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„Mach’s dir selbst“

Von der Schwere einer selbständigen Entscheidung

Die Business-Frau von heute ist furchtlos, ohne Scham, selbstbewusst und mächtig. Sie lebt ihre ‚innere Kaiserin‘ – die geborene Anführerin. Ich bin eine davon…
Meine Ausbildungsbeauftragte teilte mir diese Rolle innerhalb der Gruppendynamik gestern mit. Ob sie damit Recht hat? Ja, ich bin dominant. Ich kenne meine Rechte, meinen Wert und lasse mir ungern die Butter vom Brot nehmen. Ist das denn ein Verbrechen?! Ja.

Meine Ausbildungsbeauftragte machte mich zwar darauf aufmerksam, wie „erfrischend“ meine Art sei und dass ich mich auf keinen Fall ändern solle – doch sie machte auch deutlich, dass bei weitem nicht jede Frau dazu fähig ist und diese Stärke offen auslebt. Angeblich sei Dominanz, insbesondere bei Frauen, in unserem Berufszweig selten. Die Mehrzahl dümpelt noch immer im Vorurteil der Introvertiertheit vor sich hin. De facto.
Und was heißt das nun? Ganz einfach. Dadurch dass ich mir meiner inneren Kraft bewusst bin, reiße ich auch bereitwillig in Gruppenarbeiten die Position des ‚Leitwolfs‘ an mich. Ich genieße die Macht, die mit dieser Verantwortung einher geht. Die Folge: Ich verschrecke mit meiner Art alle Anderen und der Großteil der Masse mutiert zu untätigen, stummen Jasagern. Irghs!

Wenn ich einen Raum betrete, dann bin ich groß, laut, wach und habe Ausstrahlung – ich bin da; präsent. Diese Tatsache hinterlässt allerdings einen bitteren Nachgeschmack bei all denen, die eher stillen Charakters sind. Denn eben diese Menschen fühlen sich von mir als Person an die Wand gepresst. Dagegen kann ich nichts tun. Es ist ihr Problem – nicht meines.
Allerdings wirkt sich der Vorbehalt dieser Leute auch auf die spätere Gruppenarbeit aus. Trotz meines offenkundigen Entgegenkommens und der Bereitschaft in den Hintergrund zu treten, auf dass Andere die Stränge des Geschehens lenken mögen, verfallen diese Leute in Destruktivität oder (noch schlimmer) in Schweigen. Die Rollen wurden bereits verteilt – schon an diesem Punkt ist es zu spät. Nichts was ich fortan tue, oder sage, wird etwas an ihrer Vorstellung von mir als ‚Alphaweibchen‘ ändern.

Zugegeben: Ich arbeite gerne zielorientiert und erhebe Widerspruch, wenn ich glaube die Gruppe verliert den eigentlichen Kern der Aufgabe aus den Augen. Das klingt nun vielleicht ganz toll… Ich leite die Gruppe an sich selbst zu entwickeln; ich lege den zeitlichen Rahmen fest, in dem das vorzeigewürdige Produkt fertig sein sollte, damit noch genug Zeit bleibt, um trotz der Arbeit menschlich zusammen zu wachsen. Doch in Wahrheit verbirgt sich hinter der Maske des Altruismus nichts anderes als purer Einzelkämpfer-Wille. Ich bin teamunfähig, weil ich stets (ob bewusst oder unbewusst) die Anderen auf mein einmal gestecktes Ziel hinarbeiten lasse.

Paradoxerweise ist niemandem außer mir selbst dieses Verhalten bewusst, denn die Anderen spiegeln sich nicht. Nein, für sie ist es leichter mir den Buhmann zuzuschieben. „Diese arrogante Kuh lässt mich nie ausreden“ oder „dieses überhebliche Miststück reißt die Arbeit an sich“ mögen viele denken – sagen tun sie es nicht. Sicher, es ist ja auch leichter den Neid auf meine innovativen Ideen, meine Belastbarkeit oder meinen toughen Umgang mit Vorgesetzten als Ausrede für die eigene Egalität zu nehmen. Die Köpfe mögen böse sein – verstecken aber kann man sich hinter ihren starken Schultern allemal!
Mal ganz ehrlich: Welche der beiden Rollen ist bemitleidenswerter? Die Business-Frauen, die vehement ihre Ansichten vertreten oder die Luschen, die sich hinter ihnen verbergen weil sie gar keine eigene Meinung haben? …?

Und da sind wir auch schon mitten im Grundproblem. Einerseits wird der Anführer in der Gruppe verurteilt – andererseits beschwert sich keiner, wenn es mal nicht mit rechten Dingen zugeht. Angeblich trauen sie sich nicht, weil die Leitwölfe sie so nachhaltig beeinflusst haben, dass sogar ihre pure Abwesenheit eine Wirkung hat. Aber ist es denn wirklich zuviel verlangt von erwachsenen Menschen zu erwarten, dass sie reif genug sind ein Veto einzulegen wenn sie sich auf den Schlips getreten fühlen? Ist es wirklich so schwer seinen Mut zusammenzunehmen, mit dem Fuß aufzustampfen *sinnbildlich* und zu sagen „bis hier hin und nicht weiter“? Wo liegt das Problem dem Anführer einfach direkt zu sagen „hey, du lässt mich nie zu Wort kommen, dabei habe ich da eine Idee…“?
DAS ist der eigentliche Teufelskreis. Die meisten Menschen heutzutage sind unfähig geworden, aktiv zu werden; Fragen zu stellen; eine selbständige Entscheidung zu treffen. Dabei sind es eben jene Menschen, die die Welt verändern. Auch wenn es eine sehr einsame Welt wäre – so allein an der Spitze.