana. Ich wollte euch um etwas bitten.“, sagte Kiana in die Weite des Meeres. Wieder diese beängstige Stille. Kiana dachte schon, sie hätten sich zurückgezogen, da erschien vor ihr ein leuchtender Kreis. Er umkreiste sie, flog über sie hinweg und kam schließlich vor ihr zum Stehen. Der Lichtpunkt wurde größer und nahm die Gestalt einer Menschenfrau an. Ihre Haare waren weiß und in ihrem Arm trug sie ein kleines Kind. „Das haben schon viele versucht.“, sagte die Fassutnie und strich mit ihren zarten Händen liebevoll über das Menschenkind, während sie Kiana nicht aus den Augen ließ. „Sie versuchten es nur einmal.“, ertönte da eine weitere Stimme. Und neben der Fassutnie erschien eine weitere Menschenfrau. Sie hatte schwarzes Haar und trug eine Sense bei sich. Ihre Augen blitzten bedrohlich. Verschwinde lieber, bevor es ungemütlich wird!, sagte Kianas Gefühl, doch sie rührte sich nicht. „Was ist mit ihnen passiert?“, fragte sie stattdessen. Die Fassutnies sahen sich an. Es war, als würden sie telepathisch Gedanken austauschen. „Sie gaben ein schönes Feuerholz ab.“, erklang da noch eine Stimme. Und die dritte Fassutnie erschien. Sie war ganz in Rot gekleidet und ihre Haare bestanden aus Feuer. „Hör auf, du machst ihr ja Angst.“, sagte noch eine Stimme. Und kurz darauf erschien die Fassutnie Wasser. Um ihren Hals schwammen Fische und ihre Haut war schuppig. „Aber sie haben es nicht noch einmal versucht.“, meinte eine andere Stimme. Und neben der Fassutnie Wasser erschien die Fassutnie Luft. Sie wirkte wie ein Geist, so durchsichtig war ihre Haut. „Und wieso?“, fragte Kiana deren Neugier nun geweckt war. „Sie stehen unter Schock.“, sagte jemand. Und die letzte Fassutnie erschien. Ihre Haut war dunkler als die der anderen und um ihren Körper wandt sich eine Liane. „Was willst du von uns?“, fragte nun wieder die Fassutnie Tod. „Ich bringe euch eine Opfergabe und Edelsteine.“, sagte Kiana ohne eine Spur von Angst und übergab der Fassutnie Leben die Geschenke. Zu ihr hatte sie noch am ehesten Vertrauen. „Wir danken dir.“, ergriff die Fassutnie Wasser das Wort. Und verschwand mit den Geschenken im Nichts. Kurz darauf erschien sie schon wieder mit einem kunstvoll verzierten Lederbeutel. „Hier.“, sagte sie zu Kiana und reichte ihr die Gabe. „Es wird dir bei dem helfen was du suchst.“, meinte die Fassutnie Leben. „Aber… aber warum ändert ihr eure Meinung?“, stieß Kiana hervor. Es war ihr ein Rätsel. „Es war eine Prüfung und du hast sie bestanden.“ Die Fassutnie Luft lächelte warm. „Was für eine Prüfung? Und wieso hab ich bestanden, wenn ich eure Gesetzte nicht beachte? Das verstehe ich nicht.“ Die Fassutnie Feuer schwebte zu Kiana und legte ihr die Hand auf die Schulter – doch Kianas Haut verbrannte bei der Berührung nicht. „Das wirst du bald verstehen.“ „Aber gehe nun.“, warf die Fassutnie Erde ein. „Unsere Zeit ist knapp.“ Mit diesen Worten verschwanden sie. Kiana blieb allein zurück. Sie schaute gedankenverloren auf das Geschenk in ihrer Hand. „Ich glaube ich weiß was da drin ist.“, dachte sie, während sie zur Wasseroberfläche schwamm.
Shadow wieherte erfreut, als er Kiana sah. „Na, hast du dich schön amüsiert?“, fragte sie und klopfte ihrem Pferd den Hals. Sie lachte, als er freudig wieherte, verstaute den mystischen Beutel in ihrer Tasche und saß auf. „Auf zum Place de Guama.“, rief sie und Shadow trabte los.

„Latiantia et unat duran faruma sade Lemat. Wasim ud nis. Sallana ejum á jesses.“ Kiana hatte keine Ahnung, woher sie die Worte dieser heiligen Worte wusste. Es war, als liefen sie selbstständig aus ihrem Kopf durch ihren Mund. Ohne ihren Willen. Kiana wusste kaum was sie tat, als sie das Pulver aus dem Beutel ins Feuer warf. Es färbte sich grünlich. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich voll und ganz auf Herrn Grubat. „Wo zum Teufel bin ich?“, hörte Kiana da plötzlich. Sie öffnete die Augen und erblickte einen Mann um die 80. Er hatte weißes Haar und einen schwarzen Smoking an. Seine blauen Augen wirkten leer. „Sie sind auf einer Lichtung in Guama. Ich bin Kiana. Wie fühlen Sie sich?“ Der Herr blickte sich ausgiebig um und setzte sich dann zu Kiana ans Feuer. „Gut. Ich fühle mich gut. Das wundert mich ja. Ich dachte ich sei tot.“ „Nun, um ehrlich zu sein das sind Sie auch. Ich habe Sie kurzzeitig zum Leben erweckt, weil ich Ihre Hilfe brauche.“ Herr Grubat sah Kiana ernst an. „Heißt das ich bin ein Zombie?“ Kiana lächelte. „Nein, das sind Sie nicht. Im Moment leben Sie wieder, so wie damals.“ Herr Grubat nickte langsam. „Wie soll ich dir denn helfen? Sehr viel tun kann ich nicht. Schließlich bin ich eigentlich tot.“ Kiana nahm seine knochige Hand. „Sagen Sie mir wo das Grundstück von Herr Bubo in Thailand liegt. Es ist sehr wichtig.“
„Schade, dass ich dir nicht mehr helfen kann. Wo du doch so viel für mich getan hast.“ Herr Grubat reichte Kiana die gemalte Skizze. „Was Sie da eben getan haben war sehr nett. Ich werde für Sie beten.“ „Das brauchst du nicht.“, warf der alte Mann da ein. „Du könntest etwas anderes für mich tun.“ Kiana hob erstaunt die Augenbrauen. Was sich ein Toter wohl wünschte? „Aber nein, vergiss es.“, sagte Julios van Grubat, nachdem er Kianas fragenden Blick gesehen hatte. „Es ist nicht so wichtig.“ „Doch das ist es!“, meinte Kiana eindringlich. „Sie können doch nicht ewig schweigen. Ich hätte von jemand wie Ihnen mehr erwartet. Seien Sie nicht feige, was kann ich für Sie tun? Egal was es ist, Sie können es mir sagen. Ich stehe in Ihrer Schuld.“ Der alte Mann lächelte. „Klingt als hätte ich keine andere Wahl. Seit meinem Tod wünsche ich mir nichts sehnlicher als meine Frau noch ein letztes Mal zu sehen um ihr zu sagen, dass ich sie liebe. Sie fehlt mir unendlich.“ Herr Grubat seufzte tief. „Siehst du Kiana, es ist unmöglich. Ich hätte es dir nicht sagen sollen.“ Kiana schüttelte energisch den Kopf. „Machen Sie sich doch nicht immer Vorwürfe!“ „Hast du etwa eine Idee?“ Kiana lächelte geheimnisvoll. „Vielleicht. Aber Sie müssen mir versprechen, genau das zu tun was ich Ihnen sage.“

Es war inzwischen nach sechs Uhr morgens und Jimmy war durch eine Vision unsanft aus seinen Träumen gerissen worden. Es war eine merkwürdige Vision: Kiana sitzt auf der Lichtung beim Place de Guama da kommt plötzlich ein schwarzer Wolf. Er umkreist sie und knurrt gefährlich. Sie streckt die Hand aus und berührt ihn leicht hinter den Ohren. Da senkt der Wolf den Kopf und lässt sich geduldig streicheln. Er legt sich sogar vor ihre Füße. Dann ist ein riesiger Knall zu hören und der Himmel färbt sich lila und dunkelrot. Blitze durchzucken das Firmament. Und die Umgebung und die ganze Insel werden langsam dunkler, bis schließlich alles pechschwarz ist.
Jimmy streckte sich ausgiebig. „Ich frage mich was das bedeutet.“, murmelte er und stand auf. „Kiana?“ fragte er halblaut in die Wohnung. „Ich habe Lust zu einem Morgenritt, kommst du mit?“ Stille. „Kiana?“, fragte er, etwas lauter als das erste Mal. „Kiana?“ Aber Kiana war nicht da. Jimmy suchte sie im Badezimmer, in der kleinen Küche und im Gästezimmer – aber Kiana blieb unauffindbar. „Wo steckt sie nur wieder?“ Da kam ihm eine Gedanke. „Natürlich.“, dachte er. „Da ist sie bestimmt.“ Jimmy schlich leise aus der Wohnung, saß auf Butterblume auf und ritt entschlossen davon.

„Was halten Sie von dieser Idee?“, fragte Kiana Herr Grubat. „Ich bin begeistert. Und wann beginnen wir mit der Show?“ „Pünktlich um Mitternacht – zur Geisterstunde.“ Herr Grubat lachte leise. „Na, das wundert mich nicht.“ „Also abgemacht. Danach treffen wir uns hier. Schlagen Sie ein?“ Herr Grubat nahm lächelnd die hingehaltende Hand. „Abgemacht.“
Nachdem der alte Mann verschwunden war betrat Jimmy die Lichtung. „Dachte ich mir doch, dass du hier bist.“, sagte er statt einer Begrüßung. Kiana lächelte. „Auch schon wach?“ Er nickte. „Wäre ich sonst hier?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich nicht. Aber die Witwe schläft doch noch, oder?“ „Als ich ging schlief sie tief und fest. Sie hat sogar geschnarcht.“ Kiana gab Jimmy einen Knuff in die Seite. „Jimmy!“ Er lachte. „War doch nur ein Scherz. Aber was machst du eigentlich schon so früh hier?“ Kiana wurde wieder ernst. „Ich hatte noch ein paar Sachen zu erledigen.“, antwortete sie ehrlich. Jimmy sah sie durchdringend an. „Häuser verschwinden lassen zum Beispiel?“ „Dann hast du es auch gemerkt?“ „Ja. War ja nicht zu übersehen. Das heißt es war natürlich zu übersehen. Aber gerade das machte mich stutzig.“ „Ich frage mich ob es wirklich durch mein inniges Gebet verschwunden ist, oder ob nicht noch mehr dahinter steckt. Denn anscheinend wissen nur wir beide, daß Ken mal existiert hat.“ „Da hast du Recht, Kiana. Aber wieso auch immer das Haus verschwunden ist, die Hauptsache ist doch, dass er nun weg ist.“

Frau Bubo erwachte gegen acht Uhr morgens. Sie streckte sich genüßlich und schaute sich dann in der leeren Wohnung um. Hatte sie nur geträumt, daß Kiana und Jimmy hier gewesen waren? Nein, auf dem Tisch standen noch die beiden leeren Gläser und die halb leere Schüssel mit Keksen. Aber wo waren sie? Die Witwe nahm das Tablett und brachte es in die Küche. An der Kühlschranktür entdeckte sie einen Brief:

„Liebe Frau Bubo,
Kiana und ich waren vor ihnen wach und sind deshalb ein wenig spazieren gegangen. Machen Sie sich keine Sorgen! Um 12 Uhr sind wir wieder da.
– Jimmy

PS: Wir haben frische Früchte für Sie geflückt, weil Sie doch Rückenprobleme haben.“

Die Witwe schaute auf den kleinen Korbtisch in der Mitte der Küche. Er war ihr zuerst gar nicht aufgefallen. Auf ihm befand sich eine riesige Schale mit Orangen, Papajas, Kiwis und Rambutanfrüchten. Frau Bubo stellte das Tablett auf den Küchenschrank und kniete sich entzückt vor die Exoten. „Was für nette Kinder es doch sind!“, dachte sie gerührt und nahm sich eine Orange.

Zur gleichen Zeit saßen Kiana und Jimmy auf der Lichtung beim Place de Guama. Kiana hatte Jimmy von ihrem Auferstehungsritual und ihrem grandiosem Einfall, Frau Grubat um Mitternacht von ihrem Mann besuchen zu lassen erzählt. Jimmy war begeistert. Wer -außer Kiana- kam schon auf solche außergewöhnliche Ideen? „Hoffentlich klappt es auch.“, sagte er und meinte es ernst. „Bestimmt.“, sagte Kiana zuversichtlich. „Seine Frau wird am nächsten Morgen denken, sie hat alles nur geträumt. Sie wird wissen, dass ihr Mann sie liebt, auch wenn sie sich nicht sicher sein wird, ob es Wirklichkeit war oder nicht. Und das ist doch perfekt oder?“ Jimmy nickte zustimmend. „Ja, das ist es. Das ist es immer.“

Kurz nach Mitternacht schlichen Jimmy und Kiana aus dem Haus der Witwe Bubo und kletterten auf die Rücken ihrer Pferde. „Auf zum Place de Guama.“, sagte Kiana und die Pferde galoppierten wie auf’s Stichwort los.
Herrn Grubat erschien viertel Eins. Seine Augen srahlten vor Glück. „Sie ist noch genauso schön wie damals.“, sagte er und bemerkte erst jetzt Kiana und ihren Freund. „Oh hallo.“, sagte er an beide gerichtet. „Wie ich sehe hat es funktioniert.“, schlussfolgerte Kiana. „Das freut mich für Sie.“ Er nahm ihre Hände und drückte sie glücklich. „Ich danke dir. Endlich kann ich Ruhe finden.“ Kiana lächelte. „Sie haben es verdient. Ruhen Sie in Frieden.“ Mit diesen Worten nahm Kiana den verzierten Beutel und warf das Pulver auf Herrn Grubat. „Sallana ejumba jesses è hiteijata.“, sagte sie und der alte Mann wurde durchsichtiger und verschwand schließlich. „Ruhen Sie in Frieden.“, wiederholte sie. Jimmy legte ihr die Hand auf die Schulter. „Lass uns zum Strand gehen.“, sagte er. „Es war ein langer, anstrengender Tag.“ Kiana nickte schwach. „Einverstanden.“
Nachdem sie die Strandstelle erreichten wo ihre Zelte standen, ließen sie die Pferde grasen und kletterten in die Zelte. Sie wünschten sich eine gute Nacht und schliefen erschöpft ein. Was für ein verrückter Tag! Schließlich erlebte man verschwundene Häuser und eine Totenerweckung nicht alle Tage…

Am darauffolgenden Tag erwachten Jimmy und Kiana fast gleichzeitig. Kiana war aus dem Zelt geklettert und streckte sich ausgiebig, als sie den Reißverschluß von Jimmys Zelt hörte. „Ah, guten Morgen Jimmy.“ Er gähnte herzhaft. „Morgen. Wie spät ist es eigentlich?“ Kiana schaute auf den Stand der Sonne. „Die Sonne steht im Zenit das heißt es müßte ungefähr zwölf Uhr sein.“ „Was denn schon so spät?“ Jimmy kroch aus dem Zelt und stellte sich neben Kiana. „Und was machen wir heute? Dämonen jagen? Oder vielleicht wieder Personen verschwinden lassen?“ Kiana lächelte. „Weder noch. Wir überbringen Frau Bubo die Karte mit dem Ort, wo das Gold liegt und lösen dann das letzte Rätsel.“ „Aber das eine Rätsel haben wir doch noch nicht gelöst.“ „Doch!“ „Das verstehe ich nicht.“, sagte Jimmy der Mühe hatte Kiana zu folgen. „Wir waren auf der falschen Spur.“, erklärte Kiana. „Frau Bubo ist nicht die Person die wir suchen.“ „Aber wer denn dann?“ fragte Jimmy. „Pfarrer Cornelius.“ „Was? Aber wieso gerade er?“ Jimmy verstand überhaupt nichts mehr. „Die beiden Metalle bedeuten nicht, dass sie jemand besitzt.“, fuhr Kiana fort. „Sie bedeuten, dass jemand zwei verschiedene, entgegengesetzte Persönlichkeiten hat. Ähnlich wie das Ying und Yang-Prinzip.“ „Und wie kommst du darauf, daß gerade der Pfarrer diese zwei gespaltenen Persönlichkeiten besitzt?“ Kiana lächelte siegessicher. „Ich habe es nur durch Zufall herausbekommen.“, sagte sie. „Als ich gestern in der Kirche war, habe ich gesehen wie er gebetet hat.“ „Ja und? Das tun doch alle Geistlichen.“, meinte Jimmy verständnislos. „Ich bin noch nicht fertig.“, sagte Kiana bestimmend. „Also, erst hat er gebetet und dann als ich ihn fragte, ob man auf einem Naturschutzgebiet ein Haus bauen kann, was denkst du hat er da gemacht?“ Jimmy zuckte mit den Schultern. „Geantwortet nehme ich an.“ Kiana verdrehte die Augen. „Nein Jimmy, du verstehst nicht was ich meine! Er hat überlegt. Er hat überlegt, genau wie jeder andere überlegt hätte. Er ist einerseits ein Geistlicher, der nach den Gesetzen der Bibel lebt und andererseits ein ganz normaler Mensch der gutes Essen liebt, gern Skat spielt oder mal einen Scherz macht. Verstehst du mich jetzt?“ „Hm, ich glaube schon.“, antwortete Jimmy. „Das heißt du willst, dass wir zu ihm reiten?“ „Ja. Denn es gibt noch einen Grund, warum er es sein könnte.“ „Und der wäre?“ „Pfarrer Cornelius ist einer der Überlebenden der Wildgänse.“

„Oh, ich danke euch tausendmal.“ Die Witwe umarmte Kiana und Jimmy überglücklich. „Aber wie habt ihr die Skizze denn bekommen?“ Die Jugendlichen wechselten einen Blick miteinander. „Jemand sehr Nettes hat uns dabei geholfen.“, sagte Kiana. Und das entsprach ja der Wahrheit. „Ich stehe tief in eurer Schuld.“, sagte Frau Bubo mit strahlenden Augen. „Wenn ihr mal meine Hilfe braucht, ruft mich einfach.“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und schloß die Tür hinter den Beiden. Nachdem sie die Skizze bei Frau Bubo abgeliefert hatten, machten Kiana und Jimmy sich auf den Weg zur Kirche.
Pfarrer Cornelius begrüßte sie herzlich wie immer. „Wie kann ich euch helfen?“, fragte er. „So.“, antwortete Kiana und streckte dem Pfarrer wortlos ihr Handgelenk entgegen. „Aber das ist doch…“ Der Geistliche studierte das Schmuckstück eingehend. „Woher hast du das?“, fragte er streng. „Von meiner Schutzgöttin. Amidale.“, meinte Kiana seelenruhig. „Weißt du welche Kraft es besitzt?“ Pfarrer Cornelius drehte sich um. „Es tut mir leid, dass ich so streng mit dir war. Es ist nur…ich habe das Medaillon schon lange nicht mehr gesehen.“ „Ist es denn gefährlich?“, fragte Jimmy ängstlich. „Nun, nicht direkt. Es besitzt eine unheimliche Macht.“ „Was wissen Sie darüber Pfarrer?“, fragte Kiana ruhig. Der Geistliche wandte sich zu ihnen. „Das Medaillon ist ein Schmuckstück aus dem 15. Jahrhundert. Man sagt, es besitze die Kraft wahre Urgewalten zu entfesseln. Damals gab es in jeder Generation einen Auserwählten.“ Er schaute auf Kiana. „Ein Krieger, geboren uns vor den Wildgänsen zu schützen. Doch das Medaillon verschwand eines Tages spurlos und allein konnte uns der Auserwählte nicht retten. Die Wirbelstürme kamen zu uns.“ Sein Gesicht verfinsterte sich bei dem Gedanken daran. „Aber nun ist es wieder da. Gott schütze dich Kiana. Weißt du welche Aufgabe du hast?“ Sie sah ihn ernst an. „Ich bin mir dessen bewusst, Pfarrer.“ Er nickte langsam und legte ihr die alte Hand auf die Schulter. „So sei es. Löst so schnell wie möglich die übrigen Rätsel, denn sie kommen wieder.“ „Das werden wir, Pfarrer. Sie können sich auf mich verlassen.“, sagte Kiana und verließ, nachdem sie sich rituell verbeugt hatte, mit Jimmy die Kirche. Sie hörte nicht mehr wie Pfarrer Cornelius leise flüsterte: „Leider muss ich das wohl. Ich wünschte es wäre anders und ich könnte dir helfen. Fassutnies seien mit dir, Kiana.“ Kiana bemerkte auch nicht, wie er ein Symbol in die Luft zeichnete – es war Hussinkulé, das Einhorn des Schutzes.
Vor dem Gebäude stolperte Jimmy und ihm wurde plötzlich schwarz vor Augen, das alles war zuviel für ihn. Er wurde bewusstlos.

Als er wieder zu sich, kam lag er in Kianas Zimmer. Jimmy setzte sich geräuschvoll im Bett auf und sah sich suchend um. Kiana saß auf einem Stuhl neben ihm, mit dem Oberkörper lag sie halb auf dem Bett – sie schlief. Anscheinend hatte sie so die Nacht verbracht. Jimmy strich ihr vorsichtig übers Haar. Er war gerührt, dass sie ihm das Bett überlassen hatte. Kiana bewegte sich leicht im Schlaf. Es sah so aus als hätte sie einen Albtraum. Plötzlich schrie sie auf. Jimmy zuckte zurück. Kiana schlug die Augen auf und sah sich um. „Es war nur ein Traum.“, sagte Jimmy automatisch und strich ihr leicht über die Wange. „Wo… wo bin ich?“, fragte sie verstört. Er nahm ihre Hand. „Du bist in deinem Zimmer. Es ist vorbei. Ich bin bei dir.“ Sie lächelte, es war ein unwirkliches Lächeln, so als habe sie nicht verstanden was er gesagt hatte. „Danke, Jimmy. Wie geht es dir?“ Er lächelte. „Besser. Nur meine Erinnerung an gestern fehlt noch. Was ist eigentlich passiert?“ „Du bist vor der Kirche einfach umgekippt, da haben wir dich hierher gebracht.“ Sie drückte seine Hand. „Aber die Hauptsache ist, dass es dir wieder gut geht.“ Ihre Augen wurden plötzlich leer und ihr Griff wurde schmerzhaft stark. „Sohn Avenir von Guama, Visonär des Übersinnlichen, Retter der Insel und Vater meiner Tochter.“ Mit diesen Worten sank sie bewusstlos zu Boden.

„Kiana? Kiana?“ Die Stimme wurde lauter, bis sie sich ins Unermessliche steigerte. Es war nun vielmehr ein Surren als eine Stimme. Kiana roch den starken Duft von Lavendel und schlug die Augen auf. Ihr Kopf schmerzte, als würde er zerspringen. „Gott sei Dank.“ Pfarrer Cornelius nahm das Tuch von ihrer Nase und sah sie forschend an. „Kiana?“, fragte er. „Wie fühlst du dich?“ Kiana versuchte sich aufzusetzen, doch der Schmerz schoss durch ihren Körper und sie sank zurück in die Kissen. „Mein Kopf.“, brachte sie mühsam hervor. „Er platzt gleich.“ Der Pfarrer nickte. „Bleib ruhig liegen.“, sagte er und fühlte ihre Stirn. Sie war warm wie eine heiße Quelle. „Was… was ist passiert?“, fragte Kiana. Es war nicht mehr als ein Flüstern. Der Geistliche sah sie an. Sein Blick war zornig und fragend. Kiana wunderte sich darüber. Was in aller Welt hatte sie getan? „Sag bloß du weißt es nicht?“ Kiana schüttelte den Kopf. „Sagen Sie schon.“, drängte sie, von plötzlicher Unruhe ergriffen. „Es ist doch wohl nichts Schlimmes passiert?“ Das Schweigen des Pfarrers gab ihr den Rest. „Reden Sie!“, befahl Kiana nun beinahe hysterisch. „Heißt das, du erinnerst dich nicht an gestern? Das Leid das du den Menschen zugefügt hast die dich lieben?“ Kianas Augen weiteten sich vor Furcht. „Leid?“ Sie spuckte das Wort beinahe aus. „Ja. Deine Tante hat eine Stichwunde von zwei Zentimetern Tiefe und liegt im Krankenhaus, dein Onkel hatte einen Herzanfall vor Angst und entging nur knapp dem Koma, dein Freund Jimmy erlitt einen tiefen Schock und was mich angeht…“ Er verstummte. „Ich hatte Glück mich auf geweihtem Boden zu befinden, sonst…“ Er ließ das Ende unausgesprochen. „Aber… aber das ist unmöglich. Ich würde nie… das kann nicht wahr sein… ich…“ Kiana fing an zu schluchzen. Der Ausdruck in den Augen des Geistlichen veränderte sich. Er schaute Kiana mitfühlend an. „Du erinnerst dich wirklich nicht?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wie könnte ich… ich würde doch nie… meine geliebte Familie… Jimmy …“ Sie brach ab. Der Pfarrer nahm ihre rechte Hand und sah ihr fest in die Augen. „Als Jimmy gestern bei euch im Zimmer lag, erinnerst du dich noch daran?“ Kiana runzelte die Stirn, sie dachte angestrengt nach. „Ich… ich hatte einen Traum… glaube ich.“ flüsterte sie. „Was für einen Traum?“ Die Stimme des Pfarrers war streng, bemüht nicht die Geduld zu verlieren. „Da waren meine Tante und mein Onkel. Und Jimmy.“ „Was passierte dann?“ Der Geistliche drückte Kianas Hand fester. „Ein Monster…“ „Was, Kiana? Was für ein Monster? Was hat es getan?“ „Es… oh mein Gott… das darf nicht sein… es greift sie an.“ „Wo warst du als das passierte?“ „Ich… ich… nein! … ich BIN das Monster…“ Pfarrer Cornelius atmete scharf ein. Er verstand. „Kiana?“, fragte er ernst. „Wie heißt du?“ Kiana setzte sich plötzlich auf und schaute den Geistlichen an. Ihre Augen waren beängstigend leer. „Trianntos, Dämon der Finsternis.“, sagte sie mit einer Stimme die eigentlich gar nicht Kianas war. Diese Stimme war unwirklich, unmenschlich, dämonisch. „Was willst du Trianntos?“ Die Stimme des Pfarrers zitterte leicht. „Dich!“ Der Pfarrer schluckte seine Angst hinunter und sah das Wesen in Kianas Körper mutig an. „Warum sie?“, fragte er. Der Dämon lachte finster. „Kiana? Das ist unwichtig. Sie hat getan was zu tun war, das allein zählt.“ Pfarrer Cornelius hob die rechte Hand, mit der anderen umfasste er das Kreuz um seinen Hals und betete ein Vater Unser. Dann ergänzte er: „Herr der du lebst im Himmel. Hilf mir Kiana zu schützen. Verbanne den Dämon aus ihr. Reinige sie, gib ihr ihre Seele zurück. Gristancius beluxum et aslibett. Amen.“ Kiana fing an zu schreien und fiel ohnmächtig in die Kissen zurück. Dabei hatte Pater Cornelius das Gefühl als würde ein schwarzer Schatten kreischend aus ihr weichen und mit funkelnden Augen an ihm vorbei durch die Wand fliegen und verschwinden. Der Pfarrer ließ seine Hand sinken. Es war geschafft. Jedenfalls vorerst. Pfarrer Cornelius legte seine Finger auf Kianas Stirn, ihre Lippen und ihre Brust. Dann machte er auf ihrer Stirn das Symbol, was er schon in der Kirche gemacht hatte, das Zeichen für Hussinkulé – das Einhorn des Schutzes. „Möge es dir helfen.“ flüsterte er und verließ leise das Zimmer.
Kiana schlief nicht lange. Sie wurde von schrecklichen Albträumen gequält und schrak oft in der Nacht hoch. Dann schaute sie sich im dunklen Zimmer um und stellte glücklich fest, dass sie wieder in der Realität war. Doch danach wurde sie von Müdigkeit geradezu überwältigt und schlief wieder ein. Doch ihr letzter logischer Gedanke galt immer Jimmy.

Kiana öffnete langsam die Augen. Wer weiß, was ich diesmal getan habe!, dachte sie bei sich. Doch in ihrem Zimmer war nichts Beunruhigendes. Die ersten Sonnenstrahlen drangen in ihr Zimmer und gaben ihm eine unschuldige, fast fröhliche Atmosphäre. Kiana richtete sich auf. Zu ihrer Überraschung spürte sie diesmal keinerlei Schmerz. War das alles etwa nur ein böser Traum? Da hörte sie Geschirrklappern und kurz darauf erschien… Lauryn! Kiana glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Halluzinierte sie nun schon? „Guten Morgen, Liebling.“, sagte die Halluzination. Und es klang echt. „Morgen.“, erwiderte Kiana. Sie wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. „Ich habe dir Frühstück gemacht.“, sprach nun wieder das Etwas das wie Lauryn aussah. Kiana versuchte zu lächeln, es wurde nur eine Grimasse. „Danke.“ Die andere Lauryn schwebte fast auf sie zu. Erst aus der Nähe entdeckte Kiana das Pflaster unter ihrem Bauchnabel. „Was hast du denn da gemacht?“, fragte sie schockiert und zeigte auf das leuchtend rosa Pflaster über ihrem Rock. Lauryn lächelte unschuldig und zuckte mit den Achseln. „Ich Tollpatsch fiel und verletzte mich am Tisch.“, sagte sie und stellte das Tablett neben das Bett. „Mach dir keine Sorgen, ist nur ein Kratzer. Aber iß nun.“ Kiana nickte und nahm den Suppenteller zur Hand. Sie fing an zu essen und Lauryn stand auf und ging zur Zimmertür. „Ach, Lauryn?“, fragte Kiana und ihr Kopf arbeitete auf Hochtouren. „Welcher Tag ist heute?“

Kiana verschnellerte ihr Tempo. Es waren nur noch fünfzig Meter bis zur Kirche. Noch zwanzig, zehn, fünf Meter. Sie war da. Atemlos blieb sie stehen. Hoffentlich fand sie hier die Antwort, die sie suchte.
Pfarrer Cornelius ordnete die Hefte mit den Kirchenliedern als Kiana auf ihn zustürmte. „Guten Morgen, Sunera.“, grüßte er sie. „Gut geschlafen?“ „Sparen Sie Ihre Luft, sie werden sie noch brauchen!“, erwiderte sie wütend. „Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist. Was zum Teufel ist gestern passiert?“ Der Geistliche legte die Kirchenhefte weg und kam auf sie zu. „Wovon redest du Liebes?“, fragte er freundlich. „Nun tun Sie nicht so scheinheilig!“ Kiana schrie fast. „Ich frage sie nochmal. Was ist passiert?“ Seine Augen verdunkelten sich plötzlich. „Du willst es wirklich wissen?“, fragte er. Sie sah ihn so streng an, dass es ihm die Kehle zuschnürte. „Ja, so reden Sie schon!“ „Mit deiner Frage lagst du gar nicht so weit weg. Es war ein Teufel, um genau zu sein: Der Oberdämon Trianntos höchstpersönlich.“ Kianas Zorn verschwand, an seine Stelle traten Unglaube und Neugier. „Das ist doch nicht ihr Ernst?“, sagte Kiana spöttisch. „Sie behaupten also, dass einer der höchsten Erzdämonen der Hölle höchstpersönlich in mich gefahren ist. Und das nur um meine Familie und meinen Freund anzugreifen? Das hätte doch gar keinen Sinn!“ Der Pfarrer nickte und fuhr unter seinen Talar. Er hielt das goldene und silberne Schmuckstück hoch. „Ich habe es an mich genommen.“, bemerkte er überflüssiger Weise. Kiana schaute auf ihr linkes Handgelenk. Das Medaillon war verschwunden. „Geben Sie es mir!“, befahl sie. Der Pfarrer schüttelte den Kopf. „Du hast es wohl immernoch nicht verstanden? Nur durch das Medaillon konnte das passieren. Es enthält schwarze Energie.“ „Sie denken doch nicht, dass ich Ihnen das glaube? Meine Schutzgöttin gab es mir. Das würde ja bedeuten, daß sie zur dunklen Seite der Macht gehört.“ „Was spricht dagegen? Du kannst sie nicht beobachten. Woher willst du wissen, dass es nicht so ist?“ Kiana erwiderte nichts. Er hatte Recht.
„Warum ich?“ fragte sie leise. „Habe ich nicht schon genug durchgemacht?“ Der Pfarrer schwieg betroffen. „Es war eine Prüfung, glaube ich. Du solltest einen starken Geist haben, wenn die Wildgänse kommen. Diese Prüfung sollte zeigen, ob dein Geist stark genug ist, dem Dämon zu trotzen. Ob du es schaffen kannst ohne verrückt zu werden.“ „Und habe ich bestanden?“, fragte Kiana bitter. „Selbst wenn, welch‘ hohen Preis hatte diese Prüfung? Meine Tante ist unfruchtbar, verdammt!“ Kiana hatte Tränen in den Augen. „Ich denke, es wird noch schwierigere Prüfungen geben.“, meinte der Pater plötzlich und seine Stimme erhöhte sich um einen Dezibel. Nicht wahrnehmbar für normale Menschen, aber für Kiana schon. Leicht irritiert nahm sie dies zur Kenntnis, ließ sich jedoch nichts anmerken. „Wenn sie einen noch höheren Preis haben, will ich gar keine Auserwählte sein.“ „Ich verstehe dich ja.“, sagte Pfarrer Cornelius sanft und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Aber mach dir keine Sorgen, deine Tante, dein Onkel und Jimmy. Sie alle haben vergessen was passiert ist – ich habe dafür gesorgt.“ „Und wenn schon. Was nützt mir das? Es werden noch schlimme Dinge passieren und das können Sie nicht verhindern. Nur ich.“ Kiana drehte sich auf dem Absatz um und lief davon. Sie bemerkte nicht den irren Glanz in den Augen des Pfarrers. Kurz nachdem Kiana die Kirche verlassen hatte, brach er in diabolisches Gelächter aus.

Als Kiana die Pferdekoppel betrat, sah sie Jimmy der Donner sattelte. „Hallo Kiana.“, sagte er lächelnd und kam ihr entgegen. „Wo warst du? Ich dachte wir wollten ausreiten.“ „Willst du nicht lieber Butterblume nehmen?“, fragte sie besorgt. Donner war ein wildes Pferd. Er lächelte sie an und Kianas Sorgen lösten sich in Luft auf. „Hast du auch schon Shadow gesattelt?“, fragte sie jetzt. „Natürlich.“ Kiana war tief gerührt über seine Aufmerksamkeit. „Na dann wollen wir mal.“, rief Kiana, kletterte auf den Rücken ihres Pferdes und sie ritten los.
Am Strand setzten sie sich in den warmen Sand und schauten in den Sonnenuntergang. Kiana lehnte sich an Jimmys Schulter. „Jimmy?“ „Ja?“ „Erinnerst du dich noch an den Tag wo wir uns kennen gelernt haben?“ Er lächelte. „Wie könnte ich den je vergessen. Wieso?“ „Was hast du gedacht als du mich das erste Mal gesehen hast?“ Er überlegte einen Augenblick. „Ich dachte dass du wunderschön bist. Du hast eine Wärme ausgestrahlt, die anziehend war und übtest eine Faszination auf mich aus, die man fast… ja… hypnotisch nennen kann.“ Er machte eine kleine Pause. „Das tust du noch heute.“ Sie sah zu ihm auf. „Jimmy…“ Doch sie kam nicht dazu noch etwas zu sagen, denn seine Lippen lagen auf ihren. Es war ein zärtlicher Kuss, ein Kuss der ausdrückte was Jimmy für Kiana empfand. „Jimmy…“ setzte sie an, doch Worte waren unnötig. Er verstand sie auch so.

Am nächsten Morgen erwachte Kiana an Jimmys Seite. Er schlief noch. Sie löste sich katzengleich aus seiner Umarmung und stand vorsichtig auf. Sie musste unbedingt nachdenken. Was sie in den letzten paar Tagen erfahren hatte war ungeheuerlich. Ja, fast schon gespenstisch. Kiana streckte ihre müden Glieder und sah erst jetzt, dass es bereits früher Nachmittag war. Sie schrieb eine Nachricht in den Sand und ging entschlossen zum Steg.
Clio schwamm schon vor der Plattform als Kiana ankam, so als hatte sie geahnt dass ihre Freundin erscheinen würde. Kiana wunderte das nicht. Sie wusste inzwischen wie feinfühlig Delfine sein konnten. „Wo du hinwollen?“ fragte Clio sie telepathisch. „Zum Place de Corallonia, ich muss dringend mit Guama reden.“ Der Delfin quiekte und tauchte unter. Kiana nahm kurz Anlauf und sprang ins Wasser. „Ich mit dir kommen.“, meinte Clio. Kiana lächelte. „Das ist lieb von dir, danke.“
„Wie kann ich dir helfen?“, fragte Guama und machte sich sichtbar. Kiana schwamm zu ihm. „Darf ich nochmal in die Vergangenheit sehen?“, fragte sie ohne Umschweife. Sie wusste, Guama konnte man nur auf ehrliche Weise für sich gewinnen. „Warum gerade die Vergangenheit? Was geschehen ist, ist geschehen.“ Sie fuhr über seine runzlige Haut. „Bitte. Es ist wichtig für mich, weil die Antwort meine Zukunft bestimmt.“ Guama bewegte leicht den großen Kopf. „Du hast weise gesprochen, kleine Sunera. Ich spüre die Wichtigkeit deines Anliegens. Also komm und sieh, was du sehen willst.“ Kiana nickte und sah in die himmelblauen Augen des weißen Wals: Sie sah den unglücklichen Sturz ihrer Tante durch den sie ihre Fruchtbarkeit verlor, das Gespräch mit dem Pfarrer das sie nach ihrem Aufwachen geführt hatte und sie sah den teuflischen Pakt auf den der Geistliche sich ihr zuliebe eingelassen hatte. Da kam die Erkenntnis wie eine Lawine und rollte über sie. Die Wildgänse und ihre Ausbildung, das alles war unwichtig. Es ging nur um den Kampf Gut gegen Böse. Kiana dankte dem Topá und schwamm mit Clios Hilfe zur Wasseroberfläche. Sie wusste was zu tun war.
Jimmy wartete am Steghäuschen auf sie. Kiana sah ihn schon von weitem. Sie gab Clio den Befehl schneller zu schwimmen. Bald erreichte sie die Überdachung. „Morgen Kiana.“, begrüßte Jimmy sie. In seiner Stimme lag Zärtlichkeit. „Guten Morgen.“ Kiana verabschiedete sich von ihrer Delfinfreundin und Jimmy half ihr aus dem Wasser. „Hast du gefunden was du gesucht hast?“ „Ja, leider.“ Sie nickte traurig. „Ich wünschte ich hätte es nicht gefunden.“, antwortete sie ehrlich.

Kiana aß langsam ihre Papaja. Zwischen ihr und Jimmy lag Schweigen. Obwohl er nicht sprach, konnte Kiana seine Frage hören. Warum du? Sie legte die Frucht zur Seite und setzte sich vor ihn. „Du hasst mich, stimmt’s?“ Er sah sie an. Ihn seinem Blick lagen Trauer und Schmerz, aber auch Liebe. „Nein, ich könnte dich nie hassen. Wenn ich jemanden hassen würde dann die Unmenschen die das bewirkt haben.“ Sie legte ihre Hand auf seine. „Es ist meine Bestimmung.“, sagte sie. „Ich weiß. Aber warum? Warum du, warum hier und warum gerade jetzt?“
„Ich weiß es nicht, Jimmy. Aber ich muss tun, was ich tun muss.“
„Aber das ist unfair.“
„Nichts im Leben ist fair, Jimmy.“
„Das ist wahr. Du hast nicht die geringste Chance gegen diesen Dämon.“
„Das stimmt nicht. Ich habe etwas was kein Teufel der Welt hat.“
„Und was?“
„Deine Liebe. Die Liebe meiner Familie, all meine Freunde. Außerdem beschützt mich das Medaillon, es ist der Schmuck Hussinkulés – das Einhorn des Lichtes. Es ist der Wille des Guten das ich siegen werde. Du musst mir jetzt einfach vertrauen, Jimmy.“
„Aber ist das Gute denn immer stärker? Ich bin mir diesmal nicht sicher.“
„Jimmy. Das Gute siegt immer über das Böse.“ Er versuchte zu lächeln. „Ich hoffe du hast Recht.“

„Wo befindet sich eigentlich der Dolch des Hussinkulé?“, fragte Kiana ihre Tante Lauryn beiläufig, als sie gemeinsam mit ihrem Onkel gemütlich am Abendbrotstisch saß. Lauryn sah von ihrer Obstsuppe auf. „Nun, die Legende besagt, dass er in einer Art Zwischenwelt liegt.“, meinte sie. „Der Dolch erscheint nur, wenn er gebraucht wird.“ Ich brauche ihn!, dachte Kiana, sagte aber nichts. „Ansonsten gibt es noch eine Variante ihn zu finden. Aber es gelingt nur den Auserwählten.“ Da klingelte es in Kianas Ohren. Das war ihr Stichwort. „Und was müssen die Auserwählten tun?“, fragte sie. „Sie müssen zu den Herrschern des Universums gehen und die Fassutnies um Erlaubnis fragen. Nur mit ihrem Einverständnis kann der Auserwählte die Reise ins Land der Fabelwesen antreten. Dort muss er viele Gefahren bestehen, um schließlich in die Höhle des Hussinkulé zu gelangen. Dort muss der Auserwählte eine Prüfung bestehen. Erst danach bekommt er den Dolch des Hussinkulé.“ „Aber warum kann man nicht einfach zu den Fassutnies gehen und fragen, ob man den Dolch kriegt?“ Lauryn lächelte. „Weil das viel zu einfach wäre. Der Dolch besitzt viel Macht. Nur in den richtigen Händen ist er keine Gefahr.“ Kiana umarmte ihre Tante. „Danke für die Auskunft, Lauryn.“ Sie wendete sich zum Gehen. „Wo willst du denn noch hin?“ Kiana lächelte. „Ich hab noch was zu erledigen.“

„Ich bitte euch Fassutnies,“ flehte Kiana. „Ich muß einfach den Dolch des Hussinkulé haben. Es geht hier ja nicht nur um mich. Die Zukunft Guamas hängt davon ab.“ Die sechs Fassutnies sahen einander fragend an. Das war zweifels ohne die Wahrheit. „Nun,“ sprach da die Fassutnie Leben. „Das war weise gesprochen. Und wir finden es gut, dass du den Dolch nicht nur für dich haben willst, aber…“ „Aber die Reise ist lang und schwer. Einige kehrten nie zurück.“, ergänzte da die Fassutnie Wasser. „Außerdem… woher wissen wir, dass du die Auserwählte bist?“, fragte die Fassutnie Tod. „Wie kann ich es euch denn beweisen?“, antwortete Kiana mit einer Gegenfrage. „Wenn du die Prüfung bestehst, dann…“ Die Fassutnie Feuer machte eine demonstrative Pause. „Dann ist das der Beweis, dass du die Auserwählte bist.“, beendete die Fassutnie Luft den Satz. „Und was ist die Prüfung?“, fragte Kiana, deren Mut bewundernswert war. „Du musst ein einfaches Rätsel lösen, das wir dir stellen.“, sagte die Fassutnie Erde. „Dann will ich es tun.“ Kiana sah die Fassutnies herausfordernd an. „Wann beginnt die Prüfung?“ Die Fassutnies lächelten. „Jetzt.“

Zur gleichen Zeit saß Jimmy auf einem Baumstamm am Strand und dachte über sich, Kiana und die Zukunft nach. „Du fragst dich ob sie es schaffen kann.“, stellte da eine weibliche Stimme hinter ihm fest. Er drehte sich erschrocken um. Wer hatte da gesprochen? „Du mußt dir keine Sorgen machen, sie wird es schon schaffen.“, sagte da wieder die unbekannte Stimme. „Wer ist da?“ Jimmy stand auf und sah sich ängstlich um. Er konnte nichts erkennen. Da erschien vor ihm ein grelles Licht und nahm die Figur Amidales an. Sie trug ein silbernes Kleid mit goldener Borte. Jimmy fiel ehrfürchtig auf die Knie. „Amidale.“, sagte er. „Ich fühle mich tief geehrt dich zu sehen.“ „Erhebe dich.“, sagte die Schutzgöttin freundlich. „Ich will mit dir reden.“ Sie deutete auf den Baumstamm, auf dem er gesessen hatte. Jimmy erhob sich langsam und setzte sich dann auf die noch freie Stelle neben ihr. Er fragte sich was sie wohl mit ihm besprechen wollte. „Du findest es nicht gut, dass Kiana die Auserwählte ist, nicht wahr?“, kam Amidale gleich zum Punkt. Er schaute zu Boden. „Ja.“, gab er ehrlich zu. „Ich finde sie ist viel zu jung für diese Aufgabe.“ „Das ist doch nicht das einzige was dich stört, oder? Kiana ist sehr reif für ihr Alter. Sie hat die Erfahrung, den Mut und vor allem das Herz einer Auserwählten. Sieh es einmal anders. Wer, wenn nicht Kiana, hätte es denn sein sollen?“ Jimmy schwieg. „Vielleicht ein Mann mit Stärke, so wie ein Ritter.“, sagte er schließlich. Es klang nicht sehr überzeugt. „Wo existiert heute schon so ein Mann?“, fragte Amidale. „Außerdem hat Kiana Stärke. Sie ist ein bemerkenswerter Mensch.“ „Habt ihr sie deshalb erwählt?“
„Ja. Sie hat die Eigenschaften die nötig sind um Trianntos, den Dämon der Finsternis, zu besiegen.“
„Also schafft sie es?“
„Ich weiß es nicht, Jimmy. Selbst die Götter können das Schicksal nicht vorhersagen. Und selbst wenn, können wir es nicht ändern. Aber ich glaube schon. Wenn sie den Dolch des Hussinkulé besitzt, ist der Kampf schon fast gewonnen.“
„Das stimmt, Amidale. Ich will nur nicht glauben, dass ausgerechnet Kiana den Sa’am gegen den Teufel bestreiten muss. Das alles nimmt sie mehr mit als sie zugibt, das spüre ich.“
„Da hast du Recht. Aber das ist nun mal ihre Vorbereitung auf den Kampf. Dieses Zusammentreffen von Gut und Böse muss trainiert werden. Sie wurde sogar von einem der mächtigsten Erzdämonen besessen, um sie geistig zu manipulieren.“
„Also ist es doch wahr! Und ich dachte ich hätte es nur geträumt.“ Amidale lächelte auf eine Art und Weise, wie sie es noch nie getan hatte. „Jimmy, du hast es auch geträumt.“ „Aber du sagtest doch…“ „Das es wahr ist? Das war es auch. Du hast es geträumt wie es wirklich passiert ist, obwohl du nicht in ihrer Nähe warst.“ „Aber… wie ist das möglich?“ „Das ist einfach zu erklären, Jimmy. Du bist ein Visionär des Übersinnlichen. Du kannst in die Zukunft sehen.“ „Ich? Aber wieso? Meine Eltern haben doch keine übernatürlichen Kräfte.“ Die Göttin lächelte warmherzig. „Das muss auch nicht immer so sein. Bei manchen kommen sie einfach so, von heute auf morgen. Bei dir waren sie angeboren, Jimmy. Erinnere dich. Du konntest schon als Kind kleine Ereignisse vorhersagen.“ Jimmy dachte nach. Ja, es stimmte. Mit fünf Jahren hatte er einen Traum, in dem die Mütze seines besten Freundes gestohlen wurde und am nächsten Tag war sie tatsächlich verschwunden. Aber das war nur der Anfang. Immer öfter träumte er Dinge, die dann eintrafen. Seine Eltern stempelten es als Zufall ab und verboten es ihm seine Kraft einzusetzen. Seine Fähigkeit geriet in Vergessenheit und bald hatte er sie verloren. Anscheinend war sie nun wieder erweckt worden. „Aber wieso kann ich denn auf einmal wieder in die Zukunft sehen?“, fragte er ehrlich interessiert. Amidale sah ihn innig an, da sah Jimmy plötzlich ein Bild vor seinem geistigen Auge: Kiana. Sie sitzt ihm gegenüber und meditiert. Da öffnet sie plötzlich die Augen und lächelt ihn an. „Beantwortet das deine Frage?“, wollte Amidale wissen und das Bild verschwand so schnell, wie es gekommen war. „Heißt das, dass durch Kiana meine Kräfte neu erweckt wurden?“ „Ja. Ein Teil ihrer Kraft ging auf dich über. Ihr seid nun ein gutes Team.“ „Ein Team? Aber wofür denn?“, fragte Jimmy. Doch als er aufsah, war Amidale verschwunden.

Währenddessen befand sich Kiana beim Place de Corallonia. „Bist du bereit?“, fragte die Fassutnie Leben jetzt. Kiana nickte. „Ja.“ Die Fassutnie Leben schwamm auf sie zu und löste ihren goldenen Kordgürtel, der sich um ihre Hüfte schlang. „Löse diesen Knoten.“, sagte sie und reichte Kiana das goldene Band. In ihm befand sich ein ungefähr zwei Finger großer Knoten, der aus unzähligen geflochtenen Bändern bestand, die in einem komplizierten Muster verknüpft waren. Kiana nahm das Band und betrachtete es aufmerksam. „Dieses Rätsel haben wir schon vielen gestellt, aber nur die Besten haben es bis jetzt lösen können. Zeig uns, dass du würdig bist dir den Dolch des Hussinkulé zu verdienen.“, sagte indessen die Fassutnie Tod. Kiana kannte die Geschichte des Gordischen Knotens, des sagenumwobenden Bandes, von dem viele versuchten den Knoten zu lösen. Sie zogen daran doch nichts passierte. Der Knoten zog sich höchstens noch fester. Doch dann kam der Auserwählte -in der Geschichte Alexander der Große-, zog sein Schwert und schlug den Knoten einfach entzwei. Er hatte die Aufgabe bestanden. Kiana besah sich also den goldenen Gürtel. Sie sah sich triumphierend in der Runde um, zog ihren Fußdolch und zertrennte den Knoten mit einem heftigen Schlag. Das Lächeln der Fassutnies verschwand.
„Das war richtig. Du hast die Prüfung bestanden. Du musst die Auserwählte sein.“ Die Fassutnie Leben nahm ihr den halben Gütel aus der Hand und legte ihn sich wieder um die Hüfte. Er erneuerte sich selbstständig und wurde zu einer gelben Riesenschlange. „Du darfst die Reise ins Land der Fabelwesen antreten.“, sagte die Fassutnie Feuer und machte mit der linken Hand eine kleine, kaum wahrnehmbar Bewegung. Vor Kiana erschien ein greller Lichtstrahl und wurde zu einem matten, undurchsichtigen Spiegel. Seine Umrandung war kunstvoll verziert. Kiana schwamm vor den Spiegel und die Fassutnie Wasser erschien hinter ihr. „Das ist der Eintritt ins Reich der Fabelwesen.“, sagte sie und deutete auf den magischen Spiegel. „Du musst nur hindurch schwimmen und du gelangst in ihr Reich.“ Kiana nickte. „Gut.“ Die Fassutnie Luft erschien links neben ihr. „Du musst dich in Acht nehmen.“, sagte sie. „Im Reich lauern viele Gefahren.“ „Das stimmt.“, ergänzte da die Fassutnie Erde. „Du musst geschickt und klug handeln.“ „Und nun geh.“, sagte die Fassutnie Leben. „Aber vergiss nie: Kämpfe zuerst mit dem Herzen, dann mit dem Verstand und erst zum Schluss mit dem Schwert.“ „Ich werde es nicht vergessen.“ versprach Kiana und schwamm mutig durch die Spiegelwand…

II DER DOLCH DES HUSSINKULÉ
Kiana erwachte auf einer wunderschönen Blumenwiese. Das also ist das Reich der Fabelwesen!, dachte sie. Wie schön es hier war! Die Blumenwiese erstreckte sich bis zu einem Wald und auf ihr blühten die exotischsten Blumen umgeben von kleinen Lebewesen, die Kiana anfangs für Schmetterlinge hielt. Doch als sie hinsah erkannte sie, dass es Feen waren. Sie waren nackt bis auf ein Lendentuch. Um ihre Hälse trugen sie bunte Blumengirlanden und in ihrem Haar waren geflochtene Blüten. Ihre zart schimmernden Flügel glitzerten in der Sonne. Sie flogen lachend um die Blumen und spielten Fange. Kiana beobachtete sie fasziniert. Doch eine der Feen entdeckte sie und mit einem Schrei flogen sie davon. „Wartet!“, schrie Kiana hinter ihnen her. „Ich tue euch nichts.“ Doch es war zu spät. Die Feen waren längst im Wald verschwunden. Erst da fiel Kiana auf, dass sie wie eine Amazone gekleidet war: Sie trug schwarze, hohe zugeschnürte Stiefel, eine braune Lederhose und ein waldgrünes Oberteil mit Schlag an den Ärmeln und V-Ausschnitt. Ihre Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten und um ihren Hals trug sie das Medaillon. Aber was sie am meisten verblüffte waren ihre Waffen. Auf dem Rücken trug sie ein Schwert in einer dunklen Scheide und um die Hüften trug sie zwei braune Gürtel, die Halterungen für ihre Peitsche, die sich an ihrer linken Seite befand, und ihren scharfen Boomerang, der sich rechts befand, waren. Kein Wunder also, dass die schüchternen Feen vor ihr geflohen waren. Wozu brauchte sie wohl diese vielen Waffen? Kiana wollte lieber nicht daran denken.
Sie nahm ihr Schwert. Es war leicht und hatte eine gezackte Klinge. Der Griff war einfach und lag gut in der Hand. Kiana gefiel ihr Schwert vom ersten Augenblick an. Sie ließ es ein paar Mal um den Kopf kreisen und es zerschnitt die Luft so, dass ein zischendes Geräusch entstand. Sie steckte es wieder in die leicht nach rechts geneigte Scheide und nahm ihre Peitsche. Sie war dunkelbraun und aus hartem Leder geflochten. Kiana zielte auf eine Stelle in der Luft, holte aus und schlug zu. Die Peitsche gab ein knallendes Geräusch von sich als sie genau die Stelle traf, auf die Kiana gezielt hatte. Sie steckte sie wieder ein und nahm ihren silbernen Boomerang. Er fühlte sich glatt an obwohl er rasiermesserscharf war. Seine Musterung war einfach. Sie bestand aus abwechselnd türkis und grün gefärbten Stellen am Rand. Kiana sah sich um und entdeckte einen kleinen Busch. Sie zielte kurz und warf. Der Boomerang flog über den Busch hinweg und kam zurück. Kiana fing ihn mit Leichtigkeit. „Sieht so aus, als müsste ich noch üben.“, sagte sie und steckte den Boomerang in die Halterung. Dann ging sie zu dem Busch und sah ihn sich genau an. Es fehlte ein kleines Stück rechts oben. Sie lächelte. Habe ich es mir doch gedacht.
Als Kiana ihre Waffen ausprobiert hatte, erforschte sie die Umgebung. Auf der einen Seite endete die schöne Blumenwiese abrupt an einem Wald, auf der anderen Seite wurde sie zu einem kleinem Sandweg. Doch welchen Weg sollte Kiana gehen? Sie sah sich um und entdeckte neben dem Busch auf den sie gezielt hatte, einen großen Baum. Sie überlegte kurz und kletterte dann entschlossen nach oben an die Spitze. Von dort aus hatte man eine fantastische Sicht. Kiana sah, dass hinter dem Wald ein Gebirge lag. Der Sandweg allerdings wurde breiter und führte schließlich in eine Wüste. Kiana überlegte. Es wäre wahrscheinlich, dass die Höhle des Hussinkulé in den Bergen lag. Aber das wäre zu leicht. Vielleicht lag sie ja auch unterirdisch unter der Wüste. Kiana kletterte nach unten. Sie war wieder am Anfang. Was sollte sie jetzt tun? Sollte sie nach rechts oder nach links gehen? Kiana seufzte. Sie hatte sich das Ganze wesentlich einfacher vorgestellt. Schließlich setzte sie sich auf die Wiese und lehnte sich an den Baum. Vielleicht fiel ihr ja noch ein, was sie tun könnte. Da hörte sie plötzlich eine innere Stimme. Sehe die Zeichen und deute sie. Kiana erkannte die Stimme wieder – sie war von Amidale. Diesen Satz hatte ihre Schutzgöttin ihr am Anfang ihrer Ausbildung gesagt. Aber wieso fiel ihr gerade jetzt dieser Satz wieder ein? Deute die Zeichen. „Aber wie kann ich denn Zeichen deuten wenn es keine gibt?“, fragte Kiana. Nicht immer sind die Zeichen sofort sichtbar., sagte da ihre innere Stimme. Suche sie. „Und wie soll ich das machen?“, fragte Kiana. Doch ihre innere Stimme antwortete nicht. Eigentlich hatte Kiana damit gerechnet. „Also gut.“, sagte sie und stand auf. „Dann will ich mal suchen. Doch zuerst meditiere ich.“, bestimmte sie nach einer kurzen Gedankenpause. Das hatte sie von ihrer Tante gelernt. „Meditiere und all deine Probleme sind nur noch halb so klein, denn du spürst eine neue Kraft in dir.“ So lautete die guamaische Weisheit. Also setzte sich Kiana hin, verschränkte die Füße, schloss die Augen und entspannte sich total. Sie atmete ruhig und tief. Nach ein paar Minuten, die Kiana wie Stunden vorkamen, öffnete sie wieder die Augen. Und, tatsächlich, sie fühlte sich wieder frisch und stark.
Kiana stand auf und betrachtete genau ihre Umgebung. Irgendwo musste doch ein Hinweis sein! Sie betrachtete die Blumen, den Himmel und die Feen, die sich inzwischen wieder um die exotischen Pflanzen tummelten. Doch sie konnte nichts erkennen. „Ich gehe zu oberflächlich an die Sache ran.“, sagte sich Kiana. „Wenn ich den Hinweis nicht sehe, dann muss ich ihn fühlen.“ Sie konzentrierte sich und da erkannte sie es. Eigentlich hätte es ihr schon früher auffallen müssen. Um sie herum war überall Leben: Auf der Wiese tanzten die Feen durch die Luft, auf dem Sandweg krochen ein paar merkwürdige Tiere und auf dem Baum auf den sie geklettert war, sangen leuchtend farbige Vögel. Nur im Wald, da wo eigentlich massenweise Tiere lebten, war es still. Dort sangen keine Vögel und Kiana bemerkte, dass er nicht so grün war wie sie erst dachte, sondern gräulich und dunkel. Wenn dort also nichts lebte, wer oder was hatte die Lebewesen vertrieben? Warum war es überall um sie herum lebhaft und nur dort herrschte Stille? Die Antwort war einfach: Das war der Hinweis. Aber sollte Kiana nun erst recht dorthin gehen oder sollte sie lieber die entgegen gesetzte Richtung nehmen? „Ich muss mich der Gefahr stellen.“, sagte sie sich, denn sie spürte das dort Gefahr lauerte, und ging mutig in Richtung Wald.
Die Bäume waren ungefähr achtzig Meter hoch und so dunkelgrün, daß Kiana dachte in ihren Adern lief schwarzes Blut. Sie sah nach oben und es überkam sie ein ungutes Gefühl. Ihr war, als würden die Mammutbäume lebendig und warfen sich auf sie. Kehre um., flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Kehre um solange du noch kannst. Kiana schüttelte den Kopf. „Nein.“, sagte sie bestimmt, obwohl es wenig Sinn machte – die Stimme war ja nicht real sondern entstand in ihrem Kopf. „Ich werde nicht umkehren. Jetzt erst recht nicht.“ Und damit ignorierte sie das leise Whispern der Stimme, drehte sich noch einmal um und blickte auf die wunderschöne Blumenwiese, dann betrat sie den düsteren Wald. Durch die riesigen Bäume gab es im Wald kaum Licht und Kiana musste die Augen anstrengen, um überhaupt etwas zu sehen. Zuerst nahm sie nur Umrisse war, doch als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie alles klar und deutlich. Sie zog ihr Schwert und lief vorsichtig tiefer in den Wald. Hier herrschte fast völlige Dunkelheit. Außer ihrem Atem und dem knirschenden Holz unter ihren Füßen war kein Geräusch zu hören. „Merkwürdig,“ dachte Kiana. „Es scheint als würde hier nichts leben. Dabei war mir als hätte ich vorhin etwas gehört.“ Kiana lief wachsam weiter. Da nahm sie ein leises Knacken hinter sich war. Sie blieb stehen. Sie war also doch nicht allein. Kiana atmete tief ein und drehte sich um. Doch es war niemand zu sehen. Hätte ich mir ja denken können. Wahrscheinlich ist er schon über alle Berge. Sie drehte sich um und lief weiter. Doch da hörte sie schon wieder ein leises Knacken. Blitzschnell drehte sie sich um und sah noch wie ein Schatten hinter einem der Bäume verschwand. Hab ich dich! Kiana schlich zu dem Baum und nahm einen Stein. Diesen warf sie ein paar Meter entfernt auf den blätterbedeckten Boden. Das Etwas sprang hervor und lief zu der Stelle. Kiana hielt den Atem an. So etwas Hässliches hatte sie noch nie gesehen. Das Tier, oder vielmehr das Monster, hatte einen spitzen roten, warzigen Schnabel aus dem Sabber tropfte, sein Kopf war nackt und die Haut runzelig, es hatte einen gelben Federkranz um den Hals und drei vogelartige Beine. Außerdem hatte es einen nackten Schwanz und einen mageren felligen Körper. Aber am hässlichsten war sein Auge. Es trat hervor und hatte eine neongelbliche Färbung. Außerdem stank das Wesen fürchterlich. Es war abstoßend.
Das Tier senkte gerade den Kopf und beschnüffelte die Stelle, an die Kiana den Stein geworfen hatte. Dabei machte es eigenartige röchelnde Geräusche. Kiana steckte leise ihr Schwert ein und nahm ihren Boomerang aus der Halterung. Sie zielte kurz und warf. Das Tier entdeckte ihn zu spät. Sein abgetrennter Kopf fiel auf den Waldboden. Kiana schloss die Augen vor diesem Anblick. Als sie sie wieder öffnete, war das Tier verschwunden. Nur noch die Blutlache vor den mächtigen Mammutbäumen verriet, was eben passiert war. Kiana steckte den Boomerang wieder in die Halterung. Sie wünschte sie hätte das nicht tun müssen. Da wurde es ihr bewusst: Vielleicht war das Tier ja auch friedfertig. Wie konnte sie nur denken das etwas häßliches gleich böse sein musste? Sie hatte zu vorschnell gehandelt. Vielleicht hatte sie ein unschuldiges Tier getötet.

„Oh mein Gott. Wie konnte ich das nur tun? Habe ich denn keine Achtung vor den Tieren? Ich habe vergessen, was die Fassutnie Leben gesagt hat. Ich habe nur mit dem Schwert gehandelt, nicht mit dem Herz oder Verstand. Ich habe es nicht verdient den Dolch des Hussinkulé zu besitzen.“ Kiana weinte und fiel auf die Knie. „Verzeih mir Jimmy. Ich habe versagt.“ „Nein das hast du nicht.“ Kiana hob den Kopf und sah in die gütigen Augen einer Ki’oh’ma. Sie hatte hellgrünes Haar und trug eine lange Axt in der Hand. Ihr Rock war goldfarben und weit, ihre Bluse war aus einem transparent rosanen Stoff. Sie schwebte auf Kiana zu. „Du hast nicht versagt.“ „Aber ich habe doch das Tier getötet.“ „Das stimmt, Kiana.“, erwiderte die Ki’oh’ma freundlich. „Aber trotzdem hast du richtig gehandelt. Du hast auf dein Herz gehört, dass dir sagte hier drohe Gefahr. Du hast deinen Verstand benutzt und das Tier reingelegt und erst zum Schluss hast du deine Waffe benutzt und das Tier getötet.“ „Aber wenn es friedlich war habe ich es umsonst getötet.“ Die Ki’oh’ma lächelte. „Wie kommst du darauf, dass es das war?“ „Dann war es nicht…“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es war gefährlich. Das Tier war ein Allmott, ein fleischfressender Fantasiegeier.“ Kiana wischte sich die Tränen ab. „Ich danke dir, Ki’oh’ma.“ Die Nymphe lächelte. „Nenne mich Tria. Ich bin die Hüterin dieses Waldes.“ Sie drehte sich um. „Vielleicht sehen wir uns nochmal, Kiana. Leb wohl und vergiss nie: Höre immer auf dein Herz.“ Sie schwebte ein paar Meter weiter und hob die Axt zur Teleportation. Da hielt sie plötzlich inne. „Ich muss dich vor Bexal warnen. Er ist gefährlich, denn er handelt bösartig und gerissen. Nimm dich in Acht, wenn du nicht aufpasst wird er dich töten. Er hasst alle, die Liebe in ihrem Herzen tragen, Sunera.“ Die Ki’oh’ma ließ die Axt um den Kopf kreisen und war verschwunden. „Aber wo lebt denn dieser Bexal? Und wie erkenne ich ihn?“, fragte Kiana, obwohl Tria längst fort war. Sie stand auf und strich ihre Gewänder glatt. Dann lief sie weiter in den dunklen Wald.
Ich frage mich wer dieser Bexal ist. Warum will er mich töten? Und vor allem, wie? Ich bin in dieser Welt doch unverwundbar. Da fiel es ihr ein. Natürlich. Er verwundet mich geistig, mental sozusagen. So wie Trianntos es einmal versucht hat. In dieser Welt weiß man alles über mich. Er kennt also alle meine Schwächen. Wie kann ich ihn denn da besiegen? Da knallte es plötzlich. Rumps! Kiana spürte einen leichten Schmerz in der Stirn und schaute auf. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie gegen einen Baum gerannt war. Kiana rieb sich die gerötete Stirn. Sie blutete leicht. „Na toll!“ entfuhr es ihr. Da hielt Kiana plötzlich inne. „Moment mal…“ Sie fuhr sich nochmal über die kleine Wunde an der Stirn und sah dann auf ihre blutigen Finger. Sie blutete! „Das heisst ich bin doch verwundbar!“, dachte sie halb erfreut und halb entsetzt. „Aber wie ist das möglich? Die Fassutnies sagten mir doch ich sei hier unverwundbar. Warum sollten sie lügen?“ Da kam ihr die Idee. „Die Fassutnies wussten, dass ich hier verletzt werden kann. Sie haben mich belogen damit ich unvorsichtig werde und den Feinden zum Opfer falle. So würde ich den Dolch nicht kriegen.“ Kiana war sich plötzlich sicher, dass alles so gewesen sein musste. „Die Fassutnies sind und bleiben nun mal unberechenbar.“ Sie schüttelte den Kopf. Wie konnte sie nur denken sie sei hier unbesiegbar? Jimmy hatte Recht. „Traue nur dir selbst!“

Sie sah sich nach einer Wasserstelle um, um ihre Wunde zu säubern. Doch um sie herum waren nur Bäume und Blätter. Da hörte sie ein Rascheln aus dem Busch neben ihr. Kiana zog ihr Schwert. Was lauerte wohl diesmal auf sie? Sie ging langsam auf ihn zu. Zeit genug dich zurück zu ziehen!, dachte sie. „Ich würde da lieber nicht hingehen.“, bemerkte eine Stimme hinter ihr. Kiana verdrehte die Augen. Konnte sie denn nicht fünf Meter laufen ohne angesprochen oder ermahnt zu werden? Sie drehte sich um. Vor ihr stand ein kleiner Mann, vielmehr ein Zwerg. Seine roten Haare wurden von einer grünen Mütze bedeckt. Sein Gesicht war faltig, sah aber freundlich aus. Nur seine Hakennase mit den Warzen wirkte abschreckend. Er trug grüne Kleidung mit goldenen Knöpfen und dunkelgrüne Stiefel. Seine blauen Augen blitzten Kiana an. „Ich würde da lieber nicht hingehen.“, wiederholte er. „Und warum nicht….“ -Kiana suchte in ihrem Gedächtnis nach dem Namen dieses Fabelwesens-, „… du Gnom?“ Er lächelte. „Du weißt also wer ich bin.“, stellte er fest. „Das ist gut.“ Er fing an zu lachen. „Was ist denn so komisch?“, fragte Kiana leicht verärgert. Gnome konnten manchmal ganz schön anstrengend sein. „Ich habe erst selten ein Wesen wie dich hier gesehen. Das letzte Mal vor gut zwei Jahrhunderten. Was willst du hier Fremde?“ „Ich suche nach dem Dolch des Hussinkulé.“, gab Kiana Auskunft. „Und nun sage mir dafür, warum ich nicht zu diesem Busch gehen soll.“ Noch während Kiana gesprochen hatte, war der Gnom verstummt. Er sah sie fragend an. „Woher weiß ich, dass du die Auserwählte bist?“ Kiana rollte mit den Augen. Wie konnte man nur so dumme Fragen stellen? „Wäre ich sonst hier?“, sagte sie stattdessen. „Also sage mir nun, was hinter diesem Busch liegt.“ Er grinste. „Warum sollte ich?“, fragte er keck. „Schließlich weiß ich nicht, ob du die Auserwählte bist.“ „Aber ich sagte dir doch eben schon…“, fing Kiana an doch sie unterbrach sich. Warum sollte sie sich mit einem alten Gnom herumstreiten? „Also gut.“, sagte sie da plötzlich. „Dann gehe ich eben ohne zu wissen, was da ist.“ Sie machte einen demonstrativen Schritt nach vorn. „Nein! Ich bitte dich, höre mich an.“ Der Gnom kniete vor Kiana und sah sie flehend an. Mein Plan hat also funktioniert., dachte sie zufrieden. Gnome sind furchtbar neugierig und geschwätzig. Wenn dieser hier wirklich lange keinen Menschen sah, fehlte ihm bestimmt jemand der ihn beachtet. Das war sein Schwachpunkt. „Steh auf, Gnom.“ sagte Kiana und half ihm auf die kurzen Beine. Selbst stehend war er gerademal so groß, dass er Kiana bis zum Knie reichte. „Also, was ist hinter diesem Busch? Wenn es überhaupt noch da ist.“ „Oh, das glaube ich schon. Aber willst du wirklich dort hin? Dieser Busch ist der Zufluchtsort eines Léemara. Und wie du bestimmt weißt bringen sie Unglück.“ „Sind diese Tiere denn gefährlich?“ „Nein, außer das sie Unglück bringen sind sie völlig harmlos.“ Kiana dachte nach. Konnte sie diesem Gnom trauen? Was sagte ihr, dass nicht gleich ein Monster aus dem Gebüsch sprang und sie zerfleischte? Sie drehte sich zu ihm. „Wie heißt du Gnom?“ „Merli.“ Sie betrachtete ihn durchdringend. Nein, er würde ihr helfen, das spürte sie. „Also gut, Merli. Ich weiß, dass du ein guter Gnom bist. Hast du nicht Lust mit mir zu kommen?“ Die Augen des Fabelwesens leuchteten auf. „Das würdet Ihr tun?“ Sie lächelte. „Würde ich sonst fragen? Aber bevor wir gehen; nenn mich Kiana.“ Der Gnom lächelte ebenfalls. „Einverstanden, Meisterin. Aber könntest du bitte dieses Ding da einstecken bevor wir gehen?“ Merli deutete auf die gezackte Klinge ihres Schwertes das sie immer noch in der Hand hielt. Kiana folgte seinem Blick. „Oh, das hatte ich ja ganz vergessen.“ Sie steckte das Schwert in die dafür vorgesehene Scheide auf ihrem Rücken. „Dann lass uns jetzt gehen.“
„Also, da wir nun Freunde sind kommst du doch bestimmt überall hin mit Merli, oder?“ Sie lächtelte verschmitzt. „Gut.“, sagte sie nachdem er heftig genickt hatte. „Dann gehen wir jetzt zu dem Busch und schauen uns mal so ein Léemara an.“ Er protestierte lautstark. „Du hast es versprochen.“, erinnerte sie ihn. Schließlich gab er nach und sie gingen nebeneinander auf den Busch zu. „Du willst also wirklich in die Nähe eines Léemara?“, fragte Merli um sich zu versichern, dass er Kiana auch richtig verstanden hatte. Sie waren nur noch wenige Meter von dem Busch entfernt. „Hast du denn keine Angst das es dir Pech bringt?“ Kiana, die ein Stück voran gegangen war, drehte sich zu ihm. „Warum bist du denn so ängstlich Merli? Denkst du sobald du in die Nähe eines Léemara kommst löst du dich in Luft auf? Ich habe schon oft solche Gerüchte gehört und sie waren fast nie wahr. Und überhaupt: Wer sagt denn das es so ist? Ich wette dieses Gerücht wurde von Generation zu Generation weitererzählt und du hattest noch nie Kontakt mit einem Léemara um zu sehen, dass es nicht wahr ist was man sagt. Hab ich Recht?“ Merli errötete. Darauf hatte er keine Antwort. „Dachte ich es mir doch.“, sagte Kiana nachdem Merli schwieg. „Also sei kein Feigling und komm mit.“
Kiana kniete nieder und bog die Zweige des Busches auseinander. Zum Vorschein kam ein kleines zotteliges Tier mit einem goldenem Horn auf der Stirn. Es sah Kiana mit seinen blauen Augen und den halbmondförmigen Pupillen verängstigt an. „Wie kannst du dich nur vor so einem süßen Tier fürchten?“, fragte sie Merli. „Es sieht doch so unschuldig aus.“ „Mag sein,“ erwiderte er mit einem Achselzucken. „Aber oft sind gerade diese Tiere die gefährlichsten.“ Kiana schüttelte den Kopf über so viel Ignoranz. Sie wandte sich wieder dem kleinen zotteligen Tier zu. „Du brauchst keine Angst zu haben.“, sagte sie ruhig. „Ich tue dir nichts.“ Sie streckte vorsichtig ihre Hand aus und kraulte das zitternde Léemara hinter den Ohren. Den entsetzten Ruf von Merli überhörte sie geflissentlich. Als sie spürte, wie die Anspannung des Tieres nachließ, streichelte sie es liebevoll. Bald gab es einen schnurrenden Ton von sich. Es schien zufrieden. Kiana war sich nun sicher, dass es ihr nicht mehr misstraute und hob es vorsichtig hoch. Da bemerkte sie, dass das Léemara seinen linken Fuß leckte, wie es Katzen tun. Kiana sah ihn sich an und stieß einen erschrockenen Schrei aus. „Das arme Tier ist ja verletzt!“ Das linke Bein war angeknickt und darüber zog sich eine lange blutende Wunde. „Oh mein Gott, welcher Unmensch hat das nur getan?“ Kiana war entsetzt. Merli, der durch Kianas Gesichtsausdruck unruhig wurde, kam näher und schielte ebenfalls auf die die Verletzung. „Ist es denn so schlimm?“, fragte er beunruhigt. Kiana inspizierte die Schnittwunde am Bein des Tieres und sah Merli an. „Es wird überleben.“, sagte sie. „Es ist ein gerader Schnitt, er wird schnell heilen. Allerdings ist der Knochen angesplittert. Wir müssen die abgetrennten Knochensplitter entfernen bevor die Wunde zuheilt. Ansonsten könnte es sehr schmerzhaft für das Tier werden.“ Merlis Augen weiteten sich. „Was meinst du mit wir? Du willst diesem Léemara doch nicht etwa helfen?“ „Natürlich will ich das!“, rief Kiana aufgebracht. „Ich lasse es hier doch nicht verletzt zurück damit die Person die diesem Tier das angetan hat, zurückkommt und es tötet. Wenn du das von mir verlangst dann waren wir mal Freunde, du Verräter!“ Merli zuckte zusammen. Er hatte Kiana in der kurzen Zeit ihrer gemeinsamen Reise noch nicht so heftig erlebt. „Das habe ich doch gar nicht gemeint.“, entschuldigte er sich. „Ich frage dich nur wo du Wasser und Heilkräuter herbekommen willst.“ Kiana Zorn verrauchte. „Tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe, Merli.“, sagte sie kleinlaut. „Manchmal geht mein Temperament einfach mit mir durch. Du hast Recht, hier gibt es nicht viele Möglichkeiten, aber zusammen werden wir schon einen Ausweg finden. Denn wo ein Wille ist ist auch ein Weg.“ Sie setzte das Léemara vorsichtig ab. „Komm, erkunden wir mal die Umgebung.“ „Und was ist mit dem Tier?“ „Es wird nicht weglaufen so verletzt wie es ist. Außerdem hat es unseren Geruch aufgenommen und hält uns nun für einen Teil seiner Familie. Sieh nur wie es uns ansieht! Es wird noch da sein wenn wir zurückkommen.“

Kiana sah sich um. Nur Dunkelheit so weit das Auge reichte. Wo sollten sie hier nur Wasser, geschweige denn Heilkräuter finden? Merli schien ähnlich zu denken, denn er sagte: „Was wenn wir nun keine der beiden Sachen finden? Was tun wir dann?“ Kiana schüttelte den Kopf. Wenn sie das wüsste. „Ich will lieber nicht daran denken.“, sagte sie. „Aber im Notfall werde ich das Léemara so operieren müssen. Bei aller Macht der Fassutnies ich hoffe es wird nicht dazu kommen.“
„Bist du sicher das das eine so gute Idee ist?“ Merli schaute zu Kiana auf, die zur Hälfte auf einen der Mammutbäume geklettert war. „Was willst du denn sonst machen? Von hier oben habe ich wenigstens eine gute Sicht.“ Sie kletterte unaufhaltsam weiter. Endlich erreichte sie die Baumkrone. Von oben wirkte Merli winzig wie eine Ameise. Zum Glück hatte Kiana keine Höhenangst. Sie sah sich nach allen Seiten um. Da fiel ihr Blick auf einen kleinen blauen Punkt inmitten des Waldes. Ein See! Sie waren gerettet. Kiana lächelte erleichtert und machte sich an den Abstieg.
„Und?“ Kiana sprang die letzten zwei Meter hinunter und lächelte Merli zu. „Richtung Norden gibt es in ungefähr zwei Kilometern einen See.“, berichtete sie. „Wenn wir uns beeilen erreichen wir ihn morgen bei Tagesanbruch.“ Ein Tag in der Fabelwelt hatte vierzehn Stunden. Merli schrie entzückt auf. „Zum Glück! Das arme Léemara ist gerettet.“ Kiana schaltete schnell. „Ich denke dich interessiert das Léemara nicht? Hast du plötzlich deine Meinung geändert?“ Merlis Lächeln erstarb. Er hatte sich hinreissen lassen, das war sein Fehler gewesen. „Nun,“ sagte er leise, „ich muß zugeben, dass mir der kleine Kerl ans Herz gewachsen ist.“

Das Léemara gähnte. Kiana, die es auf dem Rücken in einer improvisierten Art eines Rucksacks getragen hatte, drehte leicht den Kopf um zu sehen wie es dem Tier ging. Seit sie von ihrer Entdeckungstour zurückgekehrt waren, hatte sich der Zustand des Léemara deutlich verschlechtert, sodass Kiana es tragen musste. „Es ist müde, lass uns eine Pause machen.“ Merli, der mit einem Wanderstock ausgerüstet vor Kiana gelaufen war, blieb stehen. „Einverstanden. Es ist sowieso schon dunkel und die Suche nach dem See wäre wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen, wenn wir jetzt weiter gehen. Lass uns hier übernachten.“
Merli hatte Recht und Kiana wusste es. „Gut, ich mache ein Feuer um herumstreunernde Allmotts abzuhalten und du zauberst uns ein Lager zum schlafen, okay?“ Merli öffnete den Mund um etwas zu erwidern, aber er schloss ihn wieder. Trotzdem war Kiana die Geste aufgefallen. „Was ist? Bist du nicht einverstanden? Du kannst auch das Feuer machen wenn du unbedingt willst.“ Merli machte eine abwehrende Geste. „Nein, ist schon in Ordnung. Es ist nur so dass ich nur zaubere wenn es wirklich sein muss. Verstehst du?“ „Hä?“ Da fiel es Kiana ein. „Achso. Aber Merli das mit dem zaubern war doch nicht so gemeint. Ich habe nicht gemeint, dass du wirklich zaubern sollst. Bei uns sagt man sowas, aber es ist bildlich gesprochen und nicht ernst gemeint. Tut mir leid wenn ich dich verletzt haben sollte.“ Merli lächelte. „Ach Kiana.“ rief er entzückt. „Du bist wirklich eine Wucht!“ Kiana lachte herzhaft. „Danke. Und nun lass uns anfangen bevor die Sonne wieder aufgegangen ist und wir noch nicht fertig sind.“

Inzwischen war es Nacht geworden und die zwei typischen Monde der Fabelwelt waren aufgegangen. Der erste Mond Varra leuchtete strahlend in rosa, direkt hinter ihn schwebte die gelbe Sichel des zweiten Mondes Xellu. Der Legende nach, das wusste Kiana, waren die Monde zwei Liebende. Einst liebten sie einander, doch Varra wurde Xellus Eifersucht zufiel und sie verließ ihn für ein anderes Wesen der Fabelwelt -welches weiss niemand-. Xellu wurde furchtbar zornig und er schwor Rache. Eines Tages nahm er alle Sterne des Himmels und tötete Varra damit. Da wurde die Nacht sehr böse und verfluchte die beiden. Sie mussten bis an ihr Lebensende am Himmel hängen, den Xellu verspottet hatte. Zur Strafe für Xellus Eifersucht und Mord und wegen Varras Verrat verwandelte die Nacht sie in die zwei jetzigen Monde. Varra wurde rosa um sie daran zu erinnern wie stark ihre damaliege Liebe gewesen war. Xellu wurde gelb wie die Sterne und dünn wie eine Sichel um ihn daran zu erinnern, dass ihr Dasein unendlich war und er seiner Geliebten viel Leid angetan hatte. Von da an erschienen die beiden jede Nacht und manchmal glaubte man das leise Schluchzen von Varra zu hören.
Kiana drehte sich auf die andere Seite. Merkwürdig, dass ihr diese Geschichte gerade jetzt eingefallen war. Sie zog das Blatt des Mammutbaumes enger um sich und versuchte zu schlafen, doch sie fühlte sich putzmunter. Mit einem Seufzen setzte sie sich auf. Da bemerkte sie, dass Merli ebenfalls wach lag. „Du kannst wohl auch nicht schlafen.“, stellte sie fest. Er nickte wortlos und stand auf. „Es ist eine schöne Nacht.“, sagte er. „Schau mal, Varra und Xellu stehen schon hoch am Himmel.“ Er deutete auf die Monde. „Ja, sie sind wirklich schön.“, sagte Kiana. „Glaubst du ihre Geschichte ist wahr?“ Merli schaute gen Himmel. „Ich weiß es nicht.“, gab er zu. „Aber ich denke, dass jeder der daran glaubt Recht hat.“ „Das hast du schön gesagt, Merli.“ Kiana schaute zu den Monden. „Ich weiß auch nicht, aber heute lassen sie mich nicht los. Es ist als hätten sie mich verzaubert. Das klingt jetzt bestimmt verrückt.“ Merli lief zu ihr und setzte sich neben sie. „Nein, das tut es nicht.“, stellte er richtig. „Ich selbst habe mich oft so gefühlt. Wie sie da majestätisch hängen… es hat schon etwas mystisches.“ Merli machte eine Pause und sah sie lange an. „Du vermisst ihn.“, stellte er fest. „Wen?“ „Diesen Jungen, wie heisst er noch gleich? Jimmy.“ Kiana lächelte. „Woher weisst du das schon wieder? Na ist ja auch egal. Ja, ich vermisse ihn. Ich vermisse ihn sogar sehr. Es ist wie verhext. Ich weiss, dass er mich mag, aber liebt er mich auch?“ Da nahm Merli ihre kalte Hand. „Jetzt hör mir mal zu.“, sagte er. „Dieser Junge liebt dich wirklich, sonst würden seine Gedanken nicht so um dich kreisen, dass ich deshalb aufwache. Also mach dir keine Sorgen.“ Merli drückte leicht ihre Hand. „Du bist das netteste Mädchen, das ich je gesehen habe.“ „Och, das ist ja so lieb Merli…“ „Nein lass mich ausreden.“, unterbrach er sie. „Du bist alle,s was ein Junge sich nur wünschen kann: Du bist wunderschön, klug und hast ein großes Herz. Also bitte denk nicht du seist ungeliebt. Du hast doch so viel: Freunde, Familie und nun hast du auch noch mich und das Léemara.“

Es war Tag geworden. Kiana streckte sich ausgiebig und stand auf. Sie hatte die Wärme der Sonne auf dem Gesicht gespürt und war aufgewacht. Kiana legte das Blatt des Mammutbaumes zur Seite, versicherte sich ob das Feuer auch richtig gelöscht worden war und erkundigte sich noch einmal nach dem Zustand des Léemara. Dann lächelte sie und ging zum Schlafplatz von Merli. „Hey Schlafmütze, wir müssen weiter!“ Keine Reaktion. Kiana rollte mit den Augen und zog Merli einfach das riesige Blatt weg. Er grummelte leicht. „Merli! Aufstehen!“ „Wie? Was?“ Verschlafen öffnete der Gnom die Augen. „Schon Morgen?“ Allerdings erübrigte sich die Frage denn in diesem Moment stand die Sonne im Zenit und schien auf ihn herab. „Nein, es ist bereits Tag! Und jetzt komm, wir müssen weiter.“

Die beiden liefen noch ganze sechs Stunden, aber dann war es soweit: Durch die Blätter und Zweige der Bäume schimmerte ein blaues Licht. Der SEE! Kiana und Merli verschnellerten ihr Tempo bis sie den Anfang des Sees erreichten. Das Wasser strahlte azurblau. Kiana stieß einen Freudenschrei aus und kniete nieder, um zu trinken. Doch Merli hielt sie zurück. „Warte!“ Verwirrt hielt Kiana inne. „Aber was ist denn?“ „Lass mich zuerst probieren. Vielleicht ist das Wasser vergiftet.“ Merli beugte sich hinab und schaufelte ein wenig Wasser in seine beiden Hände. Er senkte den Kopf und roch daran, dann führte er seine Finger an die Lippen und trank einen Schluck. Kiana beobachtete die Szene gespannt. Was würde wohl passieren?
„Und? Spürst du irgendeine Veränderung?“ Merli schloss einen Augenblick die Augen, so als wollte er in sich hinein horchen. „Nein, ich glaube es ist nicht giftig.“ „Aber was ist wenn die Wirkung erst später, nach Stunden oder Tagen, eintritt?“ Merli sah Kiana an. „Daran habe ich noch nicht gedacht. Du bist wirklich klug. Aber mach dir keine Sorgen, ich bin immun gegen Giftstoffe aller Art. Selbst wenn das Wasser doch giftig ist, bleibe ich gesund.“ „Dann bin ich beruhigt.“, antwortete Kiana erleichtert. „Aber wir müssen die Wunde des Léemara säubern. Sie hat sich gestern entzündet. Wie finden wir nun heraus ob das Wasser giftig ist?“ Merlis Blick wurde plötzlich starr. Er deutete hinter Kiana. „Sieh nur.“, hauchte er. Kiana drehte sich langsam um. In ein paar Metern Entfernung lief ein Tier auf die seichte Stelle des Sees zu. Es war so groß wie ein Reh, hatte aber ein silbernes Geweih und sechs pferdeartige, fellige Beine. Sein Kopf war lang und schmal und ein paar grüne Augen saßen über einer goldenen Schnauze. Sein Körper war fellig und gestreift wie der eines Zebras. Außerdem hatte es drei löwenartige, buschige, braune Schwänze. Das Wesen bewegte sich langsam auf den Rand des Sees zu. Doch bevor es trank fraß es einige moosartige Planzen, die am Ufer des Sees wuchsen. Dann verschwand es wieder im Wald.
Kiana sah Merli an. „Was war das?“ „Ein Minuaza. Friedfertige Fabelwesen. Sie ernähren sich von Kräutern und leben meist in den Bergen. Es wundert mich hier eins zu finden.“ „Warum hat es dieses Grünzeug gefressen, bevor es das Wasser des Sees getrunken hat?“ Merli zuckte die Schultern. „Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.“ „Hm.“ Kiana hockte sich hin und sah sich die Pflanzen an. „Ich kenne mich ein wenig in der Planzenkunde aus, aber diese hier habe ich noch nie gesehen. Weißt du etwas über sie?“ Merli hockte sich ebenfalls hin und betrachtete die moosartigen Gewächse. „Nun, wenn ich ehrlich bin, ich weiß nur sehr wenig über sie. Diese Pflanzen heissen Ysibadtblumen. Sie wachsen -soviel ich weiß- nur in der Nähe von Gewässern. Angeblich haben ihre Blüten Zauberkräfte. Das ist alles was ich weiß.“ Kiana strich über die gelben, moosartigen Gewächse mit den lilanen, sternförmigen Blüten. „Vielleicht hat diese Pflanze ja Gegengifte in sich, die die Wirkung des Wassers umdrehen und es trinkbar machen.“, überlegte Kiana. „Deshalb ist das Miunaza nicht erkrankt – es hat vorher die Ysibadtblumen gefressen!“ Sie nahm Merlis Dolch, der an seiner Hüfte hing, und schnitt ein Stück Ysibadtblume ab. „Der Schlüssel dazu liegt hier drin.“ Sie betrachtete die Pflanze eingehend. Dann führte sie sie an die Nase und roch daran, so wie Merli am Wasser gerochen hatte. „Riecht irgendwie komisch.“ „Was?“ Merli nahm ihr die Blume aus der Hand und roch ebenfalls daran. „Du hast Recht.“ stimmte er ihr zu. „Nach… nach… ich kenne diesen Geruch.“ „Nach Meerrettich.“, half ihm Kiana auf die Sprünge. „Wie seltsam.“

„Und du bist sicher, dass wir das einfach so probieren sollen? Es ist ein ziemliches Risiko.“ Kiana sah auf das Léemara in ihren Armen. „Ich weiß Merli, aber was sollen wir denn sonst machen? Sein Zustand verschlechtert sich zusehens. Wenn wir nichts unternehmen dann…“ Sie ließ das Ende unausgesprochen. „Also lass es uns wenigstens versuchen. Das ist die letzte Chance die wir noch haben.“ Merli nickte. „Okay, Kiana. Lass es uns wagen, aber auf dein eigenes Risiko.“ Er nahm die zerkleinerte Ysibadtblume und hielt sie dem Tier hin. Doch es drehte den Kopf weg und wollte nicht fressen. Merli und Kiana sahen einander an. Das hatten sie befürchtet. „Nun komm schon, Léemara. Du musst fressen. Ich weiß es riecht nicht appetitlich, aber das hilft dir wieder gesund zu werden. Bitte friss.“ Das Léemara sah Kiana lange an. Es schien als hätte es tatsächlich verstanden, was sie gesagt hatte. Widerwillig öffnete es das Maul und Merli gab ihm die Ysibadtstückchen. Das Tier schloss die kleine Schnauze, kaute die Pflanze und schluckte sie hinunter. „Fein gemacht.“, lobte Kiana es freundlich. „Und nun gib mir die Schale Merli.“ Der Gnom lief und schöpfte etwas Wasser in eine aus Holz geschnitzte Schale. Diese überreichte er Kiana. Sie setzte es dem Léemara an die Lippen und das Tier trank es gehorsam. Die nun folgenden Minuten sind nur noch eine vage Erinnerung für Kiana. Es ist als sei dieser Teil der Geschichte auf dem welligen See der Erinnerung davongetrieben und hätte Kiana allein im Boot zurückgelassen. Sie erinnert sich nur noch daran, dass sie die Knochensplitter des Tieres mit Merlis Dolch entfernt und die Wunde dann mit einem Gerarablatt verbunden hatte, denn dieses Heilpflanze würde die Verletzung verschließen, das wusste sie. Das Léemara wurde von Tag zu Tag gesünder und bald sprang es wieder durch die Gegend.
„Wie wollen wir es denn überhaupt nennen?“, hatte Merli nach der Operation gefragt. „Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“, antwortete Kiana ehrlich. „Aber mir fällt einfach kein Name ein.“ „Wie wäre es mit Kati? So war doch der Spitzname deiner Mutter nicht wahr?“ Kiana nickte. „Ja, das stimmt. Eine gute Idee, Merli, aber der perfekte Name ist es noch nicht.“ „Naja, ist ja auch nicht so wichtig. Die Hauptsache ist doch, dass der Kleine es gut überstanden hat. Er hat wirklich Glück gehabt.“ Da machte es klick in Kianas Kopf. Glück! „Das ist es!“, rief sie aus. „Glück. Wieso nennen wir ihn nicht Lucky?“ Merlis Gesicht erhellte sich. „Ja. Das ist der perfekte Name für unser Léemara. Und so passend!“ Kiana beugte sich zu dem Tier herab, das gerade angelaufen kam. Es hatte seinen Namen gehört und war neugierig geworden. „Na wie wäre es? Willst du Lucky heissen? Ist der Name gut?“ Die Frage erübrigte sich denn das Léemara sprang freudig herum und leckte Kiana mit der kleinen blauen Zunge ab. „Ich glaube das heißt ja.“, sagte sie zu Merli und er grinste über das ganze Gesicht. „Ab heute haben wir also ein neues Mitglied auf unserer Reise.“, sagte er und Kiana lachte. „Ja Merli, ich frage mich wie viele es noch werden.“ Die beiden ahnten noch nicht, dass sie beobachtet wurden. Eine finstere Gestalt, versteckt hinter einem der Mammutbäume, verschwand jetzt im Wald.

Es war ein sonniger Tag und Kiana und Merli beschlossen, ihre Suche nach dem Dolch des Hussinkulé fortzusetzen. „Ich schlage vor wir halten uns auf unserer Route weiter nördlich. Dann stoßen wir genau auf die Hamaraberge, dort wo sich Hussinkulé der Legende nach aufhält.“ Kiana nickte zur Bestätigung. „Einverstanden, gehen wir.“
Kiana und Merli durchquerten den finsteren Ziadwald und kamen bald an den Anfang der Hamaraberge. „Von nun an sind es nur noch ein paar Tage.“, klärte Merli Kiana auf. „Wir müssen auf den Gipfel des Berges und von dort sind es ungefähr sieben Stunden. Auf der anderen Seite auf halber Höhe müsste sich die Höhle des legendären Hussinkulé befinden.“ Kiana sah nach oben. Der Berg vor ihnen sah unendlich hoch aus. Auf grauem Felsgestein thronte über der Baumgrenze eine weiße Schneedecke. Und diesen Aufstieg wollten sie in ein paar Tagen schaffen? Kiana war sich nicht sicher. Allerdings hatte Zeit hier in der Welt der Fabelwesen keine Bedeutung. Minuten konnten wie Tage sein und Wochen wie Jahrhunderte. Es machte keinen Unterschied. „Also gut.“ sagte sie. „Aber brauchen wir nicht irgendwelche Kletterausrüstung? Der Berg muss tausend oder mehr Meter hoch sein.“ „Nein, wir brauchen nichts. Die Luft oben ist genauso dünn wie die hier unten. Und kalt wird es auch nicht, die Sonne in dieser Welt ist so warm, dass sie die Luft an der Spitze erwärmt und daher gibt es keinen Temperaturunterschied.“ „Und was ist mit Seilen oder Eispickeln? Der Aufstieg ist ziemlich steil.“ „Keine Sorge, dafür sorge ich schon. Bereit?“ Kiana schaute noch einmal nach oben. „Bereit.“
Die Person hinter den Mammutbäumen beobachtete die Szene. Sie war menschengroß, doch ihre Augen funkelten im Schatten der Bäume unwirklich rot. Sie trug einen schwarzen Umhang über einer roten Kutte mit goldenen Ornamenten. „Sie kommen, Meister.“ flüsterte die geheimnisvolle Person und zur Antwort erhielt sie die donnernde, telepathische Antwort: „Bleib bei ihnen, Lixes. Ich werde sie erwarten.“

Kiana sah auf das Stück Fels hinab, das sie bereits erklommen hatte. Es waren gut vierzig Meter. Sie und Merli kamen gut voran. Soeben hatte sie eine Rast auf einer steinernden Plattform eingelegt, denn der Aufstieg, auch wenn er nicht senkrecht verlief, war doch ziemlich anstrengend. „Wie weit ist es noch?“, fragte sie Merli, der neben ihr hockte und ein Getränk aus seiner Wasserflasche trank. „Ich denke ungefähr noch 1980 Meter.“, meinte er. „Hier trink das, die Sonne trocknet deinen Körper aus.“ Kiana ergriff die Wasserflasche. „Was ist das?“ „Kinustee. Ich habe ihn aus den Flir-Blüten selbst hergestellt. Er enthält Substanzen, die dem Körper Wasser zuführen. Trink ihn, er wird dir helfen dich wieder etwas frischer zu fühlen.“ Kiana setzte die kleine Wasserflasche Merlis an die Lippen und trank in großen, kräftigen Zügen. Das Getränk schmeckte süßlich, hatte aber einen würzigen Nachgeschmack nach Erde. Kiana setzte die Flasche ab und nahm das Tuch von ihrem Rücken, in dem Lucky hing. Sie zog die übereinander geschlagenen Tücher auseinander und gab dem Léemara etwas von dem Tee. Dann gab sie Merli die Flasche zurück. „Ich danke dir Merli. Ich dachte schon, ich verdurste gleich.“ Er lächelte und hing sich die Wasserflasche wieder um die Schultern. „Das dachte ich mir. Für so eine Reise ist Kinustee oft nützlich.“ Kiana deckte das Léemara gut zu und hing es sich wieder auf den Rücken. Dann ging sie wieder an den Rand der Plattform und schaute in die Tiefe.
„Merli, woher weißt du soviel über die Strapazen einer Reise? Ich dachte du hättest deinen Bau nie verlassen.“ Er schaute zu Boden. „Ich wollte es dir nicht erzählen bis ich dich besser kenne, aber ich habe ihn schon einmal verlassen, Kiana. Damals war die Zeitepoche des Dear und ich war noch ein kleiner Gnom.“ „Und dann?“ fragte Kiana, drehte sich jedoch nicht um, um Merli anzusehen. „Mein Vater Errih war damals schwer krank und selbst mein Großvater konnte ihn nicht durch Zauberkraft heilen. Das einzige was meinem Vater helfen konnte, war das Blütenblatt der Sarusorchidee.“, berichtete Merli. „So schickte mich meine Mutter los um sie zu besorgen. Aber die Sarusorchidee war nur ein Mythos und ich war viele Jahre unterwegs, ohne einen Anhaltspunkt zu finden, wo sie sich befand. Doch dann erschien mir eines Tages Tria, die Wächterin des Waldes, und gab mir einen Samen der Sarusorchidee. Sie sagte ich hätte Mut und Stärke bewiesen und müsste meinen Vater sehr lieben, wenn ich diese endlose Suche auf mich genommen hatte. Dieses Verhalten, so sprach sie, müsste belohnt werden. Und sie gab mir den Samen der Sarusorchidee. Ich sollte ihn nehmen und vor die Hamaraberge pflanzen, dann würde in einem Sonnenjahr, das sind etwa dreieinhalb Jahre, die Sarusorchidee blühen und mein Vater wäre geheilt.“ „Und konntest du deinen Vater Errih retten?“ „Nein. Als die Sarusorchidee blühte und ich mit dem Blütenblatt nach Hause zurückkehrte, da war mein Vater seit einem Jahr tot. Meine Mutter sagte er wäre vor Trauer gestorben, dass ich ihn vergessen hätte – denn ich war sieben Jahre fort gewesen.“ Merli gab einen erstickten Laut von sich und Kiana wusste, dass er weinte. „Dich trifft keine Schuld, Merli.“ Er schniefte und drehte sich um. Das war eine traditionelle Angewohnheit der Gnome. Niemand sollte sie weinen sehen. Kiana kämpfte gegen den Wunsch an Merli tröstend zu umarmen, aber das hätte seine Ehre verletzt und so rührte sie sich nicht, sondern sagte nur: „Ich weiß wie du dich fühlst. Auch ich gab mir die Schuld am Tod meiner Mutter. Ich habe lange gebraucht um einzusehen, dass niemand Schuld am Tod hat. Es ist Schicksal und niemand kann das Schicksal ändern, Merli. Auch du nicht.“
Plötzlich erblickte sie von ihrem Standpunkt aus eine vermummte Gestalt, die an der Felswand unter ihr herumschlich. „Merli.“, flüsterte sie. „Da ist jemand.“ Er stand auf und kam langsam zu ihr. Dort angekommen lugte er über die Kante. „Ich sehe nichts.“, sagte er. „Bist du sicher? Du bist müde, vielleicht hast du halluziniert.“ „Nein, Merli.“, antwortete sie eindringlich. „Da war jemand. Ich spüre es.“ Er sah sie lange an. „Gut. Ich vertraue deinen Gespür, Sunera.“ Er benutze mit voller Absicht den Namen der aussagte, dass sie eine Halbgöttin war. „Ich schau mal ob ich etwas hören kann.“ Merli zog sich die grüne Mütze vom Kopf und spitzte die großen Ohren. Stille. „Also wenn da jemand ist, hat er einen magischen Schutzschild um sich, sodass ich ihn nicht hören kann. Das einzige was ich wahrgenommen habe, waren wir beide, der Wind und in hundert Metern Entfernung ein herumstreifendes Allmott.“ Kiana schüttelte abwehrend den Kopf. „Aber ich hab doch jemanden gesehen! Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“ Kiana hielt inne. Natürlich., dachte sie. Es ist nichts was Merli wahrnehmen kann. Dann muss es etwas Übersinnliches sein. Guama -der Topá- hat ebenfalls die Gabe sich unsichtbar zu machen. Aber wer oder was verfolgt uns dann? Und warum? Auf jeden Fall ist es sehr mächtig, sonst hätte ich nicht diese… diese Kraft gespürt. Ich hoffe wir sind nicht in Gefahr. Laut sagte sie nur: „Wahrscheinlich hast du Recht Merli. Ich bin müde, also lass uns weiter klettern, damit wir heute Nacht die Hälfte des Berges erreicht haben. Dort können wir dann übernachten.“ Und die beiden ungleichen Freunde machten sich wieder an den Aufstieg.

„Es tut mir leid, Meister, verzeiht mir.“ Die Person Lixes verbeugte sich tief vor dem Abbild ihres Meisters, zum Zeichen ihrer Ehrerbietung. „Du hast Glück – ich verzeihe dir. Du bist zu tüchtig um dich sinnlos zu töten. Aber das hätte auch schief gehen können. Warum bist du so nah an die Felskante getreten, Lixes? Sprich!“ Die Person hob leicht den Kopf und sah die Projektion vor ihr unterwürfig an. „Ich dachte die Auserwählte und ihr unwürdiger Freund seien schon höher geklettert. Aber für mein Verhalten gibt es keine Ausreden, ich habe versagt, Meister.“ Die Augen des Wesens im Zeitloch vor Lixes ruhten auf seiner Dienerin. „Erhebe dich nun, Lixes.“, donnerte seine Stimme in einem tiefen Bass. „Und führe deine Arbeit fort. Dazu habe ich dich schließlich am Leben gelassen. Geh und folge den Beiden und wenn ich es dir sage, tötest du sie.“
„Wie weit ist es denn noch?“ Kiana blieb stehen und stützte sich auf ihre Knie. Sie war völlig ausser Atem. „Ich schaffe das nicht mehr.“, hauchte sie zwischen zwei Atemzügen. Ihre Stimme war heiser. „Ich weiss es ist schwer, aber wir müssen weiter.“ Merli kam auf sie zu und gab Kiana noch etwas Kinustee. „Noch fünfzig Meter dann machen wir eine Pause, das verspreche ich dir. Aber jetzt müssen wir weiter.“ Er drückte Kiana einen herumliegenden Ast in die Hand. „Hier nimm den als Wanderstock, du kannst dich auf ihn aufstützen. Und jetzt lass uns weitergehen, ja?“ Kiana atmete nocheinmal tief ein. „Okay, Merli. Welche Richtung müssen wir?“
Doch nicht nur Kiana, Merli und Lucky machte die Hitze der Sonne zu schaffen. Auch ihrer Verfolgerin Lixes wurde die Wärme bald zum Problem. Sie schwitzte in ihrer Kutte aus Seide und ihrem schwarzem Umhang aus undurchdringlicher Wolle. Oft blieb sie stehen und wischte sich den Schweiß von der hellhäutigen Stirn. Warum tue ich das hier überhaupt?, dachte sie oft, allerdings schirmte sie vorher sorgfältig ihre Gedanken vor dem Meister ab. Ich bin zwar Kopfgeldjägerin, aber das muss ich mir nicht bieten lassen. Das ist das undankbarste, was ich je tun musste. Warum kann ich diese beiden Witzfiguren nicht einfach töten? Nein, stattdessen folge ich ihnen auf den höchsten Berg der Hamaraberge, den mächtigen Ghi, ohne zu wissen wann dieses Katz- und Mausspiel endet. Ich bin es leid die Marionette des Meisters zu sein. Soll er doch selbst die Drecksarbeit tun und mich nur meinen Job machen lassen! Auch wenn er mächtig ist, feige ist er doch. Schickt einen Profi wie mich um eine Halbwüchsige und einen Gnom ohne Zauberkraft zu erledigen. Wie lächerlich! Eines Tages werde ich mich für diesen Spott und diese Behandlung bei ihm rächen, so wahr ich, Lixes, eine Laersy bin!

Endlich erreichten Kiana und Merli die Baumgrenze des Ghi. Sie waren nun auf ungefähr zweihundert Metern Höhe und die Vegetation des mächtigen Ghi wechselte von vereinzelten Bäumen zu hartem, braunen Felsgestein. „Ab jetzt beginnt der wahre Anstieg.“. prophezeite Merli. „Im Vergleich zu dem was noch kommt, war das eben der reinste Spaziergang.“ „Was?“ Kiana war schon jetzt völlig fertig. Ihr Atem ging stoßweise. „Das kann nicht dein Ernst sein!“ Merli schaute auf die Schneekoppe des Berges und dann zu Kiana. „Doch, es ist mein voller Ernst. Wir haben noch 1820 Meter vor uns, bis wir den Berggipfel erreicht haben.“ „Das darf nicht wahr sein.“ Kiana umfasste in einer automatischen Geste ihr Medaillon. „Bitte Amidale lass nicht zu, dass ich vor Erschöpfung sterbe ehe ich den Dolch des Hussinkulé habe.“ Da spürte sie den leichten gedanklichen Kontakt ihrer Schutzgöttin. Sie wird nicht zulassen, dass mir etwas passiert., wusste Kiana plötzlich. Wie konnte sie nur am Vertrauen ihrer Göttin zweifeln? „Also gut Merli.“, wandte sie sich ihm zu. „Lass uns hier rasten. Es wird gleich dunkel und wir brauchen einen Platz zur Nachtruhe.“ Er nickte um zu zeigen, dass er verstanden hatte. „Ich besorge das Holz, solange wir noch welches haben, und du die Betten und das Essen, Merli.“ „Jawohl ,Kiana.“ Es klang als hätte er vor Kiana salutiert. „Gut.“, sagte sie und sie machten sich an die Arbeit.
Es war Nacht geworden. Varra und Xellu standen hoch am Himmel und Kiana betrachtete gedankenverloren die noch glühende Asche des Feuers. Sie hielt die erste Wache, so war es abgemacht, denn in dieser Höhe lauerten nachts viele Gefahren. Als sie merkte, dass das Feuer fast gelöscht war, stand sie auf und legte Holz nach. Dann kauerte sie sich wieder an den Platz neben Merli, von wo man einen Rundumblick auf die Umgebung hatte. Es war kalt und sie schlang ihre Pelzjacke enger um sich. Es war das Fell eines Minuaza. Merli hatte es am dritten Tag ihres Aufstieges erlegt. Er meinte es wäre besser warme Kleidung zu haben. Nun war Kiana froh darüber, denn nachts wurde es bis zu -10 °C kalt. Sie blickte zum Himmel hinauf. Es war eine klare Nacht und Kiana erkannte Sternbilder, die es auch in der normalen Welt gab: Orion, Andromeda und Kassiopeia. Aber es gab auch ergänzte Sternbilder, von denen Kiana gehört hatte: Fallbés, Gjori und natürlich Hussinkulé. Es war beruhigend für Kiana einfach nur in den endlosen Sternenhimmel zu schauen. Sie strahlten eine Mystik und Ruhe aus, dass Kiana wie hypnotisiert war. Sie schüttelte den Kopf und starrte wieder ins Feuer. Sie durfte auf keinen Fall einschlafen! Kiana erhob sich lautlos, um Merli nicht zu stören, und ging ein paar Schritte umher. Sie spürte wie die Müdigkeit Besitz von ihr ergriff. Langsam, ganz langsam, fielen ihr die Augen zu. Sie versuchte krampfhaft sie offen zu halten. „Jetzt reichts.“, sagte sie leise und kniete sich zu Merli. „Merli. Hey, Merli! Aufwachen. Du bist mit der Wache dran.“ „Was? Schon? Ja, ja, ich steh schon auf.“ Merli erhob sich langsam und machte Platz für Kiana. Sie legte sich auf die angewärmten Blätter und noch ehe Merli den Wachposten am Feuer erreichte, war sie fest eingeschlafen.

Lixes hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber Kiana und Merli: Sie als Laersy brauchte keinen Schlaf. Das war schon immer einer ihrer besten Vorteile gewesen. Das fiel ihr auch jetzt wieder auf, als sie sah wie Kiana und Merli sich mit der Wache abwechselten. Sie beneidete die beiden nicht. Schlaf ist eine Schwäche., pflegte sie oft zu sagen. Genau wie Freundschaft, Liebe oder Vertrauen. Es macht einen angreifbar und man ist geliefert. Traue nur dir selbst und du lebst länger. Lixes war eine Laersy, ein Mischwesen, halb Mensch und halb Fabelwesen. Äußerlich glich sie den Menschen, doch das täuschte. Die Laersy waren ein Volk feindlicher Jäger, jede Person geschaffen um zu töten. Sie waren geschickt und kampferprobt. Außerdem besaßen einige von ihnen noch übersinnliche Fähigkeiten – das machte sie zu perfekten Killern. Lixes war eine der stärksten Laersy. Sie hatte telepathische Fähigkeiten und in ihr wohnte die unheimliche Macht der Laersy, wenn sie wollte konnte sie jeden mit ihren Feuerkräften töten – die perfekte Kampfmaschine also. Deshalb hatte Bexal, ihr Meister, sie auch auserwählt um Kiana und ihren Gnomfreund Merli zu töten. Eins hatte der gerissene Bexal allerdings vergessen: Laersy waren unberechenbar.

Lixes ließ Kiana und Merli in den nächsten Tagen nicht aus den Augen. Sie folgte ihnen so unauffällig wie ein Schatten. Eines Tages jedoch wurde sie Zeuge eines unglaublichen Schauspiels. Es war wieder mal ein sonniger Tag in der Fabelwelt. Kiana und Merli stiegen unaufhaltsam weiter auf den Gipfel des Ghi zu. Doch da endete abrupt der Weg der beiden. Eine Steinlawine hatte den Zugang versperrt, den Kiana und Merli nehmen mussten um zur nächsten Bergebene zu gelangen. „Was machen wir denn jetzt?“ Merli war verzweifelt. „Das ist der einzige Weg nach oben.“ Kiana berührte leicht die Felsen unterschiedlicher Größe und sah Merli an. „Ich habe eine Idee wie wir auf die andere Seite gelangen können.“, sagte sie. „Aber ich weiss nicht, ob es klappt. Es ist sehr gefährlich.“ Merli, der gelernt hatte Kiana zu vertrauen, kam näher. „Sag deinen Plan.“ Kiana umfasste in einer impulsiven Geste ihr Medaillon. „Ich könnte versuchen, uns auf die andere Seite zu teleportieren.“, sagte sie bestimmt. „Das geht?“, fragte Merli ehrlich interessiert. „Ich denke schon. Ich als Auserwählte habe die Macht den Zeitstrom zu öffnen, wenn es sein muss.“ Er sah sie an. „Was muss ich tun?“ „Komm zu mir und halte dich fest. Ich weiß nicht was passiert, wenn ich den Zeitstrom erst einmal aktiviert habe.“ Merli lief zu Kiana und klammerte sich an ihr linkes Bein. „Bereit?“ Er nickte. „Gut.“ Kiana umfasste ihr Medaillon und sprach bestimmt: „Ihr mächtigen Herrscher, öffnet das Tor zu Raum und Zeit. Ihr Mächte der Endlosigkeit, ich rufe euch. Öffnet das Tor, ich die Auserwählte, bitte euch. Grisbet et lisat. Unis ud cara.“ Lixes sah, wie Kiana und Merli anfingen bläulich zu leuchten, dann wurden sie zu Strahlen reinen Lichts und schossen senkrecht nach oben in den Himmel davon. Sie waren verschwunden.
Nachdem Kiana die heiligen Worte gesprochen hatte, fühlte sie wie ihr Körper federleicht wurde. Danach waren Merli und sie in einem farblosen Strudel und in einer Zehntelsekunde befanden sie sich auf der anderen Seite der Steinlawine. „Es… es hat geklappt.“ Merli ließ Kiana los und befühlte sich. „Noch alles dran.“, stellte er erleichtert fest. Kiana hielt noch immer ihr Medaillon umklammert. „Ich kann es nicht glauben. Ich kann es nicht glauben.“ „Kiana?“ Merli schüttelte ihr linkes Bein. „Kiana!“ Er wusste, dass sie unter Schock stand. „Komm zu dir! Kiana!“ Doch sie reagierte nicht. „Ich kann es nicht glauben.“, wiederholte sie. Merli sah keine andere Möglichkeit, er zog sie sanft in die Knie und ohrfeigte sie. „Kiana. Kiana, hörst du mich?“ Keine Reaktion. Merli ohrfeigte sie nocheinmal. „Kiana!“ Da sah sie ihn endlich an. In ihr starres Gesicht kehrte das Leben zurück. „Du… du hast mich geschlagen.“ „Tut mir leid, aber du standest unter Schock.“, entschuldigte sich der Gnom. Kiana rappelte sich auf. „Es hat also geklappt.“ stellte sie fest. „Wir sind auf der anderen Seite.“ Merli strahlte sie an. „Das hast du toll gemacht, Kiana.“ Sie lächelte zurück. „Danke, Merli. Ich habe viele Fähigkeiten.“
Lixes war nach der Teleportation von Merli und Kiana an die Stelle gerannt, wo sie eben noch gestanden hatten. „Das ist unmöglich.“ Teleportation war in der Welt der Fabelwesen fast alltäglich, aber dass ein Mensch diese Aktion beherrschte erstaunte sie. Vor allem diese besondere Form des Lichtreisens war selten und wurde nur von erfahrenen Fabelwesen ausgeführt. Dieses Mädchen besitzt mehr Macht als ich dachte., musste sie sich eingestehen. Wenn sie sogar Teleportation fertig bringt, was für Kräfte stecken dann noch in ihr? Ich darf sie nicht unterschätzen. Und dann dachte sie plötzlich: Bexal hätte mir sagen müssen, dass sie die Auserwählte ist. Ich frage mich warum er es nicht getan hat. Hält er die Laersy für unterpriviligiert? Denkt er, er kann mich täuschen? Allmählich wanderten ihre Gedanken in eine für Bexal negative Richtung ab. Er denkt wohl, er sei der stärker und klüger als ich., dachte sie voller Zorn. Denkt er kann mich einfach so opfern. Aber ich werde ihm beweisen, dass das ein Irrtum ist – ein tödlicher Irrtum.

Der Anstieg des mächtigen Ghi wurde nun zunehmend steiler. Seit der Baumgrenze war der anfangs klar vorgegebene Weg flacher geworden. Und nun, in ungefähr dreihundert Metern Höhe, war er nicht mehr gekennzeichnet. Man musste sich seinen eigenen Weg durch die Felswüste des Berges suchen. Kiana, die nicht sehr viel Erfahrung im Bergsteigen hatte, fiel es schwer dem flinken Merli über die verschieden großen Steine zu folgen. Bei jedem Schritt hatte sie Mühe nicht umzuknicken und in den bodenlosen Abhang rechts neben ihnen zu stürzen. Es kostete sie viel Kraft sicher aufzutreten und stetig vorwärts zu klettern. Ich muss es schaffen., dachte sie, während sie über einen besonders hohen Felsen herum kletterte. Meine Tante und mein Onkel, Jimmy und die gesamte Insel zählen auf mich. Ich darf nicht ohne den Dolch des weisen Hussinkulé zurückkehren; ich darf nicht versagen. Kiana sammelte noch einmal ihre ganze Kraft und erklomm den steilen Hang vor ihr, der zur nächsten Bergebene führte, und über den der Gnom bereits ausser Sichtweite geraten war. Ich schaffe das., sagte sie sich immer wieder. Es sind nur noch ein paar Meter. Nur noch ein paar Meter und dann machen wir Rast. Solange halte ich noch durch. Nur noch bis zu dem großen Felsen da vorne. Dann bleib ich stehen. Gleich hab ich´s geschafft. Gleich bin ich da. So trieb sich Kiana weiter nach oben. Schritt für Schritt, Meter für Meter. Ihre Beine spürte sie schon lange nicht mehr. Alles was sie vorwärts trieb, war ihr eiserner Wille. Jimmy wenn du mich hörst: Hilf mir. Bitte lass mich nicht versagen. Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende. Lange halte ich nicht mehr durch. Bitte, bei aller Macht der Fassutnies, hilf mir., dachte Kiana mit letzter Kraft, dann fiel sie ohnmächtig vor Erschöpfung zu Boden.

„Kiana!“ Jimmy setzte sich senkrecht in seinem Bett auf. Der telepathische Hilferuf war so stark gewesen, dass er bis zu ihm nach Guama gedrungen war und ihn aufgeweckt hatte. Kiana, oh Gott, Kiana halt durch. Bitte. Du hast es bald geschafft – gib nicht auf. Du bist doch so stark. Du bist die Auserwählte. Glaub an dich. Jimmy war verzweifelt. Er fragte sich, nicht zum ersten Mal, warum ausgerechnet Kiana auserwählt worden war. Sie hatte so einen Tod nicht verdient! Wenn er ihr doch nur etwas von seiner Stärke abgeben könnte. Doch sie war nicht in seiner Nähe. Sie war in einer anderen Welt…
Doch nicht nur Jimmy hatte der Hilferuf Kianas erreicht. Fast alle starken Telepathen der Umgebung waren darauf aufmerksam geworden. Auch Lixes, stärkste Telepathin der Laersy, hatte ihn vernommen. Sie befand sich noch immer auf der anderen Seite der Felslawine, als sie der Hilferuf erreichte. Perfekt., dachte sie. Jetzt muss Merli seine Freundin gesund pflegen und ich habe noch eine Chance sie einzuholen. Am besten ich mache mich gleich auf den Weg und erledige sie wenn sie noch geschwächt ist. Egal was der Meister sagt, ICH bin schließlich eine Laersy und mache mir meine eigenen Regeln. Ich bin unbesiegbar. Lixes komprimierte ihre Kraft. Auf ihren Handflächen bildeten sich kleine rote Funken, die sich stetig vermehrten. Als zwei kleine Feuerkugeln entstanden waren, richtete Lixes ihre Handflächen auf den harten Boden. Aus den Feuerkugeln wurden Feursträhle von solcher Kraft, dass sie Lixes elegant in die Lüfte hoben. So flog sie über die Steinlawine und landete sanft auf der anderen Seite. Allerdings hatte diese Aktion viel ihrer Kraft geraubt und sie fühlte sich schwach. Doch das hielt sie nicht auf. Lixes sammelte sich kurz und lief in die Richtung, aus der der telepathische Hilferuf gekommen war.

Merli hatte Kianas Zusammenbruch nicht bemerkt. Doch als er sich umdrehte und sie verschwunden war, ging er den Weg zurück und fand seine bewusstlose Freundin. Merli, ganz Pfadfinder, reagierte sofort und legte sie in ein improvisiertes Zelt im Windschatten eines großen Felsens. Dort befühlte er ihre Stirn – sie war kochend heiß. „Syara-Fieber. Ich dachte es mir.“ Merli nahm ihre linke Hand und fühlte den Puls. Er war schwach, aber regelmäßig. „Die Hitze und der schwere Anstieg – das alles war zuviel für sie. Zum Glück weiß ich wie man das Syara-Fieber senkt. Zuerst mache ich eine Kompresse aus Flir-Blüten, ich habe noch einige übrig, und lege sie ihr auf die wunden Fußgelenke. Dadurch werden sie schneller heilen. Und dann werde ich ihr einen Trank brauen, der die Verbesserung ihres Zustandes verschnellert. Soviel Magie bringe ich noch fertig. Ich hoffe sie erholt sich bald.“
Merli stand auf und holte einen kleinen Beutel aus seiner Tasche. „Ich muss sparsam mit den Flir-Blüten umgehen.“ Er öffnete den Lederbeutel und schüttete die Blüten in die kleine Holzschale. Sie waren leuchtend blau und auf ihren sechs Blütenblättern waren rote Streifen. Auch wenn sie getrocknet waren, rochen sie herrlich süß. Merli nahm drei Flir-Blüten und goss etwas Kinustee darüber. Die Blüten lösten sich auf und das Getränk färbte sich bläulich. Lucky, den Merli von Kianas Rücken genommen hatte und der freudig durch die Gegend gesprungen war, kam nun angelaufen und wollte die Flüssigkeit trinken. Merli hielt ihn zurück. „Nein, Lucky. Das ist für Kiana, du darfst es nicht trinken. Nachher gebe ich dir noch Kinustee, okay?“ Lucky legte den Kopf schief und sah Merli an. Dann lief er zu seinem Frauchen und legte sich neben sie. „Gut Lucky, lass mich in Ruhe arbeiten.“ Der Gnom wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er nahm eines der Tücher die Kiana als Rucksack für Lucky benutzt hatte und legte es zusammen. Er tauchte es in die Flüssigkeit und legte Kiana die Kompresse auf die Fußgelenke, nachdem er ihre schweren Stiefel ausgezogen hatte. Dann braute er den Trank zur Besserung ihres Zustandes. Er leerte die Holzschale und mischte verschiedene Zaubertränke, die er in seiner Tasche trug. Schließlich stellte er das Produkt in die Sonne, damit es sich erhitzte. Zwischendurch prüfte er Kianas Zustand. Sie war noch immer bewusstlos.

Als der Zaubertrank schließlich fertig war, setzte er ihn Kiana an die rauen Lippen und sie schluckte das Gebräu, obwohl sie nicht ansprechbar war. Merli wunderte das nicht. Er nahm es als Zeichen der Besserung. Merli wurde bei seiner fleißigen Arbeit beobachtet… doch es war nicht Lixes, es war Kiana selbst! Sie war sich im Klaren darüber, dass sie bewusstlos war, doch trotzdem stand sie am Rand des Feuers, das Merli gerade anzündete, denn es wurde dunkel, und beobachtete ihn dabei wie er sie pflegte. Ein komisches Gefühl! Es war als wäre sie ein Geist. Sie fühlte sich schwerelos und war anscheinend nicht sichtbar, sonst hätte Merli sie bemerkt. Aber wie war das möglich? War sie tot? Nein, sie konnte nicht tot sein, sie atmete noch. Aber wie war ihr Zustand dann zu erklären? Da kam ihr eine Idee: Vielleicht war sie ihre in Körper geformte Seele. Wenn ihr Körper vor ihr lag, könnte das sein. Oder sie war auf diese Ebene des Bewusstseins gelangt, weil sie Telepathin war. Ihre Tante erzählte ihr einmal, dass es eine Ebene des Bewusstseins gab in die man gelangt wenn man träumt oder in Todesgefahr ist. War sie in dieser Ebene? Sie konnte niemanden fragen, also ging sie davon aus. Aber wieso war sie hier? Sollte sie sterben? Kiana gruselte es davor, auch wenn es in dieser Bewusstseinsebene keine wahren Gefühle gab. Merli hatte sie gerade zugedeckt und sich am Feuer niedergelassen. Kiana lief zu ihm. Einen letzten Versuch machte sie noch. „Merli.“ Keine Reaktion. Hätte sie sich ja denken können! Ich bin ja auch ein Geist. Wie soll er mich da hören?, dachte sie. Und dann: Vielleicht kann ich meine Unsichtbarkeit ja positiv nutzen? Irgendwozu muss sie ja gut sein. Ich seh mich mal um.
Kiana lief halb, und schwebte halb durch die schwarze Nacht. Da sah sie etwas, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Person. Die Person, die sie schonmal am Abgrund des Ghi gesehen hatte! Kiana bewegte sich auf sie zu. Also hatte ich damals Recht., dachte sie. Ich habe nicht fantasiert. Die Person war da – und sie folgt uns. Kiana sah sich die Person vor ihr genau an. Es war eine Frau. Unter dem schwarzen Umhang lugten ihre feuerroten Haare hervor. Ihre Augen, grün wie frisches Laub, verfolgten die Szene am Feuer genau. Ich frage mich was sie von uns will., überlegte Kiana. Und wer hat sie geschickt? Lixes stand versteckt hinter einem der großen Felsen. Sie bemerkte Kiana nicht.
Kiana dachte nach, wo sie so eine Person schon einmal gesehen hatte. Da fiel es ihr ein: In einem alten Buch der Insel wurden sie als „Kopfgeldjäger der Fabelwesen“ beschrieben. Ein Volk bestehend aus Kriegern. Sie waren gefährlich und Kiana wusste es. Nicht, dass sie nur perfekte Kämpfer waren, manche hatte auch magische Fähigkeiten. Meistens Telepathie. Doch eines machte diese unberechenbaren Killer gefährlicher als alles andere: Ihre Macht. In jeder Person dieses Volkes steckte eine unheimliche Macht, genannt Vorticy, mit deren Hilfe sie ihre Gegner brutal töten konnten, egal wie mächtig sie waren. Die Laersy waren allesamt temperamentvoll und neigten dazu, ihre Feinde wegen Kleinigkeiten durch Vorticy zu töten. Das wusste man und die Fabelwesen versuchten stets sich die Laersy nicht zum Feind zu machen. Kiana fragte sich, weshalb diese Laersy sie und Merli verfolgte.
Da erschien ein greller Lichtkreis vor Lixes. Kiana schaltete schnell und versteckte sich hinter dem Felsen. Sie wusste dass sie noch unsichtbar war, doch eine innere Stimme sagte ihr, dass sie sich besser versteckt halten sollte. Der Lichtpunkt war größer geworden und in seiner Mitte war nun eine vermummte Gestalt zu erkennen. Lixes war ehrfürchtig auf die Knie gesunken. „Meister.“ Die roten Augen der Person im Zeitloch richteten sich auf die Laersy. „Lixes, ich sehe die Zeit gekommen. Du kannst nun die Auserwählte und ihren Gnomfreund auf meine Burg bringen. Ich werde sie höchstpersönlich töten.“ „Aber Meister…“, warf Lixes ein. „Ich dachte ich dürfte sie töten.“ „Lixes.“ Die tiefe Stimme hatte einen drohenden Unterton. „Du krümmst ihnen kein Haar. Bringe sie nur zu mir. Dann erhältst du deine versprochene Belohnung.“ „Jawohl, Meister Bexal.“ Das Bild vor Lixes verschwand und sie erhob sich. Undankbarer Tölpel. Kiana empfing diesen Gedanken so deutlich als hätte ihn Lixes laut ausgesprochen. Ich folge den beiden bis zur Baumgrenze des Ghi und er erzählt mir, er will sie gar nicht sofort töten. Nein. ER möchte sie auf seine Burg haben – auf dem Silbertablett. Wozu strenge ich mich überhaupt noch an? Dieser Bexal hält mich doch sowieso zum Narren. Da glänzten ihre Augen plötzlich und ihre Lippen umspielte ein Lächeln. Ja, ich werde sie zu ihm auf die Burg bringen. Soll er ruhig denken, er hätte seinen Willen durchgesetzt. Er wird schon noch sehen, wie stark wir Laersy wirklich sind. Ich werde diejenige sein die zuletzt lacht – über seine zerstückelte Leiche.
Kiana konnte es nicht glauben. Sie hatte so viele Informationen erhalten, dass sie sie erstmal ordnen musste: Die Person die sie verfolgte war eine Laersy, genannt Lixes, und geschickt wurde sie von Bexal, vor dem Tria sie ausdrücklich gewarnt hatte. Doch Lixes schien einen unglaublichen Groll gegen ihren Meister zu hegen, der tödlich wirken könnte. Vielleicht konnten sie das zu ihrem Schutz nutzen. Aber darüber würde sie sich später Gedanken machen. Erst musste sie mit Merli reden. Kiana lief/schwebte zu Merli ans Feuer. Er war fest eingeschlafen. „Merli! Wach auf. Wir müssen reden.“ Doch er reagierte nicht. Natürlich, sie war ja immernoch ein Geist. Kiana überlegte. Was konnte sie nur tun? Da fiel ihr Blick auf ihren Körper. Wenn sie sich von ihm lösen konnte dann konnte sie sich auch wieder mit ihm vereinigen. Kiana atmete tief ein und legte sich an die Stelle an der ihr Körper lag. Sie spürte einen leichten Ruck und wurde bewusstlos.

„Kiana! Kiana!“ Kiana atmete einen starken Geruch ein -es war Lavendel- und schlug langsam die Augen auf. Sie blickte direkt in Merlis kleines faltiges Gesicht. „Hallo Freund.“, brachte sie mühsam hervor und versuchte zu lächeln. „Bin ich wieder in meinem Körper?“ Sie richtete sich langsam auf und sah an sich herab. Ja tatsächlich. Sie war wieder in ihrem Körper! „Was meinst du mit „wieder in meinem Körper“?“ Merli sah sie erstaunt an. Kiana winkte ab. „Ach, schon in Ordnung. Ich bin noch etwas schwach, es war wohl nur ein Traum.“ Gerade noch mal die Kurve gekriegt. Sie würde es ihm später erklären. Jetzt musste sie ihn erstmal warnen. „Merli, pack die Sachen zusammen. Eine Laersy verfolgt uns und hat vor, uns zu ihrem Herrscher Bexal zu bringen. Wir müssen sofort fliehen.“ „Was?“ Merlis Augen weiteten sich. „Eine Laersy?“ „Psst. Leise, Merli.“, unterbrach sie ihn und sah sich um. „Sie ist dicht hinter uns und hält sich versteckt. Pack alles zusammen. Ich erkläre es dir unterwegs. Beeil dich!“
Als Lixes nach einer Weile wieder einen Blick auf das Lager von Merli und Kiana warf, fand sie nur das leere Zelt vor. „Verdammt!“ Sie verließ ihr Versteck und rannte zur Feuerstelle. Sie befühlte die noch glühende Asche. Noch warm. Sie können nicht weit sein. Dieses Mädchen muss mitgekriegt haben, dass ich sie verfolge. Und da sind sie geflüchtet. Aber keine Sorge, ich finde sie. Egal wo sie sind. Lixes stand auf und konzentrierte sich. Sie schloss die Augen und schaltete alle ihre Sinne ab. „Zeig mir, wo die Auserwählte ist.“, dachte sie und wartete. Eine Weile passierte gar nichts. Da piepte es in ihrem Kopf und es kam die klare Antwort: „Tausend Meter östlich von hier am Ende des Vorgebirges des Ghi.“ Lixes öffnete die Augen. Jetzt hab ich euch!

„Also warst du auf einer anderen Bewusstseinsebene?“ Kiana nickte. „Ich bin mir ziemlich sicher. Ich frage mich nur welche und wieso.“ Merli ließ sich zurück fallen und ging neben ihr. „Deinen Beschreibungen zufolge befandest du dich in der Schatten-Ebene.“, meinte er fachmännisch. „Dorthin gelangt man bei tiefer Meditatation oder, wenn man Telepath ist, um bei Verletzungen seinen Schmerzen zu entfliehen.“ „Du meinst ich war dort um keine Schmerzen zu spüren?“ Merli sah sie an. „Das nehme ich an.“, sagte er. „Es gelang erst wenigen Lebewesen in die Schatten-Ebene zu gelangen. Deshalb kann ich es nur vermuten. Nur die Fassutnies allein wissen, wieso du dort gelandet bist.“ „Hm.“ Kiana ging ein paar Minuten schweigend neben Merli. „Und es gibt keine andere Möglichkeit in die Schatten-Ebene zu finden?“ Er überlegte. „Doch es gibt noch einen Weg, der ist allerdings schon seit Jahrtausenden nicht mehr verwendet worden.“ „Und der wäre?“ „Damals, es muss das Zeitalter der Britunis gewesen sein, haben die mächtigen Fassutnies einmal einen Krieger dorthin geschickt.“ „Wieso?“ „Nun, er sollte geistige Stärke erhalten. Um diese zu bekommen, musste er in der Schatten-Ebene mehrere Gefahren bestehen. Es ist nicht mehr bekannt welche Gefahren dies waren, aber sie sollen ihn fast zum Wahnsinn getrieben haben, ehe er sein Ziel erreichte.“ „Aber dieser Krieger hat es geschafft, oder?“ „Theoretisch schon. Allerdings kam es bei seiner Reise zurück zu Komplikationen.“ „Komplikationen? Wie meinst du das?“ „Er starb eines qualvollen Todes. Als er versuchte wieder in seinen Körper zu gelangen, entstand ein Raum-Zeit-Strudel. Niemand weiß warum. Dieser Strudel führte dazu, dass der Krieger halb in und halb außer seinem Körper war. Er war gefangen zwischen zwei Bewusstseinsebenen und starb so qualvoll als ihn der Strudel verschlang. Ein Teil von ihn war nämlich noch in seinem Körper und so wurde er zerstückelt.“, endete Merli ernst. „Das ist ja furchtbar. Ich hatte Glück, dass mir nichts passiert ist.“ Merli blieb stehen und sah ihr gerade in die Augen. „Das war nicht nur Glück.“, sagte er wissend und sein Gesicht nahm einen schelmischen Ausdruck an. „Das war providentiell – von der Vorsehung gewollt.“

Zur gleichen Zeit trat Meister Bexal auf den steinernden Balkon seiner Burg und sah auf die Schlucht unter ihm hinab. Die Burg war in das Felsgestein des zweithöchsten Berges der Hamaraberge, dem großen Druoi, gehauen worden und thronte so eindrucksvoll über der angrenzenden Grusal-Schlucht die den mächtigen Ghi von dem großen Druoi trennte. Ein unüberwindbares Hindernis für jeden, der in die Burg des Bexal eindringen wollte. Meister Bexal, Herrscher des Vorgebirges der Hamaraberge, hatte eine Möglichkeit gefunden über die Grusal-Schlucht zu gelangen, denn der Anstieg des großen Druoi war unzumutbar durch die spitzen und glatten Felsen: Über die dreißig Meter breite Schlucht führte eine kleine, zwei Schritt schmale, Brücke aus durchsichtigem Quarz. Jeder Unwissende übersah sie, doch sie war da. Das gefährliche daran war allerdings, dass Bexal sie auf Wunsch in die Burg einfahren lassen konnte und so den Zugang zu seiner Burg verweigerte. Man konnte also mit Recht behaupten, dass Bexals Burg uneinnehmbar für Außenstehende war.
Meister Bexal atmete die frische Bergluft ein. Er fröstelte leicht in seinen dünnen Gewändern aus silberner und blauer Seide. Seine Füsse steckten in, für diesen Fall, unzweckmäßigen Sandalen aus Leder. Seinen Kopf krönte eine silberne Krone in Form eines Adlers. Die Augen des Adlers bestanden aus Edelsteinen und auch sonst war sie reich verziert. Mit seinen wachsamen hellblauen, fast weißen, Augen überflog er die Umgebung. Nein, es ist noch nicht soweit., dachte er. Die Zeit ist noch nicht gekommen. Aber bald, das wusste er, würde sie ihm gehören: Die Auserwählte. Bexal wandte sich von der tiefen schwarzen Grusal-Schlucht ab und lief langsamen Schrittes in seine Burg. Er hatte noch etwas vorzubereiten, ehe Lixes die Eindringlinge brachte. Etwas teuflisches.

„Ich verstehe nicht, wieso Bexal ausgerechnet eine Laersy schickt um uns zu folgen.“, meinte Merli ehrlich und sah seine Begleiterin an. „Hast du eine Idee?“ Kiana schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nur eine Hypothese.“, sagte sie. „Es könnte doch möglich sein, dass er Angst vor uns, beziehungsweise mir hat. Wirkliche Angst. Deshalb schickt er jemanden von dem er weiß, dass er gefährlich ist, damit er uns erledigt bevor wir ihm schaden können.“ „Klingt wahrscheinlich.“, stimmte Merli zu. „Aber warum will er uns nun doch nicht töten lassen, sondern uns auf seiner Burg haben?“ „Ich weiß es nicht.“, antwortete sie ehrlich. „Aber genau das macht mir Sorgen.“
Ihre Verfolgerin Lixes hatte sie inzwischen mittels ihrer telepathischen Hilfe eingeholt und wartete nun versteckt auf den richtigen Moment um zuzuschlagen. Sie lag wie ein Tiger auf der Lauer. Als die beiden eine Pause machten um das Nachtlager aufzustellen, sah sie ihre Chance gekommen. Sie sprang hinter dem Felsen hervor und funkelte Merli, der allein das Feuer in Gang setzte, böse an. „Ergib dich und ich verschone dich.“, sagte sie und schlug die Kapuze zurück, damit er sehen konnte wer ihm gegenüber stand. „Niemals.“, antwortete der Gnom energisch und stellte sich mutig auf die kleinen Beine. „Du weißt wohl nicht wer ich bin.“, meinte Lixes drohend. „Hast du keine Angst vor einer Laersy?“ Ihre Augen schienen Blitze zu schleudern. Merli versuchte seine Furcht hinunterzuschlucken und tapfer auszusehen. Aber Lixes war genug Telepathin um zu spüren das er nahe einer Ohnmacht war. Sie lächelte. „Einfältiger Gnom. Glaubst du wirklich du könntest eine Laersy täuschen?“ Sie hob den linken Arm und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. „Feuerwelle.“, sagte sie ruhig und aus ihrem Finger schoss ein roter Feuerstrahl dessen Hitze Merli zusammen sinken ließ. In diesem Moment betrat Kiana das Lager. „Was zum…?“ Sie durchschaute die Szene sofort. „Lixes!“ Die Laersy sah sie an. „Du kennst mich? Gut, das erspart mir viel Zeit.“ Kiana trat mutig vor sie. Und diesmal wusste Lixes, dass sie es auch war. „Was willst du von uns? Reicht es nicht, dass Bexal dich verachtet, sollen wir dich auch noch hassen?“ Lixes Pupillen weiteten sich. „Du gefällst mir, Mädchen.“, sagte sie mit einem Lächeln, dass sie fast nett aussehen ließ. „Deine Kraft ist beeindruckend, ebenso dein Mut. Lass uns doch gemeinsame Sache machen.“ „Was?“ Kiana konnte es nicht glauben. Ein dermaßen unverschämtes Angebot hatte sie noch nie bekommen. „Lieber sterbe ich, als mich mit dir zu verbünden!“ „Dann muss ich leider dasselbe mit dir machen wie mit deinem kleinem Freund.“ Lixes sah Kiana tief in die Augen und sie konte sich nicht mehr rühren. Es war als würde eine unsichtbare Kraft sie festhalten. Lixes murmelte: „Feuerwelle.“ Und Kiana wurde von der starken Druckwelle bewusstlos. Lixes wollte sie gerade hochheben, da hörte sie ein leises Knurren und Lucky schoss auf sie zu. Lixes lachte herzlich. „Was denn? Ein Wachhündchen wie du will mich aufhalten?“ Sie schnipste mit den Fingern und ein kleiner Feuerball der mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit vom Himmel fiel, hüllte Lucky ein und als das glühende Leuchten verschwunden war lag er leblos am Boden. Lixes sammelte die drei schlaffen Körper auf und machte sich auf den Weg zu Meister Bexals Burg.

Bexal saß gerade in seiner Zauberkammer und reinigte seine magischen Instrumente, als er den telepathischen Kontakt von Lixes wahrnahm. Jetzt nicht!, dachte er. Ich bin beschäftigt.

Aber Meister, ich habe Neuigkeiten., kam die Antwort zurück. Meister Bexal legte seine Geräte zur Seite und erhob sich mit einem Seufzen. Immer im falschen Augenblick. So sprich, Lixes.
Ich habe die drei Verräter gefasst – wie befohlen.
Gut, bringe sie nun zur Burg. Wo bist du jetzt?
Fast an der Bergspitze des Ghi. Morgen erreiche ich Eure Burg.
Ich werde euch erwarten. Lixes…
Ja, Meister?
Ich warne dich: Wenn du soetwas noch einmal tust werde ich nicht so nachsichtig sein.
Was hätte ich denn tun sollen? Sie überreden freiwillig mitzukommen?
Ja, genau das. Dein falsches Verhalten wirkt sich auf die Belohnung aus, darüber bist du dir hoffentlich im Klaren. Aber nun entschuldige mich, ich habe noch viel zu tun.
Jawohl Meister. Lixes Ende.

Kiana erwachte in der Schatten-Ebene, mit einem Unterschied: Sie war in einer Burg! Das Zimmer in dem sie sich befand war kunstvoll eingerichtet: Antike Möbel, ein Himmelbett und in der Mittte des Raumes ein weicher Kaschmirteppich. Kiana schwebte durch den Raum. Wo war sie? Da entdeckte sie eine Holztür am Ende des Raumes. Kiana brauchte sie nicht zu öffnen, sie flog einfach hindurch. Das Zimmer in dem sie jetzt stand war ein Badezimmer. Aber wie elegant! Es war mit Fliesen ausgelegt und hatte eine Badewanne die groß genug war um ein Pool zu sein. Es hatte einen großen, aufwendig verarbeiteten Spiegel und eine Bodenheizung. Kiana schwebte durch die Tür zurück ins Schlafzimmer. Wie merkwürdig, dass niemand hier ist., dachte sie. Da öffnete sich die massive Holztür neben dem Bett und ein Mann trat ins Zimmer. „Ich grüße Euch.“ sagte er in einem tiefen Bass. Kiana drehte sich um. Meinte er sie? War sie nicht unsichtbar? „Wer seid Ihr?“, fragte sie und trat zu ihm. Er war ein älterer Mann mit weißem Haar und blauen Augen. Seine Kleidung wies ihn als Zauberer aus. „Mein Name ist Kregil. Ich heiße Euch willkommen auf Burg Dark.“ Er verbeugte sich. „Wenn Ihr mir nun folgen wollt, der Meister erwartet Euch, Lady.“ Kiana wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Dieser Herr war der erste der sie sehen konnte, oder tat er nur so?, und sie hatte keine Ahnung wo genau sie war – und weshalb. „Also gut.“, sagte sie. „Führt mich zu ihm.“ Was hatte sie schon zu verlieren? Der Mann Kregil verbeugte sich und lief voraus. Kiana überlegte einen Moment und folgte ihm.

Kregil führte sie durch verwirrende Steinflure an alten Statuen vorbei und über lange Marmortreppen. Schließlich hielt er vor einer großen Holztür. Sie war pechschwarz und in ihrer Mitte hing das Enblem der Gondra, der Gestaltwandler. Der Mann Kregil verbeugte sich und ließ sie stehen. „Moment.“, rief sie ihm hinterher. „Was soll ich denn jetzt machen?“ Aber er war schon verschwunden. Typisch., dachte sie. Lässt mich einfach stehen. Unverschämt. Da fiel ihr Blick auf den Eisenring an der rechten Seite der Tür. Ach was., dachte sie. Ich bin ein Feigling wenn ich es nicht tue. Kiana atmete tief ein und zog am Eisenring. Die Tür knarrte und öffnete sich selbstständig nach innen. Der geöffnete Raum war zunächst stockfinster. Doch als Kiana einen Fuß hinein setzte, klickte es und an den Wänden entzündeten sich Pechfackeln. Kiana nahm wahr, dass es ein Braukeller war, ein Raum in dem Zauberer ihre Zaubertränke zubereiteten. Zu zwei Seiten des Kellers standen Bücherregale in denen sich, so vermutete Kiana, Zaubersprüche befanden. Gerade vor ihr stand ein großer Kessel aus Zinn und rechts daneben lagen etliche Kissen, sodass eine Sitzecke gebildet wurde. Kiana sah sich um, entdeckte aber niemanden. Wo war denn nun dieser Meister der sie sprechen wollte? Sie schwebte zur Kissenecke und setzte sich. Würde sie halt warten. Kurze Zeit später zogen Nebelschwaden durchs Zimmer und ein Mann erschien. Er trug die Kleidung der Magier. „Seid gegrüßt.“, sagte er und ließ sich neben Kiana nieder, sodass seine Gewänder raschelten. „Mein Name ist Bexal. Ich nehme an Ihr kennt mich schon.“ Kiana sah ihn an. DAS sollte der furchteinflößende Meister sein? Die Person neben ihr sah ganz und gar nicht gefährlich aus: Ein Mann Mitte zwanzig, jedenfalls rein optisch, mit roten schulterlangen Haaren und unwirklich hellen, fast weißen, Husky-Augen. Sein Lächeln wirkte freundlich. „Ihr seht erstaunt aus, Lady. Ist etwas nicht in Ordnung?“ Sie sammelte sich. „Nein, schon gut. Ich hatte mir Euch nur anders vorgestellt. Irgendwie älter.“ Er lachte laut los und es wirkte ansteckend, sodass Kiana schmunzeln musste. „Danke Lady. Man sieht mir also meine dreitausend Jahre nicht an?“ Dreitausend Jahre!, registrierte Kiana. Er sah jünger aus. „Ich nehme an, meine Schwester Tria hat Euch erzählt ich sei blutrünstig und stürze mich auf Euch sobald ich Euch sehe.“ Sie errötete leicht. „So in etwa.“, gab sie zu. Er nahm ihre Hand. Ihre Hand! Und sie dachte Berührungen seien hier unmöglich. „Und was denkt Ihr jetzt?“ Es war beängstigend wie charmant er sein konnte. Bexal übte eine nicht zu verachtene Faszination auf sie aus. Sie musste sich in Acht nehmen! Kiana schluckte. „Nun, ich meinerseits finde ich Euch ganz und gar nicht furchteinflößend.“ Er lächelte reizend. „Ich danke Euch.“ Er spürte, dass sie verwirrt war. Auch wenn man Gefüle hier eigentlich nicht wahrnahm. „Aber ich habe Euch aus einem bestimmten Grund hierher gebracht.“, meinte er und wurde ernst. „Ich möchte Euch vor eine Wahl stellen.“ Er drückte leicht ihre Hand. „Ich habe Euch lange Zeit beobachtet, Auserwählte. Eure Macht ist beeindruckend. Deshalb stelle ich Euch vor eine Wahl, vor die Euch sonst niemand stellen würde. Wie fändet Ihr es hier mit mir zu regieren? Seite an Seite. Weit weg jeglicher Zivilisation, nur wir beide. Ich schenke Euch die Unsterblichkeit und wir teilen unsere Macht. Ich könnte Euch zeigen wie Ihr noch stärker werden könntet. Mein Wissen an alter Magie ist nicht verachtenswert. Was sagt Ihr dazu?“ „Nun…“ Kiana musste erstmal schlucken. Mit vielem hatte sie gerechnet, aber nicht damit. „Das klingt verlockend.“, musste sie zugeben. „Aber ich lehne dankend ab. Ich habe eine Mission zu erfüllen. An erster Stelle kommt der Dolch des Hussinkulé.“ Er lächelte. Sie hat einem stärkeren Willen als ich anfangs dachte. Ich darf sie nicht unterschätzen. „Natürlich.“ Er erhob sich. „Aber denkt über mein Angebot nach.“ Sie stand ebenfalls auf. „Das werde ich, Bexal. Und, wer weiß, vielleicht kehre ich eines Tages zurück wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe.“ Sie lächelte reizend. „Ihr müsst nun in die Erste Bewusstseinsebene zurück. Aber wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich Euch.“ Bexal erhob sich und lächelte wissend. „Das hoffe ich doch, Bexal.“, sagte Kiana, die nicht wusste was sie von diesem letzten Satz halten sollte. „Lebt wohl.“

Das erste was Kiana wahrnahm war die Kälte. Eisige Kälte. Sie öffnete die Augen. Sie, Merli und Lucky lagen gefesselt in meterhohem Schnee. Lixes stand mit dem Rücken zu ihnen. Sie schrie gerade etwas über den Abgrund einer Schlucht auf dessen anderer Seite eine Burg stand. Kiana verstand nicht genau was sie rief, aber es klang wie „Sonnenstern“. Kiana versuchte sich zu bewegen. Doch die Kälte machte es ihr unmöglich. Schmerz schoss durch ihren Körper und sie merkte, dass sie Frostbeulen und Verletzungen ersten Grades an Armen und Beine hatte. Wahrscheinlich, dachte sie, hatte sie diese auch im Gesicht denn es fühlte sich taub und wund an. Sie fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. „Merli.“ Es war nur ein Flüstern. Er rührte sich nicht. Mein Gott, wie lange lagen sie schon hier in dieser todbringenden Kälte? „Lucky.“ Keine Reaktion. Es schien als sei sie die einzige, die bei Bewusstsein war. Was hatte das zu bedeuten? Da fiel es ihr ein. Die Burg. Es war die gleiche in der sie gerade schon einmal gewesen war! Das bedeutete, dass sie bald erneut Bexal gegenüber stehen würde. Also hatte sich sein Abschiedssatz bewahrheitet. Oder hatte er nachgeholfen? War sie denn so lange ohnmächtig gewesen? Da drehte sich Lixes zu ihnen um. Kiana schloss die Augen und tat, als sei sie noch bewusstlos. Sie spürte wie die Laersy sie hochhob und über eine dünne Quarzbrücke trug, dann machte es ihr der beissende Wind unmöglich die Augen zu öffnen. Sie sank in einen erlösenden Schlaf.

Kiana öffnete vorsichtig ein Auge. Gerade über ihr waren kleine Sterne am Baldachin aufgenäht. Moment mal, Baldachin? Ein Himmelbett? Kiana war nun vollständig wach. Sie schlug die Augen auf. Tatsächlich. Sie lag in einem zartblauen Himmelbett. Kiana versuchte sich aufzusetzten und erst jetzt bemerkte sie, dass Bexal auf der Kante ihres Bettes saß. „Seid mir gegrüßt Lady. Nein nicht!“ Er drückte sie sanft in die Kissen zurück. „Ihr seid noch zu schwach. Durch die Kälte habt Ihr Erfrierungen ersten Grades an Eurem Körper erlitten. Ich habe mich darum gekümmert. Aber Ihr seid noch sehr erschöpft. Legt Euch ruhig noch ein wenig zur Ruhe.“ „Warum tut Ihr das alles für mich?“, flüsterte Kiana. Ihre Stimmbänder waren noch angegriffen. Bexal lächelte und nahm ihre kalte, verbundene Hand in seine. „Weil Ihr Gast auf meiner Burg seid.“ Es sah so aus als wollte er noch etwas ergänzen, aber er tat es nicht. „Nur deswegen?“, forschte Kiana deshalb weiter. Er sah ihr tief in die Augen. „Nein,“ sagte er. „Nicht nur deshalb. Aber das ist eine lange Geschichte und du bist zu schwach, Kiana. Ruh dich aus, ich sehe gegen Abend nochmal nach dir.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Hand, stand auf und verließ das Zimmer ohne sich nochmal umzudrehen.
Was zum Teufel ist los mit mir?, fragte sich Kiana, die allein zurückgeblieben war. Kaum ist er in meiner Nähe, bin ich nicht mehr ich selbst. Es ist unglaublich. Ich habe einen Freund und flirte mit einem Mann der mich noch nicht einmal interessiert. Was ist mit mir los? Liegt es an dieser Burg? Strahlt sie eine Macht aus, die Personen gefügig macht? Auch Lixes verhält sich in seiner Nähe anders als sonst und ist unterwürfig. Was hat er an sich, dass alle ihm verfallen? Oder sind es nur Frauen? Nein, das kann nicht sein. Kregil hatte auch diesen merkwürdigen glasigen Blick. Das fällt mir jetzt erst auf. Aber was soll ich tun? Wenn ich noch länger bleibe, gewinnt er vielleicht Kontrolle über mich. Ich muss fliehen solange ich noch kann. Wer weiß was sonst noch passiert. Tria hatte Recht, er ist gefährlich. Ich bin ein Idiot, das jetzt erst zu erkennen. In was für Schwierigkeiten ich meine Freunde schon gebracht habe… ich muss diesen Zauber beenden. Noch heute. Sonst ist es zu spät. Kiana schlug die Decke zurück und setzte sich unter Schmerzen auf. „Ich muss Merli und Lucky suchen. Bestimmt sind sie hier auf Burg Dark.“ Sie erhob sich umständlich, denn die ruckartige Bewegung hatte einen Krampf in der Rückenmuskulatur ausgelöst. Sie biss die Zähne zusammen und lief zur massiven Holztür. „Verdammt, das kommt nicht nur von den Erfrierungen. Bexal hat mir bestimmt irgendetwas eingeflößt das mich daran hindert zu fliehen. Klug ist er. Hat vorhergesehen, dass ich es versuchen würde.“ Sie lehnte sich mit aller Kraft gegen die Tür und sie öffnete sich einen Spalt breit. Kiana atmete aus und quetschte sich durch den Türspalt. Sie stand nun in einem der zahlreichen Steinflure. Kiana sah nach links und rechts. Und nun? Kiana versuchte durch ihre Telepathie Merlis Standpunkt festzustellen. Doch wie in den letzten paar Tagen, funktionierte es nicht. Verdammt noch mal, was hatte dieser Kerl nur mit ihr gemacht? Kiana zügelte ihre Wut und versuchte klar zu denken. Was nicht so einfach war, wenn die Schmerzen in Armen und Beinen sie zu überwältigen drohten. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Sie spürte einen leichten Windzug von links, also musste dort ein Fenster, Ausgang oder sonstiges sein. Wenigstens etwas. Sie stützte sich an die Steinwand und arbeitete sich langsam vorwärts.

Der Gang schien unendlich lang zu sein. Kiana lief schon seit Stunden durch die verwirrenden Steinflure, die alle gleich aussahen und sich immer nach hundert Metern kreuzten. Ihr schien es, als habe sie sich den leichten Windzug nur eingebildet. In ihrem Zustand war das gut möglich. Und ihre Schmerzen wurden immer unerträglicher. Bei jedem Schritt hatte sie das Gefühl zehn Messer schnitten ihr ins Fleisch. Nach weiteren dreißig Minuten blieb sie stehen. Kiana musste es sich eingestehen: Sie hatte sich hoffnungslos verirrt. Und was jetzt? Wie sollte sie je zu ihren Freunden finden? Sie stand da und wusste nicht weiter, als sie es sah. ES. Das Etwas war ein kleiner grüner Stiefel. Ein Stiefel, den sie kannte. Merlis Stiefel! Anscheinend war er verloren gegangen, als Lixes sie durch die endlosen Steingänge getragen hatte. Kiana schleppte sich zu dem Schuh und hob ihn auf. Da hatte sie eine Vision: Lixes trug Merli und Lucky auf der Schulter in ein dunkles Verlies, Kiana konnte genau den Weg erkennen den sie nahm, so als sei sie dabei, warf sie brutal hinein und schloss die schwere Eisentür. Sie waren gefangen. Kiana blinzelte und blickte auf den Schuh in ihren Händen. Sie war noch so überrascht über die Vision -schließlich hatte sie seit Wochen keine mehr gehabt- dass sie Mühe hatte zu realisieren, dass sie wieder im Steinflur stand. Kiana setzte den Stiefel wieder ab und hiefte sich an der Steinmauer hoch. Wenigstens wusste sie jetzt, dass ihre Freunde am Leben waren und wo sie sich befanden. Kiana atmete tief durch und tastete sich an der Steinwand vorwärts. Sie durfte keine Zeit verlieren. Langsam, ganz langsam, machte sie sich an den für sie beschwerlichen Weg zum Verlies der Burg.

Währenddessen erwachte Merli in der Zelle des Kerkers aus seinem Erschöpfungsschlaf. Vorsichtig öffnete er ein Auge und versuchte die Lage, in der er sich befand, zu überblicken. Fakt war, dass er allein in einem äußerst ungemütlichen Verlies fest saß, das zusätzlich von Wachposten Bexals gut bewacht wurde – Flucht war unmöglich. Überhaupt wirkte die Zelle in der er sich befand nicht sehr anmutig: Die karge Einrichtung bestand aus einer ziemlich instabil aussehenden Holzpritsche mit etwas Stroh als Kissen und einem runden Loch im Boden das wohl als Toilette dienen sollte – nicht sehr hygienisch. Zudem war es in dem abgegrenzten Verlies des wohl riesigen Kerkers ziemlich feucht und düster, die einzige Lichtquelle spendeten zwei rußende Pechfackeln zu beiden Seiten des quadratischen Verlieses. Merli hatte genug gesehen. Er schloß die Augen und hoffte inständig alles möge nur ein böser Traum sein. Doch als er die Augen erneut öffnete war alles unverändert – es war die grausame Realität. Merli, der die ganze Zeit über versucht hatte mutig und stark zu wirken, war überwältigt. In dieser Situation ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. All seine Fehler und Schwächen seines langen Gnomdaseins stiegen wie eine Flutwelle in ihn auf und er fing leise an zu schluchzen, es war einfach zuviel für den gutmütigen Gnom gewesen. Merli lag zusammengekauert in einer Ecke der Zelle und weinte bittere Tränen. So verbrachte er die nächste Stunde bis eine innere Stimme ihn mahnte mit dem Heulen aufzuhören und endlich ein wenig Tapferkeit an den Tag zu legen. Schließlich, so die Stimme, sei er doch kein Angsthase also solle er sich am Riemen reißen und endlich beweisen was in ihm steckt. Recht hatte die Stimme ja, das sah er ein. Also trocknete Merli, der sich wie neu geboren fühlte, seine Tränen und stand auf. Jetzt musste er nur noch heraus finden wo sich der Rest seiner Freunde befand.
Kiana war zur selben Zeit unterwegs zum Kerker von Burg Dark um ihre Freunde zu retten. Sie wusste mit einer Bestimmtheit die sie erstaunte, dass sie dort sein würden. Auch wenn sie noch immer durch die Frostbeulen und Bexals Gift große Schmerzen hatte, die immer stärker zu werden schienen, kämpfte sie sich Stück für Stück voran. Der Gedanke an ihre Freunde trieb sie vorwärts. Sie war sich im Klaren darüber, dass es eine Falle sein könnte. Schließlich wusste Bexal, dass sie ihre Freunde nicht zurück lassen würde und das war ihr Schwachpunkt. Doch niemals hätte sie sie im Stich gelassen. Nicht mal wenn, zu dieser Erkenntnis kam Kiana, die Rettung der Insel Guama davon abhängen würde. Und das tat es.

Merli saß vor der schweren Eisentür der Zelle und verwünschte seine Faulheit wegen der er die magische Zauberschule der Gnome nicht bestanden hatte und so auch über keinerlei magische Fähigkeiten verfügte. Hier, im Kerker Bexals, wären Zaubermächte bestimmt recht nützlich gewesen. Und das einzige was er fertig brachte waren Zaubertränke zur Verbesserung des fabelwesen-menschlichen Zustandes. Merli seufzte. Was konnte er nur tun um zu entkommen und seine Freunde zu suchen? Er war ratlos. Da kam ihm ein kurzer aber durchaus einleuchtender Gedanke: Wenn er den Zustand eines Wesens verbessern konnte dann wäre er doch auch in der Lage ihn zu verschlechtern. Die Eisentür war zwar weder Fabelwesen noch Mensch, trotzdem müsste er in der Lage sein die Konsistenz oder Beschaffenheit so zu verändern, dass die Tür leicht zu durchbrechen wäre und er somit fliehen könnte. Merli staunte über sich selbst. Auf derart kluge Einfälle wäre er früher nie gekommen. Ob Kiana diese Bewusstseinserweiterung in ihm hervor rief? Merli nahm seine wenigen Zauberutensilien zur Hand und machte sich an die Arbeit. Es war noch viel zu tun.

Kiana hatte indessen den Bereich der Burg erreicht der als „Mauern des Todes“ bekannt war. Hier lagen der Kerker und etliche Folterkammern. Zu ihrer Überraschung standen keinerlei Wachposten vor der dicken Holztür die in das Labyrinth der Mauern des Todes führte. Kiana schleppte sich zu ihr und wollte sie öffnen, da fiel ihr Blick auf ein Symbol das sie schon einmal gesehen hatte – das Zeichen der Gondra, der Gestaltwandler. Kiana hielt mitten in der Bewegung inne und betrachtete es nachdenklich. Wieso stieß sie hier überall auf dieses Zeichen? Schon im Braukeller Bexals war ihr dieses Symbol aufgefallen. Also, was hatte es zu bedeuten? Da durchfuhr die Erkenntnis sie wie ein Blitz: Bexal, Herrscher des Vorgebirges der Hamaraberge und ihr Feind, war ein Gondra. Ein Wesen das jederzeit seine Gestalt wechseln konnte und von dem niemand wusste wie es wirklich aussah – und welche Macht es besaß. Kiana behielt angesichts dieser neuen Umstände die Ruhe. Priorität war nunmal ihre Freunde in Sicherheit zu bringen, mit dem Rest würde sie sich später beschäftigen. Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf drückte sie gegen das Symbol der zwei ineinander verschlungenen Drachen auf schwarzen Dornen. Die schwere und reich verzierte Holztür öffnete sich langsam unter Quietschen. Hoffentlich hat es niemand bemerkt., dachte sie voller Unruhe. Gegner konnte sie jetzt und in ihrem Zustand nicht gebrauchen. Vorsichtig lugte sie hinter der mächtigen Tür hervor, es schien sicher zu sein. Kiana betrat nun die erste der gefährlichen Kammern des unterirdischen Labyrinths: Den Saal des roten Python, die erste Station der sieben Mauern des Todes. Hier lauerten etliche Gefahren um Flüchtlinge zu stoppen, und zwar nicht zu knapp. Kiana wusste das und nahm sich in Acht. Schließlich kannte sie die trickreichen Fallen nicht, die sie zu bewältigen hatte. Der Saal des roten Python bestand aus einer tiefen schwarzen Schlucht die ins Nichts zu führen schien und über die verstreut rote und blaue Säulen, um die sich pythonartige Wesen zu schlängeln schienen, führten. Zweck dieses Raumes, so dachte sich Kiana, war es wohl die Besten auszulesen, die es dann in die nächsten Todesmauern schafften – oder aus dem Labyrinth heraus. Doch woher wusste Kiana auf welche der Säulen sie getrost treten durfte und welche direkt ins Nichts stürzten? Sie überlegte einen Augenblick, dann nahm sie einen herumliegenden Stein und warf ihn auf die rote Säule direkt vor ihr. Es gab ein lautes Krachen und die Säule stürzte ein. Kiana erschrak. Gott sei Dank war sie nicht auf diese Säule getreten. Kiana wusste nun auf welche Säulen sie springen musste, um auf die andere Seite zu gelangen. Sie atmete tief ein und sprang von Säule zu Säule bis sie die schützende andere Seite erreicht hatte. Einmal wäre sie beinahe gestürzt da sie die vorletzte blaue Säule leicht verfehlt hatte, doch sie konnte das Gleichgewicht zurück erlangen und sicher auf der Säule landen. Trotzdem hatte sie beachtliche Probleme, da sie die Dinge durch ihr geschwächtes Immunsystem leicht verschwommen sah. Glücklicherweise war sie trotz ihrer Sehschwäche und ihrer schwachen Arme und Beine in der Lage sicher zu koordinieren und so auf der Säule zu landen. Die erste Prüfung war also bestanden. Doch welche würden nun folgen?

Gut. Wirklich clever. Bexal der Kianas Abenteuer durch seine Kristallkugel genau verfolgte, nickte anerkennend. Sie war, das musste er sich eingestehen, nicht nur wunderschön und mächtig sondern auch noch überaus gescheit und klug – er musste sich in Acht nehmen, sie war ein starker Gegner. Den Saal des roten Python hast du zwar geschafft, aber den Fluss der düsteren Seelen überquerst du nicht. Das haben nur wenige geschafft. Dazu muss man gerissen und schnell handeln, ich bin gespannt ob du diese Eigenschaften besitzt. Bexal ahnte nicht, dass genau das Kiana auszeichnete. Armer Bexal, was für ein Egoist er doch war! Es war ein Fehler dieses außergewöhnliche Mädchen zu unterschätzen. Doch Gondra waren nun einmal uneinsichtig. Vor allem wenn sie so verbittert und voller Hass waren wie er.
Merli war unterdessen mit der Herstellung des Zaubertranks beschäftigt. Es war nur noch eine Frage von Minuten bis der Trank fertig gestellt war. Merli hatte ihn zum Ausräuchern unter die Holzliege gestellt und wollte ihn nach Beenden dieser weiter bearbeiten. Doch der Zufall machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Eben in dem Augenblick als der Zaubertrank fertig geräuchert hatte und Merli ihn unter dem Bett hervorholte, flog die Tür auf und Lixes spazierte hinein. „Was zum Teufel tust du da?“, brüllte sie ihn an und Merli versuchte unnütz den Trank hinter seinem Rücken zu verbergen. Lixes hatte ihn schon entdeckt. Ihre Augen leuchteten auf. „Ein Zaubertrank? Wie niedlich. Du glaubst doch nicht ihm Ernst, dass dir das etwas nützt oder?“ Sie kniff die Augen zusammen und Merli war wie gelähmt. Er konnte sich nicht bewegen. Lixes öffnete die Eisentür und nahm Merli den Zaubertrank aus der steifen Hand. „Den bewahre ich lieber auf.“, sagte sie und ließ ihn in ihrem Beutel, der an dem Schwert um ihre Taille hing, verschwinden. „Und nun zu dir, Ayla.“ Sie drehte sich um und schnippte mit dem Finger. Auf ihren Befehl hin trugen die zwei Wachposten eine zierliche Frau mit metallblauen Haaren, in denen sich hellblaue Strähnchen befanden, herein. Sie war bewusstlos. Lixes deutete auf die offene Zelle in der der immernoch starre Merli hockte. „Werft sie dort hinein.“, ordnete sie an. „Und verschließt die Tür wieder gründlich.“ Die Wachen taten wie befohlen und die Frau wurde unsanft auf den harten Boden gestoßen. „Und nächstes Mal,“ meinte die Laersy mit drohendem Unterton. „Passt ihr besser auf diesen Gnom auf.“ Mit diesen Worten verschwand sie durch die Verliestür. Die Wachen folgten ihr.
Nachdem sie außer Sichtweite waren, konnte sich Merli wieder bewegen. Er kroch zu der Frau namens Ayla, die langsam zu sich kam. „Wie geht es Euch?“, fragte er freundlich. „Nun,“ sie ließ ihren Blick in der Zelle schweifen und blickte dann den Gnom lächelnd mit ihren lilanen Augen, in denen sich runde weiße Punkte befanden, an. „Es geht, danke. Wer seid Ihr? Und wo befinden wir uns?“ Sie richtete sich langsam auf. Merli half ihr beim Aufstehen indem er ihr seinen, wenn auch kleinen, Arm hin hielt. „Mein Name ist Merli und ich bin, wie Ihr sehen könnt, ein Gnom aus dem Ziadwald. Und wir sind im Kerker von Bexal, dem Herrscher des Vorgebirges der Hamaraberge. Wie kommt Ihr hierher, Lady?“ Die Frau sah ihn verwirrt an. „Ich weiß nicht. Eben noch befand ich mich in unserem Dorf an der Zweigung des Lingas-Flusses, da wurde ich niedergeschlagen und anscheinend hierher verfrachtet.“ „Könnt Ihr Euch erklären weshalb Ihr hier seid?“ „Nein, ich weiß es nicht. Mich wundert es auch, dass kein weiterer meiner Stammesmitglieder hier ist. Das verstehe ich nicht.“ Sie trat vor die Eisentür und rüttelte daran, was zur Folge hatte, dass sich die Lucke in der massiven Holztür öffnete und einer der Wachen argwöhnisch hineinschielte. „Sinnlos. Fest wie Diamant.“ Sie wandte sich um und sah Merli an. „Sagt mir, Merli nicht? Weshalb seid Ihr hier?“ „Ich begleitete meine Freundin Kiana -die Auserwählte- zum Gipfel des Ghi um in die Höhle des Hussinkulé zu gelangen, als Lixes uns überraschte und hierher zu Bexal brachte.“ „Die Auserwählte sagst du? Dann ist es klar. Doch wo befindet sich deine Freundin jetzt?“ Merli schüttelte den Kopf mit der grünen Dreispitzmütze. „Ich weiß nicht, Ayla. Deshalb muss ich ja hier raus. Ich muss sie suchen – schließlich hängt die Rettung Guamas davon ab.“ „Sie ist also wirklich die Auserwählte die gegen Trianntos kämpfen soll.“ „Ja.“ „Dann ist es also mal wieder so weit. Die Schlacht zwischen Gut und Böse – der Sa’am naht. Glaubst du sie schafft es?“ „Wenn du sie kennen würdest, wüsstest du es. Sie ist anders als die anderen. Sie wird es schaffen.“, meinte Merli überzeugt. „Na dann ist es doch ein leichtes für sie von hier zu fliehen.“ Ayla lächelte und sah zur Eisentür, hinter der sich am Ende des Raumes die Lucke der Holztür wieder geschlossen hatte. „Hab ich schon erwähnt, dass ich eine Shira bin?“

Kiana sah sich in der Grotte vorsichtig um. Sie bildete die zweite Kammer der Mauern des Todes: Der Fluss der düsteren Seelen. Die Grotte in der Kiana nun stand war riesig und die feuchten Wände waren fast pechschwarz. Genau vor ihr lag ein etwa zwanzig Meter breiter Fluss von grünbräunlicher Farbe. Anscheinend war es ihre Aufgabe über diesen Fluss zu gelangen. Das kann doch nicht so schwer sein., dachte sie. Es muss hier irgendwo eine versteckte Falle geben. Aber wo? Bestimmt befindet sich etwas in dem Fluss, sodass es unmöglich ist ihn zu überqueren. Hm. Was sollte sie tun, um es herauszufinden? Kiana überlegte. Würde der Trick der vorigen Kammer hier auch wirken? Sie sah sich um. Nirgens lag auch nur ein lausiger Stein herum. Natürlich. Vorsorge muss sein. Aber was dann? Sollte sie einfach in den Fluss steigen und abwarten was passiert? Nein, viel zu gefährlich. Wer weiß was dort lauerte. Sie entschloss sich erstmal zu warten. Vielleicht zeigt sich das Etwas ja. Wer weiß. Doch nach einer viertel Stunde war sie es leid zu warten. Ihr Blick wanderte nach oben. An der Decke der Grotte hingen kurze lianenähnliche Zweige. Und wenn sie sich nun über den Fluss schwang? Gute Idee. Das Problem war nur: Wie gelangte sie an die Lianen? Sie hingen in einer Höhe von ungefähr vier Metern. Und selbst wenn Kiana eine gute Springerin wars so hoch schaffte sie es dann doch nicht. Also was tun? Sie blickte sich nach einer Art Sprungbrett oder Treppe um, doch weit und breit war nichts vergleichbares zu sehen. Es musste doch eine Möglichkeit geben da hoch zu kommen! Da fiel ihr Blick auf einen unscheinbaren Stalagmiten. Er lag auf ihrer Augenhöhe und musste daher ungefähr einen Meter sechszig hoch sein, sie hatte ihn aufgrund seiner dunklen Farbe, die dieselbe wie die der Wände war, ganz übersehen. Kiana lief zu ihm und inspizierte ihn gründlich. War er in der Lage ihr Gewicht zu tragen? Die Antwort war: Ja. Endlich hatte sie es geschafft! Sie hatte den richtigen Weg gefunden. Kiana kletterte mit großer Anstrengung auf den Stalagmiten, denn er war nicht nur spitz und steil sondern auch glatt, und reckte sich nach oben. Zwischen ihrem ausgestreckten Arm und der ersten Liane war noch ein Abstand von circa 80 Zentimetern. Sie konzentrierte sich ihr Gleichgewicht zu halten und sprang mit aller Kraft ab. Ihre Fingerspitzen berührten leicht die weichen Lianen. Doch bei der Landung rutschte Kiana an dem glatten Stalagmiten ab und knickte mit dem Knöchel um als sie auf dem harten Felsgestein landete. Ein starker, nicht auszuhaltener Schmerz schoss durch ihr linkes Bein und sie hatte Mühe nicht vor Schmerz laut aufzuschreien. Kiana schloss die Augen und versuchte den unerträglichen Schmerz zu ignorieren. „Scheiße.“ Sie biss sich auf die Lippe hielt mühsam die heraufsteigenden Tränen zurück. Doch an genau dem Knöchel ,auf dem sie umgeknickt war, hatte sie eine Erfrierung ersten Grades durch den eiskalten Schnee. Verständlich, dass das natürlich weh tat. Eine Träne der Qual rollte ihr übers Gesicht als sie versuchte aufzustehen, doch sie gab nicht auf. Als sie sich langsam aufgerappelt hatte, humpelte sie erneut zum Stalagmiten. So leicht wird man mich nicht los. Ich schaffe das hier und wenn es das letzte ist was ich tue. Jetzt erst recht. Und du, dachte sie und sah den Stalagmiten herausfordernd an, hälst mich auch nicht auf. Kiana kraxelte ihn herauf und sammelte nochmal ihre Kraft, denn der Sprung würde sie Kraft kosten und der eventuelle Sturz sowieso. Dann öffnete sie die Augen und fixierte ihr Ziel: Das war in diesem Fall der lianenähnliche Zweig. Kiana atmete tief ein und sprang…

„Du bist eine Shira?“ Merli konnte es nicht fassen. Eine Shira. Ein Fabelwesen mit der Macht Metalle zu schmelzen, sie anzuziehen oder sie abzustoßen. Die stärksten Shira konnten sie auch nach Belieben formen, verbiegen und sogar durchbrechen. Sie waren ein friedliches Volk, das nur aus Frauen bestand. Ihre Kraft war allerdings nur auf Metalle beschränkt. „Nun denn, die Eisentür sei dein.“ Merli trat zur Seite und lächelte Ayla verschwörerisch an. Sie erwiderte sein Lächeln und trat vor die Eisentür. Sanft fasste sie eine Eisenstange der Zelle an, so als hätte sie Angst sie zu berühren, und schloss die Augen. Nach wenigen Sekunden fing die Eisenstange an leuchtend rot zu glühen und Merli sah unter Staunen wie sie unter lautem Zischen anfing flüssig zu werden. Dabei schien Ayla die Hitze die dabei entstand nichts auszumachen. Als nur noch ein rot-orange farbener Metallstummel übrig war öffnete sich die Verliestür und Lixes stand im Türrahmen. „Beeindruckend, Ayla. Wirklich gut. Doch nun genug mit den Späßchen. Feuerstab.“ Man hörte ein Donnern und die fehlende Metallstange wurde wie im Zeitraffer wieder zusammengesetzt. „Glaubt nie eine Laersy sei schwach.“, sagte sie zu den beiden erschrockenen Gefangenen. „Unsere Feuerkräfte gehen weit über die der Shira hinaus. Also versuche erst gar nicht mit deinem Gnomfreund zu entkommen, Ayla. Und falls doch, endet es unangenehm. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ Aylas wunderschöne Augen schleuderten Blitze. „Du bist verachtenswert, Lixes. Weißt du das überhaupt?“ Die Laersy lachte los. „Ich und verachtenswert? Du hast ja keine Ahnung. Nur der Stärkere überlebt, das war schon immer so, das ist so und das wird auch immer so bleiben. Du siehst, Ayla, ich bin nur der Gewinner. Der Sieger im Spiel. Und Sieger sind nunmal grausam, nur so können sie überleben und Sieger bleiben.“ „Mein Gott, du glaubst doch nicht wirklich was du da sagst, oder?“ Ayla sah sie verächtlich an. „Die Menschen, die noch Liebe in sich tragen und die wissen was Toleranz, Ehrlichkeit, Freundschaft und Frieden sind, das sind die wahren Gewinner. Doch das wirst du nicht verstehen, Lixes. Du denkst doch nur daran wie du an Macht kommen kannst. Glaube mir: Das bringt dich nicht weiter. Jetzt mag es noch gut gehen, aber irgendwann -und das verspreche ich dir- wird jemand dich besiegen, jemand der genauso auf Macht aus ist wie du und dann wirst du hoffentlich verstehen was dein Fehler ist.“ Lixes Blick wurde spöttisch. „Ach ja? War das eine Prophezeihung? Buhu, jetzt habe ich aber Angst.“ Sie trat an die Zelle sah die Shira mit festem Blick an. „Du bist doch nur neidisch auf meine Macht. Du sagst es nicht, aber es ist so. Ihr seid in der Lage über Metalle zu herrschen, ich herrsche über alles.“ „Ich gebe es auf. Du bist nicht zu ändern, weil du nicht geändert werden willst.“ „Genug jetzt.“, unterbrach Lixes sie streng. „Du nimmst schon genug meiner kostbaren Zeit in Anspruch. Feuerwand.“ Sofort nach Auspruch dieses Wortes floß eine wie Lava aussehende Wand aus Feuer von der Decke des Verlieses rund um die Zelle die, wie Merli testete, verdammt heiß war. „So, das hindert euch daran nochmal flüchten zu wollen.“, meinte Lixes hochmütig, drehte sich um und verschwand. „Jetzt sitzen wir endgültig in der Falle.“ seufzte Merli und ließ sich auf den Boden fallen. „Und was machen wir jetzt, Ayla?“

Das ist ja unglaublich. Bexal, der Kiana in seiner Kristallkugel beobachtete, war mehr als erstaunt. Nicht nur, dass Kiana mit List und Tücke dabei war die dritte Kammer der Mauern des Todes zu erreichen, nein ihr Wille war auch so stark das sie trotz verstauchtem Knöchel und unter Schmerzen weiter machte. Er war beeindruckt. In dieser Lage hätten normale Sterbliche längst aufgegeben. Doch Kiana schien es noch anzuspornen. Sie war wirklich etwas Besonderes das auszuhalten. Es ist eine Verschwendung. Sie wäre eine perfekte Kriegerin des Bösen, doch sie muss ja unbedingt die Heldin spielen und sich lieber dem Tod hingeben als mir zu dienen. Schade eigentlich. Doch da ist nichts zu machen. Sie hat ihre Wahl getroffen.
Kiana hing währenddessen an der Liane über dem Fluss der düsteren Seelen. Da die nächste dieser Rankenpflanzen an der Decke der Grotte einige Meter entfernt hing, musste sie schwingen um zu ihr zu gelangen. Auch wenn es ihr schwer fiel, gelang es ihr doch. Kiana hangelte sich zur nächsten Liane. Sie war inzwischen über der Mitte des zwanzig Meter breiten Flusses angelangt. Kiana griff nach der vor ihr liegenden nächsten Liane als sie ein eigenartiges Geräusch hörte. Es klang wie das Röcheln eines schwerkranken, gleich sterbenden Menschen – eben nur viel unheimlicher. Kianas Nackenhaare sträubten sich. Was war das? Da hörte sie schon wieder das gruselige Geräusch. Nun war sie sich sicher: Es kam von über ihr. Vorsichtig hob sie den Kopf… und starrte direkt in die gelb glühenden Augen eines furchtbar eklig aussehenden Monsters dessen Maulschleim auf ihre Hände tropfte. Sein kleiner dämonenartiger Körper bestand aus schwarzer, schleimiger und nackter Haut mit grünen Warzen, zwischen seinen vier Beinen waren Flug- oder Schwimmhäute von bräunlicher Farbe, sein Kopf ähnelte dem einer Statue aus „Der Glöckner von Notre Dame“ und seine Klauen und Zähne waren furchtbar scharf. Kiana schrie auf und das Monster, anscheinend genauso erschrocken wie sie, kratzte sie in die rechte Hand, weshalb Kiana die Liane los ließ und ins Wasser stürzte. Mit einem lautem Platschen landete sie zumindest sanft im ruhig fließenden Fluss. Zu spät fiel ihr auf, dass sie ja genau das verhindern wollte. Sie tauchte an die Oberfläche und sah sich nach allen Seiten um – nichts Gefährliches zu sehen. „Gott sei Dank, keine Monster im Fluss.“ Und als ob sie es herbei geredet hätte, fing das Wasser ein paar Meter vor ihr plötzlich an zu blubbern. „Oh, oh.“ Das Blubbern wurde immer stärker und arbeitete sich langsam auf sie zu. Kiana wusste, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Sie hielt den Atem an, hoffentlich war es nicht so, wie sie dachte, dass es war. Kurz vor ihr stoppte die Blubberspur plötzlich und Kiana atmete erleichtert aus, denn sie dachte schon, dass was-auch-immer sei verschwunden, da sprang ein ungefähr drei Meter langes krokodilartiges Wesen aus dem Wasser und riss sein riesiges Maul auf. Kiana schrie angsterfüllt auf, konnte aber noch schnell schalten und zur Seite schwimmen bevor das Monster sie verschlingen konnte. Es war offensichtlich dass das seine Absicht war. Kiana hatte nur eine Chance. Da das Wesen im Wasser schneller war als sie, musste sie an die andere Uferseite gelangen. Während das Krokodil-Monster einen erneuten Anlauf machte, schwamm Kiana so schnell sie konnte auf die andere Seite der Grotte zu. Das Monster war dabei dicht hinter ihr. Als Kiana spürte, dass es sie erneut fressen wollte, drehte sie sich mutig um, zog ihr Schwert und blockierte den Schließmechanismus des Monsters, die riesigen Zähne des Ober- und Unterkiefers. Das verschaffte ihr genug Zeit die restlichen Meter bis zum Ufer zurück zu legen und an Land zu kriechen. Völlig erschöpft und durchnässt blieb sie dort liegen. Das Monster, welches strampelnd und brüllend im Wasser herum kreiste, würde ihr nicht folgen…

„Und was nun, Ayla?“ Merli der am Boden der Zelle saß betrachtete nachdenklich die rote Feuerwand rund um das Verlies. „Hier kommen wir doch nie mehr raus.“ „Hey. Sag niemals nie, Merli. Es gibt immer einen Weg.“ Ayla ließ sich neben dem Gnom nieder. „Ich schätze deinen Optimismus, aber wie gedenkst du denn hier raus zu kommen?“ „Auf dem einfachst möglichen Weg.“, war die simple Antwort der Shira. „Und der wäre?“ „Ich weiß es nicht. Aber ich bin gerade dabei es heraus zu finden.“
Verdammt. Muss dieses Mädchen denn so viel Schwein haben? Sie hat doch mehr Glück als Verstand, den Fluss der düsteren Seelen so unbeschadet zu überstehen. Das ist ja nicht normal. Eigentlich hätte Mars sie zerfleischen müssen, doch stattdessen schwimmt er fressbehindert im Fluss herum. Wie macht sie das nur? Wenn das so weiter geht, schafft sie es tatsächlich noch bis zum Zentrum der sieben Mauern des Todes vorzustoßen. Doch nun folgt ja der schwierigste Teil: Wenn sie es durch die Lichter der Verzweiflung schafft, habe ich wirklich Respekt vor ihr. Doch soweit wird es nicht kommen. Da bin ich mir ganz sicher. Nur wenige haben es dort geschafft, lebend bis ans andere Ende zu gelangen. Der Tötungsmechanismus ist zu ausgeklügelt. Und genau deshalb wird es ihr nicht gelingen. Bexal war fest davon überzeugt, dass Kiana versagen würde, doch da sollte er sich täuschen. Denn, wie schon gesagt, Kiana war nicht zu unterschätzen…

Nachdem sich Kiana einigermaßen erholt hatte, betrat sie die dritte der sieben Mauern des Todes: Die Lichter der Verzweiflung. Dieser Raum bestand aus einem schmalen Steingang, der durch seltsame helle Lichtstrahlen in vier Abschnitte geteilt war. Kiana hatte das ungute Gefühl, dass sie nichts Gutes bewirken würden. Da aber nichts herum lag, was sie in die Lichter hätte werfen können, musste sie improvisieren. Also zog sie ihre Peitsche und zielte in die Mitte des ersten Strahls. Kaum hatte die Peitsche ihn durchbohrt, gab es ein lautes Krachen und eine riesige Axt schwang durch den Gang. Kiana wich erschrocken zurück. Wie sollte sie denn an dieser Tötungsmaschine vorbei kommen? Da kam ihr ein schrecklicher Verdacht. Was wenn…? Oh, nein. Bitte nicht. Sie nahm erneut die Peitsche zur Hand und verlängerte sie soweit es ging. Dann zielte sie und peitschte durch alle Lichtstrahlen hindurch. Das Resultat: Nach lautem Krachen bewegten sich nun vier Riesenäxte durch den schmalen Gang und ließen jede Chance sinken, ihn lebend zu überstehen. Es gab keine Möglichkeit ihn ohne Verletzung zu meistern. Ihr Verdacht hatte sich bestätigt. Doch was sollte sie jetzt tun? Ein Durchkommen war unmöglich, zumal sich die blutverschmierten Äxte, die den ganzen Steingang ausfüllten, in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit bewegten. Unten durchkriechen ging auch nicht, denn die Äxte reichten bis fast auf den Boden. Also was tun? Kiana beobachtete genau die Abstände, die die Äxte brauchten um abwechselnd von einer Seite des Ganges zur anderen zu schwingen. Sie waren eindeutig zu kurz, um sich schlängelnd zwischen den Äxten bis ans Ende zu bewegen. Aber es musste doch einen Weg geben! Da kam ihr ein überaus kluger Einfall: Ihr Blick richtete sich auf die Holzhelme der Äxte und deren Verankerung an der Decke. Was wenn sie auf die Äxte springen und von einer zur anderen wechselnd sich ans andere Ende des Ganges bewegen könnte? Eigentlich keine dumme Idee. Nur die Umsetzung war etwas schwierig. Deshalb überlegte Kiana noch einmal genau, ob es nicht eine andere Variante gab, auf die andere Seite zu gelangen. Doch es schien als sei ihr Einfall der einzig mögliche Ausweg. Also gut., dachte sie und versuchte ruhig zu bleiben. Ich muss nur zum genauen Zeitpunkt abspringen und möglichst sicher auf dem Axthelm landen. Dann von Axt zu Axt wechseln, bis ich am anderen Ende bin. Klingt doch eigentlich ganz einfach. Also, dann wollen wir mal. Kiana atmete tief durch, wartete bis die erste, etwas vorstehende, Axt genau vor ihr angelangt war und sprang. Mit etwas Mühe, denn sie war nicht stark genug abgesprungen, hing also knapp über der scharfen Axtschneide und musste sich hochhiefen. Schließlich stand sie und klammerte sich an dem ersten riesigen Axthelm fest. Oh Mann, das war vielleicht knapp. Scheiße. Nächstes Mal, dachte sie und betrachtete mit gemischten Gefühlen die zweite Axt, muss ich doller abspringen. So einen Herzinfarkt wie eben verkrafte ich nicht noch mal. Sie schluckte. Nur ganz locker bleiben. Ich schaffe das. Ich muss nur auf die Axt treten, das ist nicht schwer. Ich schaffe das. Nur Mut, Kiana. Gedacht, getan. Sie wartete den richtigen Moment ab und stieg auf die nächste vorbei schwingende Axt. Dort ließ sie sich erleichert gegen den Axthelm fallen. Geschafft. Jetzt musste sie nur noch die übrigen zwei Äxte bewältigen. Vorsichtig, und genau auf ihre Schritte achtend, wechselte sie die Axt und stand schließlich auf der vorletzten der vier Riesenäxte. Na, die Letzte schaffe ich dann auch noch., dachte Kiana die vom Ehrgeiz gepackt wurde. Sie hatte es schließlich nicht bis hierher geschafft um aufzugeben! Die vierte der Riesenäxte überwand Kiana, im Gegensatz zu den ersten drei, also mit Leichtigkeit und sprang ab. Vor dem rettenden Ausgang drehte sie sich noch einmal um und betrachtete die Strecke die sie geschafft hatte. Unglaublich, dass sie die Lichter der Verzweiflung so gut überstanden hatte. Doch welche Gefahren würde sie nun meistern müssen, so nah wie sie dem Zentrum der sieben Mauern des Todes war?

Verdammt! Wie kann das möglich sein? Bexal schlug zornig mit der Hand auf den Tisch, sodass seine Kristallkugel ins Wanken geriet. Unmöglich ist das. Einfach unmöglich. Sie kann das nicht geschafft haben, verdammt noch mal. Das ist un-mög-lich. Bexal, sonst die Ruhe selbst, trommelte ärgerlich mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Dieses Mädchen trieb in noch in den Wahnsinn. Er atmete tief durch und widmete sich wieder dem Blick in die Kristallkugel. Nächstes Mal wird es etwas schwieriger, Kiana. Nun geht es nicht mehr nur darum zu gewinnen, jetzt geht es darum zu überleben. Nimm dich in Acht, die Tränen des Blutes nahen.

„Was hast du vor?“ Merli beobachtete Ayla dabei wie sie sich vor die Eisentür der Zelle setzte und ihre Hände mit den Handflächen nach unten auf den Boden legte. „Ich meditiere, um herauszufinden ob Eisen in der Erde dieses Kerkers enthalten ist.“, erklärte sie und schloss die Augen. Merli ging ein Licht auf. Natürlich. Wenn wirklich Eisen oder ein anderes Metall in der Erde ist, dann kann Ayla, je nach Menge, versuchen dieses abzustoßen und es würde ein Loch unter dem Verlies entstehen, durch das wir fliehen können. Genial. „Und?“ Ayla fuhr in kreisenden Bewegungen mit ihren empfindlichen Händen über den Boden. „Scheint als gäbe es kleine Anteile Aluminium. Aber es ist zu wenig. Ich könnte höchstens eine kleine Mulde erzeugen.“ „Verdammt. Aber das war trotzdem eine gute Idee, Ayla.“ Sie öffnete die Augen und stand auf. „Du gibst doch nicht schon auf, Merli? Wir kommen hier raus, das verspreche ich dir. Wir müssen eben nur noch den geeigneten Weg finden.“ Merli nickte ergeben. Was sollte er auch anderes tun? „Du hast Recht, lass uns überlegen was wir noch tun können.“
Lixes, die zur gleichen Zeit vor dem Verlies zusammen mit den, ihrer Ansicht nach, unnützen Wachposten Wache hielt, dachte über das nach was Ayla gesagt hatte: Du bist nicht zu ändern, weil du nicht geändert werden willst. Dieser Satz ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Stimmte das, was die Shira über sie gesagt hatte? War sie wirklich nur eine herrschgierige Person, die an nichts anderes dachte als so schnell wie möglich an Macht zu gelangen? Lixes schüttelte den Kopf, so als hoffte sie ihre Gedanken würden dadurch verschwinden. Wieso dachte sie überhaupt darüber nach? Das hatte sie doch noch nie gestört. Also warum jetzt? Irgendetwas an der Art der Shira und ihren Worten ließ sie zweifeln und unsicher werden. Vielleicht hatte Ayla Recht und sie kam auf diesem Weg nicht weiter. Was hatte ihr ihre Bosheit und Macht denn schon gebracht? Äußerlich mochte sie der Sieger sein, doch war sie es auch wirklich? Wenn sie ehrlich war, hatten es Wesen wie Ayla oder Merli doch besser als sie, da sie zwar äußerlich die Verlierer sein mochten aber noch in Harmonie mit sich lebten und selbstlos zuerst an andere und dann an sich dachten. Konnte sie dasselbe von sich behaupten? Wann hatte sie aufgehört an das zu glauben wofür sie einstand? Es war Ewigkeiten her. Nein, sie war kein Gewinner sie war der Verlierer. Es war wie ein Schlag ins Gesicht für Lixes zu erkennen, dass Ayla die Wahrheit gesagt hatte. Sie hatte aufgehört an sich zu glauben und sich fallen gelassen. Jetzt, wo Lixes erkannte, dass auch sie Fehler hatte, überkam sie eine dermaßen innere Ruhe und Ausgeglichenheit das sie hätte weinen können. Niemand war perfekt – auch sie nicht. Es hatte lange gedauert doch Lixes hatte eingesehen, dass jeder Fehler hatte, die er entweder verdrängen und so weiter leben konnte wie bisher oder gegen die er ankämpfen und die er besiegen konnte. Lixes entschied sich zu kämpfen, es war noch nicht zu spät zu handeln und ihre Fehler wiedergutzumachen.